? Anfang 1995, ein Campus in England. Die Universität von Cambridge. Durch eine der ersten Webcams am Netz sieht man vom Dach eines Forschungslabors aus über das Universitätsgelände. Hinter einem großen, alten Baum ist das Computerlabor der Universität zu sehen. Einzelne Gebäude des Cambridge Panorama (es wird noch heute als digitale Antiquität online aufbewahrt) sind mit anklickbaren Nummern bezeichnet. Das Olivetti Research Laboratory, auf dessen Dach die Kamera steht, ließ sich damals am Bildschirm durchwandern.
(Foto: XirannisX back On, Flickr/CC) ?
Im Erdgeschoß ist auf der Homepage ein Bild vom Arbeitsplatz eines gewissen A.H. zu sehen - ein kleines Büro mit einem Rechner auf dem Tisch, einem schlichten Stilmöbel als Schreibtischsessel und einem weißen Sprossenfenster, das den Blick ins Grüne führt. Ich klicke mich in das Arbeitszimmer von A. H. und kann sehen, was gerade auf seinem Bildschirm steht.
Eine kleine Routine auf seinem Mac fertigt jede Minute einen Screenshot, der automatisch ins Netz gestellt wird. Die Webseite trägt den Titel Is There No Privacy? und beantwortet die Frage auch gleich: I guess not - gefolgt von einer Liste mit Leuten, die sich ebenfalls über’s Web auf den Bildschirm sehen lassen. Projektschwerpunkt des Labors ist die Entwicklung von Active Badges - kleiner elektronischer Anstecker mit Infrarotsensoren, die sich innerhalb eines Gebäudes orten lassen. “Wenn ich sowas kriegen könnte, würde ich auch erstmal eine Weile damit rumlaufen, schon wegen der Spielfreude”, schrieb ich damals.
? Jahre später, auf dem 23. Chaos Communication Congress in Berlin, ist der Spaß massentauglich: Mit dem Chaos Positioning System (Projekt Sputnik) ergeht sich die Hackerschaft vergnügt der freiwilligen Totalüberwachung per Funkchip (RFID). Mitglieder der österreichischen Künstlergruppe Monochrom bieten dazu lustiges Liedgut dar (“It’s fun to hack the RFID”, gesungen zur Melodie des Pop-Klassikers “YMCA”).
2002 wurde das Olivetti Research Laboratory, das seit 1999 AT&T Laboratories Cambridge geheißen hatte, geschlossen. Während der Nachschau entdeckte ich nun, wer A.H. ist: Andy Hopper, Mitgründer der Computerfirma Acorn - die 1985 von Olivetti gekauft worden war - und seit 1986 Direktor des Labors. Ich habe früher beim Chatten im IRC, dem Internet Relay Chat, gern das Init Game gespielt, bei dem jemand die Initialen einer Person nennt und die anderen durch spezifizierende Fragen den vollen Namen erraten müssen (was meist erstaunlich schnell geht). Und das Netz wird immer auskunftsfreudiger.
RFID-Robots (Foto: Maria Keays, Flickr/CC) ?
Dass immer mehr immer schneller immer transparenter wird, ist eine ambivalente Sache. Im Tokioter Geschäftsviertel Ginza wurden 10.000 Funk-Etiketten verteilt und eine dazugehörende Internet- und WLAN-Infrastruktur aufgebaut, um Informationen zu den markierten Orten mehrsprachig verfügbar zu machen.
Wer schon mal versucht hat, sich in Tokio zurechtzufinden - einer Stadt ohne Straßennamen und ohne Hausnummern -, wird dem Tokyo Ubiquitous Network Project erst einmal interessiert gegenüberstehen. “Mit der neuen Technik drückt man einen Knopf”, so Bürgermeister Shintaro Ishihara, “und weiß sofort, in welche Richtung man zu gehen hat - selbst, wenn man betrunken ist.” Was nicht zu unterschätzen ist. Ein Engländer, der neu in Tokio war, wollte sich auf einer Tour durch die Clubs im Vergnügungsbezirk Shinjuku den Rückweg merken, indem er die U-Bahn-Stationen mit seinem Fotohandy knipste. Leider war er am Ende so betrunken, dass er sein Handy nicht mehr bedienen konnte.
In anderen Ansätzen werden Soziale Netze versuchsweise in die Analogwelt herausmaterialisiert, wie bei dem iFIND-Projekt am Campus des Massachusetts Institute of Technology. Forscher des MIT SENSEable City Labs haben das digitales Hilfsmittel entwickelt, das es den etwa 20.000 Leuten am Campus per Laptop ermöglicht, “den Standort von Freunden und Bekannten zu ermitteln und damit die soziale Interaktion zu verbessern”.
Was mich an eine Donald Duck-Geschichte aus den sechziger Jahren erinnert, in der Donald mit seinen drei Neffen Campingurlaub macht und ihnen, um sie in der freien Natur nicht aus den Augen zu verlieren, kleine Radium-Kügelchen auf die Mützen montiert hat, die er mit einem handlichen Geigerzähler anpeilen kann. Zwar arbeitet iFIND so, dass keine Daten zentral abgelegt werden. Alle Verbindung werden verschlüsselt übertragen, die Teilnehmer entscheiden selbst, von wem sie wann gesehen werden wollen. “Notfallkonzepte”, bei denen die Positionen der Nutzer anonym an Polizei, Feuerwehr oder andere Einrichtungen übermittelt werden können, mindern jedoch die unabhängige Experimentierfreude.
Casemods von RFID-Kreditkarten (via Evil Mad Scientist) ?
Der Versuch, die Vor- und Nachteile von Ortung und Geortetwerden in Einklang zu bringen, führt manchmal zu paradoxen Ergebnissen. So verkauft ein japanischer Hersteller “Hello Kitty”-Schutzhüllen für RFID-Karten, welche die Funkchips gegen unerwünschten Abgriff abschirmen. Leider geht dadurch auch die Bequemlichkeit der Technik verloren. Statt einfach die Handtasche am Drehkreuz vorbeizuschwenken und seine Daten wie ein Parfumwölkchen dazulassen, muß man wieder die Karte rausgraben, Schutzhülle abziehen, nackte Karte über das Lesegerät halten, Schutzhülle wieder drauf. Und einpacken.
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