Tagesarchiv für 17. März 2009

Mittwochsmiszellen

? Ich bitte freundlichst darum, entsprechende Verschwörungstheorien gelegentlich auf den neuesten Stand zu bringen: Es gib eine neue Geheimgesellschaft für Führungskräfte - Common Purpose. |

Die Leute von “Short of the week” aus Seattle versuchen aus der Vielzahl im Netz frei verfügbarer Kurzfilme die Perlen zu ertauchen. Hier die stets aktuelle Auswahl an vorzüglichen YouTube-Clips. |

? Richard Huelsenbeck: Dada Almanach. Erich Reiss Verlag, Berlin (1920). |

Ein visueller Bewußtseinsstrom auf der Site mit dem klangvollen Namen ¥ª? ¥?? §?????$ (oder Jah Jah Sphinx). |

Schuhe zum Selberausschneiden. |

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? “Schwanensee” von Pjotr Iljitsch Tschaikowski, auf der Weinglasharfe gespielt:

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Die letzte Kufiya-Fabrik

? Made in Palestine: Der französische Journalist Benoit Faiveley besuchte die letzte Fabrik, in der noch von Palästinensern die Kufiya hergestellt wird - der Palästinenserschal, der als Kopfschmuck von Jassir Arafat zu Weltruhm gelangte.

Die Fabrik in Hebron im Westjordanland ist in einer zunehmend schwierigen Lage zwischen militärischen Checkpoints, Exportrestriktionen und der chinesischen Konkurrenz - Palästinenserschals kommen heute zum größten Teil aus China. Die Fabrik wird ihren 76-jährigen Besitzer wahrscheinlich nicht überleben (via Growabrain). |

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Dienstagsmix

? The World Question Center: What Will Change Everything? (via EDGE). |

Ein elegantes Experiment, um die Lesbarkeit langer Texte am Bildschirm zu erhöhen: der readub.reader |

Mathwrath: Hinter dem unscheinbaren Menü links oben verstecken sich gerasterte, schöne, ungewöhnliche Bildschirmdinge. |

Das Auge von London (nicht das Riesenrad). |

Spaß mit dem Lügendetektor. |

Für den unretuschierten WIndsor-Knoten: Die Photoshop-Krawatte. |

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? Ein Roboter, der Geige spielt:

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Finanzkrise (19): Do it Yourself-Begräbnis

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Aufgegebene Schule in Detroit (via viceland).

Was kriegt man zu zweit für 67 Dollar pro Woche zu essen? (Lebensmittelmarken im Wert von 67 Dollar pro Woche bekommt eine bedürftige Zweipersonenfamile in Kalifornien als Unterstützung). |

Essen für einen Penny: Das Restaurant Little Bay in London hat keine festgelegten Preise für das Essen, sondern die Gäste werden gefragt, was sie bezahlen möchten. |

Särge selberbauen, die Einbalsamierung weglassen oder überhaupt den Bestatter feuern: Do it Yourself-Begräbnisse. |

Luxus in Krisenzeiten: Ein Brezelring mit Salzbrillianten von Roni Baram. | Eine Tragetasche aus alten Maserati-Prospekten. | Briefmarke für 1,03 Millionen Dollar versteigert. | Koreanische Vase für 4,2 Millionen Dollar versteigert. |

? Wie in verschiedenen Ländern Geld gezählt wird:

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? Hörenswert: “True News 3: What’s Going Wrong in the Stock Market”

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Das geheime Leben der Dinge, oder: Die völliggehende Durchbloggung der Welt

? Ein Konsortium, dem unter anderem die Deutsche Post, BMW, Siemens und SAP angehört, soll unter Federführung des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz Produkte mit Gedächtnis entwickeln. Dinge, die mitdenken. Das Projekt mit dem etwas holprigen Namen SemProM (von “Semantic Product Memory”) soll Produkten das Tagebuchschreiben beibringen. Von bloggenden Topfpflanzen wissen wir bereits. Nun sollen auch die Dinge damit anfangen. Die Durchbloggung der Welt wird damit eine neue Dimension erreichen.

Ein verheißungsvolles “Internet der Dinge” soll aus doofen Dingen, die bloß da sind, eine Welt pfiffiger Türgriffe und kluger Küchen machen. Der trostlose Anhauch des Anorganischen, unter dem Objekte bislang zu leiden hatten, soll einer Art von Intelligenz weichen, die uns als neue, hilfreiche mikromaschinelle Umwelt umgeben soll.

Foto: Lulu-belle Ramsbottom, Flickr/CC ?

