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Ihr Völker der Welt, schaut nach Ägypten

Wie man den revolutionsfördernden Wert technischer Kommunikationsmittel zugleich über- und unterschätzen kann.


Als ich Mitte der achtziger Jahre das erste Mal in Kairo war, stand als hauptsächliches Fernkommunikationsmittel nur das alte Telefonnetz zur Verfügung, das die Engländer noch während der Kolonialzeit installiert hatten. Es war unterirdisch angelegt, und das erste, das schon bald nach der Inbetriebnahme verschwunden war, waren die gußeisernen Schachtdeckel, durch die es hinabführte ins Reich der Telefondrähte. In den offenen Schächten sammelten sich Abfall und Sand. An den Tagen, an denen es in Kairo regnet, verband sich das Ganze zu einem kakophonischen Konglomerat aus Materie und Kommunikationsströmen.

Jemanden in Kairo telefonisch zu erreichen, war eine Art Leistungssport. In vielen Fällen kam auch nach Stunden keine oder nur eine falsche Verbindung zustande. Gefürchtet waren die Techniker der Telefonbehörde. Wenn sie in einen der Schächte stiegen, vorgeblich um eine Reparatur durchzuführen, war es hinterher meist noch schwieriger, einen Telefonanruf durch das Myzeliengeflecht aus Drähten und Dreck hindurchlaufen zu lassen. Zeitungen wie die Al Ahram waren voll mit Kleinanzeigen für Kurierfahrer. Jemand erzählte mir, wie er in dieser Zeit einmal von Athen nach Kairo geflogen war und seinen Sitznachbarn, einen Japaner, gefragt hatte, ob er beruflich in Athen gewesen sei. Der Mann sagte, er arbeite in der Niederlassung eines japanischen Unternehmens in Kairo und würde einmal im Monat nach Athen fliegen – um zu telefonieren.

Herausfordernde Kommunikationsbedürfnisse hat man in Ägypten schon länger zu meistern. Als ein Sultan im mittelalterlichen Kairo einmal Appetit auf frische Kirschen bekam, die in Ägypten aber nicht zu haben waren, schickte sein Wesir 600 Brieftauben von Damaskus nach Kairo. Jede Taube hatte ein Beutelchen mit einer Kirsche an den Fuß gebunden. Als ich vor zehn Jahren wieder nach Kairo kam, warben die größten Billboards auf den Häusern um den Tahrir-Platz bereits für Mobilfunk-Anbieter. Für eine Gesellschaft mit Wartungsproblemen und einer hohen Analphabetenrate sind Mobiltelefone ideal – man muß keine Kabelschächte versorgen, und die Ziffern von 0 bis 9 sind viel leichter zu lernen als ein Alphabet mit komplex regulierten Buchstabenverbindungen. Eine neue Grundhaltung verbreitete sich: der sitzende Mensch, in der rechten Hand das Mundstück der Wasserpfeife, in der linken das ans Ohr gedrückte Mobiltelefon. Das Internet war damals noch eine exotische und für die meisten Ägypter unbezahlbare Kommunikationsform, die in den Foyers von Luxushotels gepflegt wurde. Das hat sich in den letzten Jahren rasch geändert.

Vor drei, vier Jahren waren die ersten kritischen Stimmen ägyptischer Blogger zu vernehmen. Das Regime machte ihnen das Leben schwer. Im März 2007 wurde der 22-jährige Abd al-Karim Nabil Suleiman, der in seinem Blog konservative Moslems scharf kritisiert hatte, zu drei Jahren Haft wegen Verunglimpfung des Islam, Gotteslästerung und Anstiftung zur Sektengründung sowie zu einem Jahr wegen Beleidigung von Staatspräsident Mubarak verurteilt. Zwei Monate später wurde der Blogger Alaa Abd El Fattah verhaftet, der zusammen mit anderen Aktivisten für eine unabhängige Justiz in Ägypten demonstriert hatte. Im September des selben Jahres wurde die Tarifstruktur für Internetverbindungen drastisch geändert. Der zuvor unbeschränkte Standard-Tarif wurde begrenzt, die Gebühren stiegen von 20 ägyptischen Pfund auf ein Minimum von 45 Pfund. Sich eine Leitung mit anderen zu teilen, sollte gleichfalls verhindert werden. Mit einer Mail-Kampagne “One Million Letters” versuchten damals Bürgerrechtler und die vielen Nutzer, die nicht genug Geld hatten, Politiker und Öffentlichkeit auf das Thema aufmerksam zu machen.

Nun hat sich die ägyptische Öffentlichkeit in Bewegung gesetzt, zukunftsmächtig und nichtvirtuell, in einem “Million Man March”, an dem weit mehr als eine Million Menschen teilgenommen haben - obwohl es ein Internet-Blackout gibt, der Mobilfunk kaum funktioniert, das Benzin an den Tankstellen ausgeht und Züge in die Metropolen gestoppt wurden. Die erste Totalabschaltung eines nationalen Internet-Bereichs in der Geschichte des Netzes - und dazu der Mobilkommunikation - zeigt, wie sehr alte Machtmonopole sich inzwischen bedroht fühlen von SMS, Twitter, Facebook, Blogs und E-Mail.

Husni Mubarak und seine alten Männer haben aber nicht erkannt, dass die digitale Kommunikation nicht das zentrale Element dessen ist, was in Ägypten gerade vor sich geht. Das Netz fungiert nur als Katalysator, der die Dinge beschleunigt. Als Militär denkt Mubarak in Kategorien wie “Enthauptung der wichtigsten Kommunikationsknoten”. Das hindert vielleicht eine Armee daran, sich zu organisieren, nicht aber ein Volk. Die Totalblockade des Internet in Ägypten hat das Gegenteil dessen bewirkt, was das Regime beabsichtigt hat. 20 Millionen Internet-Nutzer hatten zu Hause nichts mehr zu tun, kein Netz – also gingen sie auf die Straße.

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Lebenszeit


Nicht nur Informationsmassen fluten auf uns zu, auch die Werbung nimmt immer megalomanischere Ausmaße an. Eine Chinesin hat nun den Stopp-Knopf gedrückt.

In der chinesischen Stadt Xian hat die Anwältin Chen Xiaomei ein Kino und einen Filmverleih wegen Zeitdiebstahls verklagt: Vor dem Hauptfilm waren 20 Minuten Werbung gezeigt worden. Da sie nicht darauf hingewiesen worden sei, dass ein solch extrem ausladendes Reklamepräludium zu erwarten wäre, forderte sie nun ihr Eintrittsgeld zurück (35 Yuan, etwa 4 Euro).

Darüber hinaus will Xiaomei 35 Yuan als Kompensation für den erlittenen seelischen Schaden sowie eine schriftliche Entschuldigung haben. Bei dem Film, den die Frau Anwältin sehen wollte, handelte es sich um den chinesischen Kino-Sommerhit “Nachbeben”, ein Familiendrama über eine durch ein Erdbeben zerrissene Familie. Und das Beste: Das Gericht in Xian hat die Klage akzeptiert.

Non-stop funerals
(Foto:
Husky, Flikr/CC) →

Als Kind war ich mit meinem Großvater oft in einem Nonstop-Kino, es gab dort eine gewisse Dramaturgie, deren Ablauf sich immer wiederholte: erst ein sogenannter Kulturfilm, etwa über den Hochspannungsleitungsbau in Jugoslawien, danach Fox’ Tönende Wochenschau und dann der Hauptfilm. Es gab keine Klimaanlage und ab und zu lief jemand mit einer Sprühspritze herum und vernebelte etwas, von dem mein Großvater sagte, es sei Flit (ein Insektizid). Vielleicht war es aber auch einfach nur ein süßlicher Duft, der der silbern flimmernden Kinoluft einen angenehmen Hauch verleihen sollte. Die Kulturfilme stahlen mir auch meine Zeit, aber ich ließ es geschehen, denn Kino war ein besonderer Genuss, dem sich auch rätselhafte oder bizarre Vorfilme unterzuordnen hatten.

Aber die Zeiten sind vorbei, längst haben wir zu viel von den vormals besonderen Genüssen. Heute ist die zentrale Frage: Wie komme ich an Qualität? Zum Beispiel, indem ich für Medieninhalte bezahle, etwa eine Kinokarte. Mit dem durch Digitalisierung und Vernetzung ausgelösten Medien-Tsunami hat sich das Filterproblem in einem Maß verschärft, das in den 60er und 70er Jahren nicht abzusehen war. Die Informationsgesellschaft hat in jenem Moment begonnen, in dem klar war, dass zu viele Informationen vorhanden waren. Aus der Zivilisation wird nun eine Zuvielisation – Überinformation ist der Smog des 21. Jahrhunderts. Je kompakter und intelligenter jemand heute seine Ideen oder sein Wissen aufbereitet, desto wertvoller wird sein Beitrag. Es ist mit Informationen wie mit Uhren: Wer eine Uhr hat, weiß immer, wie spät es ist. Wer viele Uhren hat, ist sich nie sicher.

Den juristischen Ansatz von Frau Xiaomei sollten wir Mediennutzer auf jeden Fall als Schritt in die richtige Richtung ansehen. Es kann nicht angehen, dass Kulturgut – sogar in bezahlter Form – zu einem Anhängsel metastasierender Werbeformen verkommt. Lebenszeitraub sollte in einer Wissensgesellschaft durchaus als neuer Tatbestand diskutiert werden. Lösungsansätze, Qualität aus den Medienozeanen zu fischen, gibt es, von den Perlentauchern bis Google News über die Empfehlungsökonomie von Twitter und Facebook bis hin zu “vorausschauenden” Algorithmen, wie sie etwa in der famosen iPad-Applikation Flipboard arbeiten.

Diese Dienste und Anwendungen versuchen, den Nutzern Lebenszeit zu schenken. Anstatt, wie früher im Kaffeehaus, erst einmal eine Stunde lang die Feuilletons der Tages- und Wochenzeitungen durchzublättern, haben die guten Menschen vom Perlentaucher das schon mal für einen erledigt. Und bieten statt langer Artikel erst einmal hochverdichtete Resümees an: Aggregation at its best. Das gibt uns ein paar Augenblicke lang googlefrei, wir müssen nicht herumsuchen.

Das aber ist erst ein zarter Anfang. Ich warte schon auf den Videorekorder mit integrierter Feuilleton-Fähigkeit, der Filme nicht nur aufzeichnen, sondern auch angucken kann und mir bei Bedarf sagt: Spar dir die anderthalb Stunden. Der Film ist mies und die Zeit gibt dir niemand wieder.


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Unendlichkeit und Schnee


1969 habe ich um das Recht gekämpft, uneingeschränkt fernsehen zu dürfen. Außerdem habe ich Krieg geführt und versucht, in den Weltraum zu gelangen. Ich war zwölf.

Musik war nicht relevant, das vorab. Musik war etwas, das einfach da war, wie im Frühjahr die Gerüche draußen wieder da waren und im Sommer die Mücken, die auf dem Pfützenwasser gehen konnten, während von drüben auf der anderen Seite des Freibads mit dunkelgrünem Wasser und Fischen darin aus einem großen Lautsprecher über der Bretterbude, in der es Eis und Limonade gab, die Belieferung mit Musik erfolgte.

Dass Musik für mich im Jahr 1969 da am Stadtrand von Graz keine weitere Relevanz hatte, muß ich hervorheben, denn wenn von diesem Jahr die Rede ist, tut sich in der gemeinschaftlichen Erinnerung, die sich inzwischen herausgebildet hat, etwas auf wie ein Trichter in sandiger Erde, auf dessen Grund ein Ameisenlöwe auf seine Beute lauert – auf Erinnerungen nämlich, die dort hineinrutschen, obwohl sie ganz woandershin möchten, wobei der Ameisenlöwe das Woodstock-Festival ist, mit dem mein Erinnerungsvermögen 1969 nicht im geringsten in Berührung gekommen ist. Woodstock ist ja zu einem Gravitationszentrum gemeinsamen Erinnerns geworden und fordert, dass man sich erinnert, ob man sich nun tatsächlich erinnern kann oder nicht. Es ist eines dieser zu einer Erinnerungs-Großmacht angeschwollenen Ereignisse, die alle Partikularwirklichkeiten zu beseitigen oder zu unterwerfen versucht; aber Woodstock kann mich mal.

Zu Hause im Keller erzeugte ich in meinem chemischen Laboratorium Bakelit, künstliches Bananenaroma und Raketentreibstoff. In den sechziger Jahren war der Himmel ein technisches Problem. 1957, in meinem Geburtsjahr, hatten die Russen den ersten künstlichen Himmelskörper in eine Erdumlaufbahn ausgesetzt, Sputnik I. Als kleiner Junge fühlte man sich damals ganz selbstverständlich aufgerufen, an der Eroberung des Raums teilzuhaben.

Ich las die ersten fünfhundert Perry Rhodan-Heftchenromane. Rhodan, der Beherrscher des Solaren Imperiums mit den zahllosen Planeten und Lebensformen der Milchstraße, pflegte das All in kilometergroßen Kugelraumschiffen zu bereisen. Auch der Tod war durch Ingenieurskunst aufgehoben. Ein sogenannter Zellaktivator verleiht Perry Rhodan Unsterblichkeit. Dagegen war der klassisch katholische Himmel altmodisch. Und während mit Griffen in den antiken Götterhimmel das amerikanische Raumfahrtprogramm das der Sowjets zu überflügeln begann – Merkur, Gemini, Apollo – , war 1967 im Fernsehen Commander Cliff McLaine mit dem schnellen Raumkreuzer Orion VII zur ersten Raumpatrouille gestartet. Wir Jungs bauten aus Draht und Isolierband die Strahlenwaffen der Orion-Crew nach.

Die Raumpatrouille war der Vorstoß in eine Wandlungsform des Jenseitigen: das Hauptabendprogramm des Fernsehens. Wenn die Raumpatrouille flog oder ein Raketenstart von Cape Canaveral anlag, galt eine Ausnahmeregelung entgegen der sonst strikt dosierten Fernsehverfügbarkeit. Die Raumfahrt war die Einflugschneise ins Erwachsenwerden: Fernsehen nicht mehr nur bis zum Sandmännchen, sondern immer.

Im Garten versuchte ich, einen Rundkolben aus Jenaer Glas aus meinem Labor, gefüllt mit einer Schwarzpulvermischung, aus einem gußeisernen Christbaumfuß als Startrampe in eine Erdumlaufbahn zu schießen. Triebwerksmängel und ein Schutzengel führten dazu, dass der Treibsatz nur ein gewaltiges Loch in den Rasen brannte und nicht als wildgewordene Panzerfaust in eines der Nachbarhäuser krachte. Ich beobachtete, wie in den umliegenden Gärten die zum Trocknen aufgehängte Wäsche, von den beissenden Schwefeldioxidschwaden aus meiner Rakete imprägniert, dem Fortschritt zum Opfer fiel, und entdeckte stattdessen die Möglichkeiten der chemischen Kriegführung. Wenig später kontaminierte ich das Schultascheninnere eines feindlichen Mitschülers mit einer Prise Diamantgrün, einem hochwirksamen Farbstoff aus meiner Reagenziensammlung, der schon in geringsten Dosen alles, an dem auch nur eine Spur von Feuchtigkeit haftet, nachhaltig vergrünt.

Das österreichische Fernsehen strahlte die Raumpatrouille am späteren Abend aus. Meine Eltern waren der Meinung, ich dürfe zu dieser Zeit nicht mehr fernsehen. Ich trat mir absichtlich einen Glassplitter in den Fuß, um ihn mir tapfer von meiner Mutter herausziehen zu lassen und zur Belohnung eine spezielle Fernsehgenehmigung zu erhalten. Über den Fernseher wachten meine Eltern wie über einen Tresor. Erst Wochen nach der Anschaffung des Geräts erlaubte mein Vater mir zum ersten Mal, den Knopf zum Umschalten vom ersten ins zweite Programm zu drücken. Das bestärkte mich in dem Gefühl, den Zugang zu einer geheimnisvollen, aufregenden Welt vor mir zu haben.

Die Raumpatrouille war jedes Blutopfer wert. Wenn Dietmar Schönherr vulgo Commander McLaine aus der Unterseebar, in der Damen mit zukunftshaft gelöcherter Kleidung tanzten, zu einem Alarm-Einsatz gerufen wurde und aus den Fluten eines trickvergrößerten Abflußstrudels der prachtvolle Patrouillenraumer in die Weiten des Alls aufstieg, leuchtete meine Begeisterung hundertmal heller als die Fernsehlampe auf dem Wohnzimmerschrank, eine venezianische Gondel aus Plastik. Seither durfte ich also später fernsehen und sah dann auch einen Bericht aus Vietnam, der einen schreienden, schwer verwundeter GI zeigte, den ein Kamerad wie ein Baby im Arm hielt und streichelte.

Die erste Mondlandung habe ich in einem Landgasthaus in den Alpen gesehen. In dieser langen Nacht trank ich vor Aufregung zwei Liter Cola mit der Folge, dass ich Colageschmack bis heute nicht mehr vertrage. Die nachfolgenden Mondlandemissionen, mit denen dann die siebziger Jahre begannen, waren unbedeutend, langweilig und grau wie der Mond. Der eine, entscheidende Moment war schon verglüht. Erinnert sich noch jemand an die zweite Mondlandung im November 1969? Oder an die letzte?

Das eigentliche Produkt der Mondlandemission war längst eingefahren. Es war nie um Forschung gegangen, sondern immer nur darum, Wolkenkratzer zu bauen, die fliegen können. Es war einzig darum gegangen, mit den riesigen Raketen den Stahlhochbau zu der selben Vollendung zu bringen, zu der die alten Ägypter mit dem Pyramidenbau die Steinbearbeitung geführt hatten. Die Ähnlichkeiten zwischen einer Mumie und einem Astronauten in seinem weißen Schutzanzug sind unübersehbar. Und beide Großbauten, Pyramide und Rakete, dienen der Reise in die Unendlichkeit und der Produktion eines einzigartigen Gemeinschaftsgefühls: Wir sind die Menschheit.

Manchmal sah ich einen ganzen Nachmittag lang fern, während eine mächtige Saturn V-Rakete im Startturm wartete, Kältewolken von den Tankwänden wehten und Professor Heinz Haber in Fernsehen die wissenschaftlichen  Hintergründe erläuterte.

Heute stagniert die technische Himmelsbewältigung. Die Erde hat sich in einen Schleier aus Satelliten gehüllt, aber nach der Challenger-Katastrophe trat die Hoffnungslosigkeit der bemannten Raumfahrt unübersehbar zu Tage. Der Versuch, den lebensfeindlichen Weltraum mit menschlichem Eroberungsdrang zu erwärmen, ist gescheitert. Längst wenden wir das All auf technologischem Weg nach Innen. Das Internet ist die Demokratisierung der Raumfahrt – nun kann jeder mitfliegen.

Schöne Kälte ist es, woran ich mich am eindrucksvollsten erinnere aus dem Jahr 1969. Nachdem mit der Übertragung der ersten Mondlandung am 21. Juli die längste Fernsehsendung in der Geschichte des österreichischen Rundfunks stattgefunden hatte, ging das Jahr in den längsten Winter im 20. Jahrhundert über – mit Schnee von Mitte Oktober bis Anfang Mai, und die zweite Schneise ins Erwachsenwerden schippte ich mir frei mit einer Schneeschaufel aus hellem Holz, bis es dann an einem Tag nicht mehr ging und der Schnee einen halben Meter hoch lag, keine Schule, ganz weit oben wieder ein paar Leute auf dem Mond, und ich ging hinunter in den Keller und zündete den Bunsenbrenner auf der kleinen Propangaskartusche an und hielt ein Glasröhrchen in die Flamme, bis es zu glühen begann und weich wurde und ich es zu einem Haarröhrchen auseinanderziehen konnte. In der Weichheit und dem gläsernen Haar war auch schon etwas, für das es erst später Worte gab und das von dem Nachbarsmädchen herkam, das in der Früh auf dem Weg in die Schule immer mit mir im selben Bus fuhr.


Der Text ist ein Auszug aus einer Erzählung in der Anthologie “1969”
aus der edition kürbis, herausgegeben von Wolfgang Pollanz.


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Momente der Gemeinsamkeit

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Die Kommunikationsmaschinerie kann anstrengend sein. Der Lohn der Mühe: soziale Schranken werden durchlässig.

