Monatsarchiv für September 2008

Katastrophenmode und ähnliche Härten

• Eine atemberaubende Kamerafahrt ins Innerste von Beton. | Aufzug-PsychologieVideobeobachtungen fahrstuhlfahrender Menschen. | Zehn Beispiele für anatomisch korrekte Kunst, darunter gefilzte, gestrickte und gebackene Gehirne. |

Daten-Skulpturen: Seit 1995 verwandelt der kanadische Künstler Loren Madsen Datenmassen in ebenso elegante wie abgefahrene Plastiken. Die Historical Abstracts basieren auf Informationen aus US-Volkszählungen, der nationalen Kunststiftung, amtlicher Statistiken und des Meinungsforschungsinstituts Gallup. |

Ein einwandfreies Stück Elektropop mit dem Titel Yosawya-san von der japanischen Gruppe Omodaka nebst zugehörigem Videoclip mit 8-Bit-Kimonomädchen. [via] | Eine vollständige Enzyklopädie der legendären obskuren Städte der Comic-Autoren François Schuiten und Benoît Peeters von Sylvain StPiere. | Wer seine aktuellen Ebay-Entdeckungen auch gleich in seinem Blog auftauchen lassen möchte, kann das jetzt mit dem Widget Ebay-to-go. | Eine unvermeidliche Website für den Computergrafik- und 3D-Freund: CompleteAll. |

Meine Tinte ist das Licht: Der französische Schriftkünstler Julien Breton schreibt nicht nur auf Papier. Auf seiner Website Kalaam zeigt er unter anderem Lichtkalligraphie. [Video]. | Der schreibende Springbrunnen: Großformatige Bilder und japanische Schriftzeichen, mit Wasser in die Luft gemalt [Video]. |

• Katastrophismus | Eine Kleiderkünstlerin namens avantegarb aus New Orleans bietet katastropheninspirierte Mode an. Von Hurrikan Gustav angeregte Hosen “in dem Blau und Braun der ansteigenden Mississippi-Fluten” gibt es für 47 Dollar. [via] | Online-Ressourcen zu Hurrikan Gustav. | Drüben bei BoingBoing weisen sie auf eine sehenswerte Sammlung von Desaster-Dioramen hin. Man kann die Sachen aus Papier nachbasteln, die sinkende Titanic beispielsweise oder den brennenden Zeppelin Hindenburg [via]. |

Die holländische Künstlergruppe Piek! hat eine kleine Kunstkatastrophe inszeniert, bei der dem britischen Kunstbombasten Damien Hirst ein hochkarätiges Unglück zugestoßen ist. | Schalttafel zum Start einer atomar bestückten US-Interkontinentarakete (aus dem Film “Wargames”). |

The Wrong Door: Wer seinen Computer schlägt, braucht sich über die ungewöhnlichen Folgen nicht zu wundern [Video]. |

…………………..

Digitunisierung der Musik: Album war mal.

? Drüben bei intern.de verweisen sie auf einen interessanten Artikel aus der Financial Tunes äh Times, in dem darauf hingewiesen wird, dass es Musiker und Labels gibt, die ihre Alben nicht mehr über iTunes vertreiben. Der Grund: Man muß nicht mehr wie früher das ganze Album kaufen, sondern kann jeden Track einzeln erwerben. Dass sich mit der digitalen Verbreitung von Musik die Idee des Albums auflöst, war klar. Jetzt wird’s ernst.

Der Rückzug der Album-Apologeten aus iTunes ist nicht viel mehr als ein bißchen Trotz. Das Album war an die materielle Form der LP und der CD gebunden. Man bekam eine Handvoll Musikstücke, die das aktuelle Schaffen eines Künstlers umfassten. Die Financial Times, die nicht für ihre Pop-Berichterstattung bekannt ist, betrachtet die Sache ein bißchen bösartig und zitiert einen jungen New Yorker Medienwissenschaftler mit dem schönen Namen Aram Sinnreich: “Das ist der letzte Seufzer des Album-Formats.” Sinnreich zufolge seien auf einem Album ohnehin nur ein oder zwei gute Stücke, der Rest sei “Füllmaterial“. Er sieht das Album als abgelebten Versuch von Musikern, ihre Zuhörer in ein bestimmtes Produkt einzuknasten.

? Man kann das aber auch anders sehen. Trotz des scheinbaren Überangebots im Netz wird es schwieriger, neue Musik zu entdecken. Die Welt der komponieren Klänge ist atomisiert in Wolken von Tracks. Die Empfehlungssysteme von Online-Radios und Musiknetzwerken bestärken meist nur das, was man ohnehin schon kennt. Sound-Serendipity scheint bei weitem nicht so abenteuerlustig zu sein wie Informations-Serendipity. Früher kam dem entgegen, dass auf einem Album immer auch Stücke waren, mit denen man erstmal wenig anfangen konnte. Die blühten dann manchmal erst nach dem zwanzigsten Hören auf. Diese musikalischen Spätblüher sind das Gegenteil von Füllmaterial. Bei iTunes haben sie keine Chance mehr.

