Tagesarchiv für 17. Februar 2009

Das Ende der E-Books

Eintrag in einem Antiquariatskatalog (aus dem Jahr 2015):

? KINDLE E-BOOK. Amazon, 2009. Erstausgabe nach der dritten Rückrufaktion, äußerst selten. Oktavformat. Original silberfarbene Plastikverkleidung, moderate Kratzspuren, leicht angeschmutzt, an den Bedienungsteilen berieben und bestoßen. Ladegerät und Stecker fehlen (Originalzustand?). Bildschirm gesprungen, aber funktionsfähig. USB-Kabel vorhanden. Batterien leer. Angetrocknete Flüssigkeitsspuren auf der Tastatur (vermutlich Starbucks-Kaffee), wahrnehmbarer Säuregeruch. Leichte Formverwerfung, wie vom Liegengelassenwerden auf sonnenbeschienenen Armaturenbrettern bekannt. Nur an den Ecken festgeklebter Aufkleber auf der Rückseite, verblasster Namenszug “Updike, J.” möglicherweise des Beat Generation-Poeten und radikalen politischen Bloggers des frühen 21. Jahrhunderts (laut Wikipedia). Leicht stockfleckig, aber guter Erhaltungszustand. Preis: 100globalnotes.

Englischer Originaltext von Mark Godburn, via Book Patrol. |

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Die digitale Mängelwelt

Im Großen sieht es ganz danach aus, als würde uns die digitale Technologie bedeutende Fortschritte bringen. Im Kleinen bietet sich allerdings ein etwas anderes Bild.

? Es sind Kleinigkeiten, an denen ich von Zeit zu Zeit feststellen kann, woran es den Maschinen mangelt. Als ich noch geraucht habe und auch öfter mal umgezogen bin, konnte ich in der neuen Wohnung ganz einfach ein neues Namensschild für die Klingel anfertigen, indem ich aus dem Deckel der Zigarettenschachtel ein Stück weiße Pappe heraustrennte, es in die Walze der Schreibmaschine einspannte und meinen Namen draufschrieb.

Schreibmaschine. Lange her. 

Ich hatte damals auch schon einen Computer und einen Drucker, der mit dem Geräusch des groben Zahnarztbohrers Endlospapierbahnen bedruckte. Aber das kleine Stück Pappe war einfach zu klein für den Drucker (und ist es bis heute). Ich hätte ein ganzes Blatt vergeuden müssen, nur um einen daumengroßen Streifen rausschneiden zu können, und das mache ich nicht (bis heute). Ich gehöre zu den Leuten, die jedes bedruckte Blatt erst dann ins Altpapier bringen, wenn es auf beiden Seiten beschrieben ist. Das hat unter anderem damit zu tun, dass ich in den siebziger Jahren eine Weile in einer Papierfabrik gearbeitet habe, wie es sich für einen Schriftsteller gehört, der etwas über sein Arbeitsmaterial wissen möchte. Damals wurden, um ein Kilo Papier herzustellen, etwa 400 Liter Wasser unrettbar verdreckt. Am Ende eines aufwendigen Prozesses hatte man leuchtend weisses Papier und eine braune, stinkende Flüssigkeit, die von den Betriebstechnikern “Papierschnaps” genannt wurde.

Daran, dass dem Drucker der Pappstreifen schlichtweg zu klein ist, wird deutlich, woher die Computerei kommt: Aus der möglichst schnellen Abfertigung großer Datenmassen. Sowas Kleines wie ein Namensschild war da als Ergebnis nicht vorgesehen. Das aber ist ein bedeutender Mangel. Wir Menschen wollen nämlich nicht zugunsten plumper Maschinen auf bestehende Fortschritte und sinnvolle Verfeinerungen verzichten müssen.

