? David Hirschmann wird als ein frühes Verkehrsopfer des Internet in die Geschichte eingehen. Er wurde von seiner eigenen E-Mail überfahren.
Der Diplomand der renommierten Pariser École des hautes études commerciales (HEC), einer Wirtschaftshochschule, ließ sich am 12. Mai in einer Mail an seine Jahrgangskollegen ziemlich hochmütig über eine Unternehmensberatung aus, bei der man ihm für ein Bewebungsgespräch keinen Termin gewährt hatte, der ihm paßte. Fatimah Daddah, eine Kommilitonin, schrieb zurück, er möge doch an das Ansehen der Schule denken und nicht so arrogant sein. Hirschmann erwiderte mit einer Mail voll zotiger Aggressivität. Unbekannte verteilten daraufhin die ganze Korrespondenz an ehemalige nun berufstätige HEC-Studenten in der ganzen Welt weiter, die ihrerseits wilde E-Mail-Eruptionen auslösten. Zehntausende dies- und jenseits des Atlantik wissen nun, wer David Hirschmann ist und welchen Unflat er über seine Mitstudentin ausgegossen hat. Olivier de Koning, stellvertretender Leiter der New Yorker Filiale von Credit Lyonnais, schrieb an Hirschmann: “Du bist noch gar nicht in New York und schon berühmt”. Hirschmann bestreitet inzwischen, daß die obszöne Mail von ihm stammt. Ein Unbekannter habe seinen Account an der Uni gehackt und ihm die Zeilen untergeschoben.
Die Wahrheit ist wahrscheinlich: David Hirschmann hat das neue Medium unterschätzt. Eine E-Mail ist keine Klotür und auch kein Papierbrief. In einem Web-Ring aus 14 miteinander verbundenen Sites, etwa der “Rebel David Page”, machen sich inzwischen angebliche Fans über Hirschmann lustig (“Er ist unschuldig und wird von Feinden der freien Meinungsäußerung attackiert”). Fatimah Daddah hat im Gegensatz zu Hirschmann genau verstanden, was E-Mail möglich macht. E-Mail kann ein kleiner Same sein, der sich innerhalb von Minuten um den Planeten verbreitet und Sturm sät.
? “Zweifellos vergessen manche Leute die goldenen Regeln des guten Tons nirgendwo so sehr wie beim Telefonieren”, vermerkte Joachim Haller 1961 in seinem berühmten Benimmbuch “Der Gute Ton im Umgang mit Menschen” - “ob das daher kommt, daß sie ihren Gesprächspartner nicht sehen?”. Bei E-Mail fällt nun nicht nur die Gestik weg – auch die Stimme fehlt. Die Reduktion der vielschichtigen Signale, die ein real präsenter Mensch abgibt, auf in Normschrift abgefaßte Zeilen am Bildschirm stellen eine reizvolle Herausforderung an unser Einfühlungsvermögen dar. Wer ist das, der mir da gegenübersitzt, möglicherweise am anderen Ende der Welt? Frau oder Mann, alt oder jung, blöd oder nett? Wie reagiert das Gegenüber auf Argumente? Auf Ironie? Auf Emotionalität? Eine der ersten und eindrucksvollsten Erfahrungen, die wohl jeder macht, der mailt und chattet, ist die, wie viel sich doch aus ein paar dürren Zeilen über jemanden herausspüren läßt - wenn man will. Weniger ist mehr.
Durch das Fehlen eines direkten Visavis entwickelt sich allerdings auch das Mißverständnis zu geradezu nuklearer Macht. Die elektronische Kommunikation beschert uns eine neue, radikale Ehrlichkeit. E-Mail wirkt wie eine Wahrheitsdroge. Im Netz können wir erstmals ausprobieren, was geschieht, wenn wir uns unverstellt zeigen. Das Risiko, zumindest auf den ersten Blick, ist gering. Ein paar doofe Kommentare vielleicht. Aber niemand zeigt mit dem Finger auf uns.
? 1991 veröffentlichten die amerikanischen Soziologinnen Lee Sproul und Sara Kiesler die Ergebnisse einer ersten Langzeitstudie zu den Auswirkungen von E-Mail. Das Kommunikationsverhalten veränderte sich durch den nahezu völligen Abbau der Einflüsse von sozialem Status und Aussehen. Positiv verzeichnet wurde der Verzicht auf soziales Posieren (“Posturing”) und “eine neue Ehrlichkeit”. Offenbar fällt es Menschen leicht, Schwächen und intime Züge einzugestehen, wenn sie diese einem Computer anvertrauen. Negativ fiel eine Tendenz zu extremen Positionen auf, die oft vehement vertreten werden.
