Archiv für die Kategorie 'Hypermoderne'

Bunter Bewußtseinsstrom

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Für das bis heute in London stattfindende Festival “onedotzero_adventures in motion” haben die Agentur Wieden + Kennedy und Karsten Schmidt (aka toxi) eine interaktive Installation erarbeitet, die auf die vielen Fans des Festivals baut.

Sie führt die verschiedenen Online-Konversationen und Mitteilungsquellen – Twitter, Flickr, Vimeo, Facebook und Blogs – zu einem gemeinschaftlichen visuellen Bewußtseinsstrom zusammen:

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(Via Creative Applications)

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Gesichtgedicht

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Aus dem Bermudadreieck zwischen Lyrik, Typographie und Grafikdesign:
Typoesie von Tariq Yusuf.

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(Via Design You Trust)

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Das Multiuserorchester

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Wir bewegen uns aus dem Einen ins Viele, es ist an immer mehr Stellen zu spüren.

Hier In B flat 2.0, ein kollaboratives Musik- und Wort-Projekt, das sich Darren Solomon von Science for Girls ausgedacht und mit Hilfe eines Haufens von Kollaborateuren verwirklicht hat.

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Die Videos können alle gleichzeitig abgespielt werden oder auch nur einige, der Soundtrack paßt immer zusammen. Mit dem jeweiligen Lautstärkeregler kann man das ganze individuell abmischen.

Manche vergleichen In Bb 2.0 mit dem famosen Kutiman-Mix, aber es ist anders.

(Via Crackunit)

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Der Psychoanrufentgegennehmer

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Wieder einmal ein hypermodernes Gedicht: “Psychatric Answering Machine” von Michalforcer, eine typographische Animation (Typoesie):

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(Dank für den Tip an Sascha Lobo)

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Hypermario

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Dieser überrealistische SuperMario wurde von Pixeloo geschaffen. Einer 3D-Form von Nintendos Mario hat er eine Reihe zufälliger Gesichter als Texturen übergestreift:

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(Via Next Nature)

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• Hierzu siehe auch:

Homer Simpson, untooned
Charlie Brown, realistisch: das Monster

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Googeldichten

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War ich je hier?

Ingeborg Bachmann, “Abschied von England”

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Justin Talbott hat auf Question Suggestions (”small voyages into the collective psyche of humans who ask google questions“) eine neue Literaturgattung begründet, die ich Google Suggest-Lyrik (GSL) nennen will. Sie ist hypermodern und mindestens so lustig wie die konkrete poesie in den besten Zeiten von Ernst Jandl, H.C.Artmann oder Gerhard Rühm.

Wie ich das sehe, besteht ein GSL-Gedicht aus einem Auslöser und dem von Google Suggest daraufhin zugespielten Gedichtkorpus. Bei dem Auslöser sollte es sich um eine in möglichster dichterischer Knappheit gehaltene Suchphrase handeln, die in den Google-Schlitz eingetippt wird, worauf sich wie ein zum Auslüften aus dem Fenster geworfenes, weißes Leintuch darunter ein Textfenster entfaltet, in dem Google Suggest seine Vorschläge zur Feinsteuerung der Suche unterbreitet.

Das Neue an dieser Art von Dichtung ist, dass man einen Algorithmus dazu reizt, Gedichte zu verfassen, wobei man ihm einen ebenfalls bereits lyrisch verknappten Auslöser hinhält. Die Ergebnisse haben nichts mit herkömmlichen Maschinengedichten zu tun. Die der Poesie eigene Vieldeutigkeit findet bei Google Suggest ihre Entsprechung in der mysteriösen Reihenfolge, mit der die Einflüsterung der Vorschläge (Souffleurs du Mal – Don’t be evil) abfolgt.

Die Sortierung der von Suggest empfohlenen Zeilen erfolgt weder alphabetisch noch nach dem angegebenen Treffervolumen. Laut Google werden die Begriffe aufgrund einer Vielzahl an Informationen prognostiziert (”Our algorithms use a wide range of information to predict the queries users are most likely to want to see”). Wie auch sonst bei Google und bei ernstzunehmender Lyrik üblich, bleibt das Geheimnis also in sich geschlossen.