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Als ich mal von Griechenland zurück in den Norden fuhr, setzte ich erst mit dem Schiff nach Italien über und fuhr dann von Brindisi ganz unten am Stiefel mit der Bahn weiter. Abgesehen davon, dass in meinem Rucksack eine Flasche Retsina auslief und auf einen unter dem Gepäcknetz sitzenden Karabinieri pladderte, war es eine wunderbare Fahrt. All das viele Italienisch, das rund um mich gesprochen wurde, war wie Musik. Ich verstand nichts, und aus dem Unverständnis erhob sich das wohltuende Gefühl, die Menschen hätten sich hier, ähnlich wie in der Oper, lauter klangvolle Dinge zu sagen.

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Bahnhof Santa Chiara in Trient
(Foto:
Adam Sporka, Flickr/CC)

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Ehe das Internet über uns hergefallen ist, war es ein bisschen wie auf dieser Reise. Zwar hatten sich zuvor schon immer mehr Maschinen zwischen die naturbelassen miteinander kommunizierenden Menschen gedrängt: Fernseher, Telefone, Fernkopierer, aber noch vermochte der Mensch sein Selbstgefühl in der Textstille von Büchern und der Unmittelbarkeit von Gesprächen zu finden. Mit dem Internet und der Mobilkommunikation wurde eine Quasselversion der Büchse der Pandora geöffnet.

.“Wenn Fotohandys und Webseiten in Real- und Jetztzeit alles dokumentieren, wird all dies immer belangloser”, sagt etwa die Erziehungswissenschaftlerin Astrid von Friesen. Sie sieht eine Wechselwirkung zwischen dem “logorrhoischen Verhalten in den Medien” und den Kommunikationsmustern vieler Menschen, die sich davon beeinflussen lassen; sie sieht Entwicklungsstörungen bei Kindern, verstörte Männer (da Frauen mehr reden), und Frauen, die in diesem Redefluss sich und die anderen verlieren. Aber es ist ein großer Fortschritt, dass so viel geredet (und geschrieben und gelesen) wird. Der Fortschritt besteht darin, dass soziale Schranken aufgehoben werden. Das war schon bei Verbreitung des Radios so. Anfang 1920 gab es in den USA eine Handvoll Radiostationen. Zwei Jahre später, nachdem “drahtlose Konzerte” das neue Medium populär gemacht hatten, waren es bereits an die 600. Das Radio überschritt Grenzen - geografische, ethnische, soziale. Es brachte Menschen in Kontakt mit Orten, Klängen und Lebensgefühlen, die sie sonst nie kennengelernt hätten.

Heute findet diese Vermischung der Lebenswelten viel eingehender statt. Das proletarisch Ungehemmte an manchem öffentlich geführten Mobiltelefonat mag am Anstandsempfinden bürgerlicher Gemüter rühren, aber es begegnen sich dabei die Milieus in einer Detailtiefe, die man zuvor gern vermieden hat. Im Netz spielen herkömmliche Signale der direkten Kommunikation wie Aussehen, Mimik oder Status keine Rolle mehr. Es gibt so etwas wie einen Augenblick der Gleichheit und Gemeinsamkeit. Die Unterschiede werden etwa über Sprachgebrauch und Interessen ermittelt. Aber die Kommunikationsmaschinen bringen uns einander näher.

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Die digitale Buschtrommel: Mailboxen

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Chicago, 1978. Auf einen heulenden Schneesturm folgt der vielstimmige Gesang der Modems. Die Mailbox, der Netztreffpunkt der Mikrocomputer-Ära, war geboren. Der Einfluss dieser Systeme wirkt bis heute im Internet nach. Reboot der futurezone.ORF.at-Serie “Digitale Trichtergrammophone” von Peter Glaser.

Als am 25. August 1993 im Broadmoor Hotel in Colorado Springs die Creme der US-amerikanischen Computer-Hobbyisten zur “ONE BBSCON” zusammentraf, bat der Begrüßungsredner alle Anwesenden aufzustehen; wer keinen eigenen Computer am Netz betrieb, sollte sich wieder hinsetzen. Danach sollten diejenigen sich setzen, die 1992 noch keinen Rechner am Netz hatten, dann 1991. Als er bei 1978 ankam, stand nur noch ein Mann. “Leute”, sagte der Redner, “das ist Ward Christensen.”

Mitte Jänner 1978 war ein Jahrhundert-Blizzard über den Osten der USA gefegt und hatte auch Christensen in seinem Haus in einer der Suburbs von Chicago eingeschneit. In seiner Wohnung stand das Infotelefon des CACHE-Computerclubs (Chicago Area Computer Hobbyist Exchange). Er rief seinen Kumpel Randy Suess an und schlug einen alternativen Zugang zu den Clubnachrichten vor. Wenn er seinen zweiten Rechner ans Telefon hängen würde, könnten die Leute sich den Newsletter elektronisch nach Hause holen. Das wäre einmal ganz was Neues.

Christensen wollte so etwas wie die Korkpinnwand im Club in digitaler Form und schrieb dafür ein bisschen Software. Das Ganze erhielt die Bezeichnung “Computerized Bulletin Board System” (CBBS). Am 16. Februar 1978 war das Ding online. Das Modem übertrug Daten mit atemberaubenden 110 Bits pro Sekunde. Neben den einzelnen Buchstaben, die über den Bildschirm flimmerten, konnte man bequem zu Fuß hergehen.

Die BBS-Pioniere hatten die Anlage nicht draußen bei Christensen, sondern in der Wohnung von Suess in der Innenstadt von Chicago aufgestellt, um die Telefonkosten niedrig zu halten - in der Annahme, es würden nur User aus Chicago anrufen. “Aber die Anrufe kamen aus dem ganzen Land”, erzählt Suess. Im November 1978 veröffentlichte das Computermagazin “Byte” eine Beschreibung von Christensen und Suess, wie man eine solche virtuelle Pinnwand zusammenbastelt. Das ARPAnet, Vorläufer des Internets, war zu dieser Zeit einem exklusiven Kreis von Wissenschaftlern vorbehalten. Mit den Bulletin Board Systems, die nun wie Pilze aus dem Boden schossen, begannen die ersten unabhängigen Online-Experimente.

Die 80er Jahre wurden zur Ära der Computermailboxen, wie die Bulletin Board Systems im deutschsprachigen Raum genannt wurden. (Heute hat der Begriff eine andere Bedeutung angenommen und steht für den Anrufspeicher von Mobiltelefonen oder den Posteingang eines E-Mail-Accounts.) 1983 hatte Tom Jennings in San Francisco “Fidonet” geschrieben, das erste Programm zur Vernetzung allein stehender Mailboxen. Nachdem die PC-Revolution mit der Erkundung der neuartigen Mikrocomputer ihren Anfang genommen hatte, begannen sie nun, sich miteinander zu verbinden.

Hartmut “Hacko” Schröder vom Hamburger Chaos Computer Club (CCC) programmierte das erste Mailbox-Programm in der Bundesrepublik Deutschland. Nach dem Informationsdesaster anlässlich der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl - als tagelang unklar war, was eigentlich passiert war, und Wissenschaftler ihre Messwerte nicht publik machen durften - ging daraus das deutsche “Z-Netz” hervor. Die Software war so geschrieben, dass Zensur keinen Erfolg haben sollte. Einmal veröffentlichte Nachrichten konnten nicht mehr zurückgeholt werden.

Ein Jahrzehnt lang machte eine lebendige, experimentierfreudige und rasch anwachsende Szene erste Erfahrungen mit dem Austausch, der Arbeit, dem Leben im Netz. Die “Tiernetze” prosperierten - das “MausNet” und die nach Hunden benannten Netze “Zerberus” (Z-Netz) und “Fido”. Während des Bürgerkriegs im ehemaligen Jugoslawien verlief eine der wenigen verbliebenen Kommunikationsverbindungen zwischen den verfeindeten Ländern über die legendäre Z-Netz-Mailbox Bionic. Im CL-Netz (”ComLink”) fanden Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen erstmals eine eigene digitale Öffentlichkeit. Mehr als ein Jahrzehnt bevor Blogs populär wurden, veröffentlichte der niederländische Friedensaktivist Wam Kat im CL-Netz sein tägliches “Zagreb Diary”.

Mitte 1993, als die Tagung im Broadmoor Hotel stattfand, bestand das World Wide Web aus etwa 50 Rechnern. Fünf Monate später waren erstmals eineinhalb Seiten über das Web im Wirtschaftsteil der “New York Times” zu lesen. Die erste WWW-Konferenz im Frühjahr 1994 in Genf war komplett überbucht. Im Juni gab es bereits mehr als 1.500 Web-Server. Der Rest ist Geschichte.

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Sommer am Datenstrand

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Die Menschen des Internet-Zeitalters erinnern mich an die Amphibien, die vor 400 Millionen Jahren vom Ozean aus das Land besiedelten. Deutlich wird einem das, wenn man sieht, wie man selbst und andere im ersten Sonnenglanz dieses Sommers skeptisch in das warme Licht hinausschauen und sich mit dem Laptop in eine dunkle Ecke des Zimmers zurückziehen oder die Jalousien zukippen - draußen im Garten, auf dem Balkon, an einem Tisch vor dem Café, überall erkennt man zu wenig auf den Bildschirmen. Die Sonne blendet.

Seltene Kreatur
(Foto:
Jan Tik, Flickr/CC)

Ein bisschen ist es eine narzisstische Kränkung, denn unter der Sonne zeigt sich, dass das aus dem Bildschirmfenster leuchtende Netz nur ein kleines Licht ist. Und ein bisschen ist es ein Abschied vom Analogen. Das digital Amphibische wird immer offensichtlicher, das Leben auf beiden Seiten. Nun wechseln wir aus den Fluten der materiellen Welt auf das Neuland des Achten Kontinents.

Ich schreibe diese Zeilen nicht am Rechner (weil es draußen zu hell ist), sondern an einem kleinen Tisch im Hof, mit Kuli auf einem Karoblock. Diese Kolumne ist ein Tribut an die alte Zeit. Im Schatten unter einem Goldregenstrauch schläft eine Katze, in den Brombeersträuchern haben sich Wind und Licht niedergelassen. Ab und zu, während ich schreibe und das Strahlen des Sonnenlichts auf dem weißen Papier bestaune, verspüre ich den Phantomschmerz, auf etwas in den Tiefen meiner Festplatte oder etwas Findbares im Netz nicht sofort zugreifen zu können, sondern wieder ein langsam Informationen heranschaffendes Wesen zu sein, wie früher, als der Datenkontinent noch ein ferner Horizont war.

Nun sind wir angelandet, noch hat alles Kiemen und Flossen. Was werden wir werden? Wohin wird die Evolution uns geleiten in einer Welt, in der das Scheinbare alles andere überwiegt? Werden wir das, wofür wir heute Maschinen brauchen, einmal selbst können? Es ist heiß in dem Hinterhof. Zu anstrengend, um eine Leimrute ein paar Jahrtausende nach vorn zu werfen und zu sehen, was dran hängen bleibt. Die Vögel setzen mehrere Tweets pro Sekunde ab, Meisen, Amseln, eine ferne Elster, und weil ich sie nicht verstehen kann und es einfach Vögel sind, die singen, entspannt es mich.

Für die alten Ägypter war das irdische Dasein eine flüchtige Episode. Der ewige Aufenthalt in der Welt begann mit dem Tod, dem “Hinaustreten in das volle Licht des Tages”. Die Hitze und der stille Datenstrand an diesem Nachmittag erinnerten mich an das erste Mal, als ich mit einem Freund in Gizeh vor den Pyramiden stand. Er schaute über die Dünen dahinter: “So viel Strand, und kein Meer”. Aber die Steinblöcke, aus denen die Pyramiden gebaut sind, wimmeln von versteinerten Meerestieren. An dieser Stelle war vor vier Millionen Jahren ein Strand.

Dann ging ich, um die Notizen von den Zetteln in den Rechner zu übertragen, hinein in den Schatten..

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Puristen brauchen kein Design

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Die Frühlingssonne kam hinter einer laptopgrauen Wolke raus und leuchtete auf mein MacBook. Es schimmerte. Es sah gut aus. Es war ein weiter Weg dahin gewesen. Mein erstes Modem fiel mir wieder ein, das mir ein Freund aus dem Chaos Computer Club Anfang der achtziger Jahre gebaut hatte. Ein Modem bedeutete damals fantastischen Fortschritt. Es stellte die Verbindung zum Telefonnetz und anderen Computern ganz von selbst her, liebe Kinder, ohne Wählscheibengekurbel.

Macintosh Plus-Gehäuse
als iPad-Ständer
(Foto:
mapgoblin, Flickr/CC)

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Leider - aus meiner Sicht jedenfalls - hatte das Modem kein Gehäuse. Es bestand aus einer grünen Leiterplatte, auf der sich ein unglaubliches Gewöll von handgelöteten Kabelverbindungen türmte. Vorn ragten zwei Leuchtdioden hoch wie die Fühler einer außerirdischen Garnele. Vic, der das Modem für mich gebaut hatte, liebte solche LEDs. Ich fragte ihn, ob er mir nicht ein Gehäuse um das Modem herum machen könnte.

Gehäuse?

Mein Ansinnen befremdete ihn. Man konnte doch alles so schön sehen ohne Gehäuse. Und man konnte sofort weiter herumbasteln, wenn einem wieder etwas zur technologischen Verbrillantierung des Ganzen einfiel. Gehäuse waren uncool, der Vorwurf stand jedenfalls im Raum. Wenn das Ding hier liegt, sagte ich, habe ich das Gefühl, da liegt ein Freund mit geöffneter Bauchdecke.

Mit den Gehäusen war es in den frühen Jahren der PC-Ära wie mit den Verkleidungen der Menschen. Es gab zwei Stämme. Die Mitglieder des einen Stamms, die sogenannten Schrauber, hatten gerne alles möglichst offen liegend. Sie waren wie Urwaldindianer, die nackt bis auf Blasrohr und Penisköcher durch den Dschungel flitzen, ohne unnötigen Ballast. Die Mitglieder des anderen Stammes kann man mit missionierten Indianern vergleichen, denen bereits erfolgreich nahegelegt worden war, Kleidung zu tragen.

Wobei die Verkleidung damals keine Frage der Ästhetik war. Es gab keine schönen Gehäuse, nur unterschiedlich hässliche. Großrechner waren hässlich, um ihre Männlichkeit angemessen zum Ausdruck zu bringen. Hammerschlaglackierte Blechkästen, die sich widerstandslos öffnen ließen, umtost vom kraftvollen Geräusch von Kettendruckern. Frauen, die Nylons trugen, wurden in Rechenzentren nicht gern gesehen, da sie (die Strümpfe) sich reibungselektrisch aufluden und die empfindliche Elektronik störten. PCs galten als Spielzeug, das nicht ernst zu nehmen war. Die Hersteller der kleinen Rechner mühten sich also, durch möglichst hässliche Gehäuse Erwachsensein zu signalisieren.

And here we are. Das Gerät vor mir schimmerte immer noch, inzwischen ein bisschen matter, da die Sonne wieder hinter der Wolke verschwunden war.

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Die Phone-Finger

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Alles wird virtualisiert. Ein neues, kleines Hilfsmittel unterstützt uns beispielsweise dabei, konkreten Schmutz in schmutzige Gedanken zu transformieren

Vielleicht versteht man die Produkte, um die es heute geht erst, wenn man die Perspektive wechselt. Wenn man sich an Marshall McLuhan hält, der schon in den sechziger Jahren erkannte, dass Computer uns dabei helfen, Probleme schneller zu lösen, die wir ohne Computer überhaupt nicht gehabt hätten. Oder etwas genereller: dass der Mensch neue Zivilisationstechniken nicht entwickelt, damit irgend etwas einfacher wird, sondern im Gegenteil, damit die Schwierigkeiten zunehmen. Es sind Herausforderungen, die der Mensch sich selbst stellt und mit denen er sein Zerebrum in immer neue und permutierte Resonanzen zu versetzen sucht.

Betrachtet man die Welt auf diese Weise, ist zum Beispiel Telekommunikation die umständlichste derzeit bekannte Art, miteinander zu telefonieren, da nicht mehr nur zwei Telefone über eine Leitung miteinander verbunden werden, sondern nunmehr auch noch Computer und eine Menge anderer komplizierter Sachen; außerdem verlaufen die Verbindungen nicht mehr linear, sondern in Netzen.

Jemand, der dem Fortschritt zugewandt ist, wird sich also nicht mit den jeweiligen Großproblemquellen, namentlich Computer und Internet, zufriedengeben sondern dankbar jede weitere Verkomplizierung begrüßen, die als Add-on angeboten wird.

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Und hier kommen die Phone-Finger ins Spiel. Dabei handelt es sich um Latexhüllen, die in der Art eines Kondoms über die einzelnen Finger gerollt werden, um zu verhindern, dass der empfindliche Touchsreen des iPhone oder welcher berührungsempfindlichen elektronischen Oberfläche auch immer mit Fingerabdrücken und Schmierflecken verunstaltet wird.

Es gibt das ganze in drei unglaublich scheußlichen Farben - Schwarz, Babyblau und Pastellrosa - sowie in Weiss. Man könnte meinen, es handle sich um etwas wie die komplementäre Version fingerloser Autofahrerhandschuhe, wobei diesmal der Handteller nackt bleibt und nur die fünf Finger bedeckt werden. Aber latexüberzogene Finger haben nichts von regulärer Bekleidung, vielmehr sehen die Dinger aus, als habe man mit den Fingern in einen Farbeimer gefaßt. Zudem erinnern die albern für jeden Finger einzeln aufziehbaren Isolatoren an Hosen, wie sie zu Lebzeiten des Manns vom Hauslabjoch a.k.a. Ötzi modern waren, nämlich getrennt anschnallbare Beinröhren.

Der Schmutz, der dem Touchscreen durch die Fingerhülsen (Packung mit 25 Stück für 9,90 Euro) erspart bleibt, wandert nach dem Prinzip der kommunizierenden Röhren in die Phantasie der Rezensenten ab, von denen die wenigsten sich die erotischen Konnotationen verkneifen können, welche die präserhaften Fingergummis evozieren.

Gehobener Schwachsinn, ganz vorne an der Spitze der technischen Zivilisation: Touchscreen und Gestensteuerung, deren schöne Ideenhaftigkeit durch die Randerscheinungen der Körperlichkeit gestört werden, durch Schweiß, Hautunreinheiten und was da sonst noch an Purismusverunreinigungen auf einer Fingerbeere herumgeistert, werden durch diese kleinen Latex-Zusatzvorrichtungen abgeschirmt von anachronistischer Nacktfingrigkeit und dieser animalisch direkten Art, sich einer Maschine zuzuwenden.

Die Erhaltung der Reinheit ist im Übrigen kein technischer oder banal hygienischer Akt, sondern ein religiöser, das heißt, ästhetische Prinzipien sind dabei untergeordnet. Und das katholische Kondomverbot gilt nicht für Finger – Fortschritt also auch an überraschender Stelle. Schon Leonardo da Vinci sehnte sich danach, “reine Gedankenkunst” zu produzieren, unbelastet von den Einschränkungen mechanischer Verfahren. Zu Anfang unseres Jahrhunderts beschrieb Einstein sein fruchtbarstes Werk als “reines Gedankenexperiment”. Mit den neuen quasi Renaissance-Technologien der Digitalisierung können wir endlich unbeschwert von Materialien das Unsichtbare sichtbar machen. Auf die vollkommene Reinheit des Virtuellen hat bisher erst die Kunst Antworten gefunden, allerdings anachronistische: das Krakelige, Ungerade, Dissonante, Fettige, Rostende, das inszeniert Nichtartifizielle.

Bilder und Texte am Bildschirm befindet sich vom ersten Augenblick an im Zustand der Reinschrift und Endfassung. Es gibt kein verbesserndes Verschmutzen des gläsernen Blatts mehr, nur den fortwährenden Anschein, die Arbeit sei immer schon vollendet. Wie spaltbares Material hinter der Sicherheitsscheibe liegen der elektronische Text und das Visuelle in der ungreifbaren Tiefe des Bildschirms. Nun soll durch die Phone Finger die Hardware selbst in einen paradoxen Zustand versetzt werden. Mit so etwas wie Datentaucheranzügen für die Finger ausgestattet, kann man seine Hardware berühren und zugleich unberührt lassen. Und eines machen die Phone Finger unmißverständlich klar: Was der konsequenten Fortentwicklung von Technologie am nachhaltigsten im Weg steht, ist der Mensch.

