Archiv für die Kategorie 'Momentmoleküle'

Hold On And Enjoy The Viewsic

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Wir haben Immer mehr immer kürzere Wartezeiten zu überbrücken. Manchmal ist der Lebensfortlauf nur für Sekunden unterbrochen und der Wunsch nach Kulturformen, die diese Lücken erfreulich zu füllen imstande sind, nimmt zu.
Hierzu zeitgemäß: The Double Shadow Project

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Anonyme Mitbewohner

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An der WG-Front: Bei Flatmates & Roommates Anonymous werden Nachrichten gesammelt, die jemand für jemand anderen hinterlassen hat – the good the bad and the ugly! Es gibt zwar auch eine Video-Sektion, das Herzstück der Sammlung aber sind die an Kühlschränken, in Wohnzimmern, Badezimmern, Schlafzimmern etc. befestigten Zettel mit den mannigfaltigsten Mitteilungen zu Dingen des Alltags, der Arbeit als auch der Liebe:

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Momentmoleküle: Nach dem Regen

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WIR KOMMEN aus dem Kino in die Nacht hinaus. Die Stadt liegt verzaubert. Oh Kino. Es hat geregnet, und unter dem schwarzen, gläsernen Glanz am Asphalt und den lichtbedeckten Häuserwänden stauten sich unsichtbar die Bilder. Die Welt scheint zum Platzen erfüllt von dem freudigen Geist der Fiktion. Ich erwarte jeden Moment, dass Abermillionen winziger Türchen im Boden, den Häuserfronten und dem mit grobkörnigem Licht besetzten Himmel aufspringen und dicke rundliche Sprechblasen herauspoppen wie Champignons - “Wow”, “Herrlich”, “Schön”. Und wir würden darauf weitergehen, wie auf einem weichen, weißen Noppenboden.

SCHWERES LICHT nach einem weichen Regen. Es ist, als würde das Licht in das Zimmer geschüttet. Ein Bildschirm auf einem Tisch neben dem Fenster, über das Glas streicht ab und zu eine Zeile. Das Leuchten weckt einen Anschein von Klarheit, wie er sich nach einem Regen gern einstellt.

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? Regen in der Stadt:
Rain in the city... and in the country - View this group's most interesting photos on Flickriver

? Regen:
Rain - View this group's most interesting photos on Flickriver

? Ich liebe den Regen:
I Love the Rain - View this group's most interesting photos on Flickriver

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Momentmoleküle: Was uns am Netz gefällt

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ICH BESUCHE eine Party. Wie es Sitte ist, werde ich niemandem vorgestellt. Ich fühle mich wie Peter Sellers, der in dem Film “Der Partyschreck” vor einer besetzten Toilette neben einer Dame wartet und sie, als das Schweigen peinlich wird, fragt: “Sprechen Sie Hindustani?” Ich knistere über den Parkettboden durch die Zimmer und betrachte mit dem Blick eines Museumsbesuchers die Leute in den Sitzgruppen und lasse mich von den Leuten in den Sitzgruppen betrachten und überlege, ob es für solche Anlässe nicht zweckmäßig wäre, sich wie ein Ausstellungsgegenstand ein Schildchen ans Revers zu heften - “Herr Glaser, Partygast. Protein auf Knochenbasis.”

Tea Party (Foto: riot jane, Flickr/CC-Lizenz) ?

HAST DU DICH schon mal im Traum gelangweilt?, fragt sie. Noch nie, sage ich und setze mich dazu. Der Stuhl schnarcht über den Fußboden. Ich lege mich ins Bett, sagt sie, bin müde, keine Schulden, keine größeren Sorgen. Gewöhnlich kommt dann der Schlaf, was aber muß ich sehen? Schnee, Rauschen, Leere. Langeweile kann so wunderbar sein. Wie Faultiere lassen wir uns von den Vektorstrahlen des Universums hängen und sehen der Zeit beim Vergehen zu. Dann steht sie auf und malt eine Null auf das beschlagene Fenster. Es ist Frühmorgens, an einem verlorenen Ort.

