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Altes Kulturschaffen, das mit dem Internet in Berührung kommt, zieht manchmal bemerkenswerte Phänomene nach sich.
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KAFKAESK nennen wir etwas, das auf besonders tiefgehende Art rätselhaft erscheint. Dem Begriff zugrunde liegen die Werke von Franz Kafka, die berühmt sind für ihre klare Sprache und aber immer von etwas Ungreifbarem handeln.
Ich stehe vor zusätzlichen Rätseln, die mit den Wegen zu tun haben, welche Franz Kafka ins Internet angetreten hat. Begonnen hat es mit einer Geschichte des israelischen Satirikers Ephraim Kishon, die ich in den siebziger Jahren gelesen habe. Sie heißt “Schaschlik, sum-sum, wus-wus” und es geht darin um die Benennungshoheit von Speisen in einem arabischen Restaurant in Tel Aviv. Der Held der Geschichte verdächtigt den Wirt, die Namen der Zutaten zu erfinden, um ihn einzuschüchtern, und erfindet seinerseits Gerichte, die er selbstsicher bestellt - und auch bekommt (”Was? Das soll ein echtes wus-wus sein?”). Eine der georderten Mahlzeiten, “Mao-Mao mit Kafka”, weigert er sich anzurühren, “solange kein Kafka auf dem Tisch steht”. Zu “Kafka” gibt es hier, für Unterhaltungsliteratur unüblich, sogar eine Fußnote: über die literarischen Qualitäten Kafkas bestünden keinerlei Zweifel, seine kulinarischen Werte seien jedoch noch nicht geklärt. Diesen überraschenden Absprung habe ich Jahre später als eine erste Vorahnung auf das wiedererkannt, was uns nun im Internet als Verlinkung begegnet.
Mitte der neunziger Jahre stieß ich wieder auf Kafka, diesmal explizit netzrätselhaft. Eine Privatbrauerei und die Literarische Gesellschaft Karlsruhe präsentierten eine “virtuelle Bibliothek”, die unter anderem aus einer Online-Fassung von Kafkas “Brief an den Vater” bestand. Die interaktiven Bedienelemente dazu waren im Bierdeckeldesign ausgeführt, einen Mausklick weiter konnte man “Bier-Geräusche” wie Rülpsen oder Eingießen abrufen. Der Begriff “gemeinfreier Text” erhielt für mich eine neue Bedeutungsfacette. (Gemeinfrei sind Texte, die nicht mehr dem Urheberrecht unterliegen und der Allgemeinheit gehören).
Mit dem in letzter Zeit vielzitierten “Heidelberger Appell” berührte Kafka mich neuerlich durch die Weiten der digitalen Welt hindurch: Der Initiator des Aufrufs, der Literaturwissenschaftler Roland Reuß, wendet sich vehement gegen eine Enteignung von Autoren durch die Buchsuche von Google (und gegen den freien Zugang zu wissenschaftlicher Literatur). Zugleich ist Reuß Herausgeber der historisch-kritischen Kafka-Ausgabe - ausgerechnet Franz Kafka, dessen Werke größtenteils erst nach seinem Tod und gegen seinen erklärten Willen von seinem Freund Max Brod (einem Juristen), veröffentlicht worden sind. “Faßt Du Dein Urteil über mich zusammen”, heißt es an einer Stelle in dem ‘Brief an den Vater’, “so ergibt sich, dass Du mir zwar etwas geradezu Unanständiges oder Böses nicht vorwirfst, aber Kälte, Fremdheit, Undankbarkeit.”
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