Archiv für die Kategorie 'Netzkolumnen und Essays'

Endlich Fenster

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Ein Jugendtraum geht in Erfüllung: die Internationale Raumstation hat einen Wintergarten. (Illustration: Kurt Röschl, 1955)

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AUSSER EINEN KRIEG zu führen gibt es kaum eine effizientere Art, Geld aus dem Fenster zu schmeissen, als die bemannte Raumfahrt. Unbemannte Instrumente wie das Weltraumteleskop Hubble oder die Marssonden Opportunity und Spirit haben uns großartige neue Einblicke in den Kosmos verschafft. Unbemannte Kommunikationssatelliten haben die Welt in einen Bienenschwarm aus Botschaften verwandelt. Die Internationale Raumstation ISS aber, deren Gesamtkosten sich nach Angaben der europäischen Raumfahrtagentur ESA auf etwa 100 Milliarden Euro belaufen, macht vor allem durch bizarre Stunts auf sich aufmerksam, etwa einen Golfabschlag bei einem Raumspaziergang.

Nun versucht man dieses Problem sozusagen zu lösen, indem man ein Fenster einbaut, durch das man kein Geld schmeissen kann (wobei Fenster, die sich öffnen lassen, im Weltraum prinzipiell zu Problemen führen). Jedenfalls reiste jüngst mit der Raumfähre Endeavour ein neues, großes Bauteil zur ISS – das Modul “Tranquility”. Teil dieses Moduls ist ein “Cupola” genannter Wintergarten, der den Astronauten durch sieben Fenster einen Ausblick ins All gestattet.

Ich bin mit der Raumfahrt aufgewachsen, und in den sechziger Jahren war der freie Blick in den Weltraum eine der Verheißungen des Raumfahrtzeitalters. In utopischen Romanen, Sachbüchern und Zeitschriftenartikeln waren Illustrationen zu sehen, in denen Besucher einer Raumstation durch riesige Panoramascheiben oder Glasböden hinein in die Unendlichkeit blickten.

Die Realität sah dann allerdings so aus, dass in der ersten Raumkapsel des amerikanischen Mercury-Programms ursprünglich überhaupt kein Fenster vorgesehen war. Der Mann in der Kapsel sollte kein Pilot sein, sondern eine lebende Kanonenkugel, Marmelade in einem Berliner. Erst auf internen Druck der Astronauten, die sich andernfalls an die Presse wenden wollten, wurde ein winziges Bullauge eingebaut. Und dabei blieb es bis zu den Mondlandungen. Mit den neuen Space Shuttles brachte eine etwas größere Frontscheibe in den achtziger Jahren ein bißchen mehr Aussicht. Inzwischen gibt es im Space Shuttle sogar am Klo ein Fenster. “Der Höhepunkt war es immer wieder, aus dem Fenster zu schauen”, so der deutsche Astronaut Ulf Merbold.

Längst haben wir eine neue, bessere Art der Raumfahrt entwickelt: das Internet. Nun dürfen nicht mehr nur ein paar Astronauten in die Unendlichkeit reisen, sondern alle. Die unendliche Weite ist demokratisiert worden. Und Bildschirmfenster sind die ersten Fenster, durch die alle reingucken, nicht raus. Was sagt man heute, wenn man sich in einem neuen System einquartiert? Fräulein, ich möchte einen Rechner mit Blick auf den Code. Open Source-Systeme wie Linux ermöglichen sogar Einblicke in die Tiefen des digitalen Universums, bis fast hinein in den Urknall.

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Alles Gute vom Computer

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Eigentlich sollte man sich freuen, wenn einem vielen Leute zum Geburtstag gratulieren. Wenn eine Maschine der Grund dafür ist, ist die Freude aber getrübt.

Ein alter Freund hatte Geburtstag, und er erzählte mir, wie verwundert er war über das unerwartete Ausmaß an Gratulationen. Vor Jahren hatte man gestaunt, neben den obligaten Glückwünschen von Verwandten und engen Freunden, immer öfters dieser pseudo-personalisiertes Anschreiben seiner Bank o.ä. zu erhalten – “Wir freuen uns, Herr Glaser, Sie, Herr Glaser, mit unserem Angebot bekanntmachen zu dürfen, Herr Glaser.”

Im übrigen merkte man am Zurückgehen der Gratulantenmasse (oder vielleicht besser: des Gefühls, dass die ganze Welt mit einem Geburtstag feiert), dass man älter wird. Die verbleibenden Glückwünsche waren gewissermaßen gekeltert, reifer Wein. Eine milde Glut tief in der Mitte.

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Im Internet weiß niemand,
dass du ein Hund bist
(Foto:
Beverly & Pack, Flickr/CC)

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Und jetzt Glückwunschtsunamis. Haufenweise Leute, die man kaum kennt, gratulieren einem zum Jubeltag. Geschäftspartner, flüchtige Bekannte. Menschen, denen man noch nie leibhaftig begegnet ist – nur im Netz. Nach kurzem Überlegen hatte mein Freund damit auch die Quellen der neuartigen Zuwendung eingepeilt: die sozialen Netze. Ob Facebook, Xing oder StudiVZ, alle halten einem die Pflichtfelder zum Ausfüllen vor die Nase, wenn man einen Account einrichten möchte, um sich in dieser neuen Welt umzutun. Mit dabei: das Geburtsdatum.

Mancher wünscht sich inzwischen eine Zeit zurück, die für Ältere noch gar nicht richtig vergangen ist und in der man ein paar wichtige Daten seiner Freunde in einem Kalender notiert hatte. Digital gutvernetzten Menschen fällt auf, dass ihnen nur noch die Großeltern und die allerengsten Freunde persönlich zum Geburtstag gratulieren. Im Netz gibt’s automatische Geburtstagserinnerungen,das ist praktisch, zugleich aber auch ärgerlich – einerseits für diejenigen, die gratuliert bekommen und wissen, dass der Gratulant sich nicht einmal die Mühe machen musste, ihren Geburtstag in einen Kalender einzutragen, und auch dass der Überbringer der Freundlichkeit sich bestimmt nicht von sich aus erinnert hat,  sondern dass ein Algorithmus ihn dazu gebracht hat, zu gratulieren. Diejenigen, die sich den sozialen Medien verweigern, fallen komplett unter den Tisch. Die meisten ihrer online-affinen Freunde besitzen überhaupt keinen Kalender mehr.

Mein Freund hat sich etwas ausgedacht, um beim nächsten Mal den Gratulierfolgen der Pflichtfelder zu entgehen: Er will falsche Angaben machen. Das machen erstaunlich viele Leute. Marktforschung via Internet ist etwas, das keinen besonders soliden Grund unter den Füßen hat. Ein falsch angegebenes Geburtsdatum hat übrigens noch unangenehmere Folgen als ein richtiges. Ich hatte mal irgendwo den 1.1. als Geburtsdatum angegeben und mußte nach dem zehnten Glückwunsch zu Jahresbeginn, alles ernstgemeint, zunächst einmal ein Dementi verteilen. Ich wollte nicht die Gratulanten verschaukeln, sondern das System. Aber das geht nicht.