ALTE FREUNDSCHAFTEN sind von einem natürlichen Geheimnis umgeben. Begegnet man sich nach Zeiten wieder, steigt aus der Zeremonie des gemeinsamen Erinnerns ein Gefühl für eine der ruhigen Kräfte, die das Leben zusammenhalten in dieser veränderungswütigen Zeit. Das ist es auch, was uns am Kino so gefällt. Diese Dichte an Gefühl. Diese Abfolge wesentlicher Momente, die keine leeren Stunden wie der Alltag kennt. Das ist es auch, sagt der Freund, was uns am Netz so gefällt.

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Momentmoleküle

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NEULICH FRÜH am Flughafen. Morgens hin, abends zurück. Eine seltsame Gemeinde, die da still in den orangen Sitzschalen der Warteräume sitzt. Ein verschlafenes Model, das Beauty-Case wie eine unhandliche Weltkugel unter den Arm geklemmt. Männer im Trench, die hirnlos im Wirtschaftsteil der FAZ blättern. Alle schweigen und scheinen sich doch zu kennen. Und durch den sachten Duft von Rasierwasser und weichgespülten Pullis sticht ein merkwürdig melancholischer Hauch: Der seelische Schweißgeruch von Menschen, die Termine haben.

DRAUSSEN WERDEN nach und nach die Reklameneons eingeschaltet. Eine Treppe aus roten Leuchtbalken glüht in Minutenabständen die gegenüberliegende Hauswand hoch. Du bist ein sentimentaler Affe, sagt sie umgänglich. Ich bin begeistert. Ich bin aufs Innigste angerührt von jeder Waschpulverreklame, von jedem Wurstpreis in der Zeitung, als gäbe es im Herzen der Stadt einen märchenhaften Supermarkt, in dem mich meine Eltern einst gekauft haben, und nach dem ich mich nun heimwehkrank sehne.

SIE ERZÄHLT von einem Computerprogramm, das gelernt hat, Filmschnitte zu erkennen und die Zeit zwischen zwei Schnitten zu messen. Lange Szenen bewertet das Programm als langweilig, neuer deutscher Film, kurze als unterhaltsam. Kurze Szenen zeichnet das Programm auf und spielt sie zufallsgesteuert wieder ein, sobald sich eine allzu lange Szene abzuzeichnen beginnt.

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Die Zeitschleife

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IN DER WOHNUNG OBENDRÜBER wohnt ein Studentenpärchen. Nette Leute, leider haben sie ein Klavier. Er übt seit Monaten The Entertainer. Er sagt, er spielt. Ich sage, er übt. Was das Stück spannend macht ist nicht die Frage, an welcher Stelle er hängenbleiben wird. Er bleibt immer genau an der selben Stelle hängen. Ich sitze drunter und versuche zu arbeiten, das geht aber nicht. Höre ich durch die Zimmerdecke den Entertainer, wird mir schmerzlich bewußt, dass ich wieder der Illusion erlegen bin, die Zeit würde vorangehen. Wenn nach drei klavierlosen Wochen wieder der Entertainer ertönt, ist alles, was ich in diesen drei Wochen erlebt habe, wie nie gewesen. Ich finde mich wieder an dem selben Punkt wie zuvor: gefangen in der immer gleichen, mumifizierten Minute des Entertainers. Im Klang dieser Musik zerfällt jeder Glaube an Entwicklung und Fortschritt zu Staub. |

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Momentmolekül: durchgehend

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ORTE, AN DENEN niemand bleibt. Sie sind nur da, um durchquert zu werden. Eine sonderbare Anziehung geht von diesen Plätzen aus - Bahnhöfen, Häfen, Grenzstationen, Flughäfen. Mancher verbringt Stunden in den Gezeiten von Ankunft und Abreise, absichtslos oder von Fernweh gestreift, wie von einem Nerzpinsel. Hier bin ich, auf diesem Splitter Erde, ein angenehmes Nichts. Dort ein gläsernes Wartehäuschen mit hinterleuchtetem Werbemittel, dem man als Betrachter so nahe steht, dass deutlich wird: die Werbegestalter haben vergessen, dem Model die Plomben wegzuretuschieren. Nie bleiben, immer strömen. Netz sein.

