Tagesarchiv für 19. April 2009

Der dicke Tisch

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ER HAT 90 Kilo und soll nicht in die Sonne. Seine Objekterkennung funktioniert auch in gut ausgeleuchteten Messehallen, “problematisch sind allerdings”, das haben die Jungs von der c’t ermittelt, “direktes Sonnenlicht und Strahler”. Es handelt sich also um eine Art von Vampir-Technologie.

iBar, die interaktive Bartheke ?.

Wir sprechen von einem dickem Tisch. Er kommt von Microsoft und heißt Surface. Es ist kein gewöhnlicher Tisch, sondern ein digitaler, interaktiver und ziemlich teurer. Bis zu fünf Leute können ihn gleichzeitig berühren. Man kann virtuelle Fotos über die Tischplatte verschieben und skalieren. Das wird immer wieder gern gezeigt und sieht aus wie wenn man mit dem Finger prüft, ob die Tischplatte staubig ist.

Die Skalierungsgeste hat etwas von einem Zaubertrick. Man bewegt zwei Finger und wow!, das Foto wird größer oder es schrumpft, wow!. Das Tollste daran: Man braucht den Trick nicht zu üben. Surface ist gewissermaßen die Karaoke-Version von David Copperfield - statt mitzusingen kann man mitzaubern. Oder man schiebt kleine grafische Elemente, die Musikschnipsel darstellen, zu einem ganzen Track zusammen. (“Was machen Sie in Ihrer Freizeit?” - “Ich schiebe Musikstücke zusammen”).

Surface ist eine elektronische Sandkiste für Erwachsene. Wie bei Spielzeug für Erwachsene üblich, dient der hohe technische Aufwand mit fünf Infrarotkameras, integriertem Beamer, einer in mehreren Layern beschichteten Plexiglastischplatte und maßgeschneiderter Software der Tarnung. Man soll nicht erkennen, dass es sich um ein nutzloses Spielzeug für 11.000 Euro das Stück handelt.

Der Tisch von Maximum PC ?

DIE IDEE DIESER Art von Tisch ist schon ein paar Jahre alt, und es gibt eine Reihe von passablen Konzeptstudien und Prototypen. Art+Com hat es vor fünf Jahren mit einem kunstvollen Zahlentisch namens Floating Numbers versucht, gefolgt von dem etwas universelleren Touchmaster, dem “Tisch mit dem gewissen Touch”. Der italienische Interface-Designer Alessandro Valli realisiert seit 2001 nicht nur sensitive Tische, sondern ebensolche Fußböden und, im Palazzo Medici Riccardi in Florenz, auch interaktive Fresken, die sich heranholen und im Detail betrachten lassen. Es gibt die Idee auch in einer analog überdrehten, lustigen Form - einen Tisch namens Self Destructing Pixel Coffee Table nämlich, den die Leute des Studio 1a.m. in Chicago entwickelt haben. Der Tisch hat eine Betonverkleidung, die auf einem Pixelwürfelmuster basiert, und jedesmal, wenn wieder ein Tisch in der Baureihe produziert wird, wird ein weiteres Pixel aus dem Design entfernt.

Auch banale Tischnutzungen lassen sich digital verschönern, wie etwa die zehn Meter lange interaktive iBar zeigt, die alles registriert, was auf sie gelegt wird – Gläser, Tassen, Handys, Autoschlüssel, Visitenkarten oder Finger, und es zu virtuellem Spielmaterial transformiert. Sowas gibt es in einer simpleren Version auch für das Microsoft-Möbel. In Casinos der Firma Harrah’s Entertainment in Las Vegas kann man auf Surface-Tischen Coctailmixturen, Tickets und Flirtspielchen in Angriff nehmen.

WAS DER TISCH KANN, gibt es in Gestalt des iPhone längst für die Jackentasche, sieht man davon ab, dass auf dem kleinen Touchscreen vernünftigerweise nicht mehrere Personen gleichzeitig herumgriffeln werden. Während die Fingerbedienung des iPhone noch etwas von flüchtiger Zärtlichkeit hat, erinnert die Art, wie man auf der Surface-Oberfläche (sic) tentakulieren muß, an die Annäherungsversuche angetrunkener Angestellter auf einer Betriebsfeier.

Ist der klobige Tisch nun, nach Gadget-Miniaturisierungen hin ins Hauchdünne und Allerwinzigste, ein Befreiungsschlag gegen die schreckliche Enge der digitalen Kleinteile, endlich wieder hin zu Opulenz und Kampfgewicht? Ist Surface der 5000-Kalorien-Hamburger unter den neuen Touch-Technologien?

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass eine der ersten Anwendungen für den smarten Tisch eine von T-Systems Multimedia Solutions entwickelte Produktumgebung für Herrensocken ist. Um das zentrale Problem des Geräts einzukreisen, kann man einen Begriff zu Hilfe nehmen, dessen Bedeutung der Schriftsteller und Soziologe Michael Rutschky als erster erkannt hat: das Ungeschick.

Surface ist ein Monument des Ungeschicks. Das Gerät veranlaßt Erwachsene dazu, sich einer detailarmen Wohnzimmertischparodie gegenüber zu verhalten wie die Hausfrau dem Schälchen Palmolive (“Sie baden gerade ihre Hände drin”). Nebenbei gehören rieselnde Wasseroberflächen zu den visuellen Lieblingseffekten der Surface-Programmierer. Bereits in Entwicklung befindet sichder Nachfolger der aktuellen Surface-Version, und schon in seinem Namen setzt das Ungeschick sich fort: Second Light. Wie kann man etwas, das innovativ und zukunftsmächtig sein soll, so unüberhörbar an die abgelebte künstliche Welt Second Life anlehnen? Wie kann man so mutwillig unmodern sein, so ungeschickt?

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? Interaktive Tische von Art+Com:

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IntuiFace von IntuiLabs:

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? Die iBar:

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? Die Jungs von Maximum PC haben
einen Surface-artigen Tisch für 350 Dollar gebaut:

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