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Neben der Weisheit der Massen gibt es im Netz auch eine Masse an Unweisheit. Hochgeschwindigkeitsschlamperei ist einer der Gründe dafür.
Viele vertrauen nun auf “Die Weisheit der Vielen”, so auch der Titel eines Buchs, mit dem der Autor James Surowiecki im Jahr 2004 Aufsehen erregte. Surowiecki schreibt, dass Probleme von Gruppen wesentlich effektiver gelöst werden können als von einzelnen. Wenn man dafür das Internet benutzt, nennt sich die Methode “Crowdsourcing”. Ein gutes Beispiel dafür ist der “Mechanical Turk” von Amazon. Die Einrichtung ist nach einem spektakulären Betrug benannt. Der sogenannte Schachtürke war ein angeblich schachspielender Automat, der 1796 von dem Hofrat und Erfinder Wolfgang von Kempelen konstruiert worden war. Wie sich später herausstellte, war im Inneren des Geräts ein menschlicher Schachspieler versteckt.
Am 28. Januar 2007 kehrte der amerikanische Computerexperte James Gray von einem Segeltörn vor San Francisco nicht mehr zurück; er hatte die Asche seiner verstorbenen Mutter ins Meer streuen wollen. Für die weiträumige Suche nach dem Vermißten wurden neben dem Einsatz von Flugzeugen, Helikoptern und Booten der Küstenwache auch – von Technikern des Satellitenbetreibers DigitalGlobe – tausende von Satellitenaufnahmen in kleine Abschnitte geteilt und dem Mechanical Turk übergeben. Diese Software koordiniert, dass Freiwillige einen jeweils anderen Bildabschnitt gezeigt bekommen und ihn nach Spuren eines abgestürzten Flugzeugs absuchen können. Ein Bericht über die Suche auf der Frontpage des Social Bookmarks-Dienstes Digg führte dazu, dass sich an die 12.000 freiwillige Helfer an der softwaregesteuerten Suche beteiligten.
Gleichermaßen wurde nach dem 63-jährigen Flieger und Abenteurer Steve Fossett gesucht, der am 3. September 2007 von einem Erkundungsflug nicht mehr zurückgekehrt war. Ein Gebiet von 26.000 Quadratkilometern wurde mit herkömmlichen Verkehrsmitteln ebenso untersucht wie mit Computerhilfe. Fossets Überreste wurden zwar Monate später gefunden, aber nicht durch die Hilfe der Mechanical Turk-Enthusiasten – so schön und von sozialer Wärme durchflossen diese Art der gemeinschaftlich angewandten Hilfsbereitschaft auch sein mag. Im September 2008 fand ein Wanderer Fossets Ausweis in der kalifornischen Sierra Nevada, ein paar Tage später entdeckte man die Absturzstelle. Auch von Jim Gray fand sich durch die ameisenfleißige Rasterarbeit der Mechanical Turk-Helfer nicht die geringste Spur. Drei Wochen nach seinem rätselhaften Verschwinden – Gray hatte unter anderem einen Funksignalsender für Notfälle an Bord, der schwieg – wurde die Suche ergebnislos beendet.
Man muß dazusagen, dass es neben der Weisheit der Massen auch eine Masse an Unweisheit im Netz gibt. Die wird zum Beispiel immer wieder anschaulich durch das Wachstum von Fehlerbäumen, die durch die schlampige Verbreitung von Informationen wunderbar gedüngt werden. Einer der Hauptgründe für diese Unweisheitsexplosionen ist etwas, das man Hochgeschwindigkeitsschlamperei nennen könnte. Einer schreibt etwas Falsches und über E-Mails, Tweets, gehetzte Nachrichtenportale und Blogs verbreitet sich ein solcher Fehler oft rasant und unkorrigiert. Geschwindigkeit im Netz ist faszinierend, aber sie entwickelt sich zu einer ebenso fatalen Qualität. Information ist schnell, Wahrheit braucht Zeit.
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