Eine Rolle spielen geografische Faktoren. “So soll”, berichtet Katja drüben bei antscd.de, “dem User in den USA bei der Eingabe von liver so etwas wie Lebererkrankung angezeigt werden. In den UK hingegen Liverpool.” Ob es auch innerhalb Deutschlands Unterschiede gibt, ist bis jetzt nicht bekannt. Gedichte lassen sich damit also auf eine bislang unbekannte Weise auch nach Weltorten variieren.

Justin Talbotts GSL-Sammlung ist eine unbedingte Leseempfehlung. Diese Art Dichtung verrät uns erstaunlich viel über uns, unsere Zeit und das Sehnen und Trachten der suchenden Klasse – wie außerordentlich modern. Fand ich so anregend, dass ich gleich mal eine halbe Sunde suggestgedichtet habe. Macht immens Spaß. Hier mein erster GSL-Zyklus:

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Fließende Dichte


Ein Hyperclip des kanadischen Künstlers Marco Brambilla aus 500 auf YouTube gefundenen Videos (hier die HD-Version)


(Via cpluv)

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Ein dicker Dank…

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…an die Wizards der Stuttgarter Zeitung für die Neugestaltung der Glaserei (und insgesamt die neue Stuttgarter Zeitung Online).

Jetzt ist das eine aufgeräumte, klare Sache, in der ich noch viel lieber als zuvor weiterdichte und gefundene Netzatome zu Molekülen verwebe. Wie gefällt euch die neue Erscheinungsform? Anregungen, Jubel, Beschwerden?

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Zur Feier des Tages der passende Abschnitt aus dem Meisterwerk “Der verhinderte Dichter Balduin Bählamm” von Wilhelm Busch, worin er auch bereits das Zeitalter des modernen Teilens vorhergesehen hat:

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Im Durchschnitt ist man kummervoll
Und weiß nicht, was man machen soll. -
Nicht so der Dichter. Kaum mißfällt
Ihm diese altgebackne Welt,
So knetet er aus weicher Kleie
Für sich privatim eine neue
Und zieht als freier Musensohn
In die Poetendimension,
Die fünfte, da die vierte jetzt
Von Geistern ohnehin besetzt.

Hier ist es luftig, duftig, schön,
Hier hat er nichts mehr auszustehn,
Hier aus dem mütterlichen Busen
Der ewig wohlgenährten Musen
Rinnt ihm der Stoff beständig neu
In seine saubre Molkerei.

Gleichwie die brave Bauernmutter.
Tagtäglich macht sie frische Butter.
Des Abends spät, des Morgens frühe
Zupft sie am Hinterleib der Kühe
Mit kunstgeübten Handgelenken
Und trägt, was kommt, zu kühlen Schränken,
Wo bald ihr Finger, leicht gekrümmt,
Den fetten Rahm, der oben schwimmt,
Beiseite schöpft und so in Masse
Vereint im hohen Butterfasse.

Jetzt mit durchlöchertem Pistille
Bedrängt sie die geschmeidge Fülle.
Es kullert, bullert, quitscht und quatscht,
Wird auf und nieder durchgematscht,
Bis das geplagte Element
Vor Angst in Dick und Dünn sich trennt.

Dies ist der Augenblick der Wonne.
Sie hebt das Dicke aus der Tonne,
Legt’s in die Mulde, flach von Holz,
Durchknetet es und drückt und rollt’s,
Und sieh, in frohen Händen hält se
Die wohlgeratne Butterwälze.

So auch der Dichter. - Stillbeglückt
Hat er sich was zurechtgedrückt
Und fühlt sich nun in jeder Richtung
Befriedigt durch die eigne Dichtung.
Doch guter Menschen Hauptbestreben
Ist, andern auch was abzugeben.