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Wollt ihr die totale IT?

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Neulich sickerte durch, dass die Videoströme aus den unbemannten Flugdrohnen, die über Afghanistan und den pakistanischen Stammengebieten einherschweben, von unbefugter Seite angezapft werden. Ein weiterer bemerkenswerter Hinweis in dem Zusammenhang ist dabei etwas in den Hintergrund getreten: die Unmanned Aerial Vehicles (UAV) sammeln wesentlich mehr Informationen, als die Geheimdienste auswerten können. Einem Bericht der New York Times zufolge haben die Drohnen im vergangenen Jahr bereits dreimal mehr Material aufgezeichnet als noch 2007. Die gesamten Aufnahmen am Stück anzusehen, würde rund 24 Jahre dauern.

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Je mehr Maschen ein Netz hat…
(Foto: cortneymartin82, Flickr/CC) ?

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Besonders heikel ist, dass die fliegenden Augen nicht nur aufklären sollen, sondern auch Hellfire-Raketen auf Gegner am Boden abschießen. Natürlich gibt es Auswerter-Teams, die den Livestreams aus den UAVs folgen und verdächtige oder interessante Stellen zu einer detaillierteren Nachsichtung markieren. Aber “die Dienste haben immer noch Probleme damit, aus der Datenfülle schlau zu werden.” Das Bildvolumen wird weiter zunehmen, da immer mehr Drohnen eingesetzt werden, die teilweise auch bereits mit mehreren Kameras ausgestattet sind. Fieberhaft wird nach Techniken gesucht, mit denen das Bildmaterial schneller und effektiver gesichtet und kontextualisiert werden kann.

Mehr Technologie! Seit Jahren rufen Sicherheitstechnokraten nach maschineller Hochrüstung, ob beim Militär, bei Geheimdiensten oder in der Öffentlichkeit (meist gleichfalls in Form von Videoüberwachung und bilderkennender Software).

Im Sommer 2005 mußte Glenn Fine, damals Generalinspektor des US-Justizministeriums, dem Senat einen unangenehmen Report vorstellen: Beim FBI hatte sich im Jahr davor der unaufgearbeitete Rückstau von Informationen mit möglichem terroristischen Zusammenhang verdoppelt. Es handelte sich nicht um Informationen erster Priorität, aber das FBI konnte nicht sicher sein, dass die rund 8300 Stunden unübersetzten Abhör-Materials nicht doch irgendwelche Hinweise enthielten, die der Terrorismusbekämpfung dienen könnten.

Im Jahr 2003 waren PowerPoint-Präsentationen als Auslöser von Daten-Tsunamis in Mißkredit geraten: Beim US-Militär liebt man PowerPoint-Präsentationen, und während des Afghanistan-Einsatzes verursachten die oft gigantischen Dateien Staus im Netz. Captain John Wisecup, der einen Verband von Zerstörern im Golf befehligte, verbot als erster das Mailen von PowerPoint-Präsentationen auf seine Schiffe. “Wir haben uns für schlichten, schwarzweissen Text entschieden”, so Wisecup damals.

Die großen Systeme ähneln sich in ihrer digitalen Ineffizienz – in dem Glauben, dass es möglich sei, durch totale Informationsauswertung auch totales Wissen und damit die totale Absicherung vor, beispielsweise, einer Gefahr durch Terroristen zu erreichen. Der Mann, der neulich beinahe ein Flugzeug während der Landung in Detroit in die Luft gejagt hätte, war ohne spektakuläre Tricks durch die Suchraster der Sicherheitsdienste gelangt. Und er war nicht der erste, dem das gelungen ist.

Letztlich führt die massenhafte Produktion von Daten aus vermeintlichen Sicherheitsgründen in eine Endlosschleife – oder in eine Datensammlung, die so gewaltig ist, dass niemand mehr in der Lage sein wird, sie noch sinnvoll zu sichten. Der Begriff “Datenverarbeitung” führt auf verhängnisvolle Weise in die Irre, denn die Maschinen erzeugen vor allem Daten. Ob man es schafft, diese dann auch zu “verarbeiten”, ist, siehe oben, eine offene Frage. Mit Netzen, Rastern und Matritzen ist es wie mit Damenstrümpfen: je mehr Maschen ein Netz hat, desto mehr Löcher hat es auch, automatisch.

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(Erstveröffentlicht im Blog der Technology Review)

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Deckard¹, hol schon mal den Wagen

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Googles “Nexus One”, oder: Wie man sich mit einem netten, neuen Kommunikationsgerät im Unterholz der Sprache verlaufen kann:

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EIGENTLICH ist das Nexus One einfach ein modernes, computerisiertes Mobiltelefon. Das schlanke, titangraue Gerät läßt die herangeschaffte digitale Welt scharf und flüssig über den Bildschirm laufen. Will man den Bildschirminhalt ins Querformat drehen, geht das bemerkenswerter Weise nur nach links; aber gut. Das Nexus One soll dem iPhone auf Augenhöhe gegenübertreten, was nicht ganz einfach ist. Aber eine Firma wie Google kann Wunder vollbringen.

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Hannah blade runner
(Foto:
Photomish Dan, Flickr/CC) ?

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Es ist mit Google wie mit dem Hollywood-Produzenten, dem eine traumhafte Villa mit Swimmingpool gehörte. Er war nicht zufrieden und ließ sich einen Steg aus Plexiglas über den Pool bauen, genauer gesagt: knapp unter die Wasseroberfläche. Wer nicht wußte, dass da ein Steg ist, sah nichts. Manchmal ging der Produzent dann rüber zum Pool, und er ging über dem Wasser. Ein Wunder. Im September 2003 wurde Google-Mitgründer Sergey Brin auf einer Fachmesse gefragt, wann ihm klargeworden sei, dass Google zu einer Ikone der Gegenwart geworden ist. Brin erzählte die Geschichte eines Manns, der einen Herzinfarkt erlitten hatte, und jemand aus seiner Familie rettete ihm angeblich das Leben, indem er bei Google nachfragte, was zu tun sei. “Das”, sagte Sergey Brin, “war ein bedeutender Moment.”  Die Botschaft der Geschichte: Google ist Gott.

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MIT SPRACHE, speziell mit dem Erzählen von Geschichten, aber auch mit einzelnen Worten, läßt sich eine ganze Menge machen. Religionen und Marken werden so begründet. Mit Geschichten kann man die Phantasie der Menschen zum Aufleuchten bringen. Niemand weiß das besser als Science Fiction-Autoren. Nun zeigt sich: Der unschöne Vorwurf, dass Google gelegentlich die Leistungen anderer abgreift, hat eine neue Variante gefunden: Die Familie des 1982 verstorbenen SF-Autors Philip K. Dick will Google verklagen.

