Tagesarchiv für 27. August 2009

Kulturelle Atomkraft

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MIT DER DIGITALISIERUNG gehen immer mehr Dinge, die zuvor an bestimmte unaustauschbare Materialien gebunden waren, in einen neuen Aggregatzustand über. Kulturdinge im weitesten Sinn - aus Zeichenbrettern, Tonstudios, Fernsehern, Büchern, you name it - werden Daten. Diese digitale Substanz hat eine grundlegend neue Leichtigkeit. Die digitalen Dinge lassen sich ungleich leichter bewegen als zuvor, weltweit senden, empfangen, verändern, kopieren, mit anderen teilen, remixen.

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Nicht zuletzt das Remix-Phänomen weist auf den instabilen Zustand hin, in dem sich die ganze Entwicklung derzeit befindet. Remixt werden Fragmente. Filmstücke, Soundschnipsel, Splitter anderer Kulturobjekte, die zu neuen Formen zusammengesetzt werden. Musik, Texte, Bilder, Filme, aber auch modulare Software oder enzyklopädisches Wissen befinden sich in der digitalen Welt in einem Zustand latenter Zerlegung. Die althergebrachten kulturellen Molekülverbindungen - die komplexen Formen, die sie über Jahrhunderte angenommen haben - werden nun aufgeknackt, oder sie zerfallen von ganz alleine wieder in ihre Grundbestandteile. Der Übergang in das digitale Aggregat führt erst einmal zu einer Art Ursuppe aus Bruchstücken und atomisiertem Kulturgut, das allerdings hoch reaktionsbereit ist. Es ähnelt den freien Radikalen in der Chemie, die sich auf aggressive Weise zu verbinden suchen.

Zu den prominenten zerfallenden Kulturmolekülen gehören: das (Schallplatten- oder CD-) Album, das bisher eine Handvoll Stücke von Musikern zusammenfasste, eine Schaffensperiode; die Welt-Ordnung in einer Zeitung, in “Bücher” und Rubriken strukturierte Texte und Bilder; oder die Dramaturgie eines Films, die sich gewöhnlich über eine oder anderthalb Stunden erstreckt - Filme werden jetzt tranchiert in zwei, drei Minuten lange Clips, die sich danach auf YouTube versuchsweise zu neuen Molekülen konfigurieren. Zu vagen Wolken aus Lieblingsstellen, Pointen, Fan-Parodien und Remixes.

Das Album ist atomisiert zu einzelnen Tracks. Niemand muss nun mehr mit einem ganzen Album Stücke mitkaufen, die ihm nicht gefallen (und niemand wird mehr eines der langsam aufblühenden Stücke für sich entdecken, die sich einem erst nach dem zehnten oder dreißigsten Mal des Hörens öffnen). Auch hier sind neue Molekülbildungen aus den atomisierten Teilen noch kaum erkennbar, am ehesten in den Empfehlungsstrukturen von Online-Radios oder Audio-Shops, die aber alle noch plump sind und einen davon abhalten, etwas Neues zu entdecken. Die Musikindustrie, der das Rosinenpicken ganz und gar nicht gefällt, versucht etwas einfallslos, die Bindungskräfte des guten, alten Album-Moleküls wiedererstarken zu lassen: Apple will den Verkauf ganzer Alben bei iTunes mit einem speziellen Album-Downloadformat namens “Cocktail” ankurbeln, und die Major-Labels bringen einen eigenen digitalen Album-Container namens CMX an den Start, der ab November zum Einsatz kommen soll.

Auch die klassische Struktur der Zeitung korrodiert im Netz - und die neuen Strukturen sind noch nicht so recht gefunden. Ähnlich wie in dem tatsächlich vom Untergang bedrohten Quelle-Katalog ruht in einer gedruckten Zeitung die Welt auf dem soliden Fundament einer feststehenden Ordnung - Titelseite, Meldungen über und unter dem Knick, Aktuelles, Politik, Wirtschaft, Feuilleton, Sport, Vermischtes (im Quelle-Katalog beginnt die Welt bei der Damenoberbekleidung und führt über Kinder- und Herrenklamotten ins Reich der Dinge, um am Ende mit den Elektrogeräten die Welt rund zu machen). Und wie die Musikindustrie das Album zu retten versucht, versuchen auch die Zeitungen - und natürlich auch digitale TV-Nachrichtenangebote usw. -, im Netz die alte Weltordnung fortzuschreiben.