Der Dichter, dem sein Fabrikat
Soviel Genuß bereitet hat,
Er sehnt sich sehr, er kann nicht ruhn,
Auch andern damit wohlzutun;
Und muß er sich auch recht bemühn,
Er sucht sich wen und findet ihn.

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Darwin und das Ganze

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DAS MECHANISCHE STEREOTYP in der herkömmlichen Geschichte der Technik ist so beharrlich, dass beispielsweise die Erfindung des Telephons meist ohne Hinweis auf die Tatsache geschildert wird, dass Alexander Graham Bell den Hörer bewußt der Anatomie des menschlichen Ohrs nachgebildet hat. Es war die erste verblüffende Erfindung, die auf einem organischen Modell beruhte und einen Lebensvorgang durch die Anwendung einer vorgegebenen biologischen Lösung simulierte.

Darwin Harbour, Stokes Hill Wharf (Foto: Stephen Barnett, Flickr/CC) ?

Beim Bau von Computern wurden erst Fortschritte erzielt, als die mechanischen Komponenten durch elektrische Ladungen ersetzt waren, so wie es bei der Informationsübermittlung im Nervensystem geschieht - ein Schritt, zu dem hereits Galvanis frühe elektrische Experimente mit den Reflexen eines Froschs den Ansatz geliefert hatten. Die Bedeutung organischer Phänomene für die Kybernetik und die Netztechnik ist heute so klar, dass zu modernen Forschungsteams nicht nur Mathematiker, Physiker und Techniker, sondern auch Physiologen, Neurologen und Linguisten gehören.

DER ERSTE und vielleicht größte Ökologe war Charles Darwin, Erdenker der Evolution, der die Vorstellung einer Erde als ein in sich verwobenes, in jeder Hinsicht dynamisches Gebilde in ihrer organischen Ganzheit zu fassen versuchte. Kein anderer hat das konstante, unlösliche Zusammenspiel zwischen Organismus, Funktion und Umwelt so gründlich beschrieben wie er. In seiner Person war das postmechanistische Weltbild, das auf dem beobachteten Wesen der lebenden Organismen beruht, symbolisch verkörpert.

Was Darwins Gedanken so überzeugend machte, waren nicht seine spezifischen Theorien, sondern seine einzigartige Fähigkeit, eine große Zahl von Beobachtungen bestimmter Ereignisse verschiedenster Art zusammenzufassen. Sich diese Fähigkeit auf neue Weise zueigen zu machen mit Gewinn für alle Beteiligten und sie auf die Überfülle an Informationen anzuwenden, die durch das Online-Universum wölken, gehört zu den vornehmsten Aufgaben unserer Zeit.

Micro Monkey-Socken anläßlich des Geburtstags von Charles Darwin (Foto: milele, Flickr/CC) ?

OBWOHL KEINE einzelne Beobachtungsfolge zur Erklärung der Evolution des Lebens ausreichte, enthüllte die Gesamtheit, als Darwin sie zusammenfügte, ein konkretes Muster von äußerster Komplexität. Im organischen Weltbild gewinnt auch die Zeit eine neue Bedeutung. Sie wird nun nicht mehr nur mit Bewegung und serieller Abfolge in Verbindung gebracht, sondern auch mit dem organischen Wachstum der Art und des Individuums. Die Vergangenheit geht nicht verloren, sie bleibt im individuellen Gedächtnis, und in der gesamten Struktur des Organismus präsent. Der Mensch hat sich darüber hinaus die Dimension der Zeichen und Bedeutungen als einen besonderen Ort der Unsterblichkeit erschlossen.

Durch diese neue Idee der Zeit, von Ganzheitlichkeit getragen, erweist sich das herkömmliche Fortschrittsdenken - die Vergangenheit muß überwunden und beseitigt werden! - als Teil der linearen Falle. Die große Revolution, die wir brauchen, verlangt vor allem eine Transformation des mechanischen Weltbilds und seiner digitalen Fortführungen in ein organisches, in dessen Mittelpunkt der Mensch steht, “kühl und gefaßt einer Million Welten gegenüber”, wie Walt Whitman es ausdrückte.