Seine Tochter Isa Dick Hackett wirft dem Smartphone-Neuling vor, den Namen für das Kommunikationsgerät aus dem Roman “Träumen Androiden von elektrischen Schafen” ihres Vaters übernommen zu haben. Die Androiden in der Geschichte, die später unter dem Titel “Blade Runner” verfilmt und zu einem Meilenstein des SF-Kinos wurde, heißen Nexus-6 (und das Betriebssystem des Google-Smartphones heißt Android).  An den Assoziationen, die sich von den Nexus-6-Replikanten heranleiten lassen, können Marketingleute auf den ersten Blick ihre Freude haben: Die Einheiten der Nexus-Serie, von Gentechnikern der Tyrell Corporation hergestellt, ähneln Menschen zum Verwechseln, sie sind aber stärker, agiler, robuster und bedarfsweise auch intelligenter.

“Google greift erst mal zu”, sagt Isa Dick Hackett, “hinterher kann man dann sehen, wo man bleibt.” Sie sieht den Namen Nexus One als Verletzung ihrer Markenrechte. Bei der Vorstellung des Smartphones letzte Woche hatte man bei Google betont, dass der Name des Geräts nichts mit Philip K. Dick zu tun habe. Der Begriff sei schlicht in seiner ursprünglichen Bedeutung verwendet worden - als ein Ort, an dem Dinge miteinander verknüpft werden.

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MAL SEHEN, ob sich als nächstes die Erben des Schriftstellers Henry Miller melden und weiterer Ärger ins Haus steht. Der hatte 1960 als letzten Band einer Trilogie über seine frühen Abenteuer - nach “Sexus” und “Plexus” - einen Roman mit dem Titel “Nexus” veröffentlicht. Und was will ein Smartphone wie Googles Nexus One denn anderes als einen einzuladen in neue Abenteuer?

Die Assoziationen zu den Blade Runner-Replikanten sind für einen Gerätehersteller im übrigen nicht nur erfreulich. Die Androiden hören nach vier Jahren auf zu funktionieren. Und sie wollen dich töten.

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¹ Der ehemalige Polizeibeamte Rick Deckart, ein Blade Runner, soll entlaufene Replikanten aus dem Verkehr ziehen.

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Die totale Verimmerung

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Früher gab es einen Zustand, dann kam eine Veränderung, dann ein neuer Zustand. Jetzt ist Veränderung der Zustand. Früher hat der Große den Kleinen gefressen, dann fraß der Schnelle den Langsamen. Nun wird das Manchmal vom Immer verschluckt.

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ES WAR Anfang der achtziger Jahre. Ich dachte, Computer machen immer alles sofort. Ich schrieb ein kleines Programm für meinen ersten eigenen Computer, das eine jener damals beliebten 3D-Funktionen darstellen konnte, die aussehen wie Sombreros. Ich dachte erst, das Programm habe einen Fehler. Nach ein paar Minuten sah ich, dass die Maschine ab und zu einen Punkt entlang der ersten Bildschirmzeile zeichnete. Ich ging eine Pizza essen. Als ich zurückkam, war meine Grafik gerade mal einen Finger hoch. Ich war davon ausgegangen, dass die Zauberformel für Mikrochips Dummheit mal Geschwindigkeit laute. Ein Computer kann ja nicht einmal bis zwei zählen (null und eins), das aber in einem unglaublichen Tempo. Und nun diese Enttäuschung.

Der Traum hieß also: Echtzeit.

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Bis dahin heißt es warten. Interessanterweise raubt uns etwas, das nicht schnell genug geht, ebenso unsere Zeit wie das modernere Phänomen, nämlich wenn zu vieles zu schnell geht. Alltag im 21. Jahrhundert bedeutet, dass sich immer mehr Hauptsachen in Nebensachen verwandeln. Früher kam einmal am Tag die Post und abends um acht in den Nachrichten das Neueste aus der Welt. Heute kommt der Briefträger ständig. Mit E-Mail, SMS, dem Facebook-Status und Twitter ist es fast wie im Krieg - man kann jederzeit unter Beschuss geraten. Und ständig öffnen sich neue Kommunikationskanäle.

Das Warten reicht im Übrigen vom launigen Herumsitzen über bedingten Verweilzwang (Friseur, Behörde) bis hin zur Haft. Warten heißt die Zeit, in der wir fühlen, wie gleichermaßen banal und bedeutend das ist, was wir Freiheit nennen. Es gibt ein Süd-Nord-Gefälle. Warten in seiner mitteleuropäischen Form ist die dunkle Seite des Müßiggangs. Je weiter nach Süden man kommt, desto mehr wandelt es sich in Lebensqualität. Jener Süden, in dem das Warten auch als eine Lust an der Zeit empfunden wird, reicht hoch bis an die Alpen. Die österreichische Kaffeehauskultur etwa verlangt ihren Teilnehmern eine herzenstiefe Bereitschaft zur Zeitnachlässigkeit ab.

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SEYMOUR CRAY galt als Beethoven unter den Computerkonstrukteuren. Um sich von den Anstrengungen bei der Komposition seiner Supercomputer zu entspannen, stieg er in den Keller seines Hauses in Chippewa Falls und trieb mit der Spitzhacke einen mannshohen Tunnel durch die Erde voran. Durch den sorgsam mit Holz verschalten Stollen, durch den er sich über Jahre auf einen nahen Wald zugrub, kamen, so erzählte er, die Elfen zu ihm: “Wenn sie merken, dass ich aus meinem Arbeitszimmer gehe, kommen sie und lösen alle Probleme, die ich zurückgelassen habe.” Die Verdrahtung der Cray-Supercomputer wurde von Hand gezogen, um keinen Zentimeter zu verschenken, der wertvolle Nanosekunden an Datenlaufzeit kosten konnte.

Am 5. Oktober 1996 starb Seymour Cray 71-jährig, ein fremder Wagen war in seinen Jeep gerast. Auf der Homepage der Firma Cray Research wurde der Tod des Firmengründers vermeldet - darunter war unabsichtlich ein Werbebanner mit einem Slogan der Firma Silicon Graphics geschaltet: “We’ll take Your breath away”.

Den rasanten Schaltgeschwindigkeiten der Computer steht das Programmieren als eine extreme Form von Zeitlupe gegenüber. Wochenlang tüfteln die Coder, indem sie dessen geplante Geschehensweise Sekundenbruchteil für Sekundenbruchteil beschreiben, an einem Ereignis, das sich schließlich innerhalb eines Augenblicks abspielen wird: der Programmlauf. Neulich habe ich einen meiner programmierenden Freunde auf dem Flughafen getroffen. Er hatte ein Wirtschaftsmagazin zu einem steifen Hochglanzknüppel gerollt und schlug damit, während wir uns unterhielten, unentwegt auf eine verchromte Querstange. Er schlug die Zeit tot.