E-Mail ist im Internet zum beliebtesten Feature geworden. Einer der maßgeblichen Gründe ist der Fortfall herkömmlicher Umgangsformen - das ist nicht negativ zu verstehen. Dazu muß man etwa wissen, daß ein Amerikaner unmöglich ein Telefongespräch mit dessen eigentlichem Gegenstand beginnen darf. E-Mail erlaubte plötzlich eine klare, von manchen allerdings als schroff empfundene Direktheit. Das Prompte hat immer auch etwas Barbarisches. E-Mail ist eine neue Kommunikationsform, und wir müssen den Umgang mit ihr erst erlernen.
? Im letzten Jahrhundert begann der Mensch in zwei Teile zu zerfallen: Die Tiefenpsychologie beschrieb die Psyche als seelischen Komplex ohne körperliche Wurzeln. Cyberspace ist kein stofflos tauber Raum. Da kommen richtig Gefühle in Bewegung. Die schmale Bandbreite des Geschriebenen hat zwar eine phantastische Hebelwirkung als Auslöser, aber sie ist denkbar ungeeignet, aufgewühlte Gemüter zu moderieren. Verbalradikale, Nervtöter (“net bozos”) und Gemeinschafts-Saboteure erproben neue Formen von Sozialversagen, die es im nichtdigitalen Raum noch nicht gab.
Als ich mal in einem internen Debattenbereich ein ernstes Problem zu lösen versuchte, fielen Leute, mit denen ich zum Teil seit 20 Jahren befreundet war, plötzlich über mich her wie Kampfhunde. Ich griff zum Telefon und führte lange Gespräche, und ich setzte mich in den Zug, als ich merkte, daß nur noch ein persönliches Treffen hilfreich sein würde.
E-Mails sind wie Amöben: Sie sterben nie. Obwohl man denkt, sie seien gelöscht, geistern sie als Sicherungskopien herum oder können über andere Wege rekonstruiert werden. “Viele Menschen verstehen nicht, daß eine E-Mail nicht wirklich weg ist, wenn man auf die Löschtaste drückt”, weiß der auf Internet-Fragen spezialisierte Anwalt Terry Loscalzo. In Scheidungsfällen entwickeln sich Festplatten - in ausspionierter oder beschlagnahmter Form - seit Jahren zu Goldgruben inkriminierender Information für die jeweils gegnerische Partei.
“Es gibt nichts Schwerwiegenderes in einem Prozeß als eine handgeschriebene Notiz oder eine E-Mail”, sagt der Kartellrechtsspezialist Tyler Baker aus Dallas. Im Juni 1996 schrieb Bill Gates in einer E-Mail: “Wenn wir [dem Chef der Software-Firma Intuit] für den Tausch der Browser in den nächsten Monaten einen Gefallen tun könnten, der uns so um eine Million Dollar kostet, dann wäre ich offen dafür.” Diese und viele andere E-Mails rieb die Anklage in dem Antitrust-Verfahren gegen Microsoft den Vertretern des Unternehmens unter die Nase. Auch Microsoft-Vizepräsident und Forschungschef Nathan Myhrvold hatte stets für reichlich Mails und Memos gesorgt, nun wandte sich seine Mitteilungsfreudigkeit gegen ihn. In einer - sichergestellten - E-Mail vom 2. Mai 1996 hatte er davon gesprochen, wie man Internet-Provider dazu zwingen könne, ihre Kunden zu mindestens 85 Prozent mit dem Webbrowser von Microsoft auszustatten. Myhrvold dementierte, aber die Anklage präsentierte E-Mail um E-Mail. Inzwischen hat Myhrvold das Unternehmen verlassen.
? E-Mail ist, als ob man seine Post nicht im Umschlag, sondern auf Postkarten verschicken würde. Was man in einer E-Mail sagt, sollte man auch in der Öffentlichkeit laut vorlesen können. Ob eine E-Mail authentisch ist oder nicht, ist im übrigen nicht einfach herauszufinden. Jeder kann eine Mail erzeugen, die so aussieht, als hätte jemand anderer sie geschickt. 1992 wurde Adelyn Lee, einer Mitarbeiterin des Datenbankherstellers Oracle, gekündigt. Firmenchef Larry Ellison erhielt im Anschluß eine E-Mail von seinem Vizepräsidenten: “Ich habe Adelyn auf deinen Wunsch hin erledigt.” Lee klagte erfolgreich gegen ihre Entlassung und erhielt 100.000 Dollar Abfindung. Zwei Jahre später mußte sie das Geld wieder abliefern und wurde zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Man hatte ihr nachgewiesen, daß sie die E-Mail selbst geschrieben hatte.
Den Artikel “E-Mail und die Detektive”, aus dem dieser Auszug stammt, habe ich 1999 für das Magazin Konr@d geschrieben.
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