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Die Rückkehr der reitenden Medien

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Papierpost im Computer bekommen - mit einer Computer-Mailbox (via Craziestgadgets) ?

Echte Schnecken bringen E-Mails: Muriel, Austin und Cecil waren Schnecken für das elektronische Zeitalter. Die Gastropoden wurden mit RFID-Chips ausgerüstet, die es ihnen erlaubten, auf Anweisung von Besuchern einer Website E-Mails zu senden. Statt augenblicklich reisten die Nachrichten allerdings mit 0,05 km/h. Es konnte Tage oder sogar Monate dauern, bis eine Mail ihren Empfänger erreichte. Real Snail Mail war Teil eines slow art-Projekts an der britischen Bournemouth University und wurde im August letzten Jahres auf der Siggraph in Los Angeles zum Einsatz gebracht (via Weekendamerica). |

SnailMail online checken: Ron Wiener hat Earth Class Mail erfunden. Als erstes bekommt man eine neue Adresse, an die künftig die Briefpost geschickt wird. Der Clou: die (verschlossenen) Umschläge werden eingescannt und man kann sich erstmal ansehen, wer einem Post geschickt hat. Dann kann man sich seine Post wohin auch immer nachschicken lassen - ohne Reklamemüll. Wiener sagt, dass er mit der Post das macht, was das Handy mit dem Festnetz gemacht hat, nämlich es zu mobilisieren.

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Ein Insasse des Gefängnisses im nordrhein-westfälischen Willich konnte entkommen, indem er sich selbst in einem Karton per Expresspost verschickte. |

Das Hyper-Handy: ein tragbares, drahtloses Wählscheibentelefon (Bloetooth). Endlich. ?

Nein, ich will keinen Brief schreiben!”, ruft Matthias Plüss in dem schönen Magazin mit dem Titel Das Magazin in die digitale Welt hinaus. |

Basics: Wie man zu einer fast leeren Inbox kommt (via New York Times). |

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Drüben im Britannica Blog gibt es eine melancholische Betrachtung über das Schicksal des Briefmarkensammelns im Internet-Zeitalter. |

Die neuen Simpsons-Briefmarken der amerikanischen Post. Wird die Blaue Bart in absehbarer Zeit die Blaue Mauritius ablösen? | Briefmarken mit Monstern drauf. |

Bei Telegramstop kann man ein klassisches Telegramm nach überallhin senden (”schicket gelder stop darbe stop sohn”). Ihr wißt schon, eines dieser Papierformulare, auf denen man E-Mails verschickt hat, ehe es E-Mails gab. Es dauert allerdings etwas länger als zu den Zeiten, als das Telegramm die schnellste schriftliche Benachrichtigungsmethode war. ?

Ein Friedhof für Zeitungsselbstbedienungsautomaten. | Ein Friedhof für Neonschriftzüge in Las Vegas. | Wohin gehen Dinge wenn sie sterben? |

Tiger Mike will es getippt. |

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Bauhaus: Bilder

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• Bilder von der Bauhaus-Universität in Weimar:
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• Eine Flickr Group für Bauhaus-Aficionados:
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The Real Bauhaus:
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Bauhaus Dessau:
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Bauhaus-Architektur und -Design:
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Neue Sachlichkeit:
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Rationalismus in der Architektur:
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Architektur der Moderne 1880-1940:
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Modernismus:
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Hightech und Hose

WENN MICH ein Roboter hätte sehen können, er hätte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen.