Sein Urerlebnis war der Übergang vom Dreirad zum Tretroller gewesen. Die damit verbundene Zunahme an Aktionsradius hatte ihm ein Gefühl von Freiheit beschert, das er seither immer wieder zu erleben sucht. Das Tempo ließ sich via Mofa, Auto und Flugzeug weiter forcieren. Sein Geschwindigkeits-Eldorado fand er, wie viele von uns, schließlich im Computer. Wer mit einem Computer arbeitet, will alles, und zwar sofort. Die digitale Maschine erzeugt eine aufreizende, neue Art von Ungeduld. Wenn eine Website länger als fünf Sekunden braucht, um auf dem Bildschirm zu erscheinen, hat sie verloren.

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SÄMTLICHE MEDIEN, allen voran das Netz, sind inzwischen auf ein Ziel ausgerichtet: Permanenz. Online gibt es keinen Ladenschluss mehr, keine Sperrstunde, kein Programmende. Der digitale Medienfluss verwandelt sich in eine Umweltbedingung - etwas, das überall und immer da ist - und etwas, das uns an immer mehr Stellen einlädt, auffordert, verlockt, ihm unsere Zeit zu widmen. Früher öffnete sich einmal pro Abend das Nachrichtenfenster in die Welt. Heute fließen die Ströme an Meldungen, Unterhaltung, Information unausgesetzt. Sonderbare Dinge wie “Testbild” und “Sendeschluss” kennen junge Medienkonsumenten nicht mehr. Zum Inbegriff der Permanenz ist das Netz geworden. Ständig geht es vor sich, aktualisiert sich, vibriert vor Mitteilsamkeit. Früher gab es einen Zustand, dann kam eine Veränderung, dann ein neuer Zustand. Jetzt ist Veränderung der Zustand. Früher hat der Große den Kleinen gefressen, dann fraß der Schnelle den Langsamen. Nun wird das Manchmal vom Immer verschluckt.

Was vor ein paar Jahren nur als Parodie denkbar war, nämlich statt fernzusehen Internet zu schauen, ist inzwischen vollkommen normal. Und die wahre Gefahr für ihre Filme haben die Hüter Hollywoods noch gar nicht erkannt: Es sind nicht illegale Kopien, sondern die Superkürze, die Filme im Netz haben - allgemeiner gesagt: die Erscheinungsformen der neuen Mikrokultur, die sich mit der digitalen Welt ausbreitet. Abendfüllend war gestern, heute ist YouTube. Wer kennt nicht das Gefühl, nachdem er im Kino gewesen ist, dass der Trailer, den man sich zuvor angesehen hatte, eigentlich schon der ganze Film gewesen ist? Nun wird der Trailer zum Hauptfilm. Keine Zeit für’s alte Kino, zu viel Neues wartet.

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ABENDS IM HOTELBETT dachte ich wieder an meinen Freund vom Flughafen. Ich weiß, dass er Schwierigkeiten mit dem Einschlafen hat, weil er zu ungeduldig ist, sich durch den Halbschlaf einsinken zu lassen in die Welt der Träume. Er sucht eine Art Lichtschalter in seinem Inneren, mit dem er das Tagesbewusstsein, klack, auslöschen kann und, zoing, schlafen. Ich sage: Alter, du musst dich entspannen. Er schluckt Schlafmittel. Das ist die europäische Art zu meditieren, sagt er.

Morgens nach dem Aufwachen wusste ich wieder einmal fünf Minuten lang nicht, in welcher Stadt ich bin. Auf dem Weg zum Flughafen sah ich meinen Freund, der in einem gemieteten Sportcoupe an meinem Taxi vorbeiraste, keine Zeit. Wenig später traf ich ihn im Flughafenrestaurant wieder. Seine Maschine hatte eineinhalb Stunden Verspätung. Wir aßen Carpaccio und saßen schweigend, wie Freunde das manchmal tun. Ich schaute aus dem Fenster. Die Zeit verging, als wäre nichts. Was sollte sie auch tun?

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(Erstveröffentlicht in der Futurezone auf ORF.at).

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Sammeln Sie Hirnchen?

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Frank Schirrmacher hat ein mäßig aufregendes Gruselbuch über die Gefahren des Informationszeitalters geschrieben: “Payback”.

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1962 verlor die Nasa ihre erste interplanetarische Raumsonde Mariner 1, da im Programmcode der Raketensteuerung ein Querstrich fehlte. Knapp fünf Minuten nach dem Start wurde die Selbstzerstörung der Trägerrakete ausgelöst. In “Payback”, dem neuen Buch des FAZ-Mitherausgebers Frank Schirrmacher, passiert das im zweiten Satz. “Ich dirigiere meinen Datenverkehr”, heißt es da, “meine SMS, E-Mails, Feeds, Tweeds…” Aber was sich nach schottischem Textilgewebe anhört, heißt in Wirklichkeit “Tweets” und bezeichnet das, was dabei rauskommt, wenn man twittert. Der Versuch, sich nach einer Eloge vom “Aufstieg der Nerds”, die im September zu lesen war, dem digitalen Mainstream insgesamt als Auskenner anzuempfehlen, ist damit schon schiefgegangen.

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Schirrmacher hat eine Art Skript für ein intellektuelles B-Movie vorgelegt, in dem sich gehirnfressende Maschinensysteme, verbunden über das Internet, über unser Bewußtsein und unsere Aufmerksamkeit hermachen. Da das entsprechende Grusel-Oevre nicht neu ist - in den sechziger Jahren hieß es wahlweise “Reizüberflutung” oder “Managerkrankheit”, später “Information Overload” oder “Trödelfaktor” -, bedient Schirrmacher sich eines rhetorischen Tricks. Es gibt zwei Möglichkeiten, einen Waldspaziergang zu beschreiben. Man kann sich von der Wahrnehmung einer Unzahl von Blättern und Tannennadeln überfordert sehen und eine Rückkehr zur humanistischen Gehölzwahrnehmungstechnologie fordern. Man kann aber auch einen Spaziergang durch einen Wald machen und einfach erholt wieder nach Haus kommen.

Weshalb er sein Buch nach dem Kundenbindungssystem “Payback” betitelt hat, läßt Schirrmacher offen. “Die Frage ist nur, ob wir selbst überhaupt noch imstande sind, zu unterscheiden, was wichtig ist und was unwichtig?” Kein Lebewesen ist von der Natur dazu besser ausgestattet als wir. “Was not tut”, schrieb Lewis Mumford 1970 in seinem Standardwerk “Mythos der Maschine”, “ist eine Technologie, die so mannigfaltig, so vielseitig, so flexibel ist und auf menschliche Bedürfnisse so schnell reagiert, daß sie jedem legitimen menschlichen Zweck dienen kann. Das wahre Multimedium ist der menschliche Organismus selbst.”