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(Erstveröffentlicht im Blog der Technology Review)

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Hierzu siehe auch:

Verriß des Monats | April: Jäger des verlorenen Schlafs |
Verriß des Monats | März: der Gestenwürfel |
Verriß des Monats | Februar: Shopping-Porno |
Verriß des Monats | Januar: Vorschläger |

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Tragik ist nichts für Maschinen

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Washington - Die amerikanische Firma StatSheet will im Sommer ein Programm auf den Markt bringen, das automatisch Reportagen über College-Basketballspiele schreibt. Der Algorithmus wertet Spielstatistiken aus und kann aus Textbausteinen zusammengesetzte Artikel verfassen. Bei StatSheet ist man davon überzeugt, dass 90 Prozent der Leser glauben werden, der automatische Bericht sei von einem Menschen geschrieben worden.

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Besteht die Aufgabe von Journalisten in Zukunft darin, herauszufinden, was die Maschine nicht kann und diese Lücken zu nutzen? Werden sie die Putzerfische sein, die sich von den Resten der algorithmischen Schwärme ernähren?

Die Fragestellung greift insgesamt zu kurz, denn nicht nur die Berichterstatter lassen sich maschinell substituieren, sondern auch der Sport selbst. Der anfälligste Kandidat für eine baldige Digitalisierung ist der Schiedsrichter - es würde mehr Fairness und gerechtere Entscheidungen verheißen. Die Perfektion, die diese Art technischer Urteilsfindung nach sich zieht, trägt aber den Keim des Untergangs in sich. Es ist wie mit fahrerlosen S-Bahn-Zügen oder pilotenlosen Flugzeugen: Während die Ingenieure versichern, ein solches System sei weniger fehleranfällig als eines mit menschlichem Personal, wenden sich Fahrgäste mit einer tiefen inneren Abneigung dagegen.

Was der Maschine vor allem fehlt, ist die Möglichkeit zur Tragödie.

Keine Frage, digitale Maschinen bieten ein Panorama an möglichen Fehlfunktionen. In den siebziger Jahren hielt ein Computer des amerikanischen Frühwarnsystems den aufgehenden Mond für anfliegende sowjetische Atomraketen und löste Großalarm aus. Maschinen können aber nur Katastrophen verursachen, keine Tragödien. Die moderne Form der Tragödie besteht darin, dass der Mensch inzwischen in vielerlei Hinsicht in der Lage wäre, seine Schwächen mit technischer Hilfe zu überwinden.

Für ein Spiel wie Basketball oder Fußball wäre diese Aufrüstung fatal. Auch beim Stierkampf ergäbe es keinen Sinn, den Torero statt mit Tuch und Degen mit einer Maschinenpistole auszustatten. Steven Spielberg lässt im ersten Indiana-Jones-Film die Klischees des Zweikampfs ins Leere laufen: Aus einer Menge tritt ein schwarz gewandeter Krieger und schwingt sein Schwert - aber Indi hat keine Zeit. Er zieht seinen Revolver und schießt den Gegner einfach um.

Werden die menschlichen Spieler auch aus dem Match verschwinden und irgendwann nur noch Roboter kicken, weil sie es inzwischen besser und präziser können?

Erinnert sich noch jemand an den ersten Computer, der einen Schachweltmeister besiegt hat? Im Mai 1997 hatte der IBM-Computer Deep Blue im Rückspiel den amtierenden Schachweltmeister Garri Kasparow bezwungen. Angesichts der mythischen künstlichen Intelligenz hätte etwas Einzigartiges, Erderschütterndes passieren müssen. Es passierte aber nichts.

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→ Hierzu siehe auch:

• Schnüffler an der Steckdose |
• Alles Gute vom Computer |
• Die lausigen Pennies |

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Maschinen gegen die Nacht

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WER SCHLÄFT, weiß nicht, wie schön es ist, wach zu träumen. Nicht zu schlafen ist die einzige Droge, die meiner Arbeit nützt, dem Schreiben. Die Sache hat natürlich einen Preis. Ich brauche Tage, um mich von einer durchwachten Nacht zu erholen. Aber ich bin einfach zu gern wach. Ich warte, bis ich müde bin und kämpfe gegen die Müdigkeit. Für diesen anstrengender Kampf muß ich Energien freilegen, die einem gewöhnlich nicht zur Verfügung stehen; ein guter Teil davon kommt der Arbeit zugute.

In den ersten Stunden versucht die Müdigkeit, mich zu betäuben. Nach einer Weile schläft sie ein, aber ohne mich. Ist dieser Punkt erreicht, fühle ich mich wie destilliert, zugleich leicht wie Balsaholz. Dann stellt sich, wenn es wirklich gut läuft, der zentrale Zustand ein, eine traumwandlerische Sicherheit. Es läuft nicht immer gut, aber wenn, dann kann ich die symphonischen Geschwindigkeiten des Träumens, die jede Vernunft überschreiten, ins Wachsein herüberholen. Dann bin ich mehr, weil ich nicht schlafe.

Ich bin der schweigende Mann auf dem Leuchtturm, der sitzt neben der großen Brennschale, die dreht sich, und der Mann wacht. Ich verliere den Schlaf, wie eine leere Brieftasche. Ein Sturm drückt Regen gegen das Fenster. Ich rieche an einer Telefonrechnung, was soll man auch tun. Musik macht aus dem Zimmer einen Raum groß wie ein Stadion. Eine blaue Diode leuchtet. Der elektrische Strom treibt die Maschinen gegen die Nacht.

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SCHON IN DER Nacht der Zeiten konnten unsere Urahnen sehen, was sich uns heute durch einen Blick aus einem Flugzeugfenster in die Nacht zeigt. In der Glut des Feuers, in der zu winzigen Straßenschluchten aufgeplatzten Baumrinde verglühenden Feuerholzes und den verwehenden Lichtflügen darin sah der Mensch der Vorzeit bereits das Erscheinungsbild der großen, nachtleuchtenden Städte des 21. Jahrhunderts aus der Luft.

Kein Schlaf heißt Licht. 1882 hielt mit Edisons Glühbirnen im New Yorker Bahnhof Pearl Street die künstliche Beleuchtung Einzug in die USA. In Paris gingen die Damen damals aus Angst vor dem stechenden Licht der öffentlichen Bogenlampen nachts mit Schirmen durch die Straßen. Nun haben wir wieder eine Technologie mit Schirmen, Bildschirmen diesmal. Früher gab es die Nacht als Fluchtraum, in den die Müdigkeit sich zurückgezogen hat. Sie wurde vom elektrischen Licht verscheucht. Es kam eine neue Form der Erschöpfung, eine Unruhe; Nervosität. Dies war zugleich die Geburtsstunde des jugendlichen Nachtlebens, das seither irrlichternd über den Planeten flackert. Und während die Jugend nach dem verlorenen Paradies sucht, erzählt das Licht die Geschichte der Welt.

Die Nacht nickt mir zu. Ich setze mich an das Fenster zum Hof und horche auf den Regen in den Obstbäumen, ein feines Sieden, und auf den Regen im Gras, ein leiseres Geräusch. Später horche ich an der Straße auf den Regen auf dem Asphalt, es zischt sacht. Jetzt sind hier nur noch die Nacht und ich. Ich fühle Millionen von Menschen um mich herum schlafen. Die Wirklichkeit hat ihre Blätter eingerollt, die Phantasie phosphoresziert und ihr gegenüber leuchtet der Bildschirm meines Computers.

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UNTERWEGS IM TAXI schiebt eine Sturmbö Regentropfen gegen das Fenster. Natur geht über die nächtliche Stadt und der Fahrer drückt Mozart aus der Anlage. Als wäre es Licht und als leuchtete es im Fließen durch alle Funkstrecken hindurch, sehe ich den Strom in den Straßen. Er treibt die Maschinen gegen die Nacht. Dann bin ich bei jemandem und rieche in dem Zimmer an dem Fensterglas. Ich fühle den Kuß der Tiefe und setze mich in einen Polstersessel, bekomme mehr als Musik und sehe den anderen Rechner, wie er startet, und den Bildschirm mit seinem weichen Aufkommen von Licht.

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Die digitale Faszination - Vom Leben auf dem achten Kontinent

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Eröffnungsvortrag,

gehalten auf der re:publica 2010

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EIN PAAR GEDANKEN zu der Frage: Woher kommt eigentlich die Faszination an dieser ganzen digitalen Kommunikationstechnik? Woher kommt dieses Heimweh nach einem Ort, an dem wir noch nie waren, weil wir ihn nämlich nicht betreten können, außer in unserer Vorstellung? Was fasziniert uns so am Netz?

Der Kulturwissenschaftler Lewis Mumford wuchs Anfang des 20. Jahrhunderts in New York auf. “In meiner Jugend”, schreibt er, “las ich Modern Electrics, und die neuen Mittel der drahtlosen Kommunikation nahmen meine Jünglingsphantasie gefangen. Nachdem ich meinen ersten Radioapparat zusammengebastelt hatte, war ich hocherfreut, als ich tatsächlich Botschaften von nahe gelegenen Stationen empfing, und ich fuhr fort, mit neuen Geräten und Anschlüssen zu experimentieren, um noch lautere Botschaften von weiter entfernten Sendestationen zu empfangen. Aber ich machte mir nie die Mühe, das Morsealphabet zu lernen oder zu verstehen, was ich da hörte.”

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IM VORLAND des Kilimandscharo, an der Grenze zwischen Kenia und Tansania, liegt Amboseli, in der Sprache der Massai die “leere Weite”. Hier hat sich das Bewußtsein aus den Köpfen der ersten Menschen in die Welt ausgebreitet. Eine Schlüsselrolle dabei hat die Beherrschung des Feuers gespielt. Im Schutz des Feuers, das von allen anderen Lebewesen gefürchtet wird, konnte der Mensch zum ersten Mal die ununterbrochene Anspannung in einer lebensgefährlichen Umwelt ablegen. Hier haben unsere Urahnen einen mythischen Moment erlebt – das Paradies, den Frieden –, der dann seinen Weg durch die Jahrtausende angetreten hat.

Am Ende einer leuchtenden Spur durch die Geschichte steht der Computer als aktueller Höchststand unserer Fertigkeit, das Feuer zu beherrschen. Denn was ist ein Bildschirm anderes als ein Ofenloch, in dem ein kaltes Feuer glüht? Ein vernetzter Rechner ist quasi nichts weiter als ein weltweit wirksamer Schürhaken. Der Computer erlaubt uns nun die Kontrolle über jedes Funkenpixel am Bildschirm.

Heute sitzen die Nachfahren der alten Magier programmierend vor den modernisierten Kristallkugeln und lassen, wie seit Jahrtausenden in der Branche üblich, mit Hilfe eines undurchsichtigen Brimboriums aus codierten Beschwörungsformeln ihre Visionen auf den Monitoren erscheinen.

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ES GIBT KEINE weißen Flecken mehr auf der Landkarte. Wir besiedeln nun den achten Kontinent – das Netz. Zuvor waren Nachrichtenverbindungen von Boten abhängig gewesen, vom Marathonläufer bis zum Pony-Express. Als Mayer Amschel Nathan Mayer Rothschild im Juni 1815 per Brieftaube vom Ausgang der Schlacht bei Waterloo erfuhr, konnte er seinen Informationsvorsprung noch in eine Börsenspekulation ummünzen, die zur Grundlage seines legendären Vermögens wurde.

Mit der Erfindung des Buchdrucks wurden alte Manuskripte vervielfältigt und überfluteten die Renaissance mit der ganzen Vergangenheit des Altertums und des Mittelalters. In dieser Zeit wurde die Zukunft erfunden. Mit Hilfe von Büchern begann der menschliche Geist zum ersten Mal, sich frei in Vergangenheit und Zukunft zu bewegen.

Heute läßt die Vernetzung uns eintauchen in alle Kulturen, die je auf dieser Welt existiert haben. Die Bibliothek von Alexandria war ein Versuch, das Wissen der Menschheit an einem Ort zusammenzuführen, die aktuelle Version heißt Google. Bisweilen hat das Suchen bereits religiösen Charakter angenommen. Viele Leute wollen gar nicht mehr finden. Sie wollen nur suchen.

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ES IST MIT GOOGLE ein bißchen wie mit dem Hollywood-Produzenten, dem eine traumhafte Villa mit Swimmingpool gehörte. Er war damit nicht zufrieden und ließ sich einen Steg aus Plexiglas über den Pool bauen, genauer gesagt: knapp unter die Wasseroberfläche. Wer nicht wußte, dass da ein Steg ist, sah nichts. Manchmal ging der Produzent dann rüber zum Pool und wandelte über dem Wasser.

Ein Wunder.

Im August 2003 wurde Google-Mitgründer Sergej Brin auf einer Konferenz gefragt, wann ihm klargeworden sei, dass Google ein Wahrzeichen der Gegenwart geworden ist. Als Antwort erzählte Brin die Geschichte von jemandem, der angeblich einem Familienmitglied mit einem akuten Herzinfarkt das Leben gerettet hatte, indem er bei Google nachfragte, was zu tun sei und mit den gewonnenen Informationen medizinische Hilfe hinzuziehen konnte. Mit anderen Worten: auch Google vollbringt inzwischen Wunder. Die Vorstellung, dass jemand eine Suchmaschine konsultiert, statt den Notarzt zu rufen, ist absurd – jedenfalls in Deutschland. In einem Land wie den USA, in dem bis dato 46 Millionen Menschen ohne Krankenversicherung lebten, verheißt eine Suchmaschine kostenlosen medizinischen Rat.

Was Google mit seiner ebenso innovativen wie aggressiven Vorgehensweise immer wieder mühelos schafft ist, zu zeigen, wo die Gemeinschaft versagt – aus Bequemlichkeit, Geiz oder Unentschlossenheit. So hat erst die Provokation durch Google Books die EU dazu veranlaßt, endlich mehr als nur eine symbolische Summe für eine eigene Digitalisierungs-Initiative in die Hand zu nehmen. Auch zu Googles “Street View” gibt es Alternativen wie das Open Source-Projekt OpenStreetMap. Statt sich in Angstdebatten zu verlieren, wäre es konstruktiver, ein solches Projekt zu fördern und eine digitale Öffentlichkeit zu entwickeln, die es mit der Leistungsfähigkeit von Google aufnehmen kann. “Am Ende entschiede dann Qualität, und ein vielleicht sogar besseres Konzept, weil alle mitmachen”, sagt der Digital Business-Fachmann Christoph Kappes.

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SÄMTLICHE MEDIEN, allen voran das Netz, sind inzwischen auf ein Ziel ausgerichtet: Permanenz. Online gibt es keinen Ladenschluss mehr, keine Sperrstunde, kein Programmende. Der digitale Medienfluss verwandelt sich in eine Umweltbedingung - etwas, das überall und immer da ist – und etwas, das uns an immer mehr Stellen einlädt, auffordert, verlockt, ihm unsere Zeit zu widmen. Früher öffnete sich einmal pro Abend das Nachrichtenfenster in die Welt. Heute fließen die Ströme an Meldungen, Unterhaltung, Information unausgesetzt. Sonderbare Dinge wie “Testbild” und “Sendeschluss” kennen junge Medienkonsumenten nicht mehr.

Das Netz ist zum Inbegriff der Permanenz geworden. Ständig geht es vor sich, es aktualisiert sich, es vibriert vor Mitteilsamkeit. Früher gab es einen Zustand, dann kam eine Veränderung, dann ein neuer Zustand. Jetzt ist Veränderung der Zustand. Früher hat der Große den Kleinen gefressen, dann fraß der Schnelle den Langsamen. Nun wird das Manchmal vom Immer verschluckt.

Echtzeit.

Und bald werden wir Maschinen nicht mehr mit einem Ein- und Aus-Knopf zu kaufen bekommen, sondern nur noch mit einer Reißleine, die zum Start gezogen wird, dann läuft der Apparat bis in alle Ewigkeit. Ich bin der Auffassung, dass der Ausschaltknopf als ein bedeutendes Menschenrecht gewahrt bleiben muß. Wie sehr uns dieser Knopf bereits ausgetrieben worden ist, zeigt das Mobiltelefon. Zwar verfügt es noch über einen regulären Ausschaltknopf. Aber die psychische Belastung, die das Ausschalten mit sich bringt angesichts der Möglichkeiten, was man alles versäumen könnte, ist immens. Das Nichtrangehen zu lernen ist so schwierig wie ein Morphiumentzug.

Manchmal gibt es Sternstunden, in denen die Ruhe der Unendlichkeit herabsinkt in all das Gequatsche. Als Alexander Graham Bell am 1. August 1922 starb, wurde ihm zu Ehren in den USA eine Minute lang der Telefonbetrieb unterbrochen.

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HEUTE IST DIE digitale Technologie so weit fortgeschritten, dass sie uns nicht nur erlaubt, die alte Unordnung ohne Abstriche in den Computer zu übernehmen, sondern sie weit zu übertreffen. Mit dem Netz hat der Mensch eine vollkommen neue Dimension des Durcheinanders erschaffen – einen reichen, schöpferischen Humus. Das Netz ermöglicht es uns nun, nicht mehr nur Bücher und Zettel durcheinander zu schmeißen, sondern auch Bilder aller Art, Animationen, Videos und komplette Diskurse. Im gordischen Knoten der Hyperlinks ist inzwischen die ganze Welt in die Globalisierung der Unaufgeräumtheit eingebunden. Dazu gibt es nun Ent-Ordnungssysteme, in denen die Idee des Strukturierens überhaupt aufgegeben wird – Stichwort “Tagging”. An Stelle der Ordnung treten dynamische Wortwolken oder Konglomerate aus Online-Bekanntschaften. Das derzeitige Referenzsystem für computergestütztes Durcheinander ist Facebook. Ziel der Entwicklung ist es, die Unübersichtlichkeit zu universalisieren. Jeder soll alles von überall aus durcheinanderbringen können.

In Echtzeit.

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AUCH DER INFORMATIONSVORSPRUNG von Experten ist übrigens oft nur noch mit ziemlicher Anstrengung aufrechtzuerhalten. Jahrelang hat man sich mühevoll mit, sagen wir, einem komplexen Gebilde wie der Programmiersprache dem Betriebssystem Unix befasst. Dann die große narzisstische Kränkung: Marc Andreessen programmiert einen grafischen Browser, der es auch kleinen, älteren Damen in kürzester Zeit ermöglicht, sich durch’s Internet zu klicken. Ohne Unix. Der entwaffnete Experte muss also neue Methoden finden, seinen Status als Sondertier zu erhalten.

Die erfolgreichste Methode ist das britische Club-Prinzip: Aus einer profanisierten Welt, in der man nicht einmal mehr zu wissen braucht, was eine Unix-Shell ist, zieht der Experte sich in die jeweils nächstunverständlichere Region zurück. Aus dem Club-Prinzip ist inzwischen übrigens eines der erfolgreichsten Geschäftsmodelle im Netz geworden: Datenkäfige in allen Größen, die alle das Attribut “sozial” tragen – einer heißt iTunes –  und die mich an den Bericht eines Afrikareisenden erinnern. Der erzählte mir, dass Musiker und Bands in ländlichen Regionen bei ihren Auftritten meist in Käfigen spielen. Die Musiker haben keine eigenen Instrumente und spielen mit den Instrumenten, die ihnen der Veranstalter zur Verfügung stellt. Nachdem immer wieder Instrumente gestohlen worden waren, hat sich nun die Käfighaltung von Musikern eingebürgert.

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DAS NETZ IST nicht einfach ein großer Automat, aus dem man Texte und Bilder zieht oder in den man welche einfüllt. Das Netz lebt, wir sind es selbst. Und was seine Individuen von diesem bewegten Zustand zu berichten haben, fließt in den Nachrichtenstrom der Twitter-Telegramme und Facebook-Statusmeldungen. Ähnlich wie vor 7000 Jahren im Anbeginn der geschriebenen Geschichte läßt die Echtzeit-Ethnie sich heute am Ufer eines großen Flusses nieder, des Livestreams.