Ich saß auf der Bettkante und versuchte, einen Gedanken festzuhalten, den ich aus einem Traum gerettet hatte. Solche Ideen sind filigran, wie kleine Gebäude aus Asche. Auf dem Nachttisch lag eine Packung Kopfschmerztabletten. Ich trennte die Pappschachtel auf, um das unbedruckte Innere als Notizzettel benutzen zu können. Mir war eingefallen, dass ich in der Hosentasche einen Kugelschreiber hatte, also angelte ich meine Hose vom Fußboden und suchte meinen Weg in die Beinröhren. Ich versuchte, nicht allzu intensiv an den Kugelschreiber zu denken, um den noch unnotierten Gedanken nicht zu verscheuchen. Während ich mir die Hose anzog, fiel der Kuli aus der Hosentasche.

Ich sah mir dabei zu, wie ich ein verdrehtes Hosenbein geradeschob und am Reißverschluß zippelte, bis er sich endlich hochziehen und mit dem Metallknopf im Bund abschließen ließ, über dem dann noch die Gürtelschnalle zugemacht wurde. Angesichts der Umstände, die ein Mensch auf sich nimmt, um bekleidet an der Zivilisation teilzunehmen, fragte ich mich, wie wohl ein Robotiker mit einem solchen Aufwand umgehen würde.

Einfache Antwort: Garnicht.

KEIN KYBERNETIKER würde auf die Idee kommen, einen Roboter zu bauen, der sich eine Hose anziehen kann. Das ganze Konzept des Hoseanziehens ist aus Sicht eines Roboterbauers absurd. Ein Roboter mit Hose würde nur Umstände machen. Dinge wie Schamhaftigkeit oder Schutz vor Kälte und Schmutz sind für eine Maschine kein Thema.

Der Kuli, der aus meiner Hose gefallen war, war ein Stück unters Bett gerollt. Da ich zu faul war, mich zu bücken, tastete ich mit einem Fuß nach dem Stift. Als ich ihn fühlte, konnte ich eine kleine animalische Fähigkeit zum Einsatz bringen, über die ich verfüge: Ich kann auch mit den Zehen greifen. Ich reichte mir den Kuli mit dem Fuß in die Hand und notierte ein paar Stichworte auf die weisse Innenseite der Schachtelpappe.

Es gibt unter den Robotikern ein paar, die sich als Avantgarde sehen. Sie vertreten die Auffassung, dass eine künstlich intelligente Maschine der nächste Schritt der Evolution sein wird. Die erträumten Zukunftswesen, die den Menschen in seinen Fähigkeiten weit übersteigen sollen, werden eine Menge Dinge nicht können, weil ihre Konstrukteure es nicht für nötig halten. Wozu sollte das auch gut sein, dass eine künstliche Intelligenz beispielsweise Hosen trägt?

Nichts von dem, was ich in den drei Minuten auf der Bettkante gemacht habe, würde in die Interessenssphäre einer solchen Maschine fallen. Die Künstliche Intelligenz würde sich nicht in eine Hose wurschteln und keinen Papierstück für ihre Notizen benutzen. Sie hätte keinen Traum, aus dem ein vager Gedanke aufstiege, kein Kuli fiele ihr aus der Tasche und bei dem Versuch, ihn unterm Bett vorzuangeln, entfiele ihr auch nicht wieder die Hälfte.

Sie hätte in einem Sekundenbruchteil die Feststellung gemacht, dass eine Hose dem emotionalen Bedürfen eines Menschen entgegenkommt, so what. Und sie hätte, allerdings ohne das absichtlich zu tun, dem Menschen wieder deutlich gemacht, was ein Mensch ist: Das Wesen, das die Hosen anhat.

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.? Roboter, als Roboter verkleidete Menschen und Dinge, die aussehen wie Roboter:

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? Ein Spezialfall von Hose: die Knickerbocker:

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Hyperlyrik: Die Zigarette ist tot


Modernste Dichtung: Ein weiterer Beleg für etwas,
das man Typoesie nennen könnte:

(Hierzu siehe auch diese Beispiele.)

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Hypergoogeln: Pimp my Saug

One of our new neighbors is Robert. Interesting guy, very friendly and helpful. Raised on a reservation. Served time in the joint for selling 14,000 pounds of stolen cashews. Pimped his El Camino with bucket seats, and that armrest in the middle is actually from a sectional couch. The top slides back for ample storage space. Sweet! (Foto: Editor B, Creative Commons-Lizenz) ?

