Tagesarchiv für 12. August 2008

Die Kunst des Vergessens

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Während manche ziemliche Angst davor haben, dass ihre Daten verlorengehen könnten, hoffen andere auf genau das.

Von Mobiltelefonen konnten Computer eine ganze Menge lernen, bis vor kurzem jedenfalls. Die kleinen Handys beherrschen eine große Kunst: das Vergessen. Inzwischen kann man sie mit zunehmend großen Speicherkarten ausstatten. Davor konnte man außer seiner Telefonliste gerade mal eine eine Handvoll SMS speichern. War die Karte voll, mußte man welche löschen. Newsjunkies und Blogger horten heute Textvorräte, als läge das Durchschnittsalter des Menschen bereits bei 500 Jahren. Sicherheitsbehören würden am liebsten jedem Neugeborenen einen jener Funkchips implantieren lassen, die in den kommenden Jahren aus der Warenwirtschaft ein datenschwirrendes Paletten-Internet machen werden. Da wir, mit einem Wort, im Zeitalter des kompletten Speicherwahns leben, ist die Kunst des Vergessens, in der die Mobiltelefone uns unterweisen, vorbildlich und zukunftsweisend.

Das unmäßige Alles-Aufheben begann schon in der PC-Frühzeit. Auch wenn man bald seine Software-Favoriten gefunden hatte, behielt man nicht nur die eine Textverarbeitung oder das eine Kopierprogramm, das man auch tatsächlich benutzte, sondern alle, derer man jemals habhaft geworden war. Heute können die Hersteller von Festplatten und anderen Speichermedien gar nicht so schnell liefern, wie der Platz auch schon wieder vollgestopft ist.

Die forcierte Neigung, nichts mehr zu löschen und auch noch die verwackelten Fotos undsoweiterundsofort aufzubewahren, führt zu einer gefährlichen kulturellen Transformation.  Denn nicht nur die Individuen sammeln Daten wie verrückt, auch Unternehmen und Behörden. Und Computer, vor allem in vernetzter Form, vergessen nicht. Was ich vor Jahren ins Netz geschrieben habe, ist mit unveränderter Leuchtkraft zu lesen. Es hält starr und statisch einen Zustand meiner Persönlichkeit fest, die sich längst weiterentwickelt hat.

Das Vergessen ist nicht nur eine wichtige Funktion jeder Entwicklung. Einiges von dem, was unsere Zivilisation ausmacht, wäre nicht denkbar ohne das Vergessen. Wenn einem Menschen ein Elefantengedächtnis nachgesagt wird, verheißt das nicht nur Gutes – man empfindet so jemanden bisweilen als nachtragend. Auch Resozialisierung oder Vergebung sind veredelte Formen des Vergessens.

Um wie viel einfacher wäre die Handhabung der Informationsgischt, die ständig an unsere Bildschirme brandet, wenn Dateien ebenso altern und vergehen würden wie das Laub auf Bäumen oder verblassende Gedanken.

“I can’t forget”, heißt es in einem Lied von Leonard Cohen, “but I don’t remember what.“

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