Ich hatte den von Roland Reuß initiierten Heidelberger Appell (”Für Publikationsfreiheit und die Wahrung der Urheberrechte”) mit unterschrieben und habe nun meine Unterschrift zurückgezogen. Die Gründe dafür:
.
Hallo Herr Reuß,
ich muß Sie bitten, meinen Namen von der Unterschriftenliste zu dem Heidelberger Appell zu streichen.
Unterschrieben hatte ich, da ich, wie viele, mit zunehmender Skepsis die tektonischen Verschiebungen im Umgang mit Texten und Publikationen sehe, die Google aggressiv vorantreibt. Für Google ist die Welttextmasse einzig als Werbeumfeld interessant, dieser Wertverschiebung müssen wir entgegentreten.
Ich war an einem vernehmlichen Diskussionsanlass interessiert.
Ihre Auffassungen zu Open Access, die ich in keinem Punkt teile, habe ich als einen mißglückten Appendix angesehen; zumal die Google-Problematik und Open Access kaum etwas miteinander zu tun haben. Ich hatte die naive Hoffnung, dass die Debatte vom ersten Teil des Aufrufs getragen würde.
Spätestens nachdem ich die Einlassungen von Uwe Jochum gelesen habe steht für mich fest, dass es sich um keinen läßlichen Anhang handelt. Diese zum Teil haarsträubenden, “Im Namen der Freiheit” vorgetragenen Vorstellungen kontaminieren den Heidelberger Appell insgesamt.
Der Hochmut, den Jochum als Freiheit der Wissenschaft zu verkaufen versucht, ist feudalistisch. Ich werde mich dazu noch ausführlicher äußern.
Ich stelle Ihnen frei, diese Mail zu veröffentlichen.
Zu danken ist Ihnen für den Versuch, eine wichtige Diskussion in Gang gesetzt zu haben.
Aufmerksamkeit ist eine begrenzte Ressource. Solche Angebote sind deshalb so wenig kostenlos wie das private sogenannte Free TV, das sich komplett aus Webeeinnahmen finanziert. Wer Privatsender konsumiert oder sich für den vermeintlich kostenlosen Web-Zugang oder E-Mail-Transport selbst zum Werbeträger machen lässt, wird Teil eines großen Umverteilungsnetzwerks, das auf Aufmerksamkeitsausbeutung beruht. Irgendwo in diesem Netzwerk wird die angeeignete Aufmerksamkeit ganz profan in Geld umgesetzt, nämlich, wenn jemand eines der beworbenen Produkte kauft. Es ist dieser letzte, notwendige Schritt, mit dem sich Aufmerksamkeit letztlich kapitalisiert und damit alle vorhergehenden Aufwendungen bezahlt machen.
Die privaten Fernsehsender in Deutschland verkaufen die so angeeignete Aufmerksamkeit jährlich für mehr als 8 Milliarden Euro an die Werbeindustrie. Jeder Zuschauer (aber auch jeder andere, der die beworbenen Produkte kauft) zahlt dies mit einer Werbesteuer – ein bereits 1993 von dem Politikwissenschaftler Hans J. Kleinsteuber geprägter Begriff. Die Werbesteuer steckt faktisch in jedem Produkt, in besonderer Höhe aber in solchen, für die massiv medial geworben wird. Über diesen Umweg zahlt jeder deutsche Haushalt, der zur Zielgruppe der Werbespots zählt, allein für das “kostenlose” Privatfernsehen durchschnittlich 600 Euro im Jahr – fast das Dreifache der GEZ-Gebühr.
.
Ralph Altmann, “Das Geschäft mit der Aufmerksamkeit”
→ ERST WOLLTE ICH mir nur diese → mehr als erstaunliche Zeitschreibemaschine etwas genauer ansehen. Ich hab ja eine Neigung hin zu Rube-Goldberg-Geräten (s.a. hier, hier, hier und hier). Dann ist es aber doch wieder ein serendipischer Fall von Netzabenteuer geworden.
Pierre Jaquet-Droz (1721-1790) war ein Schweizer Uhrmacher. Aber die Bauweise dieser Maschine und die Ziffern, die sie schreibt, sind aus unserer Zeit.
Also ein Sprung vom Dreimeterbrett ins Netz …
… Manuel Emch läßt diese unglaubliche Maschine bauen. Er ist Direktor der Uhrenmanufaktur Jacquet Droz, einer Manufacture de Haute Horlogerie Suisse, sie gehört heute zur Swatch Group. Acht Jahre dauert die Entwicklung der Zeitschreibemaschine nun, vor drei Wochen wurde in Basel ein Prototyp vorgeführt.
Die Maschine besteht aus über 1200 Einzelteilen, darunter 84 Kugellager, 50 Kurvenscheiben und 9 Zahnriemen, geschützt von einem Gehäuse aus Flüssigkristallglas. Sie reagiert auf Berührung. Man legt ein Blatt Papier in das vorgesehene Fach und die Maschine schreibt die aktuelle Uhrzeit auf.
Das ist alles.