Seit Jahren nervt die schwedische Firma Electrolux uns mit ihrem Internet-Kühlschrank. Im Jahr 2000 wurde die “Generalprobe für den Internet-Kühlschrank” namens Screenfridge verkündet (”50 dänische Familien testen einen neuen Kühlschrank mit eingebautem Internetanschluss”). Sieben Jahre später wird er immer noch als die schärfste Erfindung seit dem tiefen Teller angepriesen – der Kühlschrank solle “einmal eine führende Rolle im schwedischen Smart-home-Konzept spielen.” Jahr für Jahr bekommen wir, als wären es Neuigkeiten, immer dasselbe mitgeteilt, nämlich dass der Sceenfridge E-Mails verschicken, Rezept-Vorschläge machen und Fernseh-Programme empfangen kann und von alleine online Lebensmittel nachbestellen können soll, die weggegessen oder leergetrunken sind. Schon die Vorstellung, dass mein Kühlschrank so vor sich hinbestellt, finde ich unbehaglicher als einen Pubertierenden, der mit meiner Kreditkarte unterwegs ist.

Nun hat Electrolux einen Staubsauger entwickelt, der zwar noch über keinen Internetzugang, dafür aber über vorgeblich exquisite andere Extras verfügt. Genauer gesagt hat man sich mit einem Designer zusammengetan, der einen fertigen Staubsauger gepimpt hat. Er hat ihn in akkuratem geometrischen Raster mit 3730 Swarowski-Kristallsteinchen überzogen.

Das Pimpen ist, wie wir alle wissen, vom Pimp abgeleitet, dem Luden, der möchte, dass er in seinen Rotwein auch so ein Papierschirmchen kriegt wie’s der Herr da drüben in seinem Drink hat, und der vor allem Wert darauf legt, dass die Dinge in seinem Besitz Bling-Bling sind, oder kurz: Bling. “Bling-Bling steht für eine aggressive, nach bürgerlichen Maßstäben protzige Zurschaustellung von Reichtum”, weiß die Wikipedia. “Eine Uhr mit Bling-Bling erkennt man z. B. an den vielen Diamanten.” Der Begriff kommt aus alten Zeichentrickfilmen, in denen überdimensionale Edelsteine beim Funkeln stets ein typisches Geräusch machen – Bling-Bling! – und hat sich über die HipHop-Szene längst in den Mainstream vorgearbeitet. Hier entfacht er zwischen Fußballern mit Brilliantohrsteckern, verchromten Autofelgen und Glitzersteinchen-enkrustierten Mobiltelefonen und iPods ein funkelndes geschmackliches Fiasko.

Der gepimpte Staubsauger heißt ErgoRapido, hat erstaunlicherweise wegen seiner schlichten Grundausstattung bereits Designpreise abgeräumt und mußte sich nun aus PR-Gründen einer kristallinen Totalverhunzung unterziehen lassen. “Reich trifft blöd” betitelt BoingBoing ein Posting über das luxurierte Haushaltsgerät. Der Name des Designers, der durch die verschiedenen Gadget-Blogs – etwa 500 Google-Treffer – weitergereicht wird, klingt “ein bisschen ausgedacht”: Lukasz Mistletoe (zu deutsch: Mistelzweig), angeblich ein junger polnischer Celebrity-Ausstatter und Modedesigner, der aber im Netz außer neben dem komischen Staubsauger nirgendwo zu finden ist. Was nicht weiter verwunderlich ist, da sein tatsächlicher Name Lukasza Jemiola Opfer einer automatischen Google-Übersetzung wurde – “Jemiola” heißt “Mistel”, was Google aus dem Polnischen ins Englische freizügig mit “Mistletoe” übersetzt.

