Tagesarchiv für 4. April 2009

Fahndungsaufruf

Meine Rede auf der re:publica 09, In was für einer digitalen Gesellschaft wollen wir leben?, habe ich mit einem pointierten Vergleich des Literaturnobelpreisträgers George Bernard Shaw über den Unterschied zwischen Äpfeln und Ideen eingeleitet.

George Bernard Shaw

George Bernard Shaw

Das englischsprachige Bild (das ich hier gefunden habe) habe ich für meinen Vortrag ins Deutsche übersetzt. Ich habe es absichtlich nicht als Zitat, sondern als Bild bezeichnet, denn “zitieren” hieße, die Herkunft einer Textstelle zu belegen und nicht nur, sie zu behaupten - der Ursprungsbegriff citare bedeutet herbeirufen.

Die Herkunft der anschaulichen Zeilen war nicht angegeben; ich habe mir auch nicht die Zeit genommen, sie ausfindig zu machen. Jetzt will ich es aber doch wissen. Dazu brauche ich eure Hilfe.

Das Zitat stamme von dem griechischen Philosophen Platon, vermerkt EinBerliner in einem Kommentar. (Er betreibt das Blog Ein Berliner blogt mit dem schönen Motto “Hin und wieder sollte man auch bei anderen lesen, sonst wird es selbstreferentiell”). Aber auch EinBerliner zitiert nicht, sondern behauptet nur die andere Herkunft.

Eine erste Nachschau im Netz ergibt zwei Hauptströmungen: Im englischsprachigen Netzraum wird das Zitat bevorzugt George Bernard Shaw zugeschrieben, im deutschsprachigen Platon. Es gibt auch Mischformen.

Platon (links) und Aristoteles mit dem Timaios bzw. der Nikomachischen Ethik in Händen, Detailansicht aus Raffaels Die Schule von Athen (1510–1511), Fresko in der Stanza della Segnatura (Vatikan)

Platon (links) und Aristoteles mit dem Timaios bzw. der Nikomachischen Ethik in Händen, Detailansicht aus Raffaels Die Schule von Athen (1510–1511), Fresko in der Stanza della Segnatura (Vatikan)

Wortgleich formuliert mit dem Hinweis auf Platon als Urheber findet sich das Zitat unter anderem in “Einheit“, der Zeitschrift für Theorie und Praxis des wissenschaftlichen Sozialismus (veröffentlicht vom Parteivorstand der SED, 1982), in “neue Gedanken” der Katholischen Kirche Oberösterreichs oder dem Buch “Ressource Wissen” über wissensbasiertes Projektmanagement von Willhild Angelika Kreitel.

Wie bei solchen Zitaten leider üblich, ist nie eine Fundstelle oder Quelle angegeben. Dabei ist das Web genau dafür erfunden worden - um die Wurzelfäden in einem Text mit einem Klick nachvollziehbar zu machen, einfacher als mit jeder Fußnote.

In den Texten von Platon bei Projekt Gutenberg.de ist keine entsprechende Stelle zu finden. Gibt es einen freundlichen Platon-Kenner da draußen, der weiß, ob Platon so etwas gesagt hat (oder ob jemand mal gesagt hat, dass Platon so etwas gesagt haben soll) und wo man es nachlesen kann? Und gibt es vielleicht auch noch einen freundlichen George Bernard Shaw-Kenner, der dieselbe Frage Shaw betreffend beantworten kann? Hat Shaw vielleicht mal Platon zitiert? Oder sich das Zitat zueigen gemacht?

Für sachdienliche Hinweise querverbindlichen Dank im voraus.

Hervorheben möchte ich an dieser Stelle noch ein prima Stilmerkmal von Blogs, nämlich die mit [via] gekennzeichneten Quellenlinks. Sie verweisen auf die Herkunft von Beiträgen; das sollten sie jedenfalls. Da es aber leider noch keine Links mit Mehrfachverzweigungen gibt (ein Klick öffnet mehrere Ziele), wird der Anständigkeit halber meist primär auf das Blog verlinkt, auf dem man über das betreffende Fundstück gestolpert ist. Oft hat aber auch der dortige Finder das Stück woanders gefunden, worauf das nächste [via] hinweist. Nicht selten ist das der Anfang einer [via]-Kaskade¹, die einen zwar manchmal auf interessante, neue Blogs, aber nicht in die Nähe der Quelle bringt. Vielleicht sollte man ausser dem [via]-Link immer auch noch einen Link auf die originale Quelle setzen.

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¹ für den Begriff Dank an Kathrin Passig.

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