Die Sozialen Medien nur als Nachrichten-Umschlagplatz zu betrachten, greift aber zu kurz. Im Netz sind Medien nicht mehr nur Dinge, die wir benutzen – wir leben heute in unseren Medien, auf Facebook, Twitter, in Foren und Blogs. “Sharism” nennt der chinesische Blogger Isaac Mao, was die sozialen Medien und Communities antreibt – die Lust daran, Dinge mit anderen zu teilen (to share). Oder wie Wilhelm Busch es einige Zeit früher ausgedrückt hat: “Doch guter Menschen Hauptbestreben / ist, andern auch was abzugeben”.

Guy Kawasaki hat beispielsweise eine Methode gefunden, mit der man durch eine Netzgemeinschaft einschätzen kann, ob man es mit einem guten oder einem schlechten Risikokapitalisten zu tun hat (Kawasaki hilft Firmengründern). Es gab einmal ein Meeting in seiner Firma, bei dem jemand zum Spaß die Website einer Online-Community an die Wand projiziert hat, die “Golf Handicap Information System” (GHIS) heißt. Diese Website gibt Auskunft über die Spielstärke von Golfspielern. Alle renommierten Golfclubs melden die Spielergebnisse ihrer Plätze inzwischen an dieses Forum. Die Teilnehmer des Meetings riefen dann ebenfalls aus Jux die Namen von Geldgebern, die im Verdacht standen, viel Zeit auf dem Golfplatz zu verbringen. Für Kawasaki ist das inzwischen mehr als nur ein Spaß. Er fragt seither regelmäßig die Namen von Konkurrenten oder potentiellen Geschäftspartnern in der Golf-Community ab. Wenn sich die Spielstärke eines golfenden Businessmanns ungewöhnlich schnell verbessert, kann man davon ausgehen, dass der sich lieber auf dem Rasen aufhält, als in den Unternehmen, an denen er sich beteiligt.

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1993 WAR DAS INTERNET vom Himmel gefallen und lockte mit Verheißungen. Ein Ereignis in dieser Zeit setzte den Journalismus der Zukunft auf die Agenda: der Bombenanschlag in Oklahoma City am 19. April 1995 wurde nicht von herkömmlichen Nachrichtenmedien zuerst gemeldet, sondern von Augenzeugen, die, was sie vor ihren Fenstern sahen, sofort in ihre Computer tippten – in den Internet Relay Chat (IRC). In einem sofort eingerichteten IRC-Kanal #oklahoma sammelten sich Beobachtungen, Informationen und Kommentare. Und als CNN und die anderen zu berichten begannen, war dieser bemerkenswerte Chat bereits Teil der spektakulären Nachricht. Hier, so hieß es in der Zeit nach dem Ereignis immer wieder, beginne der Weg des Journalismus ins 21. Jahrhundert.

Heute interessiert sich kaum noch jemand für’s IRC – dafür aber für eine verkürzte und beschleunigte Form des Austauschs in ähnlicher Form namens Twitter. Und wieder ist der klassische Journalismus von Untergangsvisionen umwölkt. Soll man abwarten und Tee trinken, bis die Aufregung sich wieder gelegt hat und die nächste Sau durch’s globale Dorf getrieben wird?

Diesmal ist die Lage anders.

Der amerikanische Medienwissenschaftler Clay Shirky beschreibt, wie die von einer Zeitung angestellten Nachforschungen verliefen, als die populäre Kolumne des Humoristen und Pulitzer-Preisträgers Dave Barry unerlaubt im Internet verbreitet wurde. So fanden sich im Netz unter anderem eine eigene Dave Barry-Newsgroup und eine Mailingliste, die von ein paar tausend Leuten gelesen wurde. Und es fand sich ein Teenager aus dem mittleren Westen, der die Kolumnen von Hand im Internet verbreitete. Er liebte die Sachen von Barry so sehr, dass er dafür zu sorgen versuchte, dass möglichst jeder sie lesen konnte. Shirky erinnert sich an eine Bemerkung des damaligen Online-Chefs der New York Times, Gordy Thompson, zu diesem Phänomen: “Wenn ein 14-jähriger Junge dein Business in seiner Freizeit hochgehen lassen kann – und zwar nicht, weil er dich haßt, sondern weil er dich liebt –, dann hast du ein Problem.”

Journalismus ist die zivilisierteste Form von Widerstand, und sei es nur gegen die Langeweile. So groß kann keine Krise sein, dass er verschwände, davon bin ich überzeugt. Vor allem aber haben wir mit der Sprache eine bemerkenswerte Technologie und zugleich ein Urmuster der Demokratie an der Hand. Aus 26 Buchstaben lassen sich ganze Universen errichten. Jeder von uns hat mit seinem Namen seinen höchstpersönlichen Anteil an der Sprache. Und jeder kann neue Worte, Formulierungen und Gedanken vorschlagen, und wenn sie gut sind, werden sie bleiben und sich verbreiten. Die Sprache gehört uns allen, sie kostet nichts und wir alle arbeiten als Entwickler mit an dem großen Projekt.

Das weist für mich auf den rätselhaften Kern von Technologie. Denn Menschen interessieren sich nicht für Maschinen. Menschen interessieren sich für Menschen.

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UND WIR SOLLTEN sie alle einladen in diesen neuen Weltteil, der vielen von uns so wichtig ist. Wenn wir wollen, dass alle Menschen etwas vom technologischen Fortschritt haben, brauchen wir Brückentechnologien. Das heißt, Technologien, die nicht nur die Early Adopters und die technologisch Versierten ansprechen, sondern auch den Rest der Menschheit. Wobei dieser Rest nicht wirklich ein Rest ist. Es sind etwa 90 Prozent der Bewohner dieses Planeten. Die meisten Entwickler auf der Welt stecken ihre Energie in Produkte und Dienstleistungen, die exklusiv den wohlhabendsten 10 Prozent der Weltbevölkerung zugute kommen, so der Entwicklungshilfe-Experte Paul Polak. Wir brauchen einen Fortschritt, der auch die übrigen 90 Prozent erreicht.

Ein Beispiel für eine solche Brückentechnologie: Zwei Studenten am Interaction Design Institut in Mailand - die Inderin Aparna Rao und der Schwede Mathias Dahlström - haben eine mechanische Olivetti-Schreibmaschine so umgerüstet, dass man damit E-Mails verschicken kann. Angesichts der Sorge ihrer Mutter, ohne E-Mail zunehmend vom sozialen Austausch mit den jungen Familienmitgliedern, die in verschiedenen Weltgegenden leben, ausgeschlossen zu sein, entschloß sich die Inderin, etwas zu unternehmen. In Indien sind mechanische Schreibmaschinen nach wie vor weit verbreitet.

Also rüsteten die beiden unter der Projektbezeichnung “22 Pop” eine alte Olivetti “Lettera 22” mit etwas Elektronik, ein paar Sensoren und einem Modem so um, dass man damit wie gewohnt auf einem Blatt Papier tippen kann (das “Pop” steht für das verwendete E-Mail-Protokoll). Die Elektronik kann die getippte Anschrift und den übrigen Text erkennen. Und sobald das fertig beschriebene Blatt aus der Maschine gezogen wird, wird das ganze automatisch als E-Mail an den Adressaten geschickt.

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IN SEINEM BUCH “Mythos der Maschine” – von dem ich glaube, dass die Welt besser wäre, wenn es ein Schulbuch wäre – schreibt Lewis Mumford: “Beim Menschen hat [das Nervensystem, speziell im Bereich der Großhirnrinde] in den letzten 5000 Jahren ein außerordentliches Wachstum erfahren. Dank diesem Nervensystem und den aus seinem Geist-Stoff geformten Produkten, den Zeichen und Symbolen, lebt der Mensch in einer an Möglichkeiten unvergleichlich reicheren Welt als jedes andere Lebewesen. Nur hier, im menschlichen Geist, hat die Fortschrittsidee Substanz. Nur hier bietet sie die Aussicht auf eine bessere Zukunft.”

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Kalte Alchemie

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Ein kühner Vorstoß in die Frostigkeit künstlicher Welten: die semantische Neuerfindung von gefrorenem Wasser als edle Verheissung und Reichtumsverdichtung

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Der Berufsbezeichnung Barmixer zieht Michel Dozois den neuen Begriff “Drink Smith” vor. Der “Drinks-Schmied” ist die eigene Erfindung des in Los Angeles mixenden Dozois; “Anchorman” klingt ja auch besser als “Ansager”. Die Bezeichnung dient der Hebung seines Selbstgefühls, das von trostlosen Wodka-Soda-Zusammenrührern und Dirty-Martini-Manschern in Mitleidenschaft gezogen ist. Um das Gehobene, man muß genauer sagen: um das Allergehobenste geht es auch bei den anderen Erfindungen von Michel Dozois, allen voran dem Luxus-Eis Névé. Dozois ist ein innovativer Mann. Wir sprechen nicht von Speiseeis, sondern von gefrorenem Wasser.

Zunehmend begegnen uns Virtualität und künstliche Wirklichkeiten. Sie spielen auch bei realen Objekten eine immer stärkere Rolle. In PR und Werbung haben Verheißungen inzwischen einen Grad an Bedeutung erlangt, der den des ursprünglichen Produkts oft längst übersteigt. Was verkauft wird, ist immer öfter eine Fiktion, durch die sich die oft immergleichen Gegenstände und Waren doch noch voneinander unterscheiden sollen. Die Welt wird also immer kunstvoller, das heißt, die Menschen interessieren sich immer mehr für Geschichten. Die Profanität der Dinge tritt in den Hintergrund. – Ist das so?

Wenn Turnschuhe, Autos oder Sonnenbrillen in Vermeintlichkeiten verwandelt werden, die aus drangeklinkten Bildern oder Musiken hervorgehen und die blanken Dinge über ihr bloßes Dasein hinausheben sollen in die Späre der Markenmärchen, wird das heute niemanden mehr verwundern. Interessant wird es bei Dingen, bei denen man eine solche Wertzunahme überhaupt nicht für möglich gehalten hätte (und bei denen ich merkwürdiger Weise sofort an Software denken muß): Wasser, ungeachtet des Aggregatzustands, gehört ohne Frage in diese Kategorie. Ich hatte hier schon mal ein paar Firmen unter der Lupe, die, verbunden mit kühnen Behauptungen und zu exorbitanten Preisen, schlicht Wasser verkaufen - vom Wasser-Konzentrat (!) für 420 Dollar den Liter bis zu sozial vernetztem Quellwasser. Nun also Eis, vielmehr: das Luxus-Eis, nein: Névé.

Dass dieses neue Produkt ausgerechnet aus Los Angeles kommt, einer Stadt, die wie keine andere für den hemmungslosen Umgang mit der Ressource Wasser steht, hat schon etwas, das an die Zauberei von David Copperfield erinnert. Das Abschmelzen der Gletscher ist die epische Umverpackung, in der uns, zwischen abgehenden Superlativ-Lawinen, das Luxus-Eis nahegelegt wird:. “Über tausende von Jahren fällt der reinste Schnee und sammelt sich auf den höchsten Bergen der Welt. Mit der Zeit wird dieser Schnee verdichtet und formt Gletscher – gewaltige Eismassen, die sich langsam bewegen und die das größte Reservoir an Frischwasser auf der Erde bilden. Die Herausbildung dieses puren und dichten Eises nennt man Névé.”

Die alchemistische Arbeit beginnt schon mit der Wahl des Begriffs: Névé, oh boy, gleich mit zweimal accent aigu, wo doch das Französische per se für Kultur und Edelmarken steht. Ein erster Klang durchschwebt das Nichts; Beiklänge von sündhaft teurem Genuß gesellen sich hinzu. Das geistige Auge sieht Männer in weissen Anoraks, die, aus Hubschraubern abgeseilt, Bohrungen im Gletscher veranstalten, um dieses sozusagen Jahrgangs-Eis zu gewinnen und es, sorgfältig wie Spenderorgane, die zu einer Transplantation unterwegs sind, in das Fluggerät schaffen und der fernen Kundschaft zustellen. Eine zweifellos äußerst kostspielige Sache.

Das Nichts füllt sich weiter mit Musik und einer Vorstellung von höchstmöglicher Reichtumsverdichtung – von Kompilaten, die an Diamanten erinnern, welche unter dem Druck riesiger Gebirgsmassen entstehen und mühsam gefunden und geschliffen werden müssen, um schließlich in allerkleinster Form die allergrößten Werte zu repräsentieren. Unsere Gedanken blicken auf zu Milliardärsmenschen, die nicht wissen, wohin mit ihrem vielen Geld und die überaus glücklich sind über Reichtumsverdichtungsmöglichkeiten wie sie beispielsweise der Kunstmarkt bietet. Wo sonst gibt es die Möglichkeit, Millionen Dollar in einigermaßen handliche und renommierlich vorzeigbare Form geschrumpft zu bekommen? Eine Palette mit Scheinen hinzustellen, um anzudeuten, wie reich man ist, hat ja doch etwas Parvenuehaftes; dem vorzuziehen ist, sich beispielsweise für ein paar Millionen eine Vitrine voller Zigarettenstummel zu kaufen, die von den Assistenten des britischen Künstlers Damien Hirst während der Arbeit ebendaran geraucht worden sind.

Das ist die Grundidee: Werte zu schaffen, die wesentlich mehr manifestieren als der entsprechende Hubraum an Banknoten oder Edelmetall. Es ist die zeitgemäße Version der Alchemie, die sich seit Jahrhunderten darum bemüht, Tand in Gold zu verwandeln. Findig versucht Michel Dozois, all diese Anklänge mit in sein Edel-Eis hineinzuverwandeln und die Anmutung von Reichtum und Kostbarkeit gewissermaßen zu demokratisieren. Über Preise schweigt man sich bei Luxury Ice Névé aus, die angebotenen Eiswürfel aus zweifach gefiltertem (Leitungs-)Wasser, das einer Umkehrosmose unterzogen und anschließend mit Mineralien versetzt wird, liegen aber gewiß noch innerhalb der Reichweite jener Menschen, die sich zum Essen gern ein Fläschchen Château Petrus oder La Tâche Romanée-Conti zu jeweils 5000 Dollar die Flasche gönnen. Bei der Preiseinschätzung hilft auch ein Bick auf die Konkurrenz: Seit einiger Zeit verkauft Roberto Sequeira, der hierzu die im kalifornien Davis ansässige Firma Gläce Luxury Ice gegründet hat, Eis in Form etwa sechs Zentimeter durchmessener perfekter Kugeln, das Stück zu acht Dollar.

Moment. Leitungswasser? Wo ist denn der Gletscher geblieben? Ach so: “Nachdem das herkömmliche Eis aus dem Kühlfach nicht die erwünschte Mischung aus Kälte und kontrollierter Drink-Verdünnung bot, machte Dozois sich auf zu einer Reise auf der Suche nach seinen eigenen eisigen Würfeln.”

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Einkaufspornographie

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Warum immer nur still und diskret shoppen? Im Internet gibt es jetzt Abhilfe: Zeigst du mir deine Quittungen, zeig ich dir meine.

DIE ZEIGELUST hat eine weitere, technisch forcierte Stufe erreicht: den Hyper-Exhibitionismus. Ein neuer Web-Service namens Blippy ermöglicht nun eine Mischung aus Selbst-Schufa und Striptease. Der Dienst sieht sich als “vergnügliche und einfache Möglichkeit, zu erfahren, was andere Leute kaufen und darüber zu reden”. Bei Blippy können die Leute sich gegenseitig zeigen, wo, wofür und wie viel Geld sie ausgegeben haben. Es ist ganz einfach: Man gibt seine Kreditkartendaten (”Visa, Mastercard, and more”) oder seine Zugangsdaten bei iTunes, Amazon oder anderen Einkaufsportalen an und alle können sehen, wofür man etwas hinlegt.

Superheroes go shopping
(Foto:
Wendy Skeleton, Flickr/CC) →

Nein, das ist keine Parodie. Es ist ganz einfach – zynisch? Ist es das, wenn die Leute genau wissen, worauf sie sich einlassen? Oder ist es vielleicht doch ein großes Experiment, an dem nun immer mehr Menschen Lust haben, teilzunehmen? Hat Larry Ellison Recht behalten, der schon 1999 sagte, dass wir Privatsphäre vergessen können und uns langsam damit abfinden sollten? Und Google-Chef Eric Schmidt, der die Auffassung vertritt, man solle am besten ein Leben führen, in dem es nichts gibt, das einen in Schwierigkeiten bringen kann, wenn es im Netz veröffentlich würde? (Der Nachrichtendienst Cnet hat von der Firma Google ein Jahr lang strafweise keinerlei Auskünfte mehr erhalten, nachdem Cnet persönliche Informationen über Eric Schmidt veröffentlicht hatte – ergoogelte Informationen, wohlgemerkt).

SOWAS WIE BLIPPY sollte bei Facebook vor einiger Zeit durch die Hintertür eingeführt werden – Social Ads. Sie hätten zur Folge gehabt, dass über die Einkäufe, die man beispielsweise bei Amazon tätigt, gleich auch die Facebook-Friends informiert werden. Die zwangsweisen Empfehlungen scheiterten jedoch am Widerstand der Nutzer. Sind es die unterschiedlichen Traditionen im öffentlichen Umgang mit Geld? Während einen ein Amerikaner unbekümmert sein Einkommen wissen läßt, scheut der Europäer davor  zurück. Bemerkenswert an den Blippy-Einblicken ist übrigens, dass oft lange “Einkaufs”-Listen mit einem Gesamtbetrag von Null Dollar oder Pfund zu lesen sind – weil die Leute Kostenloses downloaden.

Sharing ist die neue Tugend des Netzzeitalters – mehr Gemeinschaftsgeist, all sowas. In den allgemeinen Geschäftsbedingungen bei Blippy ist unter “Information Sharing” zu lesen, dass man sich die Möglichkeit vorbehalte, verschiedene Dinge mit “vertrauenswürdigen Dritten” zu teilen, etwa Direktmarketing-Kampagnen. Der Nutzer erklärt sich damit einverstanden, dass auch seine persönlichen Daten “im notwendigen Maß” mit diesen Dritten geteilt werden. “Diese Leute”, sagt die Bürgerrechtlerin Rena Tangens, “dürfen sich nicht beschweren, wenn etwas Schlimmes mit ihren Daten passiert”. Wer sich auf einen Service wie Blippy einläßt, verdient kein Mitleid.

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Endlich Fenster

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Ein Jugendtraum geht in Erfüllung: die Internationale Raumstation hat einen Wintergarten. (Illustration: Kurt Röschl, 1955)

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AUSSER EINEN KRIEG zu führen gibt es kaum eine effizientere Art, Geld aus dem Fenster zu schmeissen, als die bemannte Raumfahrt. Unbemannte Instrumente wie das Weltraumteleskop Hubble oder die Marssonden Opportunity und Spirit haben uns großartige neue Einblicke in den Kosmos verschafft. Unbemannte Kommunikationssatelliten haben die Welt in einen Bienenschwarm aus Botschaften verwandelt. Die Internationale Raumstation ISS aber, deren Gesamtkosten sich nach Angaben der europäischen Raumfahrtagentur ESA auf etwa 100 Milliarden Euro belaufen, macht vor allem durch bizarre Stunts auf sich aufmerksam, etwa einen Golfabschlag bei einem Raumspaziergang.

Nun versucht man dieses Problem sozusagen zu lösen, indem man ein Fenster einbaut, durch das man kein Geld schmeissen kann (wobei Fenster, die sich öffnen lassen, im Weltraum prinzipiell zu Problemen führen). Jedenfalls reiste jüngst mit der Raumfähre Endeavour ein neues, großes Bauteil zur ISS – das Modul “Tranquility”. Teil dieses Moduls ist ein “Cupola” genannter Wintergarten, der den Astronauten durch sieben Fenster einen Ausblick ins All gestattet.

Ich bin mit der Raumfahrt aufgewachsen, und in den sechziger Jahren war der freie Blick in den Weltraum eine der Verheißungen des Raumfahrtzeitalters. In utopischen Romanen, Sachbüchern und Zeitschriftenartikeln waren Illustrationen zu sehen, in denen Besucher einer Raumstation durch riesige Panoramascheiben oder Glasböden hinein in die Unendlichkeit blickten.