Tatsächlich hat die Saugerveredelung auch eine bizarre kapitalistische Pointe. Um Geld zu sparen, kündige Electrolux Ende 2005 in Deutschland an, eine Produktionsstätte mit 1.750 Beschäftigten in Nürnberg aufzugeben und die Kapazitäten in italienische und polnische Betriebsstätten zu verlagern. Die Verlagerung vollzog sich über zwei Jahre und führte in der Nürnberger Region zu erheblicher Verärgerung. Was macht die Firma, in Polen angekommen, mit dem gesparten Geld? Die Pressemeldung anläßlich der Gala-Premiere des ErgoRapido Crystal, der während einer Modenschau des zugehörigen Designers im November 2008 in einer altehrwürdigen Zitadelle in Warschau vorgestellt wurde, liest sich streckenweise wie das Rollout eines neuen Learjets. Dass es letztlich doch nur um einen kabellosen Staubsauger geht, war nicht restlos wegzudesignen – Sätze wie “All das führt dazu, dass das Gerät wirkungsvoll Krümel, Haare, Sand und Staub aufsaugt” sind einem Rest von Realität geschuldet.

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Auf in die Hypermoderne: Der Übergang

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In einem Artikel mit dem trefflichen Titel “Rasender Stillstand” erörtert Rainer Baginsky, dass ein Amschel Meyer Rothschild seine Börsengewinne nach der Schlacht von Waterloo noch in aller Ruhe machen konnte, weil ihm die Informationen von Brieftauben überbracht wurden anstatt auf dem Postweg. Das sicherte ihm den entscheidenden Vorsprung vor der Konkurrenz.

Heute sieht der Wettbewerb der Informationsmittel, der einem die nötigen Sekundenbruchteile liefern soll, deutlich anders aus. Mancher fühlt sich dabei von einer neuzeitlichen Beschleunigung erfaßt, die immer weiter zuzunehmen scheint und sich als Unruhe ins Gemüt und die planende Absicht gräbt. “Früher“, sagt ein Verlagsmann, “hatten wir einen Zustand, dann kam eine Veränderung, dann ein neuer Zustand. Jetzt ist Veränderung der Zustand.”

Einige fürchten, dass die Geschwindigkeit immer weiter zunehmen könnte, bis sie schließlich von einem übermächtigen Fahrtwind jählings von ihrem Platz an der Front der Moderne fortgerissen würden, wie von einem Sturmstoß. Im Aufrauschen der Neuigkeiten entsteht eine Erregung, die zu oszillieren beginnt und die statt Zeit Gleichzeitigkeit erleben möchte, statt Aktion Parallelhandlungen. Die Frequenz nimmt aber nur bis zu einem bestimmten, kritischen Punkt zu, an dem sich eine neue Struktur ausgeprägt hat, ein neuer Grad an Ordnung, und sich eine neue Geläufigkeit einstellt.

Es ist eine Zeit des Übergangs. Sie ähnelt dem Monitorflimmern, das vom Fernsehbildschirm über den einfachen Videomonitor immer mehr zunimmt und Augen und Nerven strapaziert. Ab einer bestimmten Beschleunigung respektive Bildwechselfrequenz (über 72 Hertz) verschwindet das Flimmern. Das Bild wird still und klar. Beschleunigt man weiter, wird das Bild noch stiller und klarer.

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Neue Formen von etwas: Typoesie


In einer Talkshow mit dem Literaturkritiker Denis Scheck, in der ein junger Seifenschauspieler was Nettes über Kultur sagen wollte und berichtete, dass er im Urlaub auch gern mal ein Buch lese, stellte Scheck klar, dass es nicht um Alphabetisierungskampagnen gehe, sondern um Literatur. Und während Marcel Reich-Ranicki nun auf das dumme Fernsehen losgeht und die Fernsehleute auf das, was sie für Literatur halten, haben sich längst neue Formen von etwas entwickelt, das Literatur ist und auf hochinteressante Weise mehr.