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Luftraumüberwachung.

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Momentmoleküle

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DER SCHATTEN eines Verbotsschilds streift über ihr Kleid. Lichter in den großen Straßen. Innenstadtpassagen, die sich mit dem Abend in Kristallgärten verwandeln. Mit gebleckter Aufmerksamkeit in der Menge. Trage eine glasdünne Ironie, wie eine spiegelnde Sonnenbrille. Gehen und sehen, was läuft. Alarmierend wunschlos durch die Konsumparadiese stromern, immer schon angekommen, überall.

JAPANER ZU BESUCH. Hoffe auf sie bei der Bewältigung des Informationsüberflusses. Hunderte Stunden Film noch nicht gesehen, zehntausende Texte auf der Festplatte. Ich bestelle die Entwicklung einer Software, die nicht nur Filme aufzeichnen und Texte festhalten, sondern die sie sich auch ansehen, sie lesen kann. “Ich möchte das Gerät fragen können, ob der Film gut ist”, sagte ich. “Ob es sich lohnt, zwei Stunden meiner unersetzlichen Lebenszeit aufzuwenden.” Die Japaner lächeln und machen sich Notizen.

WIR SITZEN einander am Tisch gegenüber. Viel sagen wir nicht, aber vor allem die Pausen sind unglaublich komisch. F. sitzt im Nebenzimmer vor dem Rechner. “Aah - dieses wunderbare Gefühl, wenn die Maus saubergemacht ist und wieder läuft wie neu”, ruft er.

EINE VON DUNST helle Weite verliert sich über der Stadt. Es scheint so, als würde der Frühling aus einer bestimmten Richtung kommen, aber nicht aus dem Süden; eine große, grüne Beruhigung. Rauch über der Stadt, wie das graue Haar einer alten Schönheit, die Bläue darüber eine Umarmung. Ich gehe mit den Japanern in eine Spielhalle, die beiden treten gegeneinander an. Sie sind unfaßbar schnell, wahrscheinlich bedingt durch die geringe Körpergröße und entsprechend verkürzte Nervenbahnen.

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Die Rückwand

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DAS EINKAUFSZENTRUM unten vor dem Bahnhof ist eine gelungene Parodie auf die neueren Vorstellungen vom Netz als proprietäres, kontrolliertes System. Beides ist modernst und öffentlich gemeinter Raum, komplett als ein künstliches Inneres angelegt. Zwar hat der Alltag dem Glänzenden an den Geschäften im Einkaufszentrum längst gewisse Schäbigkeiten zugefügt, kleine Beseelungsversuche. Exklusiv sind auch nur noch die Männer, die vor den Glastüren zur Passage stehen und Dosenbier trinken und Jogginganzüge tragen, dieses gespenstische Gegenteil von Gefängniskluft: der Anzug derer, die draußen sind. Und wo an dem Einkaufszentrum eigentlich die Vorderseite sein sollte, sind verhängte Fenster. Dadurch gewinnt man den Eindruck eines Gebäudes, das anstelle von Außenseiten rundum nur noch Rückwände hat und für eine äußere Welt nicht viel mehr übrig als Verachtung.

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Momentmoleküle

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Intimzonenrandgebiet

Es heißt nicht Honorar de Balzac

Nein, es heißt auch nicht die Plusbrüder, sondern die Piusbrüder

Hochgesteckte Erlösziele sind keine neuen Frisuren

Statt Schlittenfahren gelesen: Schiitenfahren

Die ironischen Ayatollahs

Seidenweihnachtskugeln aus den sechziger Jahren

Multiprayer

Entmannte Raumfahrt

NASA: Dascienceberechtigung?

Metallschäume

Herr der Ringe. Herder Straße.

Megawhat?

