Tagesarchiv für 9. Februar 2009

Verschwörungen: Das Loch

“Wo ist die Grenze, wie weit kann ich gehn?”

Fehlfarben

 

“Durch die Wärmebewegung der Atome kommt es zur Paarbildung. Jedes frei werdende Elektron hinterläßt eine Fehlstelle, auch Loch genannt. Gleichzeitig finden ständig Rekombinationen statt, Löcher fangen Elektronen ein. Dies führt dazu, daß sowohl Elektronen wie Löcher Zickzackbewegungen ausführen. Die Vorstellung, daß die Löcher frei beweglich sind und sich wie freie Ladungsträger verhalten, hat sich bei der Beschreibung der Vorgänge in Halbleitern bewährt und wir benutzen sie ohne weitere theoretische Begründung.”

Fischer Kolleg Physik

 

Loch Ness (Foto: Sedoglia, unter Creative Commons) ? 

 

Wir haben es hier mit einer Konspiration zu tun, deren Urheber nur sehr schwer festzunageln ist, da seine zentrale Eigenschaft darin besteht, zu fehlen. Es handelt sich um die Verschwörung der Löcher.

Das erste erkennbare Loch klafft schon in den Mythologien der Menschheit, in denen wir uns vergeblich nach der furchterregenden Vorstellung umsehen, dass es irgendwo im Universum einen Stöpsel gibt, an dem man bloß zu ziehen braucht, und wie durch einen gewaltigen Abfluß läuft die ganze Welt aus ins Nichts. In Anbetracht des Lochs versagt auch unsere gewohnte Methode, einer Angelegenheit vermittels bohrenden Mißtrauens auf den Grund zu gehen, da das Loch keinen hat. Höchstens läßt sich, nach Wittgenstein, sagen: Ein Loch ist alles, was nicht der Fall ist.

Zu einer weiteren Untersuchung können wir uns mit dem Kreis - nicht der Scheibe! -, zwei mal Radius mal Pi, als mathematischer und damit abstrakter Fassung des Lochs behelfen. Wobei eine aus dem Kreis abgeleitete Sinuskurve das Vorstellungsvermögen insofern strapaziert, als es sich bei ihr um ein gewissermaßen seitlich abgewickeltes Loch handelt und dabei die dem Loch wesentliche Geschlossenheit ins Unanschauliche abhandenkommt.

Spitzfindige Köpfe mögen sich nun fragen wie ein Loch, das ohnehin etwas ist, das nicht da ist, noch weiter verschwinden kann. Aber es verschwindet ja nicht richtig. Dazu möchte ich an die beliebte Krümmung des Raums erinnern und zu bedenken geben, dass ein Loch nichts anderes ist als eine Sonderform von Raum. Somit kann es bedenkenlos auch zur Seite gebogen oder abgewickelt werden, was sich an einer leeren Coladose, die man wie eine Banane schält, in einem einfachen Experiment überprüfen läßt.

Andererseits läßt sich dadurch eine verborgene Bedeutung des Satzes “Ein Loch ist im Eimer” verdeutlichen, nämlich im Sinne von “Ein Loch ist kaputt“, was durch rabiates Verbiegen durchaus passieren könnte. Die Frage, ob ein Loch sich überhaupt kaputtmachen oder beschädigen läßt, ist allerdings umstritten; ebenso die bereits von Kurt Tucholsky gestellte Frage, warum es keine halben Löcher gibt.

Angesichts des Weltenraums drängt sich die Vermutung auf, dass die Materie die Ausnahme und das Loch die Regel ist. Kubiklichtjahrhunderte stoffloser Leere, und dann und wann eine Galaxie. Richten wir unseren Blick ins Kleinste und Innerste der Materie, so gähnt uns auch dort die im Verhältnis gewaltige Leere entgegen, welche zwischen einem Atomkern und den Elektronen klafft, die ihn umsausen, und welche von nichts als einer schwer fassbaren Kernkraft durchkreucht wird - wobei wir dieser Art Loch immerhin zu danken haben, dass wir nicht auseinanderfallen. Die Natur als Gegenspielerin der Löcher, aus welchen sie unaufhörlich hervorquillt, um sie auszufüllen, die Natur also hat es wohlweislich so eingerichtet, dass der Mensch zum Großteil aus Wasser besteht, da es fast unmöglich ist, in Flüssigkeiten Löcher anzubringen.

Ähnlich wie die Bereiche des Wellenspektrums, die außerhalb des sichtbaren Lichts liegen, entgehen unserer unmittelbaren Wahrnehmung jedenfalls all die unermeßlich vielen Löcher, die eine bestimmte Größe über- oder unterschreiten. Die untere Grenze liegt etwa bei einer Hautpore, und die größten für das freie Auge gerade noch ausnehmbaren Löcher bewegen sich in der Dimension der FDP, die ein scharfsichtiger Kabarettist als ein nach allen Seiten hin offenes Loch definiert hat.

Im übrigen ist die Natur mit den Löchern einen Kompromiß eingegangen, indem sie ihnen gewisse Funktionen zugestanden hat. Lichtenberg zufolge werden die wichtigsten Dinge im menschlichen Leben durch röhrenförmige Löcher getan, als Beispiele nennt er die Schreibfeder, die Schußwaffe und die Zeugungsorgane.

Unsere Befürchtung geht aber dahin, dass die Löcher sich ausbreiten, sich mehr und mehr hineinfressen in die Welt. Ein Schaudern muß jedermann erfüllen angesichts der Vision, dass all die Myriaden von Löchern miteinander Verbindung aufnehmen könnten und ineinander aufgehen wie die Fettaugen auf einer Suppe, um ein Riesenauge zu bilden, ein einziges, unermeßliches Loch. Das Beruhigende an der Vorstellung ist, dass es dann endlich wieder mehr Parkplatz gibt.

 

? Der Telegraph bringt eine Liste der 30 angeblich größten Verschwörungstheorien. Die mit dem Loch ist aber schon mal nicht dabei. | 

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Leseempfehlung

Ein mehr als grandioser Text der Taucherperle Thierry Chervel: ”Vorauseilende Unterwerfung (via Tagesspiegel).

20 Jahre Fatwa gegen den indisch-britischer Schriftsteller Salman Rushdie: Der Islamismus hat den Westen fester im Griff denn je – den linken Intellektuellen sei Dank” -

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