• Der Klassiker: Prince, “Sign O The Times” von 1987. Der Videoclip zum Titelsong der gleichnamigen LP war eine elegante Sensation:



• Der neue Klassiker: Das Schöpfungsgeschichtengeschluder zur höheren Ehre des Aufschiebestandardwerks von Kathrin Passig und Sascha Lobo:




• Eindrucksvoll auch  “Die Ewigkeit schmerzt” von Neuro (danke Iris):



Und hier noch eine großartig typoesierte Erklärung der Menschenrechte (englisch). |

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Die Hypermoderne


Um ein vollständiges Objekt auf einer Fläche darzustellen, bedient sich der schriftkundige Mensch der dreidimensionalen Perspektive. Er zeigt die sichtbare Oberfläche lediglich von einem einzigen Standpunkt aus, wie sie in einem einzigen Augenblick erscheint. Kurz: Er scheitert. Im Gegensatz dazu stellen die eingeborenen Künstler in Britisch Kolumbien einen Bären aus diversen Blickwinkeln dar - zum Beispiel direkt von vorne, im Profil, von hinten, von oben, von unten, von innen, von außen, und das alles gleichzeitig. Mit Hilfe einer außergewöhnlichen Mischung konventioneller und realistischer Darstellungsmittel enthäuteten und entbeinten diese Schlächter-Künstler das Tier, weideten es sogar aus, um auf einer Fläche ein neues Wesen zu konstruieren, das jedes wichtige Element des ganzen Geschöpfs zum Vorschein brachte.

Edmund Carpenter

Ein Inbild der alten Zeit, die jetzt vergeht, ist der Schiedsrichter beim Fußball. Er ist mit seiner Sicht auf einen einzelnen Standpunkt beschränkt. Er ist heute hoffnungslos der elektronischen Multiperspektive unterlegen, die bereits jedem Couchpotatoe vor dem Fernseher zur Verfügung steht.

In kritischen Situationen muß der Unparteiische auf dem Spielfeld aus seiner subjektiven Position heraus entscheiden. Ein fester Standpunkt wird plötzlich zur Einschränkung. Der Zuschauer auf seinem Sofa bekommt im Lauf der nächsten Sekunden die Situation aus einem halben Dutzend unterschiedlicher Kamerapositionen zugespielt, einschließlich der Zeitlupenwiederholungen. Er kann sich ein - dem Fußball angemessenes - rundes, ganzheitliches Bild der Lage machen.

Wenn der Potatoe zur Fernbedienung greift, wird er noch mächtiger (obwohl man angesichts des Nachmittagsprogramms manchmal daran zweifeln könnte). Mit der Fernbedienung wurde das Lichtschwert des Mediennutzers erfunden. Er übernimmt, lange schon, selbst die Bildregie. Schalt mich nicht um! - auf diese zentrale Botschaft hat sich das Programm heute reduziert.

Das Netz ist der Traum des in seinem Hamstertretrad aus 30 Programmen gefangenen Fernzusehers. Wenn er aufsteht und sich an seinen Rechner setzt, wird klar, dass sich die Welt verändert. Und dass er nun daran teilnehmen kann.

Ein Meisterstück, das anschaulich macht, was Multiperspektive bedeutet: Ein Werbespot für die britische Zeitung The Guardian von 1986. | Der französische Fotokünstler Georges Rousse stellt unter Beweis, dass der Standpunkt - ein ganz bestimmter Standpunkt - noch erstaunliche Möglichkeiten bietet. Der rote Stern ist ebenfalls von 1986. | Eine Guardian-Kampagne 21 Jahre danach: eine verschlungene, vernetzte, komplexe Welt - hypermoderne Variationen. |

Der Eureka Tower im australischen Melbourne ist mit 300 Metern Höhe eines der höchsten Gebäude der Welt. Wohnungen darin werden unter anderem damit beworben, dass sich “in jedem Apartment die Fenster öffnen lassen”. Der Designer Axel Peemöller hat das Leitsystem in der Tiefgarage in Gestalt einer phantastischen Illusionstypographie gestaltet. Standpunkt rules! |

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