Gebetsmühlenhaft beteuert Schirrmacher, kein Kulturpessimist sein zu wollen, aber auch das ist nur Rhetorik. Bereits fünf Jahre vor dem gescheiterten Start von Mariner I war das Buch “Die geheimen Verführer” erschienen, in dem Vance Packard über Techniken berichtete, mit denen Werber Konsumenten zu manipulieren versuchten. Der Bestseller prägte ein Menschenbild, in dem sich Mediennutzer als Opfer sehen sollen. Mit der Erfindung der Fernbedienung, die dem Zuschauer die Bildregie in die eigenen Hände legte, und der des vernetzten Computers änderte sich das. Nun möchte Schirrmacher uns neuerlich eingemeinden in das Gefühl, mühsam und informationsbeladen zu sein. Als Beleg angeführt wird beispielsweise eine Studie aus dem Jahr 2003, wonach “auf allen bekannten Datenträgern … 5 Exabyte Informationen gespeichert” wurden. Das jungsmäßige Auftrumpfen mit großen Zahlen liefert aber keinen Erkenntnisgewinn – es geht bloß um Daten und nicht um Wissen.

So ist es mit vielen der fleißig aufgehäufelten Factoids in dem Buch. Manches ist schlicht Quatsch, etwa dass die beiden Google-Gründer “den ersten Server der Welt” gebaut haben. Und manchmal ist es ein Geplapper, das sich so hektisch hingesagt liest, als habe der Autor Angst, verstanden zu werden: “Bilder von Golden Retrievern, die in Zeitlupe durch Springbrunnen laufen, Menschen, die winken und lächeln und überall Spielzeug. So, das sagen übereinstimmend alle, die Google vor dem Börsengang besucht haben, muß es gewesen sein, als im antiken Griechenland das Denken und im zwölften Jahrhundert in Europa die ersten Kathedralen gebaut wurden.”

Geht man zurück bis an den Anfang der Informationsaufzeichnung, findet man bereits im alten Ägypten ein etwas klareres Bild für die Zumutungen der Digitalisierung: Die höchste hieroglyphisch darstellbare Zahl zeigt einen Mann, der zu Boden gesunken ist und die Hände über dem Kopf zusammenschlägt.

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Die Bibeln des Habens

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Was treibt im menschlichen Leben ist der Mangel. Ein Mangel an Schuheinlagen, Mangel an Hirn, an Herzlichkeit, an Gesprächsstoff, was auch immer. Dauernd fehlt etwas. Immer ist etwas zu wenig. Ein feinfaseriges Leid durchzieht den Menschen. Er sehnt herbei, wünscht und trachtet. Dem tritt die Ware entgegen, die Habseligkeit. Das Produkt als eine Kristallisation des Glücks.

Im Laufe seiner Entwicklung ist der Mensch dazu übergegangen, nicht mehr nur Schläge, Krankheiten und Schreie mit seinesgleichen auszutauschen. Er fing an zu haben. Er fing an, auch die Vergegenständlichung des Schreckens auszutauschen, die Ware eben. Denn was ist ein Kleidungsstück anderes als eine Schwächung der Widerstandsfähigkeit?, was ist ein Messer anderes als eine Schwächung der Krallen, und blitzende Bedrohung?, was eine Zigarette anderes als ein schwacher Kuß?, ein Foto anderes als ein schwacher Raum?

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Aus dem Katalog des US-Versandgiganten Spiegel von 1942. Das Unternehmen wurde um Anfang des 20. Jahrhunderts in Chiacago von dem in Deutschland geborenen Joseph Spiegel gegründet. ?

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Die Welt der Erzeugnisse, der menschgemachten Dinge, tönt dem von dem Zehren des Mangels ermatteten Menschen entgegen wie ein lockender Sirenen-Chor. Wer durch die Innenstadt an den endlosen gläsernen Auslagenfluchten entlang geht, dem flötet es aus jeder Vitrine entgegen: Das alles gehört noch nicht Dir.

Die Partitur dieser Sirenen ist der Warenhauskatalog. Der Katalog möchte uns die Vielfältigkeit des Mangels zeigen. Er präsentiert Hab und Gut, weltlichen Tand, fühlloses Dingwerk – aber er präsentiert es glasiert, i, Schimmer der Schönheit, mit einem Schmelz von Gefühl überzogen. Die Ware erscheint im Katalog in einer Welt von vollendeter Hygiene.

Oft ist die Welt, in der die Waren stehen, blank und bloß. Sie stehen in einem Studioarrangement des Nichts. Aus jeder beeinträchtigenden Umgebung herausgeschält, sieht man sie in einer von potentiellem Kauf fast schon dröhnende Deutlichkeit. Die Umgebung der Ware verwischt wie aus einem Raketenfenster betrachtet. Wir sehen eine Darstellung der lichtschnellen Geschwindigkeit des Wünschens, mit der das Warending auf seinen zukünftigen Besitzer zuschießen möchte. Vom szenischen Licht des Fotografen bestrahlt und schmerzlich stillstehend, noch nicht erworben, nicht einmal angezahlt, bleibt die Ware hinter Glas oder hinter dem fiktiven Fenster der Fotooberfläche vorerst unerreichbar, aber aufreizend.

Schon als Kleinkind habe ich gerne Kataloge gegessen. Der reizvolle Azetylenbeigeschmack des Hochglanzpapiers und die fruchtbunten Bilder sind ein Vergnügen für jeden Säugling. Ich habe auch gern Dieselauspuffgase gerochen und bin später mit dem Juniorfahrrad hinter Diesellastern an Ampeln hergefahren, aber das ist eine andere Geschichte.

Dass der Katalog im Bilderbuchalter eine tragende Rolle gespielt hat, bedarf keiner weiteren Ausführung. In den noch elastischen und formbaren Regionen des kleinkindlichen Träumens hat der Katalog, neben Bilderbüchern und Mickymausheften, seine Strukturmerkmale hinterlassen. Heute, wo ich mich selbst, und also auch meine Träume klarer im Bewußtsein durchleuchten kann, erkenne ich mit Erstaunen, aber nicht ohne Freude, wie ich immer wieder kataloghaft träume, und sich ein tiefunteres Heimatgefühl zu bestimmten Traumbildern und Bildfolgen einstellt, und wie sich, weniger erfreulich, die Phantasie manchmal abmüht, über die bildhaften Vorgaben des Katalogs aus der Kinderzeit hinauszukommen in eine nicht katalogisierte Sicht der Welt.

