Tagesarchiv für 13. Juli 2009

Tagsonomie

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Vom 24. bis 28. April 2009 hat Evan Roth in den Straßen der 20 Pariser Arrondissements ? 2400 Graffiti-Tags fotografiert. Die Fotos wurden archiviert, getaggt und alphabetisch sortiert. Die zehn am häufigsten verwendeten Zeichen wurden identifiziert (die Buchstaben A, E, I, K, N, O, R, S, T und U) und aus jeder Buchstabengruppe 18 Tags isoliert, um eine Vorstellung von Vielfalt und Spielräumen des jeweiligen Zeichens zu geben.

Es geht dabei nicht darum, die “besten” Tags von Paris zu zeigen, sondern die Palette der unterschiedlichen Formen zwischen Groß- und Kleinschreibung, einfach und komplex oder lesbar versus kryptisch. (Mehr Informationen hier. Eine interaktive Version der Tag-Sammlung hier).

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(Via fffff)

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Die berühmte Telefonzelle im Nichts

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Mojave Phone Booth Adventure auf einer Karte anzeigen
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? Die Mojave-Telefonzelle (”Mojave Phone Booth”) wurde Anfang der sechziger Jahre im heutigen Mojave-Nationalpark in Kalifornien aufgestellt. Nachdem Godfrey Daniels, der sich Deuce of Clubs (D.o.C.) nennt, 1997 auf seiner Website von der einsamen Zelle berichtete, wurde sie zu einer Online-Berühmtheit.

Am 26. Mai 1997 hatte D.o.C. in einem Club den Drummer der Band “Girl Trouble” aus Tacoma getroffen, der ihm ein Exemplar des Band-Fanzines “Wig Out!” gab. Ein gewisser Mr. N. aus Kalifornien schrieb darin an den Herausgeber:

“Ich hab auf einer Karte der Mojave-Wüste mitten im Nichts einen kleinen Punkt entdeckt, neben dem das Wort ‘Telefon’ steht. Das hat mich fasziniert … und ich habe mich in meinem alten Jeep auf den Weg gemacht. Nach vielen Stunden wurde ich fündig (die Scheiben sind zerschossen und das Telefonbuch fehlt) aber es funktioniert! Offenbar ist die Telefonzelle nach dem Zweiten Weltkrieg für die Leute in einer Mine in der Nähe aufgestellt worden, die in den sechziger Jahren dichtmachte; weshalb die Telefongesellschaft die Zelle weiter in Betrieb hält, ist eine interessante Frage. Ein Rancher, der in der Nähe wohnt, erzählte mir, dass irgendwann in den siebziger Jahren die Wählscheibe gegen einen Ziffernblock ausgetauscht worden war, “weil die Schafe Probleme beim Wählen gehabt hatten.” Falls es jemanden interessiert: Die Nummer ist (619) 733-9969. Länger läuten lassen.”

Die Telefonzelle stand in der Mojave-Wüste, 24 Kilometer vom nächsten Interstate Highway entfernt, kilometerweit kein Haus in Sicht. Fans riefen in der Telefonzelle an und hofften, dass vielleicht zufällig gerade jemand da sein könnte, der abnahm; einige reisten eigens an, um Anrufe entgegenzunehmen. Auf der Website von Deuce of Clubs findet sich ein Transkript des ersten Gesprächs, das er am 20. Juni 1997 mit einer Frau führte, die abnahm, nachdem er vier Wochen lang täglich in der Telefonzelle angerufen hatte (”I was prepared to call for years”).

Ein Reporter der Los Angeles Times, John Glionna, berichtete von seiner Begegnung mit dem 51-jährigen Rick Karr an der Telefonzelle. Karr behauptete, der Heilige Geist habe ihn aufgefordert, hier Anrufe zu beantworten. Er verbrachte 32 Tage an dem Ort und führte in dieser Zeit mehr als 500 Telefongespräche, darunter mehrere mit einem Mann, der sich als “Sergeant Zeno from the Pentagon” vorstellte.

Mit der Zeit wurde die Telefonzelle von Graffiti überwuchert. Am 17. Mai 2000 wurde sie auf Veranlassung des National Park Service von der Telefongesellschaft Pacific Bell abgerissen und die Telefonnummer außer Funktion gesetzt. Wütende Freunde der Telefonzelle organisierten eine Online-Petition zur Wiedererrichtung, die von 238 Unterstützern unterzeichnet wurde. Später wurde eine grabsteinartige Platte an dem Ort angebracht, an dem die Telefonzelle gestanden hatte; sie wurde gleichfalls vom National Park Service entfernt.

Die Geschichte der Telefonzelle spielt die tragende Rolle in dem Kinofilm “Mojave Phone Booth” von 2006. Die Dezimalkoordinaten des Orts zur Eingabe in Google Earth lauten 35.2858 N, 115.6844 W

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Das Ende der Mojave-Telefonzelle (Foto: Lara Hartley, Desert Dispatch)

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Leuchtende Zellen und das Glück

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OB EIN ORT glücklich sein kann, hängt neben anderen Dingen vom geografischen Breitengrad und der Mentalität des Ortsglücksuchenden ab. Warten etwa heißt die Zeit, in der wir fühlen, wie gleichermaßen banal und bedeutend das ist, was wir Freiheit nennen. Was Warten bedeutet, weiß jeder Nutzer digitaler Gerätschaft. Man wartet, bis dero gütigster Gerätschaft fertig zu booten geruhen, bis das Mobiltelefon so langsam zu sich kommt, bis das eine oder andere Gigabyte mit der virtuellen Handpumpe aus dem Datenkeller gepumpt ist.