Nun kommt es aber noch wesentlich dicker. Längst hat sich das Computergeschehen aus dem Materiellen ins Inhaltliche und dort bis in die Substanz vorgearbeitet: in die Sprache. Und wieder treten Entwicklungen zutage, bei denen Mängel als Qualität ausgegeben werden. Die besten Beispiele dazu liefert derzeit Google. Die automatische Zusammenstellung von Nachrichten, das sogenannte Aggregieren, führte am 12. September letzten Jahres dazu, dass die redakteurslose Software irrtümlich eine Nachricht aus dem Jahr 2002 unter die tagesaktuellen Nachrichten setzte - “United Airlines erklärt Insolvenz”. Der Aktienkurs der Fluglinie brach dramatisch ein, zwischenzeitlich verlor das Unternehmen eine Milliarde Dollar - 1.000 Millionen Dollar - an Wert.

Was wie ein Einzelfall erscheint, hat aber längst auf bizarre Weise System. Wo noch Redakteure an der Arbeit sind, versuchen sie nun, nicht mehr primär für menschliche Leser zu schreiben, sondern für die Maschine. Texte werden so geschrieben, dass Google sie findet, mit einfachen Schlüsselworten im Titel und einfachen zugehörigen Begriffen im Text. Die kulturlose Suchmaschine versteht beispielsweise keine Wortspiele oder andere elegante Formen des Formulierens. Also wird, was bisher einen guten Text ausgezeichnet hat, im Google-Universum zum Manko. Platte Texte findet Google gut. Hier wird der Mangel zum System.

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Finanzkrise (17): In voller Fahrt

 

 

Opel-Anzeige aus “Scherls Magazin”, Mai 1932 ? 

? ”Der Mutterkonzern GM kämpft in den USA um weitere Kredite - und die deutsche Tochter Opel droht mit zu versinken. Mehrere Möglichkeiten zur Rettung des angeschlagenen Autobauers werden hierzulande diskutiert, unter anderem Staatsbeteiligungen.” (via tagesschau.de) |

“Aus der Autokrise wird es für die Anführer der deutschen Paradebranche, Mercedes und BMW , keinen einfachen Ausweg geben. Ihr Geschäftsmodell als eigenständige Premiumhersteller ist bedroht. Das zeigen auch die Zahlen, die Daimler-Chef Dieter Zetsche heute präsentiert hat. Ein unkonventionelles Zusammenrücken der Erzrivalen erscheint daher immer plausibler” (via handelsblatt.com) |

“Weissach in Baden-Württemberg hat die höchste Porsche-Dichte Deutschlands und noch immer hohe Steuereinnahmen. Die Finanzkrise gilt hier nur als ein fernes Gespenst.” (via zeit.de)

 

? Mehr zu Opel und Mercedes aus dem Archiv der Glaserei:

• “Auch bei den Seifenkistenrennen am Stuttgarter Killesberg in der Robert-Mayer-Strasse ging ein selbst gebautes Gefährt der Firma “Leisten Buhl” an den Start - gefahren von meinem drei Jahre jüngeren Bruder. Um starten zu dürfen musste ein Satz Opel-Räder verwendet werden. Das wurmte meinen Vater, der ursprünglich beim Daimler Automechaniker gelernt hatte, solange, bis er einen ‘Mercedes’ baute und an den Start schickte.” (Manfred Buhl in “Von Zeit zu Zeit”, der Geschichtswerkstatt der Stuttgarter Zeitung)

• 23. Mai 1928: Mit 24 Pulverraketen im Heck des von Max Valier entworfenen Raketenwagens Opel RAK 2 stellt Fritz von Opel auf der Avus in Berlin mit 230 Stundenkilometern einen neuen Geschwindigkeitsrekord auf.

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Freiheit, outgesourct

(via FAILBlog)

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Hyperlyrik: Die Zigarette ist tot

Modernste Dichtung: Ein weiterer Beleg für etwas, das man Typoesie nennen könnte:

(Hierzu siehe auch diese Beispiele.)

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