Die Realität sah dann allerdings so aus, dass in der ersten Raumkapsel des amerikanischen Mercury-Programms ursprünglich überhaupt kein Fenster vorgesehen war. Der Mann in der Kapsel sollte kein Pilot sein, sondern eine lebende Kanonenkugel, Marmelade in einem Berliner. Erst auf internen Druck der Astronauten, die sich andernfalls an die Presse wenden wollten, wurde ein winziges Bullauge eingebaut. Und dabei blieb es bis zu den Mondlandungen. Mit den neuen Space Shuttles brachte eine etwas größere Frontscheibe in den achtziger Jahren ein bißchen mehr Aussicht. Inzwischen gibt es im Space Shuttle sogar am Klo ein Fenster. “Der Höhepunkt war es immer wieder, aus dem Fenster zu schauen”, so der deutsche Astronaut Ulf Merbold.

Längst haben wir eine neue, bessere Art der Raumfahrt entwickelt: das Internet. Nun dürfen nicht mehr nur ein paar Astronauten in die Unendlichkeit reisen, sondern alle. Die unendliche Weite ist demokratisiert worden. Und Bildschirmfenster sind die ersten Fenster, durch die alle reingucken, nicht raus. Was sagt man heute, wenn man sich in einem neuen System einquartiert? Fräulein, ich möchte einen Rechner mit Blick auf den Code. Open Source-Systeme wie Linux ermöglichen sogar Einblicke in die Tiefen des digitalen Universums, bis fast hinein in den Urknall.

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Alles Gute vom Computer

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Eigentlich sollte man sich freuen, wenn einem vielen Leute zum Geburtstag gratulieren. Wenn eine Maschine der Grund dafür ist, ist die Freude aber getrübt.

Ein alter Freund hatte Geburtstag, und er erzählte mir, wie verwundert er war über das unerwartete Ausmaß an Gratulationen. Vor Jahren hatte man gestaunt, neben den obligaten Glückwünschen von Verwandten und engen Freunden, immer öfters dieser pseudo-personalisiertes Anschreiben seiner Bank o.ä. zu erhalten – “Wir freuen uns, Herr Glaser, Sie, Herr Glaser, mit unserem Angebot bekanntmachen zu dürfen, Herr Glaser.”

Im übrigen merkte man am Zurückgehen der Gratulantenmasse (oder vielleicht besser: des Gefühls, dass die ganze Welt mit einem Geburtstag feiert), dass man älter wird. Die verbleibenden Glückwünsche waren gewissermaßen gekeltert, reifer Wein. Eine milde Glut tief in der Mitte.

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Im Internet weiß niemand,
dass du ein Hund bist
(Foto:
Beverly & Pack, Flickr/CC)

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Und jetzt Glückwunschtsunamis. Haufenweise Leute, die man kaum kennt, gratulieren einem zum Jubeltag. Geschäftspartner, flüchtige Bekannte. Menschen, denen man noch nie leibhaftig begegnet ist – nur im Netz. Nach kurzem Überlegen hatte mein Freund damit auch die Quellen der neuartigen Zuwendung eingepeilt: die sozialen Netze. Ob Facebook, Xing oder StudiVZ, alle halten einem die Pflichtfelder zum Ausfüllen vor die Nase, wenn man einen Account einrichten möchte, um sich in dieser neuen Welt umzutun. Mit dabei: das Geburtsdatum.

Mancher wünscht sich inzwischen eine Zeit zurück, die für Ältere noch gar nicht richtig vergangen ist und in der man ein paar wichtige Daten seiner Freunde in einem Kalender notiert hatte. Digital gutvernetzten Menschen fällt auf, dass ihnen nur noch die Großeltern und die allerengsten Freunde persönlich zum Geburtstag gratulieren. Im Netz gibt’s automatische Geburtstagserinnerungen,das ist praktisch, zugleich aber auch ärgerlich – einerseits für diejenigen, die gratuliert bekommen und wissen, dass der Gratulant sich nicht einmal die Mühe machen musste, ihren Geburtstag in einen Kalender einzutragen, und auch dass der Überbringer der Freundlichkeit sich bestimmt nicht von sich aus erinnert hat,  sondern dass ein Algorithmus ihn dazu gebracht hat, zu gratulieren. Diejenigen, die sich den sozialen Medien verweigern, fallen komplett unter den Tisch. Die meisten ihrer online-affinen Freunde besitzen überhaupt keinen Kalender mehr.

Mein Freund hat sich etwas ausgedacht, um beim nächsten Mal den Gratulierfolgen der Pflichtfelder zu entgehen: Er will falsche Angaben machen. Das machen erstaunlich viele Leute. Marktforschung via Internet ist etwas, das keinen besonders soliden Grund unter den Füßen hat. Ein falsch angegebenes Geburtsdatum hat übrigens noch unangenehmere Folgen als ein richtiges. Ich hatte mal irgendwo den 1.1. als Geburtsdatum angegeben und mußte nach dem zehnten Glückwunsch zu Jahresbeginn, alles ernstgemeint, zunächst einmal ein Dementi verteilen. Ich wollte nicht die Gratulanten verschaukeln, sondern das System. Aber das geht nicht.

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Wollt ihr die totale IT?

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Neulich sickerte durch, dass die Videoströme aus den unbemannten Flugdrohnen, die über Afghanistan und den pakistanischen Stammengebieten einherschweben, von unbefugter Seite angezapft werden. Ein weiterer bemerkenswerter Hinweis in dem Zusammenhang ist dabei etwas in den Hintergrund getreten: die Unmanned Aerial Vehicles (UAV) sammeln wesentlich mehr Informationen, als die Geheimdienste auswerten können. Einem Bericht der New York Times zufolge haben die Drohnen im vergangenen Jahr bereits dreimal mehr Material aufgezeichnet als noch 2007. Die gesamten Aufnahmen am Stück anzusehen, würde rund 24 Jahre dauern.

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Je mehr Maschen ein Netz hat…
(Foto: cortneymartin82, Flickr/CC) ?

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Besonders heikel ist, dass die fliegenden Augen nicht nur aufklären sollen, sondern auch Hellfire-Raketen auf Gegner am Boden abschießen. Natürlich gibt es Auswerter-Teams, die den Livestreams aus den UAVs folgen und verdächtige oder interessante Stellen zu einer detaillierteren Nachsichtung markieren. Aber “die Dienste haben immer noch Probleme damit, aus der Datenfülle schlau zu werden.” Das Bildvolumen wird weiter zunehmen, da immer mehr Drohnen eingesetzt werden, die teilweise auch bereits mit mehreren Kameras ausgestattet sind. Fieberhaft wird nach Techniken gesucht, mit denen das Bildmaterial schneller und effektiver gesichtet und kontextualisiert werden kann.

Mehr Technologie! Seit Jahren rufen Sicherheitstechnokraten nach maschineller Hochrüstung, ob beim Militär, bei Geheimdiensten oder in der Öffentlichkeit (meist gleichfalls in Form von Videoüberwachung und bilderkennender Software).

Im Sommer 2005 mußte Glenn Fine, damals Generalinspektor des US-Justizministeriums, dem Senat einen unangenehmen Report vorstellen: Beim FBI hatte sich im Jahr davor der unaufgearbeitete Rückstau von Informationen mit möglichem terroristischen Zusammenhang verdoppelt. Es handelte sich nicht um Informationen erster Priorität, aber das FBI konnte nicht sicher sein, dass die rund 8300 Stunden unübersetzten Abhör-Materials nicht doch irgendwelche Hinweise enthielten, die der Terrorismusbekämpfung dienen könnten.

Im Jahr 2003 waren PowerPoint-Präsentationen als Auslöser von Daten-Tsunamis in Mißkredit geraten: Beim US-Militär liebt man PowerPoint-Präsentationen, und während des Afghanistan-Einsatzes verursachten die oft gigantischen Dateien Staus im Netz. Captain John Wisecup, der einen Verband von Zerstörern im Golf befehligte, verbot als erster das Mailen von PowerPoint-Präsentationen auf seine Schiffe. “Wir haben uns für schlichten, schwarzweissen Text entschieden”, so Wisecup damals.

Die großen Systeme ähneln sich in ihrer digitalen Ineffizienz – in dem Glauben, dass es möglich sei, durch totale Informationsauswertung auch totales Wissen und damit die totale Absicherung vor, beispielsweise, einer Gefahr durch Terroristen zu erreichen. Der Mann, der neulich beinahe ein Flugzeug während der Landung in Detroit in die Luft gejagt hätte, war ohne spektakuläre Tricks durch die Suchraster der Sicherheitsdienste gelangt. Und er war nicht der erste, dem das gelungen ist.

Letztlich führt die massenhafte Produktion von Daten aus vermeintlichen Sicherheitsgründen in eine Endlosschleife – oder in eine Datensammlung, die so gewaltig ist, dass niemand mehr in der Lage sein wird, sie noch sinnvoll zu sichten. Der Begriff “Datenverarbeitung” führt auf verhängnisvolle Weise in die Irre, denn die Maschinen erzeugen vor allem Daten. Ob man es schafft, diese dann auch zu “verarbeiten”, ist, siehe oben, eine offene Frage. Mit Netzen, Rastern und Matritzen ist es wie mit Damenstrümpfen: je mehr Maschen ein Netz hat, desto mehr Löcher hat es auch, automatisch.

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(Erstveröffentlicht im Blog der Technology Review)

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Deckard¹, hol schon mal den Wagen

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Googles “Nexus One”, oder: Wie man sich mit einem netten, neuen Kommunikationsgerät im Unterholz der Sprache verlaufen kann:

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EIGENTLICH ist das Nexus One einfach ein modernes, computerisiertes Mobiltelefon. Das schlanke, titangraue Gerät läßt die herangeschaffte digitale Welt scharf und flüssig über den Bildschirm laufen. Will man den Bildschirminhalt ins Querformat drehen, geht das bemerkenswerter Weise nur nach links; aber gut. Das Nexus One soll dem iPhone auf Augenhöhe gegenübertreten, was nicht ganz einfach ist. Aber eine Firma wie Google kann Wunder vollbringen.

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Hannah blade runner
(Foto:
Photomish Dan, Flickr/CC) ?

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Es ist mit Google wie mit dem Hollywood-Produzenten, dem eine traumhafte Villa mit Swimmingpool gehörte. Er war nicht zufrieden und ließ sich einen Steg aus Plexiglas über den Pool bauen, genauer gesagt: knapp unter die Wasseroberfläche. Wer nicht wußte, dass da ein Steg ist, sah nichts. Manchmal ging der Produzent dann rüber zum Pool, und er ging über dem Wasser. Ein Wunder. Im September 2003 wurde Google-Mitgründer Sergey Brin auf einer Fachmesse gefragt, wann ihm klargeworden sei, dass Google zu einer Ikone der Gegenwart geworden ist. Brin erzählte die Geschichte eines Manns, der einen Herzinfarkt erlitten hatte, und jemand aus seiner Familie rettete ihm angeblich das Leben, indem er bei Google nachfragte, was zu tun sei. “Das”, sagte Sergey Brin, “war ein bedeutender Moment.”  Die Botschaft der Geschichte: Google ist Gott.

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MIT SPRACHE, speziell mit dem Erzählen von Geschichten, aber auch mit einzelnen Worten, läßt sich eine ganze Menge machen. Religionen und Marken werden so begründet. Mit Geschichten kann man die Phantasie der Menschen zum Aufleuchten bringen. Niemand weiß das besser als Science Fiction-Autoren. Nun zeigt sich: Der unschöne Vorwurf, dass Google gelegentlich die Leistungen anderer abgreift, hat eine neue Variante gefunden: Die Familie des 1982 verstorbenen SF-Autors Philip K. Dick will Google verklagen.

Seine Tochter Isa Dick Hackett wirft dem Smartphone-Neuling vor, den Namen für das Kommunikationsgerät aus dem Roman “Träumen Androiden von elektrischen Schafen” ihres Vaters übernommen zu haben. Die Androiden in der Geschichte, die später unter dem Titel “Blade Runner” verfilmt und zu einem Meilenstein des SF-Kinos wurde, heißen Nexus-6 (und das Betriebssystem des Google-Smartphones heißt Android).  An den Assoziationen, die sich von den Nexus-6-Replikanten heranleiten lassen, können Marketingleute auf den ersten Blick ihre Freude haben: Die Einheiten der Nexus-Serie, von Gentechnikern der Tyrell Corporation hergestellt, ähneln Menschen zum Verwechseln, sie sind aber stärker, agiler, robuster und bedarfsweise auch intelligenter.

“Google greift erst mal zu”, sagt Isa Dick Hackett, “hinterher kann man dann sehen, wo man bleibt.” Sie sieht den Namen Nexus One als Verletzung ihrer Markenrechte. Bei der Vorstellung des Smartphones letzte Woche hatte man bei Google betont, dass der Name des Geräts nichts mit Philip K. Dick zu tun habe. Der Begriff sei schlicht in seiner ursprünglichen Bedeutung verwendet worden - als ein Ort, an dem Dinge miteinander verknüpft werden.

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MAL SEHEN, ob sich als nächstes die Erben des Schriftstellers Henry Miller melden und weiterer Ärger ins Haus steht. Der hatte 1960 als letzten Band einer Trilogie über seine frühen Abenteuer - nach “Sexus” und “Plexus” - einen Roman mit dem Titel “Nexus” veröffentlicht. Und was will ein Smartphone wie Googles Nexus One denn anderes als einen einzuladen in neue Abenteuer?

Die Assoziationen zu den Blade Runner-Replikanten sind für einen Gerätehersteller im übrigen nicht nur erfreulich. Die Androiden hören nach vier Jahren auf zu funktionieren. Und sie wollen dich töten.

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¹ Der ehemalige Polizeibeamte Rick Deckard, ein Blade Runner, soll entlaufene Replikanten aus dem Verkehr ziehen.

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Die totale Verimmerung

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Früher gab es einen Zustand, dann kam eine Veränderung, dann ein neuer Zustand. Jetzt ist Veränderung der Zustand. Früher hat der Große den Kleinen gefressen, dann fraß der Schnelle den Langsamen. Nun wird das Manchmal vom Immer verschluckt.

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ES WAR Anfang der achtziger Jahre. Ich dachte, Computer machen immer alles sofort. Ich schrieb ein kleines Programm für meinen ersten eigenen Computer, das eine jener damals beliebten 3D-Funktionen darstellen konnte, die aussehen wie Sombreros. Ich dachte erst, das Programm habe einen Fehler. Nach ein paar Minuten sah ich, dass die Maschine ab und zu einen Punkt entlang der ersten Bildschirmzeile zeichnete. Ich ging eine Pizza essen. Als ich zurückkam, war meine Grafik gerade mal einen Finger hoch. Ich war davon ausgegangen, dass die Zauberformel für Mikrochips Dummheit mal Geschwindigkeit laute. Ein Computer kann ja nicht einmal bis zwei zählen (null und eins), das aber in einem unglaublichen Tempo. Und nun diese Enttäuschung.

Der Traum hieß also: Echtzeit.

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Bis dahin heißt es warten. Interessanterweise raubt uns etwas, das nicht schnell genug geht, ebenso unsere Zeit wie das modernere Phänomen, nämlich wenn zu vieles zu schnell geht. Alltag im 21. Jahrhundert bedeutet, dass sich immer mehr Hauptsachen in Nebensachen verwandeln. Früher kam einmal am Tag die Post und abends um acht in den Nachrichten das Neueste aus der Welt. Heute kommt der Briefträger ständig. Mit E-Mail, SMS, dem Facebook-Status und Twitter ist es fast wie im Krieg - man kann jederzeit unter Beschuss geraten. Und ständig öffnen sich neue Kommunikationskanäle.

Das Warten reicht im Übrigen vom launigen Herumsitzen über bedingten Verweilzwang (Friseur, Behörde) bis hin zur Haft. Warten heißt die Zeit, in der wir fühlen, wie gleichermaßen banal und bedeutend das ist, was wir Freiheit nennen. Es gibt ein Süd-Nord-Gefälle. Warten in seiner mitteleuropäischen Form ist die dunkle Seite des Müßiggangs. Je weiter nach Süden man kommt, desto mehr wandelt es sich in Lebensqualität. Jener Süden, in dem das Warten auch als eine Lust an der Zeit empfunden wird, reicht hoch bis an die Alpen. Die österreichische Kaffeehauskultur etwa verlangt ihren Teilnehmern eine herzenstiefe Bereitschaft zur Zeitnachlässigkeit ab.

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SEYMOUR CRAY galt als Beethoven unter den Computerkonstrukteuren. Um sich von den Anstrengungen bei der Komposition seiner Supercomputer zu entspannen, stieg er in den Keller seines Hauses in Chippewa Falls und trieb mit der Spitzhacke einen mannshohen Tunnel durch die Erde voran. Durch den sorgsam mit Holz verschalten Stollen, durch den er sich über Jahre auf einen nahen Wald zugrub, kamen, so erzählte er, die Elfen zu ihm: “Wenn sie merken, dass ich aus meinem Arbeitszimmer gehe, kommen sie und lösen alle Probleme, die ich zurückgelassen habe.” Die Verdrahtung der Cray-Supercomputer wurde von Hand gezogen, um keinen Zentimeter zu verschenken, der wertvolle Nanosekunden an Datenlaufzeit kosten konnte.

Am 5. Oktober 1996 starb Seymour Cray 71-jährig, ein fremder Wagen war in seinen Jeep gerast. Auf der Homepage der Firma Cray Research wurde der Tod des Firmengründers vermeldet - darunter war unabsichtlich ein Werbebanner mit einem Slogan der Firma Silicon Graphics geschaltet: “We’ll take Your breath away”.

Den rasanten Schaltgeschwindigkeiten der Computer steht das Programmieren als eine extreme Form von Zeitlupe gegenüber. Wochenlang tüfteln die Coder, indem sie dessen geplante Geschehensweise Sekundenbruchteil für Sekundenbruchteil beschreiben, an einem Ereignis, das sich schließlich innerhalb eines Augenblicks abspielen wird: der Programmlauf. Neulich habe ich einen meiner programmierenden Freunde auf dem Flughafen getroffen. Er hatte ein Wirtschaftsmagazin zu einem steifen Hochglanzknüppel gerollt und schlug damit, während wir uns unterhielten, unentwegt auf eine verchromte Querstange. Er schlug die Zeit tot.

Sein Urerlebnis war der Übergang vom Dreirad zum Tretroller gewesen. Die damit verbundene Zunahme an Aktionsradius hatte ihm ein Gefühl von Freiheit beschert, das er seither immer wieder zu erleben sucht. Das Tempo ließ sich via Mofa, Auto und Flugzeug weiter forcieren. Sein Geschwindigkeits-Eldorado fand er, wie viele von uns, schließlich im Computer. Wer mit einem Computer arbeitet, will alles, und zwar sofort. Die digitale Maschine erzeugt eine aufreizende, neue Art von Ungeduld. Wenn eine Website länger als fünf Sekunden braucht, um auf dem Bildschirm zu erscheinen, hat sie verloren.

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SÄMTLICHE MEDIEN, allen voran das Netz, sind inzwischen auf ein Ziel ausgerichtet: Permanenz. Online gibt es keinen Ladenschluss mehr, keine Sperrstunde, kein Programmende. Der digitale Medienfluss verwandelt sich in eine Umweltbedingung - etwas, das überall und immer da ist - und etwas, das uns an immer mehr Stellen einlädt, auffordert, verlockt, ihm unsere Zeit zu widmen. Früher öffnete sich einmal pro Abend das Nachrichtenfenster in die Welt. Heute fließen die Ströme an Meldungen, Unterhaltung, Information unausgesetzt. Sonderbare Dinge wie “Testbild” und “Sendeschluss” kennen junge Medienkonsumenten nicht mehr. Zum Inbegriff der Permanenz ist das Netz geworden. Ständig geht es vor sich, aktualisiert sich, vibriert vor Mitteilsamkeit. Früher gab es einen Zustand, dann kam eine Veränderung, dann ein neuer Zustand. Jetzt ist Veränderung der Zustand. Früher hat der Große den Kleinen gefressen, dann fraß der Schnelle den Langsamen. Nun wird das Manchmal vom Immer verschluckt.

