Tagesarchiv für 23. Juni 2009

Die dritte Natur

.

SIND WIR NICHT ALLE inzwischen ein bißchen wie diese Fische, die in Aquarien an der Glaswand festgesaugt den Algenbelag abfressen, bloß dass wir an Bildschirmen festgesaugt sind und die ständige Informationsbemoosung wegfuttern?

“Gestern zum ersten Mal (versehentlich) den ganzen Tag fern vom Laptop verbracht, nur mit G1. Ging ganz gut. Könnte man öfter machen”, schreibt eine Freundin, die gerade in New York ist. Ihre Nachricht plätschert in dem Fluß der Facebook-Statuszeilen an mir vorbei. Draußen im Hof steht die Wirklichkeit rum. Die Rosen blühen, daneben wuchert Minze, und dann ist da noch eine Menge Grün, von dem ich den Namen nicht kenne und Kleinstgetier, von dem ich nicht weiß, wie es heißt. Die unbekannten Vogellaute, die über dem Grün schweben, könnte ich identifizieren. Irgendwo in Haus muß sich noch eine CD “Vogelstimmen der Heimat” nebst Begeitbuch befinden. Aber ich bin zu faul zum Suchen und warte lieber, bis Mo und Katja wieder zu Besuch kommen. Sie sind Birdwatcher, das heisst, sie liegen kundig im Unterholz und können zahllose Vogelstimmen unterscheiden. Viele Dinge - wie beispielsweise den Umgang mit Software und Hardware - lasse ich mir am liebsten von jemandem erklären, der sich damit auskennt, ehe ich zum Handbuch greife. Es gibt keine bessere Art, etwas zu lernen, als von einem anderen Menschen.

Und direkt von der Natur? In einem Gastbeitrag für das Blog BoingBoing nimmt der Autor und Technologie-Experte William Gurstelle mit einer gewissen Bestürzung zur Kenntnis, dass es zu viel Technologie in unserem Leben gebe und die Menschen immer weniger Zeit damit zubringen würden, die Natur unmittelbar zu beobachten und zu erfahren. In seinem Buch “Devices of the Soul: Battling for Our Selves in an Age of Machines” befindet der Wissenschaftskritiker Steve Talbott: “Im Netz kann ein Kind etwas über Bäume lernen, aber es wird nicht verstehen, was ein Baum ist. Die Information aus dem Netz oder aus einem Buch ist ein Fragment und aus dem Kontext gerissen. Sie wird nie dieselbe Eindringlichkeit haben wie eine Erfahrung aus erster Hand.”

Daraufhin begibt sich Gurstelle in den Garten - und zwar mit seinem neuen digitalen Mikroskop. Er verbringt den Nachmittag damit, die Welt im Kleinen zu betrachten, Bilder zu machen und eine Ameise zu filmen. “Zellen, Fasern, Samenkörnchen und Insekten, alles nur ein Teil der wilden Menagerie, die ich entdeckte - I found it way cool, and I’m no little kid.” Diese Forschungsreise in eine Wiese weist darauf hin, dass es in der Architektur der digitalen Welt an einem wichtigen Element mangelt: an Brücken, die Information und Erfahrung miteinander verbinden. Daten und Informationen werden erst dann zu Wissen, wenn wir sie mit unserer eigenen Weltwahrnehmung verbinden. Und in einer Welt, in der wissenschaftliche Erkenntnis scheinbar nur noch mit hochqualifizierten Teams und großem Aufwand an Geld und Material gewonnen werden kann, ist kaum etwas begrüßenswerter als die offene, kindliche Neugierde, die wissen möchte, was da den Grashalm entlangkrabbelt und welche Wunder sich in einem Wassertropfen aus einer Pfütze verbergen.

Auch wenn es nicht einer gewissen Ironie entbehrt, wenn jemand online über seine Erfahrungen mit dem nichtdigitalen Leben schreibt, die er mit einem Digitalmikroskop gemacht hat - auch William Gurstelle dürfte klar sein, dass die Natur in seinem Garten nur noch wenig mit jener todesgefährlichen Umwelt zu tun hat, als die sich die Natur unseren Vorfahren noch vor (entwicklungsgeschichtlich) nicht allzu langer Zeit präsentiert hat. Die zweite Natur, mit der wir im Prozess der Zivilisation die Erde überzogen haben, wird nun durch einen neuen Layer ergänzt - die dritte Natur der digitalen Sphäre. Aus diesen Transformationen, mit denen wir unsere Umwelt und uns selbst immer weiter verändern, erhebt sich immer wieder die Sehnsucht nach einer Rückkehr zu vermeintlichen Ursprüngen - eine romantische Form des Fundamentalismus.

Schon vor 2300 Jahren hatte Platon sich gegen die Verfestigung von Augenblicken in Aufzeichnungen gewandt. Vor allem die Schrift lehnte er ab - sie töte das lebendige Gedächtnis. (Bemerkenswerter Weise ist uns sein Protest in Form einer schriftlichen Aufzeichnung überliefert). Es war die Geburtsstunde des Kulturpessimismus, der sich seit Jahrhunderten gut von der Auffassung nährt, dass wir unsere Fähigkeiten an immer mehr Technologie fortgeben würden, die uns entleere und leblos mache.