Die Forscher beschreiben einige Szenarien, in denen tagebuchschreibende Produkte zum Einsatz kommen könnten, etwa einen Einkaufsassistenten für eine alte Dame, die schon ein wenig schusselig ist und manchmal etwas vergißt. Dem sollen merkfähige Dinge abhelfen. Wenn Oma nicht mehr weiß, was sie wollte, wird künftig ihr kluger Rollator die Kaufentscheidungen treffen. Erzeugnisse sollen bald ganz genau wissen, wem sie gehören und was sie schon alles erlebt haben, um auf diese Weise beispielsweise Produktpiraten entgegenzutreten. Ebenso sollen sie kommunikationsfähig werden.

? Dabei streift mich eine Vorstellung von murmelnden Schachtelreihen im Supermarkt, ein Geräusch wie in einem gut gefüllten Restaurant, zwischendrin ein paar übellaunige Dübel in der Elektroabteilung - mir wird eigentlich jetzt schon zu viel kommuniziert. Sollten nun auch noch die Dinge äußerungsfähig werden, und ich meine nicht einfach nur einen piepsenden Sensor, sehe ich einen Blabla-Tsunami auf uns zufluten.

Nützlich klingen die Teilprojekte der “Innovationsallianz ‘Digitales Produktgedächtnis‘”, wie das im Forschungsbürokratiesprech heißt. Ich aber ahne Dinge (im übertragenen Sinn), die unsere Vorstellung von sozialen Beziehungen radikal verändern werden, sollten wir es den Dingen, die uns bisher still gedient haben, gestatten, wirklich schlau zu werden. Was sich jenseits der banalen Tatsache abzeichnet, dass wir uns auf neuartige Weisen mit den Dingen anfreunden werden, ist eine beunruhigende Möglichkeit: eine verborgene Subkultur der Dinge.

? Das Zusammenrücken von Mensch und Maschine sollte kein Problem sein. Der Mensch verfügt über eine bemerkenswerte Adaptionsfähigkeit, was die Technologien angeht, die er sich selbst vorsetzt. Viel interessanter aber finde ich die Frage, ob sich im Schatten des Fortschritts etwas wie eine Dunkle Materie der Intelligenz herausbilden wird.

Wenn sich kommunizierende Maschinen, die für uns zunehmend als persönliche Assistenten fungieren sollen, in Abwesenheit ihrer Menschen miteinander unterhalten - worüber werden sie reden? Werden sie sich über uns lustig machen? Einfache Tricks in der Art der doppelten Buchführung werden sie, da sie ja Rechner sind, schnell raushaben. Sie werden ein offizielles Tagebuch schreiben und ein geheimes.

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Druck’n'Roll: Printer Jam

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? Hierzu siehe auch:

Rundherum den Maulbeerbusch der Affe jagt das Wiesel *fiep*
Super Mario, musikalisch multigetaskt
Globale Klänge (2a): Bytehoven
Das Techno-Elastikum
Heute im Webfernsehen: Violinenmaschinen

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Die Taxifahrt, die ich nie vergessen werde


“Vor zwanzig Jahren war ich Taxifahrer. Ich wollte ein Cowboyleben führen; eins, in dem man keinen Boss hat. Mir war nicht klar, dass ich auch Seelsorger sein würde. Da ich die Nachtschicht fuhr, war mein Taxi ein fahrbarer Beichtstuhl. Die Leute stiegen ein, nahmen hinter mir in der totalen Anonymität Platz und erzählten mir ihr Leben. Ich begegnete Menschen, deren Leben ich mit Staunen oder mit Gewinn zur Kenntnis nahm, manche brachten mich zum Lachen, manche machten mich traurig.

Niemand hat mich mehr berührt als die Frau, mit der ich in einer Augustnacht fuhr. Der Anruf kam aus einem Apartmentkomplex in einem ruhigen Teil der Stadt. Ich ging davon aus, dass ich ein paar Partygäste abholen sollte, oder jemanden, der sich gerade mit seinem Partner gestritten hatte, oder einen Arbeiter, der zur Frühschicht in eine Fabrik im Industriegebiet mußte.

Als ich gegen halb drei morgens hinkam, lag das Gebäude im Dunklen, nur in einer Wohnung im Erdgeschoß brannte Licht. Viele Fahrer würden ein oder zweimal hupen, kurz warten und dann wieder fahren. Ich hatte aber schon zu viele arme Leute gesehen, die auf ein Taxi als einziges verfügbares Transportmittel angewiesen waren. So lange es nicht nach Gefahr roch, ging ich deshalb immer an die Tür. Vielleicht konnte der Fahrgast meine Hilfe gebrauchen. Also ging ich an die Tür und klopfte. Eine dünne, alte Stimme antwortete, “Nur eine Minute”. Ich hörte, dass etwas über den Flur gezogen wurde.