Was vor ein paar Jahren nur als Parodie denkbar war, nämlich statt fernzusehen Internet zu schauen, ist inzwischen vollkommen normal. Und die wahre Gefahr für ihre Filme haben die Hüter Hollywoods noch gar nicht erkannt: Es sind nicht illegale Kopien, sondern die Superkürze, die Filme im Netz haben - allgemeiner gesagt: die Erscheinungsformen der neuen Mikrokultur, die sich mit der digitalen Welt ausbreitet. Abendfüllend war gestern, heute ist YouTube. Wer kennt nicht das Gefühl, nachdem er im Kino gewesen ist, dass der Trailer, den man sich zuvor angesehen hatte, eigentlich schon der ganze Film gewesen ist? Nun wird der Trailer zum Hauptfilm. Keine Zeit für’s alte Kino, zu viel Neues wartet.

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ABENDS IM HOTELBETT dachte ich wieder an meinen Freund vom Flughafen. Ich weiß, dass er Schwierigkeiten mit dem Einschlafen hat, weil er zu ungeduldig ist, sich durch den Halbschlaf einsinken zu lassen in die Welt der Träume. Er sucht eine Art Lichtschalter in seinem Inneren, mit dem er das Tagesbewusstsein, klack, auslöschen kann und, zoing, schlafen. Ich sage: Alter, du musst dich entspannen. Er schluckt Schlafmittel. Das ist die europäische Art zu meditieren, sagt er.

Morgens nach dem Aufwachen wusste ich wieder einmal fünf Minuten lang nicht, in welcher Stadt ich bin. Auf dem Weg zum Flughafen sah ich meinen Freund, der in einem gemieteten Sportcoupe an meinem Taxi vorbeiraste, keine Zeit. Wenig später traf ich ihn im Flughafenrestaurant wieder. Seine Maschine hatte eineinhalb Stunden Verspätung. Wir aßen Carpaccio und saßen schweigend, wie Freunde das manchmal tun. Ich schaute aus dem Fenster. Die Zeit verging, als wäre nichts. Was sollte sie auch tun?

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(Erstveröffentlicht in der Futurezone auf ORF.at).

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Sammeln Sie Hirnchen?

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Frank Schirrmacher hat ein mäßig aufregendes Gruselbuch über die Gefahren des Informationszeitalters geschrieben: “Payback”.

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1962 verlor die Nasa ihre erste interplanetarische Raumsonde Mariner 1, da im Programmcode der Raketensteuerung ein Querstrich fehlte. Knapp fünf Minuten nach dem Start wurde die Selbstzerstörung der Trägerrakete ausgelöst. In “Payback”, dem neuen Buch des FAZ-Mitherausgebers Frank Schirrmacher, passiert das im zweiten Satz. “Ich dirigiere meinen Datenverkehr”, heißt es da, “meine SMS, E-Mails, Feeds, Tweeds…” Aber was sich nach schottischem Textilgewebe anhört, heißt in Wirklichkeit “Tweets” und bezeichnet das, was dabei rauskommt, wenn man twittert. Der Versuch, sich nach einer Eloge vom “Aufstieg der Nerds”, die im September zu lesen war, dem digitalen Mainstream insgesamt als Auskenner anzuempfehlen, ist damit schon schiefgegangen.

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Schirrmacher hat eine Art Skript für ein intellektuelles B-Movie vorgelegt, in dem sich gehirnfressende Maschinensysteme, verbunden über das Internet, über unser Bewußtsein und unsere Aufmerksamkeit hermachen. Da das entsprechende Grusel-Oevre nicht neu ist - in den sechziger Jahren hieß es wahlweise “Reizüberflutung” oder “Managerkrankheit”, später “Information Overload” oder “Trödelfaktor” -, bedient Schirrmacher sich eines rhetorischen Tricks. Es gibt zwei Möglichkeiten, einen Waldspaziergang zu beschreiben. Man kann sich von der Wahrnehmung einer Unzahl von Blättern und Tannennadeln überfordert sehen und eine Rückkehr zur humanistischen Gehölzwahrnehmungstechnologie fordern. Man kann aber auch einen Spaziergang durch einen Wald machen und einfach erholt wieder nach Haus kommen.

Weshalb er sein Buch nach dem Kundenbindungssystem “Payback” betitelt hat, läßt Schirrmacher offen. “Die Frage ist nur, ob wir selbst überhaupt noch imstande sind, zu unterscheiden, was wichtig ist und was unwichtig?” Kein Lebewesen ist von der Natur dazu besser ausgestattet als wir. “Was not tut”, schrieb Lewis Mumford 1970 in seinem Standardwerk “Mythos der Maschine”, “ist eine Technologie, die so mannigfaltig, so vielseitig, so flexibel ist und auf menschliche Bedürfnisse so schnell reagiert, daß sie jedem legitimen menschlichen Zweck dienen kann. Das wahre Multimedium ist der menschliche Organismus selbst.”

Gebetsmühlenhaft beteuert Schirrmacher, kein Kulturpessimist sein zu wollen, aber auch das ist nur Rhetorik. Bereits fünf Jahre vor dem gescheiterten Start von Mariner I war das Buch “Die geheimen Verführer” erschienen, in dem Vance Packard über Techniken berichtete, mit denen Werber Konsumenten zu manipulieren versuchten. Der Bestseller prägte ein Menschenbild, in dem sich Mediennutzer als Opfer sehen sollen. Mit der Erfindung der Fernbedienung, die dem Zuschauer die Bildregie in die eigenen Hände legte, und der des vernetzten Computers änderte sich das. Nun möchte Schirrmacher uns neuerlich eingemeinden in das Gefühl, mühsam und informationsbeladen zu sein. Als Beleg angeführt wird beispielsweise eine Studie aus dem Jahr 2003, wonach “auf allen bekannten Datenträgern … 5 Exabyte Informationen gespeichert” wurden. Das jungsmäßige Auftrumpfen mit großen Zahlen liefert aber keinen Erkenntnisgewinn – es geht bloß um Daten und nicht um Wissen.

So ist es mit vielen der fleißig aufgehäufelten Factoids in dem Buch. Manches ist schlicht Quatsch, etwa dass die beiden Google-Gründer “den ersten Server der Welt” gebaut haben. Und manchmal ist es ein Geplapper, das sich so hektisch hingesagt liest, als habe der Autor Angst, verstanden zu werden: “Bilder von Golden Retrievern, die in Zeitlupe durch Springbrunnen laufen, Menschen, die winken und lächeln und überall Spielzeug. So, das sagen übereinstimmend alle, die Google vor dem Börsengang besucht haben, muß es gewesen sein, als im antiken Griechenland das Denken und im zwölften Jahrhundert in Europa die ersten Kathedralen gebaut wurden.”

Geht man zurück bis an den Anfang der Informationsaufzeichnung, findet man bereits im alten Ägypten ein etwas klareres Bild für die Zumutungen der Digitalisierung: Die höchste hieroglyphisch darstellbare Zahl zeigt einen Mann, der zu Boden gesunken ist und die Hände über dem Kopf zusammenschlägt.

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Die Bibeln des Habens

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Was treibt im menschlichen Leben ist der Mangel. Ein Mangel an Schuheinlagen, Mangel an Hirn, an Herzlichkeit, an Gesprächsstoff, was auch immer. Dauernd fehlt etwas. Immer ist etwas zu wenig. Ein feinfaseriges Leid durchzieht den Menschen. Er sehnt herbei, wünscht und trachtet. Dem tritt die Ware entgegen, die Habseligkeit. Das Produkt als eine Kristallisation des Glücks.

Im Laufe seiner Entwicklung ist der Mensch dazu übergegangen, nicht mehr nur Schläge, Krankheiten und Schreie mit seinesgleichen auszutauschen. Er fing an zu haben. Er fing an, auch die Vergegenständlichung des Schreckens auszutauschen, die Ware eben. Denn was ist ein Kleidungsstück anderes als eine Schwächung der Widerstandsfähigkeit?, was ist ein Messer anderes als eine Schwächung der Krallen, und blitzende Bedrohung?, was eine Zigarette anderes als ein schwacher Kuß?, ein Foto anderes als ein schwacher Raum?

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Aus dem Katalog des US-Versandgiganten Spiegel von 1942. Das Unternehmen wurde um Anfang des 20. Jahrhunderts in Chiacago von dem in Deutschland geborenen Joseph Spiegel gegründet. ?

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Die Welt der Erzeugnisse, der menschgemachten Dinge, tönt dem von dem Zehren des Mangels ermatteten Menschen entgegen wie ein lockender Sirenen-Chor. Wer durch die Innenstadt an den endlosen gläsernen Auslagenfluchten entlang geht, dem flötet es aus jeder Vitrine entgegen: Das alles gehört noch nicht Dir.

Die Partitur dieser Sirenen ist der Warenhauskatalog. Der Katalog möchte uns die Vielfältigkeit des Mangels zeigen. Er präsentiert Hab und Gut, weltlichen Tand, fühlloses Dingwerk – aber er präsentiert es glasiert, i, Schimmer der Schönheit, mit einem Schmelz von Gefühl überzogen. Die Ware erscheint im Katalog in einer Welt von vollendeter Hygiene.

Oft ist die Welt, in der die Waren stehen, blank und bloß. Sie stehen in einem Studioarrangement des Nichts. Aus jeder beeinträchtigenden Umgebung herausgeschält, sieht man sie in einer von potentiellem Kauf fast schon dröhnende Deutlichkeit. Die Umgebung der Ware verwischt wie aus einem Raketenfenster betrachtet. Wir sehen eine Darstellung der lichtschnellen Geschwindigkeit des Wünschens, mit der das Warending auf seinen zukünftigen Besitzer zuschießen möchte. Vom szenischen Licht des Fotografen bestrahlt und schmerzlich stillstehend, noch nicht erworben, nicht einmal angezahlt, bleibt die Ware hinter Glas oder hinter dem fiktiven Fenster der Fotooberfläche vorerst unerreichbar, aber aufreizend.

Schon als Kleinkind habe ich gerne Kataloge gegessen. Der reizvolle Azetylenbeigeschmack des Hochglanzpapiers und die fruchtbunten Bilder sind ein Vergnügen für jeden Säugling. Ich habe auch gern Dieselauspuffgase gerochen und bin später mit dem Juniorfahrrad hinter Diesellastern an Ampeln hergefahren, aber das ist eine andere Geschichte.

Dass der Katalog im Bilderbuchalter eine tragende Rolle gespielt hat, bedarf keiner weiteren Ausführung. In den noch elastischen und formbaren Regionen des kleinkindlichen Träumens hat der Katalog, neben Bilderbüchern und Mickymausheften, seine Strukturmerkmale hinterlassen. Heute, wo ich mich selbst, und also auch meine Träume klarer im Bewußtsein durchleuchten kann, erkenne ich mit Erstaunen, aber nicht ohne Freude, wie ich immer wieder kataloghaft träume, und sich ein tiefunteres Heimatgefühl zu bestimmten Traumbildern und Bildfolgen einstellt, und wie sich, weniger erfreulich, die Phantasie manchmal abmüht, über die bildhaften Vorgaben des Katalogs aus der Kinderzeit hinauszukommen in eine nicht katalogisierte Sicht der Welt.

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HIER EINE ZEITREISE durch die Welt alter Weihnachts-Kaufhauskataloge des 20. Jahrhunderts, aus dem kolossalen Flickr-Photostream von Wishbook und seiner unglaublichen Fleißarbeit zu danken:

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? 1942, Spiegel Christmas Catalog:

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? 1945, Sears Christmas Catalog:

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? 1947, Sears Christmas Catalog:

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? 1955, Spiegel Christmas Catalog:

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? 1957, Simpsons Sears Christmas Catalog:

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? 1958, 3M Christmas Catalog:

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? 1962, Spiegel Christmas Catalog:

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? 1966, Penneys Christmas Catalog:

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? 1969, Sears Christmas Catalog:

Wishbook - View my '1969.xx.xx Sears Christmas Catalog' set on Flickriver

? 1970, Penneys Christmas Catalog:

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? 1970, Foster House Christmas Catalog:

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? 1971, Sears Christmas Catalog:

Wishbook - View my '1971.xx.xx Sears Christmas Catalog' set on Flickriver

? 1972, Spiegel Christmas Catalog:

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? 1973, Eaton’s Christmas Catalog:

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? 1974, JCPenney Christmas Catalog:

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? 1975, Sears Christmas Catalog:

Wishbook - View my '1975.xx.xx Sears Christmas Catalog' set on Flickriver

? 1976, Sears Christmas Catalog (Canada):

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? 1976, JCPenney Christmas Catalog:

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? 1977, Sears Christmas Catalog:

Wishbook - View my '1977.xx.xx Sears Christmas Catalog' set on Flickriver

? 1979, Sears Christmas Catalog:

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? 1980, Sears Christmas Catalog:

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? 1981, Montgomery Ward Christmas:

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? 1982, Sears Christmas Catalog:

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? 1983, Sears Christmas Catalog:

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? 1984, Wards Christmas Catalog:

Wishbook - View my '1984.xx Wards Christmas Catalog' set on Flickriver

? 1985, Sears Christmas Catalog:

Wishbook - View my '1985.xx.xx Sears Christmas Catalog' set on Flickriver

? 1986, Sears Christmas Catalog:

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? 1988, Sears Christmas Catalog:

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? 1991, Sears Christmas Catalog:

Wishbook - View my '1991.xx.xx Sears Christmas Catalog' set on Flickriver

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(Thank You, Wishbook!)
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Ein analoger Abend

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ICH WOLLTE MAL SEHEN, ob ich es noch hinkriege, ein bißchen analog zu sein. Nur damit es keine Mißverständnisse gibt: Ich bin gern digital. Es ist angenehm. Ich kann um vier Uhr früh einkaufen, obwohl es das Ladenschlußgesetz gibt. Ich kann einen Text, der, sagen wir: am nächsten Tag in Zürich sein muß, mit einem Klick dorthinschicken – vor 20 Jahren mußte ich erst einmal herausfinden, wann nachts die letzten Fernzüge losfahren und wo der Postwaggon ist (an dem sich ein Briefschlitz befand, durch den man vom Bahnsteig aus frankierte Umschläge einwerfen konnte; gleich darauf hörte man den Postbeamten im Waggon den Stempel auf die Marke knallen).

Es ist auch unterhaltsam, digital zu sein. Vorhin wünschte sich ein Freund auf Facebook zu Weihnachten für die Büroheizung “eine mittlere Stufe, also eine zwischen Nordgrönland und Sahel-Zone”. – “Tut mir leid”, schrieb ich ihm, “in der digitalen Welt gibt’s nur 0 oder 1.” Andere Freunde kamen hinzu. Auf Facebook gibt es nur Freunde. Zumeist sind das fremde Menschen, aber gemeinsam bei Facebook zu sein, macht leutselig. Einer votierte für ein Binärsystem mit Fließkommazahlen. Ein anderer wies darauf hin, dass man mit acht Heizkörpern nach dem Null-Eins-System bereits 256 verschiedene Temperaturen darstellen kann. Ich schlug eine fraktale Heizung vor. So ist man digital und hat Spaß.

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BEI ALLEN ANNEHMLICHKEITEN, die das Digitalsein also für sich hat, wollte ich dasselbe auch wieder einmal für’s Analogsein sehen. Vielleicht eine Adventslaune; warum auch immer. Dass es nun so früh dunkel wird, machte den Übergang weicher. Die abendlichen Lichter und die aufkommenden Weihnachtsbeleuchtungen, die wie Menüzeilen Fensterränder und Balkonbrüstungen säumen, geben der Welt der Dinge etwas geradezu Bildschirmhaftes. Es roch unspezifisch nach Spätherbst, ich vermißte den Vorabduft von Schnee und den blauen Schimmer einer frischen Schneedecke im Dunklen. Vor den erleuchteten Schaufenstern lagen Teppiche aus Licht auf dem Gehsteig. Ich ging in ein Einkaufszentrum und kaufte mir einen Kugelschreiber und einen Notzblock, setzte mich in eines der Eiscafes, die inzwischen ganzjährig geöffnet bleiben, und begann, meine Kolumne zu schreiben.

Ich hatte eine Weile gesucht, bis ich den richtigen Kuli gefunden hatte; mit kaum etwas schreibt es sich besser als mit einer solchen weichen Mine. Ich benutze diese Art Schreibgerät manchmal, wenn ich am Rechner mit dem Schreiben nicht weiterkomme und dann mit der winzigen Kugelschreiberkugel alles wieder ins Rollen kommt. Für mich gibt es da keine Sentimentalitäten. Es gibt eine immer weiter zunehmende Fülle von Schreibinstrumenten, aus denen ich je nach Maßgabe auswählen kann. Meist schreibe ich am Computer, aber auch wenn ich mit dem Kuli keine Emails verschicken kann, hielte ich die Selbstbeschränkung auf den Rechner für dumm.

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EIN KLEINER JUNGE ging vorbei. Er hatte gerade erst laufen gelernt und wackelte noch ein wenig. Sein Vater neben ihm schob den Kinderwagen, und man konnte sehen, dass der Junge vor einem für ihn völlig neuen Problem stand. Er wäre gern in dem Kinderwagen geschoben worden, aber der war mit einem größeren Einkauf vollgepackt. Der kleine Junge sah sich einer unerwarteten Konkurrenz durch die Dinge gegenüber. Der Eindruck, den diese stummen, bräsigen Inbilder der Analogwelt in dem Jungen hinterließen, würde zweifellos nachhaltig sein. Sowie er einen Rechner würde bedienen können, und vielleicht konnte er das schon, würde er sehen, wie sich das Blatt wenden ließ und er sein Revier in eine ganze Welt erweitern konnte, zu der Dinge keinen Zutritt hatten. Am Nebentisch unterhielt sich ein Pärchen über alberne USB-Stecker. Ich ging wieder raus auf die Straße.

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Die lausigen Pennies

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Warum das Geldausgeben im Netz ausgerechnet bei Kleinbeträgen so schwierig ist:

DAS BEMERKENSWERTESTE an der zunehmenden Diskussion um Bezahlinhalte im Netz ist die Tatsache, dass es im Internet kein Geld gibt. Bei etwas größeren Beträgen fällt das nicht so auf. Der ganze E-Kommerz hat einfach die altbewährten Überweisungsmodelle des Versandhandels übernommen, und für materielle Waren funktioniert das auch ganz gut. Bei digitalen Gütern hat sich eine Neigung herausgebildet, es erst einmal umsonst zu versuchen. Bei Software oder Musik ist das manchmal verboten, ein Geschäftsmodell wie Apples iTunes Store zeigt aber auch, dass es erfolgreich anders geht. News und Zeitungsartikel dagegen stehen weitgehend frei im Netz - noch.

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Münzen
(Foto: Joe Shlabotnik,
Flickr/CC-Lizenz)

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DAS NETZ ist das erste Massenmedium in der Geschichte, das nicht aus einem kommerziellen Zusammenhang hervorgegangen ist. Das WWW war ursprünglich als Werkzeug zur wissenschaftlichen Zusammenarbeit gedacht. Das, was manche heute als “Geburtsfehler” des Internet sehen wollen, hat zu tun mit der ethisch bedingten antikommerziellen Grundhaltung von Wissenschaftlern, die das Netz in den ersten Jahren getragen haben. Ein studentisches Lieblingsprojekt zur Weltverbesserung, nämlich die Abschaffung des Geldes, ist, wie wir nun sehen, erstaunlich erfolgreich verlaufen – zumindest was das Kleingeld betrifft.

Ein Buch um 15 Euro bei Amazon zu kaufen - kein Problem. Aber wenn es darum geht, schnell mal einen Zeitungsartikel für 30 Cent mitzunehmen, wird es unerwartet schwierig. Dieses digitale Kleingeld aber, die “lousy pennies”, wie der Verleger Hubert Burda sie nennt, ist der Schlüssel zu wirtschaftlichem Erfolg im Netz. Eines der wesentlichen Merkmale des Medienwandels ist nämlich, dass sich Massenmedien nun in Medienmassen verwandeln. Die Angebote werden vielfältiger und zugleich kleinteiliger. Und niemand will sich, nur um 30 Cent zu bezahlen, erst hier und da und dort umständlich registrieren müssen.