Anfang der neunziger Jahre begann der deutscher Ausnahmeprogrammierer Karl Sims für die Supercomputer-Firma Thinking Machine spezielle Algorithmen zu entwickeln, die der extremen Leistungsfähigkeit der firmeneigenen Connection Machine angemessen sein sollten. Aus sogenannten Partikelsystemen schuf Sims phantastische Erscheinungen einer artifiziellen Natur, leuchtende Wasserfallkaskaden etwa oder die inzwischen klassische Animation “Panspermia“, in der die Reise eines Samenkorns durchs All und die Explosion der Fruchtbarkeit nach dem Aufprall auf einem Planeten zu sehen ist. Sims schuf Pflanzen, suchte die aus, die ihm am besten gefielen und ließ die Maschine in Echtzeit die nächste Generation berechnen.

Auf Spaziergängen in die reale, altgewohnte Natur, so erzählte er in einem Interview, rege ihn jedes Grasbüschel und jeder Strauch zur algorithmischen Nachahmung an. Wenn man dann aber beginne, in die Details einzudringen, zeige sich eine unermeßliche Komplexität. Aus der grünen Welt kehre er stets demütig zurück vor die Maschine.

…………………..

.

No More Heroes

.

NOTFALLS KOMMT DIE IT auch ganz gut ohne Helden aus. Wer erinnert sich noch, wie der Chef von IBM hieß, als der PC auf den Markt kam? Wie Radionuklide, so haben auch Helden offenbar unterschiedliche Halbwertszeiten. Einen Mann wie Ed Roberts, der mit dem Altair 8800 den allerersten Mikrocomputer gebaut hat, kennt heute kaum noch jemand. Auch Steve Wozniak, der den ersten Apple-Computer konstruiert hat, hat sich darüber beklagt, im Schatten seines ehemaligen Kumpels Steve Jobs zu stehen.

Besonders Steve Jobs, wie Bill Gates einer der Superstars der PC-Ära, hat das von ihm geführte Unternehmen dermaßen auf seine Person ausgerichtet, dass man sich an Brecht erinnert fühlt: “Cäsar schlug die Gallier - hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?”

Das vermeintliche Ringen Bill Gates gegen Steve Jobs vulgo Microsoft gegen Apple hätte sich Shakespeare (der viel Sinn für’s Populäre hatte) nicht besser ausdenken können. Auf der einen Seite ein knallharter Programmierer, der damit so reich geworden ist, dass er dem Sultan von Brunei zum Geburtstag die Schweiz schenken könnte - Bill Gates. Auf der anderen Seite Steve Jobs, der Retter von der technologischen Eleganz. Der Kampf hat viel mit unserer Freude an vereinfachten Welten zu tun, aber wenig mit der Realität - ein Unternehmen wie Microsoft mit fast 90.000 Mitarbeitern läßt sich ebensowenig auf eine Person reduzieren wie Apple mit seinen 32.000 Mitarbeitern.

Stars brauchen wir immer noch – auch in der Computerwelt. Sie verkörpern Images und Gefühlsbotschaften und machen die immer ununterscheidbarere Technik für uns unterscheidbar. Ihr individueller Einfluß aber wird zunehmend hinter die Technologie zurücktreten, die sie auf den Weg gebracht haben.

Viele der Pioniere haben sich im übrigen nicht zur Ruhe gesetzt, sie stehen bloß nicht mehr im Rampenlicht wie früher. Während die Maschinen und der Umgang mit dem Netz sich immer standardisierter und ähnlicher anfühlen - was ja sein Gutes hat -, gehen die Menschen, die der technologischen Entwicklung wichtige Impulse gegeben haben, ihre ganz persönlichen Wege. Marc Andreessen hat zuletzt das Meta-Social Network Ning mit angeschoben. Der Schwulenaktivist Tom Jennings, der 1984 mit FidoNet das erste weltweite Amateur-Computernetzwerk ins Leben gerufen hatte, übernahm in den neuziger Jahren den Internet-Provider “The Little Garden” in San Francisco und arbeitet heute in einem Programm für Arts Computation Engineering der Universität von Kalifornien. Steward Brand, der 1985 ins San Francisco The WELL ans Netz brachte, den Prototypen aller Online-Communities, kümmert sich heute um das Global Business Network - eine Art Müttergenesungswerk für verdiente Digerati -, und die Long Now Foundation, die eine Uhr bauen will, die einmal im Jahr tickt und 10.000 Jahre lang läuft. Und Louis Rossetto, der gemeinsam mit Jane Metcalf und dem MIT-Vordenker Nicholas Negroponte 1993 das Magazin Wired aus der Taufe gehoben und zum Zentralorgan der digitalen Kultur gemacht hatte, verkaufte das Blatt 1998 - und gründete eine Schokoladefirma.

…………………..

.