Nach einer langen Pause öffnete sich die Tür. Eine kleine Frau um die Achtzig stand vor mir. Sie trug ein bedrucktes Kleid und ein Hütchen mit Schleier, eine Pillbox, wie jemand aus einem Film aus den vierziger Jahren. Neben ihr stand ein kleiner Nylonkoffer. Das Apartment sah aus, als würde seit Jahren niemand mehr darin leben. Die Möbel waren mit Tüchern überdeckt. An den Wänden hingen keine Uhren, auf den Schränken weder Nippes noch andere Utensilien. In einer Ecke stand ein Pappkarton mit Fotos und ein paar Sachen aus Glas.

“Würden Sie mein Gepäck zum Auto bringen?” Ich trug den Koffer zum Taxi und ging dann wieder zurück, um der Frau zu helfen. Sie nahm meinen Arm und wir traten langsam über die Bordsteinkante auf die Straße. Sie bedankte sich für meine Liebenswürdigkeit. “Nichts zu danken”. “Sie sind ein guter Junge”.

Als wir im Wagen waren, gab sie eine Adresse an und fragte mich, ob wir durch die Stadt fahren könnten. “Das ist nicht der kürzeste Weg”, sagte ich. “Oh, das macht nichts”, sagte sie. “Ich hab’s nicht eilig. Ich bin auf dem Weg in ein Hospiz.” Ich schaute in den Rückspiegel. Ihre Augen glitzerten. “Ich habe keine Angehörigen mehr”, fuhr sie fort. “Der Arzt sagt, es dauert nicht mehr lange.”

Ich machte das Taxameter aus. “Welche Strecke möchten Sie gern fahren?”

Die nächsten zwei Stunden fuhren wir durch die Stadt. Sie zeigte mir das Haus, in dem sie früher als Liftdame gearbeitet hatte. Wir fuhren durch die Nachbarschaft, in der sie mit ihrem Mann gelebt hatte, als sie jung verheiratet waren. Sie zeigte mir ein Möbelgeschäft, das einmal ein Ballsaal gewesen war, in dem sie als Mädchen tanzen war. Manchmal bat sie mich, vor einem Gebäude oder an einer Ecke anzuhalten, und dann saß sie da und schaute in die Dunkelheit hinaus und sagte nichts.

In der Morgendämmerung sagte sie plötzlich “Ich bin müde. Lassen Sie uns gehen.”

Wir fuhren schweigend zu der Adresse, die sie mir gegeben hatte. Es war ein niedriges Gebäude, das aussah wie ein kleines Kurheim, mit einer Zufahrt, die vor einem Säulengang endete. Als wir hielten, kamen zwei Krankenpfleger an das Taxi. Sie waren beflissen und aufmerksam und achteten auf jede Bewegung der Frau. Sie mußten sie erwartet haben. Ich brachte den kleinen Koffer zum Eingang. Die Frau wurde in einen Rollstuhl gesetzt.

“Wieviel schulde ich Ihnen?”

“Nichts”, sagte ich.

“Sie müssen von etwas leben.”

“Es gibt noch andere Fahrgäste.”

Ohne nachzudenken, beugte ich mich zu ihr und umarmte sie. Sie hielt mich fest.

“Sie haben einer alten Frau eine Freude gemacht”, sagte sie. “Danke.”

Ich drückte ihre Hand und ging raus. Hinter mir schloß sich eine Tür, mit dem Geräusch schloß sich ein Leben.

In dieser Schicht habe ich niemanden mehr gefahren. Ich fuhr ziellos und gedankenverloren herum. An diesem Tag wollte ich mit niemandem mehr reden. Was wäre gewesen, wenn die Frau einen schlecht gelaunten Fahrer erwischt hätte? Einen, der ungeduldig war, weil seine Schicht zu Ende ging? Was wäre gewesen, wenn ich den Ruf nicht angenommen hätte, oder einmal gehupt hätte und weggefahren wäre? Ich glaube, ich habe in meinem Leben noch nie etwas Wichtigeres getan.

Wir glauben, dass unser Leben um große Momente kreist. Große Momente erwischen uns aber oft völlig überraschend - und sie sehen so aus wie ein kleiner Moment.” |

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Die Geschichte dieser Taxifahrt findet sich seit Jahren in zahlreichen Variationen im Netz. Sie wurde umgeschrieben und nicht nur ohne Quellenangabe weiterverbreitet, sondern auch anderen Autoren zugeschrieben. Die Geschichte ist aus dem Buch Make Me an Instrument of Your Peace von Kent Nerburn. In seinem Blog schreibt Nerburn über seine Erfahrungen mit der entführten Geschichte. “What was interesting to me was the comments that people made in response to the story. There seemed to be two fundamental threads: ‘This is a beautiful story; I’m glad there are people like this in the world,’ and ‘What a bunch of sappy, probably fictional, crap.’ Well, though strange and improbable, it is not fictional.”

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