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Papiergeld
(Foto: AMagill,
Flickr/CC-Lizenz)

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BESTES BEISPIEL für den Makro-Erfolg dieser neuen Mikrokultur ist die SMS. Die besten Abrechnungsmodelle für Kleinbeträge haben die Netzprovider und Telekoms in der Hand, da der Netzzugriff prinzipiell kostenpflichtig und die monatliche Abrechnung standardisiert ist. Und ob ein Online-Anbieter eine Provision an eine Kreditkartenfirma, an PayPal oder an einen Netzbetreiber entrichtet, ist eher zweitrangig, wenn dadurch ein solches System für Nutzer überhaupt akzeptabel würde.

Stattdessen will nun erst einmal die Deutsche Post Verlagen dabei helfen, Bezahlmodelle im Internet zu entwickeln. Das soll mit Hilfe des sogenannten “Online-Briefs” geschehen, mit dem sich rechtsverbindlich E-Mails und damit natürlich auch Zahlungsanweisungen verschicken lassen. Na, mal sehen.

Außer dem Kleingeld fehlen übrigens im Netz auch weitere fundamentale Einrichtungen, die uns heraußen in der Welt der Dinge selbstverständlich sind, etwa der Zeitungskiosk. Aber das nur am Rand. |

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Der verkehrte Feldstecher

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Viele Technologien sind nicht deshalb so erfolgreich, weil durch sie irgend etwas einfacher wird, sondern, weil dadurch etwas schwieriger wird.

ES ÜBERRASCHTE MICH. Ich war ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass Software in neuen Versionen  auch mit neuen und verfeinerten Möglichkeiten ausgestattet ist. Dass ein Effekt, der in Vorabversionen den Nutzern bereits Appetit gemacht hat, plötzlich wieder entfernt wird, erstaunte mich - so geschehen in Previews des Spiels Diablo 3, in denen man erst noch eine virtuelle Kamera sehen konnte, mit der man das Bild drehen und reinzoomen kann. In der fertigen Fassung des Spiels wird das nicht mehr gehen. Ein Sprecher des Herstellers begründet das damit, dass “es zu nervig war, der Spielfluss gestoppt wurde … und es sich schlicht nach zu viel” angefühlt habe.

Nach zu viel angefühlt - ist das nun Möglichkeitenzensur oder ist weniger tatsächlich mehr? In den achtziger Jahren bechrieb mir ein Bekannter den Eindruck, der sich ihm vermittelte, wenn er Texte am Bildschirm las. Ich solle mir vorstellen, man würde eine großformatige Zeitung aufgeschlagen auf einen Tisch legen und sie dann mit einer Pappschablone verdecken, in der ein Fenster ausgeschnitten sei, das eine Zeitungsspalte breit und 24 Zeilen hoch wäre (40×24 war ein damals übliches Textformat am Bildschirm). Um die Zeitung zu lesen, müsse man die Schablone mit dem kleinen Fenster über der Zeitung verschieben. Das Lesen von Text am Bildschirm stellte sich ihm also als eine Einschränkung und eine Zunahme an Umständlickeit dar, und nicht etwa als eine Vereinfachung. Aber darum scheint es beim Fortschritt der Computer-und Kommunikationstechnik auch gar nicht zu gehen - im Gegenteil.

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Hacking VGA-Signals
(Foto:
CabFabLab, Flickr/CC-Lizenz)

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BETRACHTET MAN Dienste wie etwa SMS, Chat oder Twitter, stellt man fest, dass es sich dabei um mit Absicht teils extrem reduzierte Ausdrucksmöglichkeiten handelt. Mit dem selben Telefon, mit dem man sich in gesprochener Sprache und den zusätzlichen Feinheiten im Tonfall miteinander verständigen kann, lassen sich auch 160 Zeichen lange Winzmitteilungen verschicken. SMS kam auf zu einer Zeit, als Computer ständig schneller, bunter, multimedialer wurden und weithin Konsens darüber herrschte, dass eine zunehmend visuelle Komponente den Mainstream der Kommunikationsentwicklung bestimmen würde. Dann, und das auch noch zu einer Zeit, in der in immer mehr Ländern der Telegrammdienst eingestellt wurde, begann der triumphale Siegeszug der SMS, der inzwischen längst zu einem Milliardengeschäft geworden ist.

Der Spaß daran war der auf technischem Weg erzeugte Mangel, die Reduktion auf zwei, drei Sätze. Menschen, die SMS schreiben, müssen dichten, also einer hohen kulturellen Anfordeung genügen. SMS ist, wie viele andere Technologien, nicht deshalb so erfolgreich, weil dadurch irgend etwas einfacher würde, sondern weil dadurch etwas schwieriger wird. Der Mensch liebt Schwierigkeiten - “Kultur ist Reichtum an Problemen”, wußte bereits der Autor Egon Friedell -, vor allem liebt der Mensch Schwierigkeiten, die ihn vor kommunikative und spielerische Herausforderungen stellen. Ein Telefonat zu führen oder eine in der Länge unbeschränkte E-Mail zu schreiben, kann jeder; das ganze in zwei, drei Sätze zu packen, ist schon um einiges schwieriger. Ähnlich beim Chat, wo man seine Individualität reduziert und eine Person weder an Handschrift noch an Stimme,  Aussehen oder Mimik zu identifizieren ist. Die Herausforderung besteht darin, aus den in unpersönlicher Schrift über den Bildschirm fließenden Äußerungen das Bild einer Person zusammenzusetzten, eine Art psychologischer Version des U-Boote-Versenkens.

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AUCH DIE COMPUTERBEDIENUNG ist erst durch die mutwillige Reduktion und Erschwernis der Bedienung - durch Maus und Bildschirmsymbole - zur Massentauglichkeit gelangt.  Jeder Programmierer, der die volle Ausdrucksbreite einer Unix-Commandline zu nutzen weiß, wirft noch heute gelegentlich schale Blicke auf das kleine Fahrkästchen, das die ungreifbaren Räume, die sich zwischen den vernetzten Maschinen eröffnet haben, auf eine zweidimensionale Bildschirmmetaphorik reduziert, die man mit dem bekannten Pfeilsymbol auf dem Weg von einem klickbaren Objekt zum nächsten durchfuchteln muß.

Nach eine Spielphase, in der die neuen Fertigkeiten versammelt werden, die man beim Umgang mit einer neuen Technologieerschwernis gewonnen hat, nehmen diese unterschiedlichen weiteren Verlauf. Während das Chatten wieder ein bißchen aus der Mode gekommen ist, hält man an Maus und Screen-Metapher fest (allerdings notgedrungen, weil der gestengesteuerte Tablettrechner, auf den alle warten, noch nicht auf den Markt kommen möchte), während Twitter zeigt, dass milliardenfacher Traffic auch mit 140 Zeichen zu machen ist.

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facebook (Foto: benstein, Flickr/CC-Lizenz)

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IN EINER ANDEREN populären Reduktionstechnologie, nämlich Facebook, rappelt es inzwischen kräftig im Karton, weil viele Nutzer sich nicht mehr nur mit den verfügbaren, extrem beschränkten Aktionsmöglichkeiten zufriedengeben wollen. Die per Klick aktivierbare Fertigteil-Äußerung “gefällt mir” ist zweifellos als algorithmisch fixierte Version des amerikanischen Optimismus gedacht (eine andere Art von Äußerung ist bei Facebook nicht vorgesehen); dieser Optimismus stellt einen aber beispielsweise, wenn jemand einen Trauerfall bekanntgibt, vor unlösbare Probleme.

Auch eine rasch anschwellende Sammlungsbewegung auf Facebook, die einen “gefällt mir nicht”-Button fordert, greift wohl ein wenig zu kurz. Wie wäre es mit dem gesamten menschlichen Ausdrucksvariantenreichtum? Warum künstlich beschränken? Weil die Leute bescheuert sind und ihnen sonst alles zu kompliziert wird? Weil die Programmierer zu faul sind? Weil die Nutzer kurz gehalten werden sollen und lieber virtuelle Geschenke von irgendwelchen Applikatoren kaufen sollen? Nein, denn das absichtlich Wenige, das die Maschine zu bieten hat, gibt dem Menschen das Gefühl, dass er derjenige ist, der dieser Apparatur zeigt, wo der Bartl den Most holt.

Als Kinder haben wir manchmal ein Spiel gespielt, für das man einen Feldstecher umdrehen muß, um damit dann auf seine Beine hinunter zu schauen. Durch den umgekehrten Strahlverlauf sehen die Füße aus, als wären sie meterweit weg und die Beine erscheinen dünn und lang wie Stelzen. Dann muß man einen Teppichrand entlanggehen, und da man wegen des verkehrten Feldstechers wie auf Stelzen geht, kommt man rasch ins Stolpern. Wer es am weitesten schafft, hat gewonnen. Würde man ohne den Feldstecher losmarschieren, könnte man problemlos tagelang den Rand entlanggehen. Aber das wäre nicht innovativ.

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Ein Kännchen Luftkaffee

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Millionengeschäfte mit Waren, die es nicht gibt: Im Netz boomt der Handel mit virtuellem Gut. |

“VIELLEICHT HAT MAN JETZT im Silicon Valley das perfekte Business entdeckt: Geld für Produkte zu kassieren, die nicht existieren”, schreibt die New York Times über einen Boom, den virtuelle Waren im Netz erleben. Es handelt sich dabei um kleine Bildchen – bunte Drinks oder Blumen beispielsweise, die es für einen Dollar bei Facebook gibt, oder etwa ein Karnevalskostüm für 2 Dollar 50 in “Sorority Life”, einer Art von digitalem Mädchenwohneim.

Die Vorstellung, dass jemand bereit ist, für ein scheinbares Objekt reales Geld zu bezahlen, ist vielen noch ungewohnt. Heute wird immer weniger Geld für physische Güter ausgegeben und immer mehr für Mediennutzung, Dienstleistungen und Erlebnisse. Dazu zählen auch solche, die eine Spielfigur stellvertretend für ihren Besitzer macht. Der Avatar wird in Online-Rollenspielen als Teil der eigenen Persönlichkeit angesehen (Wer weniger als ein Drittel des Tages online ist, gilt etwa in dem Online-Rollenspiel ”World of Warcraft“ bereits als passiv). In China locken Geschäftemacher Jugendliche mit dem Versprechen, ihnen für das Spielen am Computer Geld zu zahlen. Wer sich darauf einläßt, der schuftet 12 Stunden pro Tag in World of Warcraft und anderen Spielen, um virtuelles “Gold” zu schürfen, das dann über Online-Auktionshäuser wie eBay für echtes Geld weiter verkauft wird.

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DIE VIRTUELLEN KLEINIGKEITEN haben sich inzwischen zu einem ziemlichen Markt ausgewachsen. Experten schätzen den Gewinn aus virtuellen Waren in den USA in diesem Jahr auf eine Milliarde Dollar, weltweit auf fünf Milliarden. An Produktionskosten fällt nichts an außer dem Honorar für einen Grafiker und einen Programmierer. “Es ist ein fantastisches Geschäft”, schwärmt Jeremy Liew, dessen Firma Lightspeed Venture Partners Risikokapital vergibt - 10 Millionen Dollar davon an verschiedene Unternehmen, die virtuelle Waren herstellen. “Da alles digital ist, liegen die Herstellungskosten für alles, was man auf diese Weise herstellt, bei nahe Null”, sagt Liew. “Man hat eine Gewinnspanne von 100 Prozent.”

Die Käufer von virtuellen Blumensträußen in sozialen Netzen wie Facebook sehen sich nicht als Spieler. Sie möchten sich die Zeit vertreiben und ein bißchen Spaß haben. Funktionieren kann diese virtuelle Warenwirtschaft nur unter zwei Voraussetzungen: künstliche Verknappung und informatische Infantilität.

Verknappung bedeutet, dass eine Eigenschaft ausgeschlossen wird, über die jede Software üblicherweise verfügt: das Kopieren. Im Unterschied zum offenen Netz sind solche Restriktionen in einem Datenkäfig wie Facebook realisierbar. Und wie schon in der 3D-Welt Second Life erinnert das Ganze an das Kinderspiel, bei dem man aus leeren Puppentassen Luftkaffee trinkt. Wenn dann ein Erwachsener kommt und sagt, dass da ja gar kein Kaffee drin sei, sind die Kinder traurig.

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Spielzwang

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Würde jemand das, was ein Hersteller als die Zukunft des Klavierlernens propagiert, an Kriegsgefangenen ausprobieren, er würde sich wohl umgehend vor einem UN-Tribunal wiederfinden.

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ES GIBT ETLICHE Kunstwerke, die ihre Entstehung der Tatsache zu verdanken haben, dass der Künstler als Kind dazu gezwungen wurde, Klavierspielen zu lernen. Der Roman “Die Klavierspielerin” der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek etwa erzählt die Leidensgeschichte einer Klavierlehrerin, die von ihrer diktatorischen Mutter zur Pianistin gedrillt wird und als emotionales Wrack endet.

Auch Daisuke Tsutsumi, Art Director in den Pixar Animation Studios, kennt die Abgründe, in die einen das unerwünschte Erlernen dieses klassischen Tasteninstruments führen kann. Sein düsteres Gemälde “My Piano Teacher, Mrs. Asaoka”, das er für eine Ausstellung unter dem Motto “Monster?” anfertigte, beruht auf seinen Erfahrungen als klavierlernender kleiner Junge – “Mann, ich bin sicher, ich würde heute in der Carnegie Hall spielen, statt Cartoons zu zeichnen”, so Tsutsumi, “wenn mein Musiktalent durch diese traumatische Erfahrung nicht zerstört worden wäre.”

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DIESE MARTIALISCHE ART der Ausbildung musikalischer Fertigkeit wird nicht ohne Grund mit dem Drill verglichen, den Soldaten während einer militärischen Spezialausbildung erhalten. Wobei schon angesichts der Dauer die Kampfausbildung gegenüber dem Klavierunterricht als die glimpflichere Übung erscheint. Der herkömmlichen Vorstellung von Virtuosität haben monate- und jahrelanges Auswendiglernen, akrobatische Fingerübungen und Tonleiternklettereien wie im Leichtathletiktraining voranzugehen; das alles, bloß um hinterher superschwierige Kompositionen absolvieren zu können, die jemand anderer sich ausgedacht hat.

In den siebziger Jahren traten mit dem Aufkommen halbautomatischer und programmierbarer Instrumente Pioniere wie die Herren von “Kraftwerk” gegen diese Auffassung an. Wozu auswendiglernen, was eine Maschine viel unangestrengter kann? Sequencing, Sampling & Co. haben sich inzwischen zu einem weit gefächerten Formenreichtum computergetragener Musik entwickelt. Natürlich gibt es dessen ungeachtet nach wie vor von Hand gespielte Klaviere und den dazugehörigen  Klavierunterricht. Mit eingebauten Rhythmusmaschinen, Tasten, die zu dem gewünschten Ton aufleuchten und digitalen Aufzeichnungsverfahren zur Spielkontrolle nutzen moderne Klaviaturen eine Vielzahl technischer Möglichkeiten, um das Klavierlernen versuchsweise zu erleichtern.

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NUN PRÄSENTIERT die amerikanische Firma Rubato Productions Inc. ein neues Verfahren, das sich auf atemberaubende Weise von den bisherigen pädagogischen Zusatzmaßnahmen unterscheidet: Concert Hands™, the future of piano learning. Während die herkömmlichen Methoden weiterhin lange Übung erfordern, verhilft einem das neue Produkt laut Rubato-Pressemeldung innerhalb weniger Tage dazu, “mit dem Spielen schöner Songs beginnen zu können.”

Das Geheimnis der zeitgemäßen Lernbeschleunigung liegt in sogenannter Augmented Musical Instrument Technology, die aus einer Software, einem Controller, zehn Aufsteckhülsen für die Finger und zwei Steuerungsmanschetten für die Handgelenke besteht, “giving you the most exciting piano playing experience possible” – und das ist wahrscheinlich nicht einmal untertrieben. Würde jemand auf die Idee kommen, das, was hier als die Zukunft des Klavierlernens propagiert wird, beispielsweise an Kriegsgefangenen auszuprobieren, er würde sich mit ziemlicher Sicherheit umgehend vor einem UN-Tribunal wiederfinden.

Die Software verwandelt Stücke, die man ihr von CD vorspielt, in ein proprietäres Datenformat, das die Töne in Signale verwandelt, die an die Fingerhülsen und die beiden Fesselklammern geschickt werden. Vor der Klaviertastaur ist der Wrist Pilot installiert – eine Schiene, auf der ein Schlitten per Elektromotor mit den Händen dorthin fährt, wo es die Musik verlangt. Anschließend üben die entsprechendenen Fingerhülsen etwas Druck auf die jeweils benötigten Finger aus. Die Idee dahinter ist, dass sich nach einer Weile die Kombination aus Drucksignalen und Bewegungswiederholung zu einer “muskulären Erinnerung” verfestigt, “die es dem Nutzer möglich macht, seine Lieblingssongs ganz von alleine zu spielen.”

Das mit dem Nutzer abfuhrwerkende Klavier ist hier in einem Promotion-Video zu sehen (man beachte auch die dem kürzlich dahingegangenen Michael Jackson verblüffend verwandte Tonlage der Sprecherin):

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Der Klaviertrainer, der aussieht wie ein aufwendiges Gerät zur Rehabilitation von Oberkörperverletzungen, erinnert fatal an Stanley Kubricks Verfilmung des SF-Romans “Uhrwerk Orange” von Anthony Burgess. Darin landet der zu Gewaltexzessen neigende jugendliche Beethoven-Liebhaber Alex im Gefängnis, wo er sich in der Hoffnung auf vorzeitige Entlassung als Versuchsobjekt für eine neuartige Aversionstherapie zur Verfügung stellt. Damit soll die schnellere Resozialisierung von Kriminellen erreicht werden. Nach vierzehn Tagen gilt Alex als geheilt. Die Auswirkungen der Therapie aber sind verheerend: Beim geringsten Gedanken an Gewalt oder Sex befallen ihn extreme Übelkeit und Schmerzen. Als unbeabsichtigter Nebeneffekt treten diese Symptome auch beim Hören von Beethovens 9. Sinfonie auf, die während der Therapie im Hintergrund lief.

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Der Wassersauger ist wieder da

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Ein Blog verschwindet spurlos und geräuschlos. Eine digitale Nahtod-Erfahrung.

Eines meiner Lieblingsblogs heißt “the New Shelton Wet/Dry” (siehe auch the blogroll rechts am Rand). Ich mag es sehr, weil es klug, erwachsen und seltsam ist. Es ist eine Melange aus außergewöhnlichen Links, frechen Illustrationen und kurzen Artikelauszügen, die einen oft in lange Originalbeiträge locken, von denen einem viele sonst nie in die Hände geraten wären.

“Sie zitieren sogar häufig Nietzsche!”, schreibt hingerissen ein amerikanischer Leser. Aber was wie das Pensum einer Gruppe anmutet, ist die Arbeit eines Einzelnen. Er nennt sich JC und lebt in Brooklyn. Im Oktober 2007 fing er mit täglichen Einträgen an, später kamen die Lieferungen wöchentlich, und das ist gut so. Im Netz funktioniert die Informationsverteilung zwar nach dem Naturprinzip der Verschwendung - zweihundert Flugsamen, damit zwei überleben -, aber wie viel verschwendet werden muss, läßt sich optimieren.

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Herauszufinden, was es mit diesem Blog auf sich hat, war nicht ganz einfach. Nach einigem Suchen stellte sich nicht nur heraus, dass der Shelton Wet/Dry ein Wassersauger ist, sondern dass der Ex-Popgroßkünstler Jeff Koons 1981 eine Serie mit Objekten angefertigt hatte, von denen eines “New Shelton Wet/Dry Doubledecker” heißt. Es steht im New Yorker Museum of Modern Art und besteht aus zwei übereinandergestapelten Plexiglasboxen, darin jeweils ein neuer Wassersauger. ?

Ein weiteres Objekt aus dieser Serie mit nur einem Wassersauger, dafür aber zwei Hoover-Staubsaugern wurde 2004 bei Christies für 2.6 Millionen Dollar versteigert. Offenbar versucht JC in seinem Blog etwas ähnliches wie Koons. Er packt News und Interessantes in virtuelle Plexiglasboxen und gibt den Dingern reizvolle Titel.

Dann, vor zwei Wochen, war das Lieblingsblog plötzlich weg.

