? Vom Stamm der Yagan, die seit Jahrtausenden auf Feuerland ansässig waren, lebt noch eine einzige Frau. In ihrer Sprache, dem Yámana, gibt es ein Wort, das man nicht übersetzen kann, aber man kann es umschreiben: Mamihlapinatapai bezeichnet einen Augenblick, in dem zwei Menschen einander ansehen und jeder der beiden sich wünscht, der andere möge etwas beginnen lassen, wonach beide sich sehnen; keiner aber möchte den Anfang machen.
Es sind keine Zwei mehr da, die dem Yámana angehören und die einander ansehen könnten, eine Sprache verlischt. Was bleibt, ist, von ihr zu wissen. Die Poesie des Worts mamihlapinatapai liegt im übrigen in seiner Prägnanz - ein einziges Wort für eine komplexe Situation - und nicht in der Wolkigkeit der Umschreibung. Poesie ist nicht vage, sie vertieft die Genauigkeit eines Ausdrucks.
Besonders die Sprachen ferner Völker locken romantisch. Manche gefühlsechte Annahme hält sich wider besseren Wissens - weil sie sich besser erzählt. So werden immer noch Hausarbeiten über die Hypothese des Linguisten Benjamin Lee Whorf verfaßt, der Anfang des 20. Jahrhunderts die Sprache der amerikanischen Hopi-Indianer untersuchte und befand, dass sie keine Begriffe für das hätten, was wir als Zeit bezeichnen. Unter anderem eine kleine Archiv-Ruine in der “Zeit” (sic!) gibt Auskunft über den Bonner Sprachwissenschaftler Helmut Gipper, der 1967 zu den Hopi reiste und feststellen mußte, dass das nicht stimmt.
Auch der gern zitierte Hinweis, dass die Eskimos zahllose Worte hätten, die unterschiedlichste Zustände von Schnee bezeichnen, ist eine Legende. Die Eskimosprache kennt zwei Wortstämme: qanik für Schnee, der fällt, und aput für Schnee, der liegt. In angeheiterter Form gibt es das Ganze von Douglas Adams. Sein Buch “The Meaning of Liff” wie auch die kongeniale Übertragung der Idee ins Deutsche (”Der tiefere Sinn des Labenz”) befassen sich mit der Beseitigung der unendlich vielen unbezeichneten Bereiche der Menschenwelt. Schnell noch Peter Handke: “Literatur bedeutet, noch nicht vom Sinn besetzte Orte ausfindig zu machen.”
Aber ich schweife ab.
Mamihlapinatapai bedeutet, dass sehr wohl immer wieder etwas anfängt und sich entwickelt (auch wenn das Wort selbst sich dagegen ausspricht). Dass nämlich die Sprache, die erstaunlichste Technologie über die wir verfügen, immer weiter Dinge verstehbar, diskutierbar und austauschbar macht.
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