Aber mehr und mehr werden auch die einzelnen Texte, Meldungen, Stories zu Tracks. Denn sie werden nicht mehr nur an der Quelle gelesen, sondern zunehmend weitergereicht, verteilt, via Facebook empfohlen, gediggt, reblogged und weiter atomisiert zu Zitaten und Ausschnitten. Dieses Gewimmel beginnt seine neuen Molekülformen gerade erst zu ertasten. Hilfe dabei leisten die sogenannten Aggregatoren - sei es Google News oder ein höchstpersönlich mit Site-Favoriten, Lieblingsblogs und Tweetstreams bestückter Feedreader, der sich schon ein wenig anfühlt wie die Zeitung von morgen: ein ganz nach den eigenen Interessen und Qualitätsvorstellungen zusammengestellter, flexibler Filter für Nachrichten, Information, Wissen, Unterhaltung.

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WO DIE CHEMIE-METAPHORIK allerdings versagt, ist bei der Geschwindigkeit, mit der dieser Phasenübergang stattfindet. Wenn ein chemisches Molekül auseinander bricht, dauert das Lösen oder Knüpfen der Bindungen zwischen den Atomen weniger als eine billionstel Sekunde oder Pikosekunde. Hier heraußen bei uns in der Makrowirklichkeit sehen wir seit vielen Monaten, wie sich althergebrachte Strukturen - zu deren Existenzgrundlage oft nicht zuletzt auch ihre Gewichtigkeit und Schwerfälligkeit gehören - in der digitalen Leichtigkeit aufzulösen beginnen wie Zucker in warmem Wasser. Und neue Ordnungen sind erst sehr grob zu erkennen, wenn überhaupt - etwa die Google-Trefferlisten als rudimentäre Versuche, der ins Datenchaos zerfallenden alten Ordnung zumindest ein paar Momente lang neue Form zu geben.

Wir befinden uns mitten in der größten und komplexesten chemischen Reaktion der Kulturgeschichte. Und auch wenn die Ergebnisse der Synthese erst in Schemen auszumachen sind, eines steht fest: Es gibt, genau wie im nuklearen Bereich, auch kulturelle Kernkräfte, die in jedem der scheinbar losen Fragmente wirksam sind, welche uns gerade um die Ohren fliegen. Nichts wollen diese Teile mehr, als wieder Moleküle werden oder zu Molekülen gemacht werden. Kultur möchte sich verbinden, heute mehr denn je. An dem, was Texte erzählen und Fotos oder Filme zeigen, wird sich erst einmal nicht viel ändern.

Aber die Art, wie sie zusammengestellt werden, verändert sich gerade fundamental, begleitet von Zerfallserscheinungen, Ungewissheiten und großen Chancen. Leute, schmiedet neue Moleküle! Lasst die digitalen Bunsenbrenner glühen.

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Die Katze unterm warmen Tuchdach

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(Via Mudwerks)

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Klötzchen, nicht kleckern

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Der famose Klötzchenwolken-Editor von Okuyama Kazuya – ein sonderbar beruhigendes, zeitfressendes 3D Pixel Art Drawing Tool:

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Küchenradio (1)

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Die Küche der Zukunft von gestern mit der Audio-Ausrüstung für morgen:

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(Via Bebelstrange)

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Popgummi

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Anglo Beatmint: Werbung für anglo-amerikanischen Kaugummi in dem britischen Magazin “Weekend” vom 4. Februar 1964:

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Army Hit Kit of Popular Songs (1943): In diesen monatlich von der Special Service Division verbreiteten Song-Booklets für die US Army wurden populäre Hits zum Mitsingen teils frivol umgedichtet. For use by the U. S. Armed Forces only. Not for sale.

(Hier in bequem lesbarer Größe)

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Ansehnliche alte Kaugummipapiere:

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(Via Martin Klasch)

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• Hierzu siehe auch:

Der “We met on Facebook“-Kaugummi. |

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Die Eisguerilla

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Schnell, noch ist Sommer. Nochmal von einer ganz anderen Ecke her als beispielsweise die Japaner mit ihrem Walfischeis rollen die britischen Icecreamists (”Agents of Cool”) die Eiskremfrage auf – mit Geschmacksrichtungen wie etwa Eis mit Viagrastreuseln.