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HIER EINE ZEITREISE durch die Welt alter Weihnachts-Kaufhauskataloge des 20. Jahrhunderts, aus dem kolossalen Flickr-Photostream von Wishbook und seiner unglaublichen Fleißarbeit zu danken:

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? 1942, Spiegel Christmas Catalog:

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? 1945, Sears Christmas Catalog:

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? 1947, Sears Christmas Catalog:

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? 1955, Spiegel Christmas Catalog:

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? 1957, Simpsons Sears Christmas Catalog:

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? 1958, 3M Christmas Catalog:

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? 1962, Spiegel Christmas Catalog:

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? 1966, Penneys Christmas Catalog:

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? 1969, Sears Christmas Catalog:

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? 1970, Penneys Christmas Catalog:

Wishbook - View my '1970.xx.xx Penneys Christmas Catalog' set on Flickriver

? 1970, Foster House Christmas Catalog:

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? 1971, Sears Christmas Catalog:

Wishbook - View my '1971.xx.xx Sears Christmas Catalog' set on Flickriver

? 1972, Spiegel Christmas Catalog:

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? 1973, Eaton’s Christmas Catalog:

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? 1974, JCPenney Christmas Catalog:

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? 1975, Sears Christmas Catalog:

Wishbook - View my '1975.xx.xx Sears Christmas Catalog' set on Flickriver

? 1976, Sears Christmas Catalog (Canada):

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? 1976, JCPenney Christmas Catalog:

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? 1977, Sears Christmas Catalog:

Wishbook - View my '1977.xx.xx Sears Christmas Catalog' set on Flickriver

? 1979, Sears Christmas Catalog:

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? 1980, Sears Christmas Catalog:

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? 1981, Montgomery Ward Christmas:

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? 1982, Sears Christmas Catalog:

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? 1983, Sears Christmas Catalog:

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? 1984, Wards Christmas Catalog:

Wishbook - View my '1984.xx Wards Christmas Catalog' set on Flickriver

? 1985, Sears Christmas Catalog:

Wishbook - View my '1985.xx.xx Sears Christmas Catalog' set on Flickriver

? 1986, Sears Christmas Catalog:

Wishbook - View my '1986.xx.xx Sears Christmas Catalog' set on Flickriver

? 1988, Sears Christmas Catalog:

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? 1991, Sears Christmas Catalog:

Wishbook - View my '1991.xx.xx Sears Christmas Catalog' set on Flickriver

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(Thank You, Wishbook!)
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Ein analoger Abend

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ICH WOLLTE MAL SEHEN, ob ich es noch hinkriege, ein bißchen analog zu sein. Nur damit es keine Mißverständnisse gibt: Ich bin gern digital. Es ist angenehm. Ich kann um vier Uhr früh einkaufen, obwohl es das Ladenschlußgesetz gibt. Ich kann einen Text, der, sagen wir: am nächsten Tag in Zürich sein muß, mit einem Klick dorthinschicken – vor 20 Jahren mußte ich erst einmal herausfinden, wann nachts die letzten Fernzüge losfahren und wo der Postwaggon ist (an dem sich ein Briefschlitz befand, durch den man vom Bahnsteig aus frankierte Umschläge einwerfen konnte; gleich darauf hörte man den Postbeamten im Waggon den Stempel auf die Marke knallen).

Es ist auch unterhaltsam, digital zu sein. Vorhin wünschte sich ein Freund auf Facebook zu Weihnachten für die Büroheizung “eine mittlere Stufe, also eine zwischen Nordgrönland und Sahel-Zone”. – “Tut mir leid”, schrieb ich ihm, “in der digitalen Welt gibt’s nur 0 oder 1.” Andere Freunde kamen hinzu. Auf Facebook gibt es nur Freunde. Zumeist sind das fremde Menschen, aber gemeinsam bei Facebook zu sein, macht leutselig. Einer votierte für ein Binärsystem mit Fließkommazahlen. Ein anderer wies darauf hin, dass man mit acht Heizkörpern nach dem Null-Eins-System bereits 256 verschiedene Temperaturen darstellen kann. Ich schlug eine fraktale Heizung vor. So ist man digital und hat Spaß.

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BEI ALLEN ANNEHMLICHKEITEN, die das Digitalsein also für sich hat, wollte ich dasselbe auch wieder einmal für’s Analogsein sehen. Vielleicht eine Adventslaune; warum auch immer. Dass es nun so früh dunkel wird, machte den Übergang weicher. Die abendlichen Lichter und die aufkommenden Weihnachtsbeleuchtungen, die wie Menüzeilen Fensterränder und Balkonbrüstungen säumen, geben der Welt der Dinge etwas geradezu Bildschirmhaftes. Es roch unspezifisch nach Spätherbst, ich vermißte den Vorabduft von Schnee und den blauen Schimmer einer frischen Schneedecke im Dunklen. Vor den erleuchteten Schaufenstern lagen Teppiche aus Licht auf dem Gehsteig. Ich ging in ein Einkaufszentrum und kaufte mir einen Kugelschreiber und einen Notzblock, setzte mich in eines der Eiscafes, die inzwischen ganzjährig geöffnet bleiben, und begann, meine Kolumne zu schreiben.

Ich hatte eine Weile gesucht, bis ich den richtigen Kuli gefunden hatte; mit kaum etwas schreibt es sich besser als mit einer solchen weichen Mine. Ich benutze diese Art Schreibgerät manchmal, wenn ich am Rechner mit dem Schreiben nicht weiterkomme und dann mit der winzigen Kugelschreiberkugel alles wieder ins Rollen kommt. Für mich gibt es da keine Sentimentalitäten. Es gibt eine immer weiter zunehmende Fülle von Schreibinstrumenten, aus denen ich je nach Maßgabe auswählen kann. Meist schreibe ich am Computer, aber auch wenn ich mit dem Kuli keine Emails verschicken kann, hielte ich die Selbstbeschränkung auf den Rechner für dumm.

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EIN KLEINER JUNGE ging vorbei. Er hatte gerade erst laufen gelernt und wackelte noch ein wenig. Sein Vater neben ihm schob den Kinderwagen, und man konnte sehen, dass der Junge vor einem für ihn völlig neuen Problem stand. Er wäre gern in dem Kinderwagen geschoben worden, aber der war mit einem größeren Einkauf vollgepackt. Der kleine Junge sah sich einer unerwarteten Konkurrenz durch die Dinge gegenüber. Der Eindruck, den diese stummen, bräsigen Inbilder der Analogwelt in dem Jungen hinterließen, würde zweifellos nachhaltig sein. Sowie er einen Rechner würde bedienen können, und vielleicht konnte er das schon, würde er sehen, wie sich das Blatt wenden ließ und er sein Revier in eine ganze Welt erweitern konnte, zu der Dinge keinen Zutritt hatten. Am Nebentisch unterhielt sich ein Pärchen über alberne USB-Stecker. Ich ging wieder raus auf die Straße.

