Tagesarchiv für 26. August 2008

i und Print¹: Es beginnt.

In der Link-Schatzkiste Wunderweb habe ich bereits auf Mygazines.com hingewiesen. Seit Ende Juli stellt der Dienst eingescannte Zeitschriften und Magazine zur Verfügung, man kann sie durchblättern, kommentieren und remixen. Aktuell sind etwa 1400 verschiedene Hochglanzblätter im Angebot, vorwiegend aus dem englischsprachigen Raum.

Es ist wie mit Napster und der Musikindustrie: Die Industrie findet keine Antwort auf einen immensen Bedarf, der offensichtlich nach digitalen Angeboten besteht. Erst Steve Jobs konnte, Jahre nach Napster, mit iTunes/iPod zeigen, dass und wie man das in einer Ära florierender Musiktauschbörsen rechtlich und ökonomisch ganz prima machen kann. Die Musik- und inzwischen zunehmend auch die Filmindustrie verklagt nach wie vor alles, was eine Tastatur auch nur seitlich ansehen kann und versucht, durch sogenanntes Digital Rights Management (DRM), den Eigentumsbegriff abzuschaffen und dem Kommunismus sonderbarer Weise durch kapitalistische Mittel doch noch zu einem Sieg zu verhelfen (”Eigentum ist Diebstahl“). Anstelle des herkömmlichen Eigentumsanspruchs soll es nur noch temporären und Miet-Besitz an Kulturgütern geben. Dass es so nicht geht, haben in den letzten Monaten als erste die Großen der Musikbranche einzuräumen begonnen. 

Nun zeichnet sich derselbe Durchlauf in Print ab. Mygazines.com ist ein einigermaßen eleganter Webdienst, eine Art digitaler Lesezirkel. So argumentieren jedenfalls die Betreiber: Mygazines.com sei nichts anderes als das, was Ärzte auf den Tischen in ihren Wartezimmern anbieten. Die Copyright-Inhaber und Magazinherausgeber, auch große Unternehmen wie Time, haben es mit dem Einklagen ihrer Rechte schwer. Als Firma ist Mygazines in der Karibik registriert, die Server stehen in Schweden und die Betreiber - The Pirate Bay - haben Erfahrung damit, in heftigem Gegenwind zu stehen. Der Geist ist aus der Flasche. 

Wenn ich ein sehr großer Zeitschriftenverlag wäre, würde ich mir die Idee von iTunes und iPod nochmal von allen Seiten gut ansehen, den Pirate Bayern den Dienst wegkaufen, sie an die Wand wirtschaften oder mit ihnen, wie auch immer, kooperieren und dann mit einer nächsten Generation des eBook-Lesegeräts Kindle - als Print-iPod - ein iTunes für Zeitungen, Zeitschriften und Bücher starten. Als ein zeitgemäßes zusätzliches Angebot zu den gedruckten Objekten.

Mygazines ist nicht der erste Hai im Teich. Im März 2007 gründeten ein paar Studenten in San Francisco Scribd, eine Tauschbörse für Texte und Dokumente. Inzwischen verzeichnet die Website nach Betreiberangaben mehr als 20 Millionen Besuche pro Monat und hat sich “zu einer über 17 Milliarden Worte umfassenden Bibliothek ausgewachsen, das entspricht dem fünffachen Volumen der Wikipedia.” Seit April kann man bei Scribd Dokumente kostenlos einscannen und online stellen lassen. Der Service finanziert sich durch Werbe-Inprints auf den gescannten Dokumenten.

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¹ Die Bezeichung iPrint hat die Firma Novell sich bereits für einen firmeneigenen Dienst gesichert, mit dem man von überall aus über das Internet auf jedem Drucker drucken kann.

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Auf dem Sprung: Die Dinge

? Bei Perry Rhodan hießen sie Materie-Transmitter, an Bord der Enterprise wird gebeamt. Jetzt lassen sich tatsächlich Gegenstände übertragen. Allerdings funktioniert es anders, als SF-Autoren sich das mal ausgedacht haben. 

Beim Rapid Prototyping werden die Daten eines Computermodells scheibchenweise in Querschnitte umgerechnet, ein ultravioletter Laserstrahl projiziert sie dann auf flüssigen Kunststoff. Der Kunststoff härtet Schicht für Schicht aus, bis das Modell aufgebaut ist.

? ”Nun ist die Maschine doch in die Welt der Kunst vorgedrungen. Ein erstaunlicher Mechanismus, der gerade vorgestellt wurde, kombiniert die Eigenschaften einer Kamera und eines Pantografen, um Gipsbüsten zu schaffen” (Dezember 1933). | In dem Buch Future Cities: Homes and Living into the 21st Century von 1979 wird ein zukünftiger 3D-Kopierer beschrieben. | Bremer Forscher können Struktur und Dichteverteilung von Knochen berechnen und mit diesen Daten per Rapid Prototying maßgeschneiderte Knochenimplantate herstellen (Juli 2008). |

? Solche Drucker für Dinge gibt es inzwischen auch zum Selberbauen. | Niels Boeing berichtet unter anderem über den Erfinder Marshall Burns. | Der Replikator oder Fabber (”digital fabricator”) läßt aus einem digitalen 3D-Datensatz ein reales Objekt hervorgehen [Video]. Das Selbstbauprojekt Fab@Home - Materialkosten knapp 2.000 Euro - ist in einem umfangreichen Wiki dokumentiert. | Drüben bei The Scientific Indian kann man verschiedene 3D-Druckverfahren in Aktion sehen. | 

Die Kaufhauskette Sears nahm 2007 eine computergesteuerte CNC-Fräse der Firma Craftsman in ihr Angebot, die für 1.800 Dollar aus verschiedenen Materialien das räumliche Abbild einer digitalen Vorlage fertigt. | Wer nicht die Muße hat, komplexe Objekte in einem 3D-Programm eigenhändig zu modellieren, kann auf wachsende Objektbibliotheken wie die von Google zugreifen. | Und wer mag, kann sich von der Firma Shapeways seine selbst gestalteten 3D-Objekte jetzt räumlich ausdrucken lassen (es gibt auch ein Blog dazu). |

? Manche denken bereits an den “Druck” von ganzen Häusern im Schnellverfahren. Aus Hubschraubern oder Sprühkanonen soll dabei ein Aerosol in der Luft verbreitet werden, in das mehrere Laser den räumlichen Bauplan aus dem Computer werfen. Die Schwebstoffe sollen sich verfestigen und die Grundstruktur des Gebäudes bilden. | 

Falls 3D-Drucker und Fabber zu gängigen Peripheriegeräten werden sollten, wird man sich Gedanken über Nutzungsregelungen machen müssen. Ich denke an Vorschriften zur Verhinderung von Materialisierungssucht, 3D-Vandalismus, Objektspam oder der Notwendigkeit von Kindersicherung. | Auch bei Futurismic denkt man bereits über 3D-Spam nach. | Was, wenn etwa die Sprößlinge in einem Anflug experimentellen Übermuts einen Gelenkbus oder eine Saturn V in Originalgröße zu plotten versuchen - oder riesige Dinge, die es in der wirklichen Welt gar nicht gibt. Noch nicht.

? Dass die Dinge sich längst auf den Weg aus der digitalen Welt zurück in die analoge gemacht haben, weiß kaum jemand besser als Aram Bartholl. | 

Sie alle warten darauf, digitalisiert und verschickt zu werden: Sehr große Dinge - Big Things - Kitsch, Strange & Weird Big Tourist Attractions - View this group's most interesting photos on Flickriver

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