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Das Rad von morgen

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Der ehemalige englische Radrennfahrer und Olympiasieger Chris Boardman zeigt das Fahrraddesign der Zukunft. In dem Kohlefaser-Rahmen stecken ein Computer, ein zuschaltbarer, solargetriebener Motor und Meßinstrumente für die körperliche Leistungsfähigkeit. Natürlich kann man mit diesem Fahrrad auch Musik hören. In den kommenden Jahren soll das Rad zu einem integralen Teil unseres Lebens werden:

(Via Notcot)

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?Holzweg” von Arndt Menke aus Berlin: Ein Fahrrad mit Holzrahmen.

(Via core.form-ula)

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? Ein wunderbares Fahrradspiel von Yo!

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? eROCKIT, ein Motorrad-Fahrrad-Hybride:

Ein Interview mit dem Berliner eROCKIT-Designer Stefan Gulas. |

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? Kevin Cyr aus Brooklyn und sein Camper Bike:

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? Eine neue Dimension jenseits von Trailer und Luxus-Caravan: Rolling Huts.

(Via PicoCool)

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? Vintage Trailers:

jsilverek - View my most interesting photos on Flickriver

? The Vintage Travel Trailers Pool:

Vintage Travel Trailers - View this group's most interesting photos on Flickriver

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Retuschiert, automatisiert

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Drüben bei Mashable berichtet Stan Schroeder über zwei bis auf ein denkwürdiges Detail identische Fotos aus der Werbekampagne “Empower your people” von Microsoft.

Das eine Foto, auf dem ein Asiate, ein Schwarzer und eine Weiße an einem Konferenztisch sitzen, ist auf der US-Site zu sehen. Das andere Foto, auf dem der Schwarze per Photoshop enthauptet und mit dem Kopf eines Weißen versehen wurde, war auf der polnischen Version der Website zu sehen. Die Hand und der Oberkörper des Schwarzen waren unverändert geblieben.

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Zu einem Posting über den Vorfall drüben in dem Blog black.in.NRW blendet Google AdSense geschmackvoll diese Kleinanzeigen ein:

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Microsoft-Sprecher Lou Gellos hat sich für das Vorgefallene entschuldigt. Darüber hat unter anderem Associated Press (AP) berichtet. Zu der Nachricht blendet Google AdSense geschmackvoll jene Kleinanzeigen ein:

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Die Foto-Retusche wurde inzwischen rückgängig gemacht.

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Instrument des Tages (17): Die Seidensaiten-Zither Qin (??)

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Die Qin ist die klassische chinesische Griffbrett-Zither. Sie zu spielen galt im alten China als eine der Vier Künste (neben dem Schachspiel, der Kalligraphie und der Malerei). Die Bezeichnung Seideninstrument kommt daher, dass Saiten früher nicht wie heute aus Stahl oder Nylon gefertigt wurden, sondern aus Seide.

Der Legende zufolge reicht die Geschichte des Instruments mehr als 5000 Jahre zurück. Die ältesten Aufzeichnungen, in denen die Qin genannt wird, sind immerhin 3000 Jahre alt.

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? Tao Chu-Shen spielt die klassische Qin:

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? Hier im Verband gespielt in einer Taoisten-Bigband, zusammen mit interessanten Blasinstrumenten, die aussehen wie Modelle des Kölner Doms:

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? tanukitime hat die Bünde aus dem Steg einer alten E-Gitarre rausgenommen und sie mit einer Kombination aus Bass-Saiten, Saiten für akustische Gitarre und E-Gitarrensaiten so präpariert, dass sie sich wie eine Qin stimmen läßt: “Ich bin kein Qin-Spieler und das ist auch kein klassisches Qin-Stück. Ich wollte nur mal zeigen, wie man dieses Instrument genauso klingen lassen kann wie die Qin.”

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Drüben bei MetaFilter haben wieder ein paar kundige Leute ihr Wissen zusammengelegt: The Guqin Silk String Zither. |

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