Tagesarchiv für 15. März 2009

Rührend

? Der schwedische Hoflieferant Gevalia hat einen edelstahlisolierten Kaffeebecher im Angebot, der den Kaffee auf Knopfdruck automatisch umrührt. Ein kleiner Strudel entsteht in der warmen Flüssigkeit und zieht die Aufmerksamkeit des Kaffeegenießers hinab. Mehr kann man eigentlich nicht falsch machen mit einem so kleinen Produkt. Davon abgesehen, dass Edelstahl das letzte Material ist, aus dem ein Kaffeebecher bestehen sollte - es sei denn, man mag medizinische Geräte -, müssen wir hier mal wieder über Faulheit reden. Faulheit ist ein bedeutsamer und unterschätzter Antrieb des menschlichen Daseins, so paradox sich das vielleicht anhört. Was ich meine, wird klar, wenn man einen wirklich faulen Menschen (WFM) betrachtet. Der WFM ist oft extrem fleißig, denn er will möglichst schnell wieder faulsein. Dazu trinkt er gelegentlich Kaffee, rührt aber selbst um.

Eine der Leitströmungen der Weltwirtschaft hat mit den Verwertungsformen von Faulheit zu tun. Ökonomen und Marketingmenschen nennen sie, weil es sich besser anhört, Convenience. Zu den Bequemlichkeiten zählt fast alles, was einem Arbeit abnimmt, vom Rechtwinkligschneiden von Fischstäbchen bis zur Buchbestellung vom Schreibtisch aus. Das Internet ist ein schwieriger Markt, aber es ist die mächtigste Convenience-Industrie des Planeten. Und aus fast allem, das der Faulheit entgegenkommt, läßt sich ein Geschäft machen.

Foto: Refracted Moments (Flickr/CC)

? Bereits bei Elektromessern hatte ich jedoch den Eindruck, dass eine Grenze erreicht ist. Die Emulation der Hinundherbewegung beim Schneiden durch einen Elektromotor fand ich eines Erwachsenen nicht würdig. Der maschinelle Ersatz der Löffelumrührbewegung erinnert an die Frage, wie viele Iren man braucht, um eine Glühbirne einzuschrauben (Fünf - einer steigt auf den Tisch und hält die Birne fest, vier drehen den Tisch).

Junge Menschen weisen gern besondere Faulheitsbeweise vor. Hier kommen wir dem Ungeschick des selbstrührenden Bechers näher. Ich hatte mal einen Bekannten, der so faul war, dass er nur vom Sofa aufstand, wenn jemand neben ihm sich gerade erhob und er den Windschatten der Aufstehbewegung ausnutzen  konnte. Er aß am liebsten Joghurt, weil ihm jemand erklärt hatte, dass Joghurt lebt und er davon ausging, dass er das Nahrungsmittel nicht selber schlucken muß, sondern es aus eigenem Antrieb in ihn reinkriecht. Einmal hatte er ein Joghurt, das aber leider zu schwach war, von alleine aus dem Becher zu kommen, und mein Bekannter war zu faul, aufzustehen und sich aus der Küche einen Löffel zu holen. Er bekniete die anderen Menschen im Raum, aber alle waren wir kaltherzig und erklärten ihm, dass er schon selber gehen müsse. Also schaute er sich nach dem löffelähnlichsten Gegenstand innerhalb seines Greifradius um und schaufelte das Joghurt schließlich mit dem Korpus eines Plastikfeuerzeugs aus, das er eingesteckt hatte. Man mag das albern finden, aber es hat als Improvisationstraining auch etwas Genialisches. Etwas von der erstaunlichen Kreativität, die Faulheit immer wieder freisetzt.

Der Becher, der den Kaffee ohne Löffel umrührt, hilft aber nicht beim Faulsein, sondern nur dabei, sich lächerlich zu machen. Für einen Scherzartikel ist er mit knapp 19 Dollar zu teuer. Der Rührbecher institutionalisiert die Sache zu einem banalen Selbstzweck. Was für ein trostloses Bild, sich vorzustellen, wie ein Mensch vor dem kleinen Kaffeestrudel sitzt und sich von der Tasse ansurren läßt. Es ist das Rube Goldberg-Prinzip, mit möglichst großem Aufwand ein möglichst minimales Ergebnis zu erzielen, ohne allerdings so unterhaltend zu sein wie Goldbergs Geräte. Der Rührbecher ist ein trauriges Stück Technik.

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