? Dafür bietet das Netz gerade für Musiker völlig neue Möglichkeiten. Ein Beispiel von unendlich vielen ist der fantastische österreichische Musikvideo-Blog They Shoot Music, Don’t They?, in dem wöchentich neue Musiker an verblüffenden Orten vorgestellt werden. |

?

Mix: Mehr Musik aus dem Netz. | Im April 2007 erschien die Geschichte eines bemerkenswerten Experiments. Gene Weingarten, der als Reporter für die Washington Post schreibt, bat den weltberühmten Violinisten Joshua Bell, eine Baseballmütze aufzusetzen und in einer der frequentiertesten U-Bahnstationen Washingtons Geige zu spielen. Versteckte Kameras zeichneten die Reaktionen der Passanten auf. Ein einziger aus dem Heer der eiligen Pendler erkannte Bell; nur ein paar blieben stehen, um zuzuhören. In 45 Minuten nahm Bell für seine Bemühungen 32 Dollar und 17 Cent ein. Er spielte auf einer Stradivari aus dem Jahr 1713, die etwa 4 Millionen Dollar wert ist und den Namen Gibson ex Huberman trägt. 1936 war das Instrument dem Geiger Bronislaw Huberman nach einem Konzert in der Carnegie Hall gestohlen worden und blieb bis 1985 verschollen. Kurz vor seinem Tod gab der Dieb das Instrument zurück. Gene Weingarten erhielt für seine Geschichte den Pulitzer-Preis 2008. |

Umsonst war für viele Radiohead-Fans nicht billig genug. Anstatt auf die Website der Band zu gehen, von der das neue Album kostenlos gesaugt werden konnte, besorgten viele es sich auf inoffiziellem Weg - über Tauschbörsen. | Einer neuen Studie zufolge sollte die Musikindustrie Piraterie nicht weiter bekämpfen, sondern sich ihrer annehmen. | Fleshmap: Wenn über den Körper gesungen wird, worüber genau? | Der Multimensch des 21. Jahrhunderts: Ein Mann, zwei Klaviere. |

Pictures at an exhibition: Handgemachte Mini-Synthesizer, ein entzückendes Fotoset von Dan McPharlin auf Flickr -

Dan McPharlin - View my most interesting photos on Flickriver
…………………..

 

Merkwürdige Maschinen

? Drüben bei Spreeblick hat sich Johnny am Sonntag was gefragt: Das klingt jetzt sehr merkwürdig, aber: Weiß jemand, warum jetzt gerade (23:45h) ca. 30 Hubschrauber über Berlin fliegen?

Man kann nicht vorsichtig genug sein. Zwischen 1987 und 1988 fielen an vier verschiedenen Orten in England kleine, rosa Frösche vom Himmel. Berichte über Froschregen reichen, nach einem Artikel der Prawda, zurück bis ins 19. Jahrhundert. 

Um das Jahr 2000 fielen in Italien und Spanien Eisbrocken, groß wie Kleinkinder zu Boden. UFOs, die fraglos über fortschrittliche Tragwerkenteisung verfügen, scheiden als Eisquelle aus; gefrorene Astronautenkacke aus Gründen, die hier auszuführen ungustiös wäre, ebenso.

Zur selben Zeit beschoß in Thailand ein F-16 Kampfjet während einer Übung versehentlich eine Touristenanlage und pulverisierte zwölf Bungalows; die Appartments in der Anlage 140 Kilometer östlich von Bangkok standen zur Zeit des Angriffs leer. Man kann, wie gesagt, nicht vorsichtig genug sein.

? Waren die Hubschrauber leise und schwarz, Johnny? Vielleicht waren sie unbemannt. Das fängt ja nun auch langsam an, ernst zu werden. Während des Golfkriegs 1991 hatten sich, erstmals in der Kriegsgeschichte, irakische Soldaten einem ferngesteuerten Aufklärungsfahrzeug ergeben. 

? Vor einem Jahr, am 1. September 2007, tötete eine unbemannte Flugdrohne vom Typ MQ-5B/C Hunter einen Erwachsenen und einen etwa 10-jährigen Jungen nahe der irakischen Stadt Qayyarah. Auf einem Video ist zu sehen, wie der unbewaffnete Mann versucht, am Rand einer häufig von Militärkonvois befahrenen Straße einen Sprengsatz einzugraben. Die Wirkung der angreifenden Drohne beschreibt User johnatan in einem Kommentar in dem Militärforum Defensetech mit den Worten: then wam, no dad no son. Der Vorfall in Qayyarah war eine Meldung wert, weil es der first kill für ein Army-Flugvehikel war. CIA und US-Air Force lassen Gegner seit Jahren durch ferngelenkte Drohnen eliminieren. 