28 Exemplare der machine à écrire le temps werden im Lauf der nächsten Jahre gebaut werden, zu rund 400.000 Franken das Stück (etwa 263.000 Euro). Aber in diesen Abzweig der Recherche bin ich erst ganz zum Schluß gekommen.
Zuvor habe ich eine Maschine gefunden, die tatsächlich von Jaquet-Droz ist. Es ist einer seiner drei Androiden –der Schreiber:
Die Automaten, die 1774 dem Publikum vorgestellt wurden, waren eine absolute Sensation. Die Menschen pilgerten zu den Automaten, Gärten und Plätze waren voller Kutschen. Mehr als ein Jahrhundert lang tourten die Androiden durch Europa.
Auf diesem Video ist zu sehen, wie der Schreiber funktioniert:
Mir fiel ein Roboterarm ein, den ich vor zwei Jahren in Karlsruhe gesehen hatte. Auf einem langen Tisch vor ihm lag eine Rolle Papier. Der Roboterarm sollte im Lauf von sieben Monaten eine kalligraphische Abschrift der 66 Bücher der Bibel anfertigen. Aber er stand still. Jemand erklärte mir, es gebe ein Problem mit der Tinte in dem Injektor. Zurück in Berlin, wollte ich einen Freund fragen, der Kalligraph war und seine Tinte selbst mischte und seine Schreibfedern aus Bambus selbst schnitt, denn ich war sicher, dass er helfen konnte, aber ehe ich ihn fragen konnte, starb er.
.
WENN MAN NACH schreibenden Robotern sucht, findet man unter anderem einen 150 Jahre alten hölzernen Roboter aus Japan. Es ist eine karakuri ningy?, eine mechanische Puppe, gebaut von Tanaka Hisashige. Sie kalligraphiert das Zeichen für langes Leben und Glück und beherrscht noch drei weitere Kanji-Zeichen. Marionetten und mechanische Puppen kamen vor etwa 1300 Jahren aus China nach Japan (der Wortstamm karako bedeutet chinesisches Kind).
Neben dem Schreibautomaten konstruierte Tanaka Hisashige unter anderem die erste japanische Dampflokomotive und das erste Dampfschiff für die japanische Kriegsflotte. 1873 begann er in einer Werkstatt in Tokio mit dem Bau von Telegraphen. Nach seinem Tod wandelte sein Sohn das Unternehmen in einen Ingenieursbetrieb um, der 1939 nach einer Fusion mit der Firma Tokio Denki den Namen Tokio Shibaura Denki trug, besser bekannt noch heute unter der Abkürzung Toshiba.
.
DER LETZTE KALLIGRAPH: Der Film von Premjit Ramachandran zeigt die Arbeit des 77-jährigen Syed Fazlulla. Er ist Chefredakteur der Tageszeitung “Der Muselmann” in Neu Delhi – der letzten Zeitung in Asien, die nicht gesetzt, sondern noch von Hand geschrieben wird.
1 - An Bord der Marssonde Beagle 2 befand sich ein miniaturisiertes Gemälde des britischen Künstlers Damien Hirst. Es diente der Kalibrierung der Kameras und Spektrometer der Sonde.
2 - Zum 400. Geburtstag von Jamestown, der ersten dauerhaft besiedelten Kolonie der Engländer in Amerika, flog 2007 mit dem Space Shuttle Atlantis ein Bleisiegel aus dem Jahre 1611 in den Orbit.
Neil Armstrong und Buzz Aldrin (Foto: Cliff1066, Flickr/CC) ?.
3 - Etwas Stoff und ein Stück Holz von der Tragfläche des Flugzeugs, mit dem die Brüder Wright 1903 den ersten Flug der Welt vollführten, war mit an Bord der Landefähre bei der ersten bemannten Mondlandung am 16. Juli 1969.
5 - Gus Grissom hatte beim zweiten Ausflug eines Amerikaners in den Weltraum im Mai 1961 eine Rolle mit 50 Münzen dabei. Nach der Wasserung wurde Grissom gerettet, die Kapsel versank jedoch im Ozean und mit ihr die Münzen. 1999 wurde die Kapsel aus viereinhalb Kilometer Tiefe geborgen.
6 - Der Spielzeugroboter Buzz Lightyear aus dem Animationsfilm Toy Story reiste im Juni 2008 mit dem Space Shuttle in die Internationale Raumstation ISS.
7 - In der Sonde New Horizons, die 2025 den Pluto erreichen soll, befindet sich Asche von Clyde Tombaugh - dem Mann, den den Planeten Pluto entdeckte.
8 - An den 1977 gestarteten interplanetaren Sonden Voyager I und Voyager II befindet sich jeweils eine goldene Tafel mit Bild- und Toninformationen, die eventuellen außerirdischen Zivilisationen Hinweise auf die Menschheit geben sollen.
9 - Russische Astronauten werden oft von einer kleinen Spielzeugfigur namens Boris begleitet.
10 - Zum 30. Jubiläum von Star Wars im Jahr 2007 wurde das Original-LichtschwertLuke Skywalkers auf die Internationale Raumstation und danach sicher wieder auf die Erde gebracht.
Neue Kommentare:
RSS