Tagesarchiv für 24. April 2009

Die Mitsehzentrale

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ES GIBT EINEN radikalen Ansatz zur Zukunft der Mobilität, bei dem es um die Frage geht, wie weit sich Mensch und Fortbewegung voneinander trennen lassen.

Das Rad, neu erfunden: Dyno-Wheel aus den dreissiger  Jahren ?

Die Idee, Symbole anstatt sich Selbst auf Reisen zu schicken, ist fast so alt wie die Kultur selbst. Erst die Techniken der modernen Fernkommunikation aber haben es möglich gemacht, dass die Symbole ohne menschlichen Überbringer reisen können. Im 19. Jahrhundert waren fast gleichzeitig die technischen Grundlagen des heutigen Straßenverkehrs und des Nachrichtenverkehrs entwickelt worden, aus dem die modernen Medien hervorgingen. Der Trick bei den Medien ist, dass nicht mehr der ganze Körper loszufahren braucht, sondern beispielsweise beim Telefonieren nur die Stimme.

Nun beginnt sich abzuzeichnen, dass die virtuelle Entfernungsüberbrückung eine Qualität annimmt, die den Umgang mit Telepräsenz alltagtauglich machen wird. Amerikanische Kinder können das inzwischen per richterlicher Verfügung erleben. Einem Gesetz im Bundesstaat Utah zufolge können virtuelle Besuche (“Long Distance Parenting”) Teil einer Scheidungsvereinbarung werden. Separierte Elternteile hoffen so, per Bildtelefon wieder mehr am Alltag ihrer Kinder teilhaben zu können.

Das Beratungsunternehmen Accenture wartet mit einem “Virtual Family Dinner” auf, bei dem räumlich getrennt lebende Familienmitglieder an einem - virtuell - gemeinsamen Tisch Platz nehmen können. Wenn die Oma in San Francisco sich mit ihrem Essen an den Küchentisch setzt, verständigt ein Sensor ihren Sohn in Chicago, der sich in seiner Küche dazusetzen kann. Bildschirm, Kamera und Mikrofon an den Tischen sorgen für das visuelle Nebeneinander.

Popular Science, März 1933 ?

ES GEHT NICHT NUR darum, dass sozusagen Entfernungen entfernt und damit Autofahren obsolet werden. Wir wollen die Welt nicht nur sehen, wir wollen in ihr sein. Und tatsächlich beginnt sich ein neues Lebensgefühl bemerkbar zu machen, während wir mit wehenden Haaren die Datenautobahnen und Mobilfunkstrecken entlangbrettern.

In ihrem Buch “Where Wizards Stay Up Late” über die Ursprünge des Internet schreibt Katie Hafner: “Amerikas Romanze mit den Highways hat … nicht damit begonnen, dass jemand Straßen begradigt, asphaltiert und mit weißen Streifen in der Mitte bemalt hat. Sondern damit, dass einer auf den Trichter kam, seine Karre wie James Dean die Route 66 runterzufahren und das Radio laut aufzudrehen und eine gute Zeit zu haben.”

Was mit Google Earth und Google Streetview gerade erst begonnen hat - die Freunde am virtuellen Fahren -, wird den Wunsch, tatsächlich in ein Auto zu steigen, nicht zum Verschwinden bringen, aber sie wird verblassen lassen. Schon heute kann man mit Google Streetview Spaziergänge durch die Bronx machen, ohne sich Sorgen um seine Sicherheit machen zu müssen. Wer das Ganze anstelle von Standbildern gern Live sehen möchte, der wird bald auf Verkleinerungsformen des Individualverkehrs zurückgreifen können - auf zivile Drohnen.

Modern Mechanics, Dezember 1930 ?

Ein solches Symbolfahrzeug läßt sich bereits für unter 1000 Euro bauen (In Deutschland organisieren sich die Freunde des unbemannten Fahrens - und Fliegens - im Motodrone e.V.). Soziale Netze in der nahen Zukunft kann man sich anhand von Weltkarten vorstellen, auf denen farbige Punkte jeweils ein Individuum kennzeichnen - jemand mit einer Brille, in die eine winzige Kamera integriert ist, die ihren Videostream drahtlos ins Netz speist. Um durch Paris oder Mombasa zu spazieren, muß ich nicht mehr hinfahren, ich kann mir fremde Augen mieten. Neben Mitfahrzentralen wird es in Zukunft also auch Mitseh- und Mitgehzentralen geben.

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