Am 38. Breitengrad, der seit 60 Jahren die koreanische Halbinsel zerschneidet, testet das südkoreanische Militär seit anderthalb Jahren bewaffnete Robot-Grenzer. Der Security Guard Robot SGR-A1 der Firma Samsung [Video] hat ein Kamerasystem mit Bilderkennungssoftware und kann sich im Fall eines Alarms seine Anweisungen von menschlichen Kommandeuren holen – oder bei Bedarf selbst entscheiden. Bisher gab es bei einer Grenzverletzung üblicherweise 30 Sekunden Vorwarnzeit, ehe geschossen wird. Hinweise darauf, dass der SGR-A1 jemanden vorwarnt, den er als Eindringling erkennt, gibt es nicht.

? Auch in Israel werden seit Jahren Grenzsicherheitssysteme entwickelt, die Eindringlinge automatisch erfassen und durch fernsteuerbare Waffen oder bewaffnete Roboter abwehren können. Bei den Automated Kill Zones handelt es sich um einen Verbund aus Sensoren, Flugzeugen und unbemannten Drohnen, dazu am Boden fernsteuerbare Maschinengewehre, die über Glasfaserleitungen mit einem Leitstand verbunden sind. Ziel ist es, das System vollautomatisch handeln zu lassen. Noch werden alle eingehenden Informationen von Offizieren überprüft, die dann gegebenenfalls mit einem Joystick feuern. “Wir wollen keine tragischen und politisch kostspieligen Fehler mit einem solchen tödlichen System riskieren”, erklärte ein israelischer Offizier.

Vor zwei Wochen hat, wieder zum ersten Mal in der Kriegsgeschichte, eine unbemannte Drohne eine andere unbemannte Drohne im Südosten des Irak in einem Gefecht angegriffen und zerstört. 

Deutsche Hubschrauber machen solche Sachen nicht. Ich bin sicher, dass sie bemannt waren und leise, weil man Rücksicht nimmt um diese Uhrzeit über Berlin.

…………………..

 

Das Montagszitat: Schweif

Sehen Sie, drahtgebundene Telegraphie ist etwas wie eine sehr, sehr lange Katze. Sie ziehen in New York am Schweif und hören es in Los Angeles miauen. Verstehen Sie? Und das Radio funktioniert genauso: Sie senden ihre Signale von hier aus, und dort empfangen Sie sie. Der einzige Unterschied ist, dass da keine Katze ist.

Albert Einstein

 

…………………..

 

Die Farben des Internet (1)

 

Foto: EJP Photo, New Jersey | Mehr zu Creative Commons ?

 

?  Lego ist genial. Es ist das Einsteinchen unter den Spielen. Sechs Achtknopfsteine der gleichen Farbe kann man auf 102.981.500 verschiedene Weisen zusammenbauen. Dem Ohr unvergeßlich bleibt das einzigartige elastische Knistern, wenn man ein Legobauwerk von oben nochmal festdrückt. 

Es ist eine existentielle Grunderfahrung, dass man nie genug Legosteine hat. Irgendwann nimmt man ein Bauprojekt in Angriff, zu dem einem am Ende ein paar Steine im Dach fehlen. Hat man endlich eine weitere Kiste Legosteine, wird auch die nächste Konstruktion wieder so ausfallen, dass es nicht ausreicht. Diese Legoerfahrung setzt sich im späteren Leben vielfältig fort. Immer hat man einen Schreibtisch, auf dem zu wenig Platz ist, egal wie groß er ist; eine Wohnung, die zu klein ist; zu wenig Speicher im Rechner; undsoweiter. 

Aber wer Lego gespielt hat, ist auf die komplexen Anforderungen der modernen Welt vorbereitet. Netz ist Datenlego, Hochhäuser sind Wohnlego, Denken ist Hirnlego. Nun gibt es, für den unwahrscheinlichen Fall, dass man zwar genug Steine hat, um ein Lego-Bauwerk fertigzustellen, aber keine mehr in der richtigen Farbe, eine Lösung von Mac Funamizu aus Tokio: ein Schminkset für Legosteine [via].

? Drüben bei CrookedBrains zeigen sie Farben der Vergangenheit und bunte, gestrickte Lampen von Rie Egawa and Burgess Zbryk. | Die bisher größten Hits im US-Kino als farbenfroher Nervenstrang. | Die Dänen von Flindtdesign und ihr preisgekrönter Regenbogenstuhl. | Nie war Zahlentheorie zauberhafter: kunstvoll kolorierte Fraktale bei Dark Roasted Blend. | Kashiwa Sato und der pulsierende Regenbogenindex seiner Arbeiten. | 

Gewöhnlicher Glam: Lookbook.nu ist eine Mode-Website, die von ganz normalen Mädchen und Frauen bestückt wird. Bei wear palettes gibt es eine tägliche Auswahl von Farbpaletten zur Lookbook-Mode. | Die große Color Series des Multimedialisten Aldo Tolino. | Eine interaktive Hommage von Gabriel Mott [schöne Facebook-Seite] an zwei Meister der Farbe, den New Yorker Lichtdesigner Dick Nelson und den deutschen Maler Josef Albers: Color Is Relative. | 

…………………..