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Die lausigen Pennies

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Warum das Geldausgeben im Netz ausgerechnet bei Kleinbeträgen so schwierig ist:

DAS BEMERKENSWERTESTE an der zunehmenden Diskussion um Bezahlinhalte im Netz ist die Tatsache, dass es im Internet kein Geld gibt. Bei etwas größeren Beträgen fällt das nicht so auf. Der ganze E-Kommerz hat einfach die altbewährten Überweisungsmodelle des Versandhandels übernommen, und für materielle Waren funktioniert das auch ganz gut. Bei digitalen Gütern hat sich eine Neigung herausgebildet, es erst einmal umsonst zu versuchen. Bei Software oder Musik ist das manchmal verboten, ein Geschäftsmodell wie Apples iTunes Store zeigt aber auch, dass es erfolgreich anders geht. News und Zeitungsartikel dagegen stehen weitgehend frei im Netz - noch.

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Münzen
(Foto: Joe Shlabotnik,
Flickr/CC-Lizenz)

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DAS NETZ ist das erste Massenmedium in der Geschichte, das nicht aus einem kommerziellen Zusammenhang hervorgegangen ist. Das WWW war ursprünglich als Werkzeug zur wissenschaftlichen Zusammenarbeit gedacht. Das, was manche heute als “Geburtsfehler” des Internet sehen wollen, hat zu tun mit der ethisch bedingten antikommerziellen Grundhaltung von Wissenschaftlern, die das Netz in den ersten Jahren getragen haben. Ein studentisches Lieblingsprojekt zur Weltverbesserung, nämlich die Abschaffung des Geldes, ist, wie wir nun sehen, erstaunlich erfolgreich verlaufen – zumindest was das Kleingeld betrifft.

Ein Buch um 15 Euro bei Amazon zu kaufen - kein Problem. Aber wenn es darum geht, schnell mal einen Zeitungsartikel für 30 Cent mitzunehmen, wird es unerwartet schwierig. Dieses digitale Kleingeld aber, die “lousy pennies”, wie der Verleger Hubert Burda sie nennt, ist der Schlüssel zu wirtschaftlichem Erfolg im Netz. Eines der wesentlichen Merkmale des Medienwandels ist nämlich, dass sich Massenmedien nun in Medienmassen verwandeln. Die Angebote werden vielfältiger und zugleich kleinteiliger. Und niemand will sich, nur um 30 Cent zu bezahlen, erst hier und da und dort umständlich registrieren müssen.

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Papiergeld
(Foto: AMagill,
Flickr/CC-Lizenz)

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BESTES BEISPIEL für den Makro-Erfolg dieser neuen Mikrokultur ist die SMS. Die besten Abrechnungsmodelle für Kleinbeträge haben die Netzprovider und Telekoms in der Hand, da der Netzzugriff prinzipiell kostenpflichtig und die monatliche Abrechnung standardisiert ist. Und ob ein Online-Anbieter eine Provision an eine Kreditkartenfirma, an PayPal oder an einen Netzbetreiber entrichtet, ist eher zweitrangig, wenn dadurch ein solches System für Nutzer überhaupt akzeptabel würde.

Stattdessen will nun erst einmal die Deutsche Post Verlagen dabei helfen, Bezahlmodelle im Internet zu entwickeln. Das soll mit Hilfe des sogenannten “Online-Briefs” geschehen, mit dem sich rechtsverbindlich E-Mails und damit natürlich auch Zahlungsanweisungen verschicken lassen. Na, mal sehen.

Außer dem Kleingeld fehlen übrigens im Netz auch weitere fundamentale Einrichtungen, die uns heraußen in der Welt der Dinge selbstverständlich sind, etwa der Zeitungskiosk. Aber das nur am Rand. |

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Der verkehrte Feldstecher

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Viele Technologien sind nicht deshalb so erfolgreich, weil durch sie irgend etwas einfacher wird, sondern, weil dadurch etwas schwieriger wird.

ES ÜBERRASCHTE MICH. Ich war ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass Software in neuen Versionen  auch mit neuen und verfeinerten Möglichkeiten ausgestattet ist. Dass ein Effekt, der in Vorabversionen den Nutzern bereits Appetit gemacht hat, plötzlich wieder entfernt wird, erstaunte mich - so geschehen in Previews des Spiels Diablo 3, in denen man erst noch eine virtuelle Kamera sehen konnte, mit der man das Bild drehen und reinzoomen kann. In der fertigen Fassung des Spiels wird das nicht mehr gehen. Ein Sprecher des Herstellers begründet das damit, dass “es zu nervig war, der Spielfluss gestoppt wurde … und es sich schlicht nach zu viel” angefühlt habe.

Nach zu viel angefühlt - ist das nun Möglichkeitenzensur oder ist weniger tatsächlich mehr? In den achtziger Jahren bechrieb mir ein Bekannter den Eindruck, der sich ihm vermittelte, wenn er Texte am Bildschirm las. Ich solle mir vorstellen, man würde eine großformatige Zeitung aufgeschlagen auf einen Tisch legen und sie dann mit einer Pappschablone verdecken, in der ein Fenster ausgeschnitten sei, das eine Zeitungsspalte breit und 24 Zeilen hoch wäre (40×24 war ein damals übliches Textformat am Bildschirm). Um die Zeitung zu lesen, müsse man die Schablone mit dem kleinen Fenster über der Zeitung verschieben. Das Lesen von Text am Bildschirm stellte sich ihm also als eine Einschränkung und eine Zunahme an Umständlickeit dar, und nicht etwa als eine Vereinfachung. Aber darum scheint es beim Fortschritt der Computer-und Kommunikationstechnik auch gar nicht zu gehen - im Gegenteil.

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Hacking VGA-Signals
(Foto:
CabFabLab, Flickr/CC-Lizenz)

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BETRACHTET MAN Dienste wie etwa SMS, Chat oder Twitter, stellt man fest, dass es sich dabei um mit Absicht teils extrem reduzierte Ausdrucksmöglichkeiten handelt. Mit dem selben Telefon, mit dem man sich in gesprochener Sprache und den zusätzlichen Feinheiten im Tonfall miteinander verständigen kann, lassen sich auch 160 Zeichen lange Winzmitteilungen verschicken. SMS kam auf zu einer Zeit, als Computer ständig schneller, bunter, multimedialer wurden und weithin Konsens darüber herrschte, dass eine zunehmend visuelle Komponente den Mainstream der Kommunikationsentwicklung bestimmen würde. Dann, und das auch noch zu einer Zeit, in der in immer mehr Ländern der Telegrammdienst eingestellt wurde, begann der triumphale Siegeszug der SMS, der inzwischen längst zu einem Milliardengeschäft geworden ist.

