Tagesarchiv für 11. Februar 2009

Hypergoogeln: Pimp my Saug

One of our new neighbors is Robert. Interesting guy, very friendly and helpful. Raised on a reservation. Served time in the joint for selling 14,000 pounds of stolen cashews. Pimped his El Camino with bucket seats, and that armrest in the middle is actually from a sectional couch. The top slides back for ample storage space. Sweet! (Foto: Editor B, Creative Commons-Lizenz) ?

Seit Jahren nervt die schwedische Firma Electrolux uns mit ihrem Internet-Kühlschrank. Im Jahr 2000 wurde die “Generalprobe für den Internet-Kühlschrank” namens Screenfridge verkündet (”50 dänische Familien testen einen neuen Kühlschrank mit eingebautem Internetanschluss”). Sieben Jahre später wird er immer noch als die schärfste Erfindung seit dem tiefen Teller angepriesen – der Kühlschrank solle “einmal eine führende Rolle im schwedischen Smart-home-Konzept spielen.” Jahr für Jahr bekommen wir, als wären es Neuigkeiten, immer dasselbe mitgeteilt, nämlich dass der Sceenfridge E-Mails verschicken, Rezept-Vorschläge machen und Fernseh-Programme empfangen kann und von alleine online Lebensmittel nachbestellen können soll, die weggegessen oder leergetrunken sind. Schon die Vorstellung, dass mein Kühlschrank so vor sich hinbestellt, finde ich unbehaglicher als einen Pubertierenden, der mit meiner Kreditkarte unterwegs ist.

Nun hat Electrolux einen Staubsauger entwickelt, der zwar noch über keinen Internetzugang, dafür aber über vorgeblich exquisite andere Extras verfügt. Genauer gesagt hat man sich mit einem Designer zusammengetan, der einen fertigen Staubsauger gepimpt hat. Er hat ihn in akkuratem geometrischen Raster mit 3730 Swarowski-Kristallsteinchen überzogen.

Das Pimpen ist, wie wir alle wissen, vom Pimp abgeleitet, dem Luden, der möchte, dass er in seinen Rotwein auch so ein Papierschirmchen kriegt wie’s der Herr da drüben in seinem Drink hat, und der vor allem Wert darauf legt, dass die Dinge in seinem Besitz Bling-Bling sind, oder kurz: Bling. “Bling-Bling steht für eine aggressive, nach bürgerlichen Maßstäben protzige Zurschaustellung von Reichtum”, weiß die Wikipedia. “Eine Uhr mit Bling-Bling erkennt man z. B. an den vielen Diamanten.” Der Begriff kommt aus alten Zeichentrickfilmen, in denen überdimensionale Edelsteine beim Funkeln stets ein typisches Geräusch machen – Bling-Bling! – und hat sich über die HipHop-Szene längst in den Mainstream vorgearbeitet. Hier entfacht er zwischen Fußballern mit Brilliantohrsteckern, verchromten Autofelgen und Glitzersteinchen-enkrustierten Mobiltelefonen und iPods ein funkelndes geschmackliches Fiasko.

Der gepimpte Staubsauger heißt ErgoRapido, hat erstaunlicherweise wegen seiner schlichten Grundausstattung bereits Designpreise abgeräumt und mußte sich nun aus PR-Gründen einer kristallinen Totalverhunzung unterziehen lassen. “Reich trifft blöd” betitelt BoingBoing ein Posting über das luxurierte Haushaltsgerät. Der Name des Designers, der durch die verschiedenen Gadget-Blogs – etwa 500 Google-Treffer – weitergereicht wird, klingt “ein bisschen ausgedacht”: Lukasz Mistletoe (zu deutsch: Mistelzweig), angeblich ein junger polnischer Celebrity-Ausstatter und Modedesigner, der aber im Netz außer neben dem komischen Staubsauger nirgendwo zu finden ist. Was nicht weiter verwunderlich ist, da sein tatsächlicher Name Lukasza Jemiola Opfer einer automatischen Google-Übersetzung wurde – “Jemiola” heißt “Mistel”, was Google aus dem Polnischen ins Englische freizügig mit “Mistletoe” übersetzt.

Tatsächlich hat die Saugerveredelung auch eine bizarre kapitalistische Pointe. Um Geld zu sparen, kündige Electrolux Ende 2005 in Deutschland an, eine Produktionsstätte mit 1.750 Beschäftigten in Nürnberg aufzugeben und die Kapazitäten in italienische und polnische Betriebsstätten zu verlagern. Die Verlagerung vollzog sich über zwei Jahre und führte in der Nürnberger Region zu erheblicher Verärgerung. Was macht die Firma, in Polen angekommen, mit dem gesparten Geld? Die Pressemeldung anläßlich der Gala-Premiere des ErgoRapido Crystal, der während einer Modenschau des zugehörigen Designers im November 2008 in einer altehrwürdigen Zitadelle in Warschau vorgestellt wurde, liest sich streckenweise wie das Rollout eines neuen Learjets. Dass es letztlich doch nur um einen kabellosen Staubsauger geht, war nicht restlos wegzudesignen – Sätze wie “All das führt dazu, dass das Gerät wirkungsvoll Krümel, Haare, Sand und Staub aufsaugt” sind einem Rest von Realität geschuldet.

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