Wobei es ein Süd-Nord-Gefälle gibt. Je weiter nach Süden man kommt, desto mehr wandelt sich das, was wir hier nördlicher unwohl als Warten ansehen, in eine Lebensqualität. Eines der ersten Worte, die man auf Arabisch lernt, heißt bukra - “morgen”. Jener Süden, in dem das Warten nicht als Gemütsbremsung, vielmehr als eine Lust an der Zeit empfunden wird, reicht hoch bis an den Südrand der Alpen respektive den Nordrand des Balkans. Noch im Nachbarland Österreich ist der süße Hang zum Müßigen zu spüren. So verlangt die Kaffeehauskultur ihren Teilnehmern die ernsthafte Bereitschaft zum Rumhängen ab.

Telefonzelle
(Foto:
Newchurch ™, Flickr/CC-Lizenz) ?

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DAMIT ABER ERST gar keine falschen Vorstellungen über uninnovatives Faulsein aufkommen, möchte ich darauf hinweisen, wie sehr schon vor über hundert Jahren zu Zeiten der k.&.k. Donaumonarchie die klassische Kaffeehaussituation jener Altagssuite ähnelte, die ein Netznutzer im 21. Jahrhundert vorfindet. Man ging nicht einfach ins Kaffeehaus, um Kaffee zu trinken und aus dem Fester zu sehen. Zum einen lag (und liegt) in einem guten Kaffeehaus eine Auswahl der internationalen Tages- und Wochenpresse zur Lektüre aus. Zum anderen ließen sich Stammgäste oft ihre Post nicht in ihre Wohnung, sondern ins Kaffeehaus zustellen, die sie zusammen dann mit dem ersten Kaffee an den Tisch gebracht bekamen.

Zum Weiteren gab es bereits das analoge Pendant zu Google. Im guten Kaffeehaus gab es natürlich auch ein Konversationslexikon, und wenn man bei der Zeitungslektüre auf einen Sachverhalt oder einen Begriff gestoßen war, zu dem man gern mehr wissen wollte, konnte man den Oberkellner fragen, der dann entweder mit der Auskunft oder dem bereits auf der interessierenden Seite aufgeschlagenen Lexikonband wieder zurückkam. Die Antwortzeiten lagen zwar unwesentlich höher als bei Google, der begleitende Rückfluß an Glücksgefühl aber war zweifellos höher.

Mojave Phone Booth, Sonnenaufgang
(Foto:
eyetwist, Flickr) ?

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GLÜCK IST, by the way, kein erstrebenswerter Dauerzustand. Es hat seinen Platz in den Gezeiten der Gefühle und ist, wie auch die Liebe, nicht nur ein Gefühl, sondern eine Fähigkeit. Glück ist eine Option. Ich schaue, zum Beispiel, hinaus in die blaue Dämmerung und sehe die Telefonzelle am Ende der Straße, leer und leuchtend. Eine der verbliebenen Telefonzellen, wobei ja auch die kahlen Kommunikationsmarterpfähle aus gebürstetem Stahl, die man uns stattdessen in den öffentlichen Raum gerammt hat, inzwischen mit Vordächern und Seitenwänden langsam wieder zuwachsen zu etwas zumindest Zellenhaftem.

Leuchtende, leere Telefonzellen in der Dämmerung sind wunderschön, ein paar davon gibt es ja noch. Sie sehen aus wie robotische Boten einer längst versunkenen Zivilisation, freundliche Maschinen, unermeßlich klüger als wir. Die leuchtende Zelle lädt ein, sie zu betreten und jemand Fernen anzurufen. Obgleich ein Mensch in einer Telefonzelle allein steht, wirkt doch niemand so wenig einsam wie jemand, der in einer Telefonzelle steht und telefoniert. Eine Katze, die einen Menschen telefonieren sieht, ist zurecht verwirrt. Der Mensch, in gänzlicher Zuwendung, spricht mit einem Ding. Er ist verloren an eine Ferne.

Das Allerschönste aber ist eine leere, leuchtende Telefonzelle in der Dämmerung. Ich entwerfe leicht euphorisiert ein Theaterstück, das in einer Telefonzelle spielt. In dem Stück wird eine Telefonzelle von jemandem bewohnt, der noch auf dem Brett, auf dem früher die Telefonbücher lagen, einen Untermieter hat. In dem Stück geht es um alle erreichbaren Fernen der Welt. Mit der Hand schöpfe ich noch etwas Licht in meinen Pullover und verlasse dann, glücklich, den Ort.

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Telefonzellen in der Nacht:
Nightboxes - View this group's most interesting photos on Flickriver

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Zellen im Abendrot

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Die letzten vier Telefonzellen in Manhattan stehen - interessanter Weise - alle entlang der West End Avenue, die parallel zum Broadway verläuft:

die letzten telefonzellen in manhattan auf einer Karte anzeigen

(Via Scouting New York)

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Jorge Colombo hat mit dem iPhone-Malprogramm Brushes ein paar bemerkenswerte Kleingemälde mit Straßenszenen aus New York gemacht (via psfk). ?

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Phil Ross, so heißt es drüben bei Inhabitat.com, sei “ein Ein-Mann-Laboratorium für geekige Öko-Kunst-Experimente.” Er arbeitet gern mit Pflanzen, merkwürdigen Organismen und kaputter Technik (hier ein paar Beispiele). Ein vom Wetter schon ziemlich in Mitleidenschaft gezogenes altes Handy, das er an einem Strand gefunden hat, inspirierte ihn beispielsweise dazu, ein paar Digitalkameras in einen Zementmixer zu schmeissen und sie dort in futuristische, recycelte Versionen ihrer selbst zu verwandeln. |

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