Tagesarchiv für 14. August 2008

Die Hypermoderne


Um ein vollständiges Objekt auf einer Fläche darzustellen, bedient sich der schriftkundige Mensch der dreidimensionalen Perspektive. Er zeigt die sichtbare Oberfläche lediglich von einem einzigen Standpunkt aus, wie sie in einem einzigen Augenblick erscheint. Kurz: Er scheitert. Im Gegensatz dazu stellen die eingeborenen Künstler in Britisch Kolumbien einen Bären aus diversen Blickwinkeln dar - zum Beispiel direkt von vorne, im Profil, von hinten, von oben, von unten, von innen, von außen, und das alles gleichzeitig. Mit Hilfe einer außergewöhnlichen Mischung konventioneller und realistischer Darstellungsmittel enthäuteten und entbeinten diese Schlächter-Künstler das Tier, weideten es sogar aus, um auf einer Fläche ein neues Wesen zu konstruieren, das jedes wichtige Element des ganzen Geschöpfs zum Vorschein brachte.

Edmund Carpenter

Ein Inbild der alten Zeit, die jetzt vergeht, ist der Schiedsrichter beim Fußball. Er ist mit seiner Sicht auf einen einzelnen Standpunkt beschränkt. Er ist heute hoffnungslos der elektronischen Multiperspektive unterlegen, die bereits jedem Couchpotatoe vor dem Fernseher zur Verfügung steht.

In kritischen Situationen muß der Unparteiische auf dem Spielfeld aus seiner subjektiven Position heraus entscheiden. Ein fester Standpunkt wird plötzlich zur Einschränkung. Der Zuschauer auf seinem Sofa bekommt im Lauf der nächsten Sekunden die Situation aus einem halben Dutzend unterschiedlicher Kamerapositionen zugespielt, einschließlich der Zeitlupenwiederholungen. Er kann sich ein - dem Fußball angemessenes - rundes, ganzheitliches Bild der Lage machen.

Wenn der Potatoe zur Fernbedienung greift, wird er noch mächtiger (obwohl man angesichts des Nachmittagsprogramms manchmal daran zweifeln könnte). Mit der Fernbedienung wurde das Lichtschwert des Mediennutzers erfunden. Er übernimmt, lange schon, selbst die Bildregie. Schalt mich nicht um! - auf diese zentrale Botschaft hat sich das Programm heute reduziert.

Das Netz ist der Traum des in seinem Hamstertretrad aus 30 Programmen gefangenen Fernzusehers. Wenn er aufsteht und sich an seinen Rechner setzt, wird klar, dass sich die Welt verändert. Und dass er nun daran teilnehmen kann.

Ein Meisterstück, das anschaulich macht, was Multiperspektive bedeutet: Ein Werbespot für die britische Zeitung The Guardian von 1986. | Der französische Fotokünstler Georges Rousse stellt unter Beweis, dass der Standpunkt - ein ganz bestimmter Standpunkt - noch erstaunliche Möglichkeiten bietet. Der rote Stern ist ebenfalls von 1986. | Eine Guardian-Kampagne 21 Jahre danach: eine verschlungene, vernetzte, komplexe Welt - hypermoderne Variationen. |

Der Eureka Tower im australischen Melbourne ist mit 300 Metern Höhe eines der höchsten Gebäude der Welt. Wohnungen darin werden unter anderem damit beworben, dass sich “in jedem Apartment die Fenster öffnen lassen”. Der Designer Axel Peemöller hat das Leitsystem in der Tiefgarage in Gestalt einer phantastischen Illusionstypographie gestaltet. Standpunkt rules! |

…………………..