Nicht mehr erreichbar. Ich hatte kein gutes Gefühl. Im digitalen Zeitalter verschwinden Dinge unspektakulär. Früher mußten, um etwa ein Telefonbuch kaputtzukriegen, Muskelmänner ran. Dann kam der Computer und die Vernichtung lästiger Romanmanuskripte und Diplomarbeiten war auf einmal ganz einfach. Vor einer Woche gab es wieder Nachricht von JC: “Der Server, auf dem das Blog zu Gast war, ist hinüber. Alles, was da drauf war, ist weg. Es gibt kein Backup, nur den Google Cache. Ich fange wieder ganz von vorn an.”

Bislang war the New Shelton Wet/Dry ein Blog mit viel gutem Stoff und wenig Kommentaren. Nun meldeten sich die vielen still Begeisterten: “Was für ein Glück, dass du wieder zurück bist” - “Das originellste Blog im Internet, oh, und mein Name ist Andrew.”

Dann kamen die Hinweise, wo Kopien des Blogs zu finden seien. Es gibt ein Backup der Inhalte von 2007 und 2008 in der Wayback Machine des gemeinnützigen “Internet Archive”. Und dann noch, anrührend, ein alessandro: “Ich hab deine eindeutigen Bilder gesammelt. Wenn du sie wiederhaben möchtest, schick mir einfach eine Mail.”

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Obsessionen

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IM NETZ geht es darum, Phantasien miteinander zu verknüpfen: Abertausende Chinesen suchen nun ihr Glück in einer schwedischen Stadt, die es nicht gibt.

Es ist eine Welt des Wissens und der Vernunft, die sich mit dem Internet öffnet – möchte man jedenfalls gerne meinen. Oder man möchte es zumindest hoffen. Getrübt wird diese Hoffnung derzeit durch Berichte von erheblichem Datenverkehr im chinesischen Netz, verursacht von enthusiastischen Männern auf der Suche nach der Stadt Chako Paul.

Im Land der Mitte geht das Gerücht um, Chako Paul sei eine Stadt in Schweden, in der nur Lesbierinnen wohnen. Das ganze hat sich inzwischen zu einer Art von kollektivem Wahn entwickelt. Chinesische Männer suchen nun im Netz wie verrückt nach Möglichkeiten, den ominösen Ort auszukundschaften.

Typische schwedische Waldblondine ?

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WIE DIE angesehene Zeitung “The Australian” berichtet, werden chinesische Internet-Provider zum Teil bis an ihre Kapazitätsgrenze überflutet von den Datenvolumina der Chako Paul-Suchenden. Die Stadt soll 1820 in den entlegenen Wäldern Nordschwedens von einer reichen Witwe gegründet worden sein und von zwei blonden Frauen bewacht werden, die Männer daran hindern, die Tore der festungsartigen Stadt zu durchschreiten.

Das klingt alles sehr merkwürdig (nicht zuletzt sind die meisten Schwedinnen brünett); aber für Männer, die der Vorstellung von 25.000 blonden Frauen erlegen sind, die sich irgendwo in den Wälden vergnügen, tut es das offensichtlich nicht. Claes Bertilsen vom schwedischen Regionalverband SALAR hält die Leute, die einem solchen Märchen aufsitzen, für Spinner, die den falschen Tabak geraucht haben. Der schwedischen Nachrichtenagentur “The Local” gegenüber merkte er an, dass eine Ansiedlung mit 25.000 Einwohnern eine der größten Städte in Nordschweden wäre und es schwer vorstellbar sei, dass sie 150 Jahre unentdeckt geblieben sei.

“The Local” wiederum zitiert den chinesischen Nachrichtendienst “Harbin News”, demzufolge die meisten der Einwohnerinnen von Chako Paul homosexuell würden, “weil sie ihre sexuellen Bedürfnisse nicht unterdrücken können”. Arbeit fänden sie vorwiegend in der Forstwirtschaft. Die Nachrichtenagentur “Xinhua” berichtet von breiten Lederkoppeln mit Holzwerkzeugen, die von den Frauen gern getragen würden. Mal sehen, wann der erste nordschwedische Tourismusmanager überlegt, seine Stadt in Chako Paul umzubenennen.

SELBSTVERSTÄNDLICH WERDEN nicht nur Chinesen von virtuellen Sirenengesängen im Netz angezogen.  Ein leitender Angestellter der amerikanischen National Science Foundation soll sich an 331 Tagen im Jahr an seinem Arbeitsplatz mit Sex-Chats die Zeit vertrieben haben. In einem Memo, das der New York Times zugespielt wurde, ist seine mehr als ungewöhnliche Rechtfertigung festgehalten: “Er erklärte, dass die jungen Frauen aus armen Länden stammten und Geld verdienen müßten, um ihre Eltern zu unterstützen, und dass solche Websites ihnen dabei helfen würden.” Die Ermittler schätzen die Kosten, die der Mann verursacht hat, auf zwischen 14.000 und 58.000 Dollar.

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Widerstand zwecklos

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ZU DER WUCHERNDEN Vielfalt an Google-Diensten gesellt sich nun auch eine Hilfstruppe für Nutzer, die Google verlassen möchten – wenn zu viele Nutzer raus wollen, passieren allerdings merkwürdige Dinge.

Seit September gibt es bei Google eine Data Liberation Front. Das in Chicago ansässige Team von Google-Ingenieuren hat sich in Anspielung auf den Monty Python-Film “Das Leben des Brian” nach der Splittergruppe “Volksfront von Judäa“ benannt (”Die einzigen, die wir noch mehr hassen als die Römer… sind die von der scheiß Judäischen Volksfront“). Die Datenbefreier vom Dienst sehen sich selbst “als ein bißchen subversiv, nicht so sehr innerhalb von Google, als vielmehr, weil es für ein großes Unternehmen ungewöhnlich ist, dass Mitarbeiter sich damit beschäftigen, es für Kunden einfacher zu machen, die Angebote des Unternehmens wieder zu verlassen.”

Es ist den namenlosen Mitgliedern der Data Liberation Front eine Herzensangelegenheit, einfache Import- und Export-Funktionen für die von den Nutzern bei Google hinterlegten Daten zu schreiben, um bei Bedarf einen Daten-Umzug zu einem Nichtgoogledienst zu erleichtern. Das mission statement der Datenbefreier: “Nutzer sollten die Kontrolle über alle Daten haben, die sie in einem Google-Angebot speichern. Mit unserem Team wollen wir es für sie einfacher machen, ihre Daten rein und raus zu bewegen.”

Damit stellt man bei Google erst einmal klar, dass auch der Gestus von Subversion und Widerstand der unendlichen Großherzigkeit des Suchmaschinengiganten nicht widerstehen kann und einkassiert wird.

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DER SCHEINBAR PARADOXE KURS erinnert an Zigarettenkonzerne, die Nichtraucher-Pädagogik bezahlen, um ihr schlechtes Image aufzubessern. Längst mehren sich die kritischen Stimmen, die Google als ein gewaltiges schwarzes Loch sehen, in dem Daten verschwinden. Die Firma gilt vielen inwischen als ein Behemot, dem Intransparenz, Zensur und Monopolbestrebungen angelastet werden. Auch Google-CEO Eric Schmidt hat sich Gedanken dazu gemacht und spricht sich nun dagegen aus, die Nutzer einzusperren: “Wie kann man groß sein, ohne böse zu sein? Wir sperren die Nutzer nicht ein. Wenn Sie Google nicht mögen, wenn Sie – aus welchen Gründen auch immer – finden, dass wir schlechte Arbeit machen, machen wir es Ihnen einfach, zur Konkurrenz zu gehen.”

Tatsächlich?

Einer der Dienste, mit denen Google nicht so recht glücklich wird, ist Orkut. Das soziale Netzwerk hat dem Siegeszugs von Facebook wenig entgegenzusetzen, aber in einigen wenigen Ländern wie Brasilien oder Indien spielt Orkut immer noch eine tragende Rolle bei der Freundschaftsvernetzung. Anfang Oktober berichtete MG Siegler in dem Blog Techcrunch, dass Facebook auch in Indien auf dem Vormarsch ist. Unter anderem wird damit geworben, dass man seine Orkut-Kontaktliste mit einem speziellen Tool ganz einfach importieren könne. Allerdings funktionierte der Daten-Export bei Orkut plötzlich ein paar Tage lang nicht mehr. Zufall?

Letztes Jahr hatte Facebook umgekehrt Google’s “Friend Connect” blockiert und dem Dienst, der Verbindungen zwischen Nutzern verschiedener sozialer Netze und anderer Websites ermöglichen soll, den Zugriff auf Profile von Facebook-Nutzern verwehrt. Kriegt es Facebook nun heimgezahlt? “Ich habe so das Gefühl, dass es von Google-Seite offiziell heißen wird, es handle sich um einen ‘Bug’”, schreibt Siegler. “Betrachtet man aber das Timing und die Tatsache, dass gleich zwei verschiedene Möglichkeiten plötzlich nicht mehr funktionieren, seine Kontaktdaten zu exportieren, bin ich nicht sicher, ob das richtige Wort nicht vielleicht ‘Heuchelei’ ist.”

“Update: As expected, Google is calling this a ‘bug’.”

Einer Notiz vom 2. Oktober im Blog der Data Liberation Front zufolge habe man bei Google, während gerade “zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen zu Orkut Friends Export hingefügt wurden”, unabsichtlich dafür gesorgt, dass das ganze Feature nicht mehr funktioniert. Reparaturarbeiten sind im Gang.

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An der Flüchtigkeitsfront

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Wir leben in merkwürdigen Zeiten: Zeitungen werden durch zu viel Liebe zerstört, die Kulturflatrate ist längst da und der Kommunismus könnte mit digitaler Hilfe doch noch siegen.

VOR 30 JAHREN war die Softwareindustrie als neuer Player auf den Plan getreten – heute sind es Google, Wikipedia, Facebook & Co.  Und mit der Virtualisierung der Kulturdinge verlieren auch die damit verbundenen Begriffe ihre Festigkeit. Für Vertreter der Piratenpartei beispielsweise ist geistiges Eigentum “das falsche Konzept”.

In seinem Essay “Zeitungen – Nachdenken über das Undenkbare” beschreibt Clay Shirky, wie bei dem Zeitungsverlag Knight-Ridder 1993 Nachforschungen angestellt wurden, als die populäre Kolumne des Humoristen und Pulitzer-Preisträgers Dave Berry unlizensiert verbreitet wurde. Im Netz fanden sich unter anderem eine eigene Dave Berry-Newsgroup und eine Mailingliste, die ein paar tausend Leute lasen. Und es fand sich ein Teenager aus dem mittleren Westen, der die Kolumnen von Hand im Internet verbreitete. Er liebte die Sachen von Berry so sehr, dass er dafür zu sorgen versuchte, dass möglichst jeder sie lesen konnte. Shirky erinnert sich an eine Bemerkung des damaligen Online-Chefs der New York Times, Gordy Thompson, zu diesem Phänomen: “Wenn ein 14-jähriger Junge dein Business in seiner Freizeit hochgehen lassen kann – und zwar nicht, weil er dich haßt, sondern weil er dich liebt –, dann hast du ein Problem.”

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AUS DEM DIGITALEN Schlachtengetümmel, mit dem das 21. Jahrhundert seinen Anfang nimmt, ragt das Urheberrecht auf wie Schloß Camelot und soll den Chancen und Fährnissen der digitalen Welt angepaßt werden. Ende 2003 wurde der “erste Korb” zur Reform des aus dem Jahr 1965 stammenden deutschen Urheberrechts verabschiedet. Er beinhaltet unter anderem das Verbot, den Kopierschutz digitaler Datenträger zu knacken – auch dann, wenn die Vervielfältigung eigentlich erlaubt wäre. Eines der umstrittensten Themen des im Juli 2007 verabschiedeten “zweite Korbs” war die Regelung zu Privatkopien, die erlaubt bleiben; ein vorhandener Kopierschutz darf dazu aber nicht umgangen werden. Ebenso ist es nun unzulässig, eine Privatkopie anzufertigen, wenn eine Datei “offensichtlich rechtswidrig” online gestellt wurde. Damit sollen Downloads aus Tauschbörsen verboten werden.

Wie solches Recht durchgesetzt werden soll, ohne eine ganze Generation von Tauschbörsennutzern zu kriminalisieren, kann der zweite Korb nicht beantworten. Auch die Frage, wie man sicherstellen kann, dass Künstler auch künftig für Ihre Kunst angemessen entlohnt werden, bleibt mit Hinweisen auf neue Geschäftsmodelle vorerst abstrakt – wiewohl es mit Apples iTunes Music Store bereits eine erfolgreiche Methode gibt, online Musik zu verkaufen (iTunes wurde zu einem Zeitpunkt gestartet, als Tauschbörsen bereits ein Massenphänomen waren).

Eine große Lösung wäre die Einführung einer Kultur-Flatrate in Form einer Pauschalabgabe auf Internet-Anschlüsse; im Gegenzug könnte die Verbreitung digitaler Kopien legalisiert werden. In einem Gutachten im Auftrag von Bündnis 90/Die Grünen kommt das Institut für Europäisches Medienrecht zu dem Schluß, dass “die gesetzliche Einführung der Kulturflatrate … nicht weniger [sei] als die logische Konsequenz der technologischen Revolution, die durch das Internet erfolgt ist.“ Die Industrie hat längst ihre eigene Art von Pauschalmodellen in Betrieb genommen. Provider in verschiedenen europäischen Ländern bieten ihren Kunden für 5 bis 10 Euro im Monat Zugriff auf mehrere Millionen DRM-gesicherte Musiktitel, die sich in Luft auflösen, wenn das Abo erlischt. “Es geht”, so der Mediensoziologe Volker Grassmuck, “gar nicht mehr um das Ob einer Flatrate, sondern nur noch um die Frage, wie und zu wessen Gunsten.”

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VON WERBEKRISE und Kostenloskultur im Netz attackierte Zeitungsverleger versuchen, für ihre Tätigkeit ein dem Urheberrecht verwandtes Leistungsschutzrecht zu erstreiten. Peter Mühlbauer weist darauf hin, dass das fatale Folgen haben kann. Wenn etwa Google für die gemeinfreien Bücher, die das Unternehmen massenhaft einscannt, Geld nehmen würde, könnte man ein solches Werk herunterladen und einfach anderswo kostenlos anbieten. Verhindern könnte Google das, wenn ein Leistungsschutzrecht auf die Scans geltend gemacht werden kann – womit genau das erreicht wäre, was verhindert werden sollte, nämlich ein Google-Monopol des Weltwissens.

Im Widerspruch zu einem marktwirtschaftlich frei fließenden Datenstrom stehen die Einkapselungen der Inhalte in die Datenkäfige des Digital Rights Management (DRM). “Eigentum ist Diebstahl” erhält auf diese Weise eine ganz neue Bedeutung, denn ginge es nach dem Willen von DRM-Falken, würde es ein Eigentum der Nutzer an digitalem Gut nicht mehr geben. Bücher, Musik, Filme oder Software, die diesen neuen  Beschränkungen unterliegen, kann man quasi nur noch ausleihen, wie ein Kolchosegerät. Bei einer solchen Neubewertung des Urheberrechts scheint es im Kern darum zu gehen, das Privateigentum abzuschaffen. Der Kommunismus ist an dem Versuch gescheitert. Soll der Idee nun mit den Mitteln des digitalen Kapitalismus doch noch zum Sieg verholfen werden?

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Nanozimmer

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DIE MINIATURISIERUNG schreitet voran: nun ist die persönliche Sphäre dran.

My Room II” von Yamaha sieht auf den ersten Blick aus wie ein Werkzeughüttchen für den Garten, ist allerdings für das Wohnzimmer gedacht: der holzverkleidete Würfel mit zwei Metern Seitenlänge kostet 700.000 Yen (etwa 5.300 Euro), verfügt über eine eigene Klimaanlage, ist fensterlos und hat aber immerhin einen schmalen Glasstreifen in der Tür. Laut Hersteller eignet sich das Mikrozimmer, das man in seinen eigentlichen Wohnraum stellen kann, ideal für Dinge, die man im großen Zimmer nicht tun würde, etwa Karaokesingen, studieren, laut fernsehen und so weiter.

Mich erinnert das ganze eher an einen Grabkammernsimulator, bestenfalls an eine Trainingseinrichtung für jemanden, der vorhat, sein Leben in den Legebatterien von Großraumbüros zu verbringen. Auch wenn in japanischen Ballungsräumen, vor allem im Großraum Tokio, Wohnraum extrem knapp beziehungsweise teuer ist, bin ich sicher, dass das Geld besser angelegt wäre, wenn man sich damit ein paar Verabredungen mit potentiellen Freunden gönnt.

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DAS EUROPÄISCHE PENDANT dieser Art von Innenarchitektur für Klaustrophobie-Aficionados ist das Inhouse-Zelt “Piilo” des Industriedesigners Markus Michalsky, das als “private, insgeheime Rückzugsmöglichkeit” gedacht ist. Der futuristische, faltbare Jalousie-Kokon soll “Gefühle der Zugehörigkeit und Sinnlichkeit” hervorrufen. In sowas reinzukriechen, wird aber eher an jene Gefühle anknüpfen, die einen als Kind anwandelten, nachdem man sich ein Zelt aus Decken gebaut hatte – nach kürzester Zeit wurde man darin von Langeweile und der drängenden Frage: Und was jetzt?, überfallen.

Die fortschreitende Individualisierung, von der der Nachkriegszeit an vor allem aus wirtschaftlichen Interessen betrieben, schuf immer kleinere gesellschaftliche Einheiten. Aus der Großfamilie schnürten sich Kleinfamilien ab, die ihr eigenes Haus und Auto und Zeug besitzen wollten. Danach der einzellebende Mensch, dem man neuerlich jeweils eine Haushaltsgrundausstattung undsoweiter verkaufen konnte. Danach wurde es schwierig. Dem linken Arm kann man nicht etwas anderes verkaufen wie dem rechten.

Es gibt Vereinzelungsbedürfnisse, die man mit einer gewissen Toleranz für andere Kulturformen als zwar sonderbare, aber pragmatische Lösungen ansehen kann, etwa die Ein-Personen-Sauna für prüde Amerikaner oder verschämte Briten, Glaskäfige für Raucher oder für notorisch nichtöffentliche Menschen, etwa Geheimdienstler, etwas wie den extrem abhörsicheren “WhisperRoom”. ?

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ANDERE VERKLEINERUNGSFORMEN stießen an biologische Grenzen. Mit der seit den siebziger Jahren rapide zunehmenden Miniaturisierung wurde ein übermütiger Konstrukteursgeist geweckt, der Armbanduhren mit eingebauten Superwinztastaturen hervorbrachte – die sich allerdings von keinem Finger mehr bedienen ließen, weil sie einfach zu klein waren. In einem jahrzehntelangen Hinundher wurden Gebrauchsgegenstände oder ihre Bedienelemente kleiner (downsizing) und wieder größer (rightsizing), während der menschliche Körper sich als Maß aller Dinge veränderungsresistent zeigte (außer durch veränderte Konfektionsgrößen infolge kollektiver Überernährung).

Hart an der Grenze zum Zynismus sind Kunstprojekte wie das von Michael Rakowitz mit dem Namen ParaSITE, im Zuge dessen er aufblasbare Großstadt-Biwaks für Obdachlose entwickelt. Die PARAsite-Zelte nutzen die Abwärme von Gebäuden, um sich aufzublasen und die Wärme zu speichern.

Die Verkleinerungstendenz beim persönlichen Lebensraum stößt schnell auf konservative Barrieren. Freiwillig einpferchen läßt sich der wie alle Lebewesen äußerst auf sein Revier bedachte Mensch nur zeitweise (Dusche, Toilette), bei spezieller Veranlagung auch etwas länger (U-Boot-Matrose, Kampfjägerpilot, Astronaut) oder wenn ihm besonderes Vergnügen verheißen wird (Samadhi-Tank).

Den schaurigen Kern von My Room II und des Piilo-Kokons legte der australische Künstler Adam Norton frei. Seine ”Generic Escape Capsule” ist ein modifizierter Kleiderschrank, in dem ein Mensch nur auf eine Weise existieren kann, die, wenn sie einem Kriegsgefangenen zugemutet würde, die UN-Menschenrechtskommission auf den Plan rufen würde. |

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