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Mehr Momentmoleküle aus dem Archiv der Glaserei:

Moment-Moleküle (1)

Moment-Moleküle (2)

Augenblicks-Atome

Top 10 der Lieblingsverschreiber und -verleser


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Top 10 der Lieblingsverschreiber und -verleser

01 | Menschön 

02 | Kurdenreiche Strecke

03 | Intertür

04 | Hirnrunde (statt Hinrunde)

05 | Statt Südwestmetall gelesen: Schwerstmetall

06 | The Last Super

07 | Waldspaziergang: Forstschritt

08 | Suchstaben

09 | Nachts Bevölkerungsvermehrung von Westen her

10 | Nein, es heißt nicht Die Ideen des März

 

• Eintragungen und Notizen, die Leute in Büchern gefunden haben: Book Inscriptions - View this group's most interesting photos on Flickriver

• Sachen, die Leute in Büchern gefunden haben:
Things Found in Books - View this group's most interesting photos on Flickriver
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Momentmoleküle

Deutsche Wiedervereinigung. Der eine versteht Ecstasy, der andere Ex-Stasi.

Eine einzelgängerische Mikrowelle. Mikrowellenherde.

Asseln haben 200 Millionen Jahre überlebt. Hätte man damals 10 Euro auf 3% verzinst angelegt, wäre man heute die reichste Assel der Welt.

Ein Getränk: Episoda.

Eine alte Dame, an der straffen Leine einen keuchenden Dackel, wie ein mobiles Metallsuchgerät.

Wissenschaftlich verschrieben: Expermiente.

Halb Mensch, halb Tür.

Tanzen Sie Bauch?

Als Gregor Samson eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einer ungeheueren Zigarette gedreht.

Die Straßenlaterne auf der anderen Seite, mit einem Flaum aus eisblauem Licht.

Wunderer zwischen den Welten.

Es gibt nur etwas.

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Augenblicksatome

Politik: Jedem das Unsere. Wirtschaft: Mir das Deine. Kunst: Jedem das Meine.

Auf dem Tisch ein Papiertaschentuch, das aussieht wie ein Entwurf für einen verbesserten Neubau des Matterhorns.

Amerikanisches Frauenleben: Chicksal.

Zeitungen durchgeblättert, ehe sie ins Altpapier gehen. Eine Seite entdeckt, auf der gefrühstückt wurde.

Brauchbar verschrieben: Schriftseller.

Eine Frau, erschöpft von ihrer Schönheit, sitzt vor einem Lokal allein an einem Tisch.

Schlägermusik. Deutscher Schläger.

Das Licht des Tages hat sich auf ihren Kopf zurückgezogen wie ein Schwarm, der sich in einem Baum zur Nacht begibt.

Wenn schon falsch, dann aber richtig.

Die Schatten der großen Bäume auf der großen Straße, Landkarten unentdeckter Länder.

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Feriennachklang: Menschen, die an öffentlichen Orten schlafen - (Flickr Foto-Pool):

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Momentmoleküle

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Noch nicht ganz wach. Versucht, die Krönungsdaten Heinrich II. in Euro umzurechnen.

Diese gelegentlichen Momente von großem, vollkommen unbegründetem, sinnlosen Glück.

Textverarbeitung? Was Michelangelo gemacht hat, war doch auch nicht Marmorverarbeitung.

Nach dem Grundgesetz darf niemand wegen seiner Haarfarbe diskreditiert werden.

Haptisch lieb.

Jemand am Nebentisch macht ein Geräusch wie ein Schwimmreifen, aus dem Luft entweicht.

Verschrieben: Überdurchschnittlauch.

Worte, mit denen man Deutschlernende schocken kann: Edelstahldoppelspüle. Datenbankadministrationstool. Aufzugtürsteuersysteme.

Ein Beruf: Geschichtsvollzieher.

Die Zukunft gibt es nicht. Es gibt immer nur die Gegenwart.

Jemand hält sich an seinen Händen fest als befürchte er, sie könnten sich demnächst selbständig machen.

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Menschen, die Zeitung lesen:

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