Tagesarchiv für 7. März 2009

Wirklichkeitswetterlagen

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Als in den achtziger Jahren das Privatfernsehen aufkam, konnte man sich in der Anfangszeit gelegentlich damit vergnügen, dass es in verschiedenen Sendern unterschiedliche Wettervorhersagen gab. Man konnte sich das Wetter, das einem besser gefiel, aussuchen. Das war etwas, das mir damals die Augen für die neue Vielfalt an Wirklichkeitsoptionen öffnete, die mit den neuen Medien Einzug hielt.

Nun endlich sucht auch der Onlinejournalismus den Anschluß an das Konzept der Bewußtseinserweiterung. Zwei Berichte vom Automobilsalon in Genf:

? FOCUS Online, 05.03.09

MONEY-Börse
Luxus läuft nicht mehr

Auch die Macher von Luxusautos haben keinen Airbag gegen die Folgen der Finanzkrise. Sie müssen jetzt Möbel bauen, arbeiten kurz – oder werden ganz von der Bildfläche verschwinden.

Von FOCUS-MONEY-Redakteur Helmut Achatz
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? SPIEGEL Online, 06. März 2009

NEUHEITEN IN DER LUXUS-LIGA
Schick, schnell und sündhaft teuer

Aus Genf berichtet Tom Grünweg

Offenbar lässt sich Luxus in der Autoindustrie noch immer verkaufen. Während Hersteller von Otto-Normal-Autos um die Existenz ringen, stehen die Nobelmarken noch vergleichsweise gut da. Auf der Messe in Genf zeigen sie die rasanten Träume, für die man ein gut gefülltes Bankkonto braucht.

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Scheißwetter

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Meinen Frau Gräfin nicht auch, daß dies ein rechtes Scheißwetter sein dürfte?

Kurt Tucholsky, Deutsch für Amerikaner (1929)

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? Eine gottverdammte, beschissene Wettervorhersage:

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? Eine lateinische Wettervorhersage :

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? Die einfachste Wettervorhersage im Web (leider nur USA):

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Weltdesign

“World Builder”: Ein wunderbarer Kurzfilm von Bruce Branit über ein zukünftiges Interface, mit dem sich künstliche Welten schaffen lassen.

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(via Kevin Kelly)

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Woher kommt das Loch?

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? Ein kniffliges Puzzle von Bruce Stewart:

Die Lösung gibt’s drüben bei BoingBoing (in den Kommentaren). Erst selber denken. |

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Dinge, die verzeihen I

Die Firma TatAD.com vermittelt den Kontakt zwischen Firmen und Menschen, die dafür Geld bekommen, sich das Firmen-Logo auf ihren Körper tätowieren zu lassen. Für abwaschbare Tätowierungen wird natürlich weniger bezahlt (via Guerrila Innovation). |

Codierte Muttermale

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? Die Muttermal-Tatoos der holländischen Designer Julia Müller, Arjan Groot und Menno Wittebrood machen es zum Beispiel möglich, Muttermale mit seinem Partner zu synchronisieren oder auf seiner Haut eine geheime Botschaft in Blindenschrift anzubringen (via Next Nature).

Eine Sammlung von Barcode-Tatoos. |

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? Die Tatookunft: Gesteuert von Neigungen und Leidenschaften, bewegen sich elektronische Tatoos über die Haut:

(via Philips Design Probes)

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Dinge, die verzeihen II

Im Internet-Zeitalter werden Informationen immer nachgiebiger und geben scheinbar widersprüchlichen Bedürfnissen statt. Bereits der Urahn der toleranten analogen Dinge, der legendäre Montagekleber “Fixogum“, klebte Papier unverrückbar fest, bei Bedarf konnte man es aber auch spurlos und ohne Gefrickel wieder ablösen. Farbige Tätowierungen, die einige Tage lang selbst Seife und Schweiß widerstehen, lassen sich auf der Haut anbringen, “Auf ewig Dein” - bis übermorgen. Schreibprogramme gestatten es, nach Herzenslust herumzuschmieren und einen Text dennoch stets im Zustand der scheinbaren Reinschrift vor sich zu haben. Die modernen virtuellen Dinge geben immer stärker dem launischen Wandel des menschlichen Wollens nach. Digitale Dinge versprechen die Strapazierbarkeit von Realitäten bis zum Paradox. Dinge, die verzeihen. Undo forever

(Foto: Fernando Takai / Flickr, unter Creative Commons)

Die Dinge, so der stille Wunsch, sollen sich wie Katzen sachte an uns reiben. Sie sollen eine Witterung hinterlassen, ein kleines Behagen. Den Unterschied zwischen Information und Unterhaltung machte bisher aus, dass Unterhaltung sozusagen folgenlose Information war. Inzwischen wandelt sich aber von Information ausgelöster Tatendrang mehr und mehr in Datendrang. Zwar sind wir, im Gegensatz zu den in ihrer Nährlösung treibenden Gehirnen der TV-Ära, als Netzmenschen inzwischen interaktiv geworden. Ein Großteil dieser Aktivität aber bleibt in bester TV-Tradition konsumistisch: klicken, gucken, saugen. Die hypermedial herangeschaffte Realität fühlt sich an wie ein Frühlingslüftchen und purrt ein bißchen: Katzencontent total.

Das folgenlose Herumplätschern in den Wissens-, Nachrichten- und Unterhaltungsströmen des Netzdatenozeans ist zu einer Grundstimmung geworden. Das Ganze erinnert an die Avantgardeliteratur der sechziger Jahre, als das Experimentieren zum Selbstzweck verkam. Ein Experiment mißlingt entweder, dann kann man ein neues versuchen; oder aber es gelingt und ist fortan kein Experiment mehr. Da das ergebnisoffene Herumprobieren aber zum zentralen Betriebsmodus ausgerufen wurde, stellte sich im Fall der Experimentalliteratur in den siebziger Jahren eine Dekadenz ein. Heute mehren sich die Zeichen einer Informations-Dekadenz.

Information wird die Welt retten, lautete die Vision der neunziger Jahre, das Wissen der Menschheit liege vor uns im Zugriff. Wo stehen wir heute? Noch sind nicht ganz so viele Menschen wie im Mittelalter wieder davon überzeugt, dass sich die Sonne um die Erde dreht, aber es wird daran gearbeitet. Die Globalisierung der Dummheit macht erstaunliche Fortschritte. Begriffe wie “Lebenslanges Lernen” sagen uns zudem, dass Wissen und Erfahrung immer schneller von Entwertung bedroht sind. Google läßt ganze Bibliotheken einscannen, um ein schönes Werbeumfeld für seine Anzeigen zu haben.

Wissen mit einem Klick? Natürlich ist nichts gegen einfachen Zugang zu Information einzuwenden. Aber allzu leichter Gewinn verdirbt die Freude am Spiel. William James sagte einmal, wenn das einzige Ziel des Fußballspiels darin bestünde, den Ball ins Tor zu bringen, wäre die einfachste Art zu gewinnen, den Ball nachts heimlich dorthin zu tragen. Wissen beruht auf Anstrengung, Interesse und aktiver Teilnahme.

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