Tagesarchiv für 28. August 2008

“Die Welt ist eine Google”: Nachbemerkung und Schluß.

Ich sehe die kleine Kontroverse als ein Lehrstück zu einer größeren Frage, nämlich: Wie wollen wir miteinander umgehen? Auch und vor allem im Netz. Wollen wir so miteinander umgehen? Ich bin nicht Knigge, aber etwas wirscher und etwas höflicher könnte nicht schaden.

Mein erster Kommentar war deshalb auch ein Auszug aus einem älteren Text, der sich ausführlich mit dem sozialen Miteinander im Netz befaßt. Mit Fragen wie etwa der, weshalb Menschen sich im Netz oft regelrecht von der Kette lassen, die in der NichtRechnerWelt (NRW) sehr wohl wissen, welchen Beitrag Umgangsformen zur Lebensqualität leisten.

Für meine zwei Zeilen an Marco Dettweiler hatte ich Gründe, die über den Satz “Die Welt ist eine Google” hinausgingen, mit dem sein Artikel beginnt. Wie in meiner Netzkolumne von 2005 mit dem selben Titel geht es auch in dem Dettweiler-Artikel um die Kartierung der Welt. Ich habe das weggelassen, weil ich den Ball flach halten wollte. Ich war neugierig, wollte aber nicht kompromittieren. Kleine dienstliche Anfrage.

Die Antwort ist bekannt. Sie hat mich erstaunt und zu einer Replik veranlaßt, in der ich mir nur wenig Ironie gestattet und stattdessen versucht habe, sachlich zu bleiben, soweit das mit einem solchen Satz und den ihn umgebenden Sachverhalten eben geht.

Viereinhalb Stunden nachdem ich das Posting veröffentlicht hatte, wies mich nrq in einem Kommentar darauf hin, dass Nico Lumma bereits am 29. September 2004 einem Foto vom Online Marketing Tag 2004 in der Fotodatenbank Flickr den Titel “Die Welt ist eine Google” gegeben hat. Tags darauf wies mich Cybaer noch auf einen Beitrag im Usenet-Archiv von Google hin - eine Anfrage von Heike Lauf zu Triumph-Fahrrädern in der Newsgroup de.rec.fahrrad vom 6. Dezember 2004: Die Welt ist eine Google, aber da fand ich nur Infos zu Triumph-Motorrädern und Schreibmaschinen. Hat jemand einen Tip?”

Johny Hardcore (dessen Ausbilder Nico Lumma war) berichtete in seinem Blog eine Woche später über eine angeblich noch ältere Fundstelle des Satzes vom 7. November 2003 - und darüber, dass der betreffende Artikel sehr wahrscheinlich “nachträglich erstellt oder Verändert wurde um ein paar schöne Links zu bekommen”. Link bait (”Links ködern”) heißt die Methode.

Ich habe keine Zweifel daran, dass Nico Lumma den Satz als erster ins Netz geschrieben hat. Wenn’s nach mir ginge, würde der Pokal an die Sachsen gehen, denn auch was geroyche sagt, klingt glaubwürdig - und so hätten am meisten Leute was davon. 

Ich neige mein Haupt vor der Blogosphäre, der immer wieder vorgeworfen wird, keine journalistische Qualität zu produzieren. Das Gegenteil ist der Fall. 

Meine Netzkolumne “Die Welt ist eine Google” vom 13. April 2005 ist nun nur noch der erste journalistisch relevante Text, in dem die Wendung auftaucht. Da ich mich in meiner Anfrage an Marco Dettweiler auf die Welt journalistischer Texte bezogen habe, war die Suche im Google News-Archiv das zusätzliche Werkzeug meiner Wahl, nicht Flickr und nicht das Usenet-Archiv (letzteres eine ernsthafte Nachlässigkeit). Aber diese Welt ist nicht genug, denn die Welt ist eine Google.

Die nicht moderierte, nicht leserbriefbereinigte, unrasierte Art der Meinungsäußerung, wie sie in Blogkommentaren stattfindet, ist nicht jedermanns Sache. Ich habe keine Veranlassung gesehen, die Kommentarfunktion zu beschränken. Was mich überrascht hat, war, dass der Adressat meines Postings nie die Möglichkeit in Betracht gezogen hat, seine Sicht der Dinge umgehend und direkt am Ort des Geschehens zum Ausdruck zu bringen. Auch Marco Dettweilers eigene Website “Wortvolles” ist wortlos geblieben und seit kurzem offline.

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In ein paar Tagen, wenn in den Kommentaren zu diesem Posting die wichtigsten Positionen zu Wort gekommen sein werden, werde ich das Ursprungs-Posting als auch diese Nachbemerkung löschen, denn das hier ist kein Register für Online-Haltungsnoten, sondern ein Blog. Den Platz der beiden Postings wird ein Text über die Kunst des Vergessens einnehmen.

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