Der Spaß daran war der auf technischem Weg erzeugte Mangel, die Reduktion auf zwei, drei Sätze. Menschen, die SMS schreiben, müssen dichten, also einer hohen kulturellen Anfordeung genügen. SMS ist, wie viele andere Technologien, nicht deshalb so erfolgreich, weil dadurch irgend etwas einfacher würde, sondern weil dadurch etwas schwieriger wird. Der Mensch liebt Schwierigkeiten - “Kultur ist Reichtum an Problemen”, wußte bereits der Autor Egon Friedell -, vor allem liebt der Mensch Schwierigkeiten, die ihn vor kommunikative und spielerische Herausforderungen stellen. Ein Telefonat zu führen oder eine in der Länge unbeschränkte E-Mail zu schreiben, kann jeder; das ganze in zwei, drei Sätze zu packen, ist schon um einiges schwieriger. Ähnlich beim Chat, wo man seine Individualität reduziert und eine Person weder an Handschrift noch an Stimme,  Aussehen oder Mimik zu identifizieren ist. Die Herausforderung besteht darin, aus den in unpersönlicher Schrift über den Bildschirm fließenden Äußerungen das Bild einer Person zusammenzusetzten, eine Art psychologischer Version des U-Boote-Versenkens.

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AUCH DIE COMPUTERBEDIENUNG ist erst durch die mutwillige Reduktion und Erschwernis der Bedienung - durch Maus und Bildschirmsymbole - zur Massentauglichkeit gelangt.  Jeder Programmierer, der die volle Ausdrucksbreite einer Unix-Commandline zu nutzen weiß, wirft noch heute gelegentlich schale Blicke auf das kleine Fahrkästchen, das die ungreifbaren Räume, die sich zwischen den vernetzten Maschinen eröffnet haben, auf eine zweidimensionale Bildschirmmetaphorik reduziert, die man mit dem bekannten Pfeilsymbol auf dem Weg von einem klickbaren Objekt zum nächsten durchfuchteln muß.

Nach eine Spielphase, in der die neuen Fertigkeiten versammelt werden, die man beim Umgang mit einer neuen Technologieerschwernis gewonnen hat, nehmen diese unterschiedlichen weiteren Verlauf. Während das Chatten wieder ein bißchen aus der Mode gekommen ist, hält man an Maus und Screen-Metapher fest (allerdings notgedrungen, weil der gestengesteuerte Tablettrechner, auf den alle warten, noch nicht auf den Markt kommen möchte), während Twitter zeigt, dass milliardenfacher Traffic auch mit 140 Zeichen zu machen ist.

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facebook (Foto: benstein, Flickr/CC-Lizenz)

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IN EINER ANDEREN populären Reduktionstechnologie, nämlich Facebook, rappelt es inzwischen kräftig im Karton, weil viele Nutzer sich nicht mehr nur mit den verfügbaren, extrem beschränkten Aktionsmöglichkeiten zufriedengeben wollen. Die per Klick aktivierbare Fertigteil-Äußerung “gefällt mir” ist zweifellos als algorithmisch fixierte Version des amerikanischen Optimismus gedacht (eine andere Art von Äußerung ist bei Facebook nicht vorgesehen); dieser Optimismus stellt einen aber beispielsweise, wenn jemand einen Trauerfall bekanntgibt, vor unlösbare Probleme.

Auch eine rasch anschwellende Sammlungsbewegung auf Facebook, die einen “gefällt mir nicht”-Button fordert, greift wohl ein wenig zu kurz. Wie wäre es mit dem gesamten menschlichen Ausdrucksvariantenreichtum? Warum künstlich beschränken? Weil die Leute bescheuert sind und ihnen sonst alles zu kompliziert wird? Weil die Programmierer zu faul sind? Weil die Nutzer kurz gehalten werden sollen und lieber virtuelle Geschenke von irgendwelchen Applikatoren kaufen sollen? Nein, denn das absichtlich Wenige, das die Maschine zu bieten hat, gibt dem Menschen das Gefühl, dass er derjenige ist, der dieser Apparatur zeigt, wo der Bartl den Most holt.

Als Kinder haben wir manchmal ein Spiel gespielt, für das man einen Feldstecher umdrehen muß, um damit dann auf seine Beine hinunter zu schauen. Durch den umgekehrten Strahlverlauf sehen die Füße aus, als wären sie meterweit weg und die Beine erscheinen dünn und lang wie Stelzen. Dann muß man einen Teppichrand entlanggehen, und da man wegen des verkehrten Feldstechers wie auf Stelzen geht, kommt man rasch ins Stolpern. Wer es am weitesten schafft, hat gewonnen. Würde man ohne den Feldstecher losmarschieren, könnte man problemlos tagelang den Rand entlanggehen. Aber das wäre nicht innovativ.

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Ein Kännchen Luftkaffee

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Millionengeschäfte mit Waren, die es nicht gibt: Im Netz boomt der Handel mit virtuellem Gut. |

“VIELLEICHT HAT MAN JETZT im Silicon Valley das perfekte Business entdeckt: Geld für Produkte zu kassieren, die nicht existieren”, schreibt die New York Times über einen Boom, den virtuelle Waren im Netz erleben. Es handelt sich dabei um kleine Bildchen – bunte Drinks oder Blumen beispielsweise, die es für einen Dollar bei Facebook gibt, oder etwa ein Karnevalskostüm für 2 Dollar 50 in “Sorority Life”, einer Art von digitalem Mädchenwohneim.

Die Vorstellung, dass jemand bereit ist, für ein scheinbares Objekt reales Geld zu bezahlen, ist vielen noch ungewohnt. Heute wird immer weniger Geld für physische Güter ausgegeben und immer mehr für Mediennutzung, Dienstleistungen und Erlebnisse. Dazu zählen auch solche, die eine Spielfigur stellvertretend für ihren Besitzer macht. Der Avatar wird in Online-Rollenspielen als Teil der eigenen Persönlichkeit angesehen (Wer weniger als ein Drittel des Tages online ist, gilt etwa in dem Online-Rollenspiel ”World of Warcraft“ bereits als passiv). In China locken Geschäftemacher Jugendliche mit dem Versprechen, ihnen für das Spielen am Computer Geld zu zahlen. Wer sich darauf einläßt, der schuftet 12 Stunden pro Tag in World of Warcraft und anderen Spielen, um virtuelles “Gold” zu schürfen, das dann über Online-Auktionshäuser wie eBay für echtes Geld weiter verkauft wird.

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DIE VIRTUELLEN KLEINIGKEITEN haben sich inzwischen zu einem ziemlichen Markt ausgewachsen. Experten schätzen den Gewinn aus virtuellen Waren in den USA in diesem Jahr auf eine Milliarde Dollar, weltweit auf fünf Milliarden. An Produktionskosten fällt nichts an außer dem Honorar für einen Grafiker und einen Programmierer. “Es ist ein fantastisches Geschäft”, schwärmt Jeremy Liew, dessen Firma Lightspeed Venture Partners Risikokapital vergibt - 10 Millionen Dollar davon an verschiedene Unternehmen, die virtuelle Waren herstellen. “Da alles digital ist, liegen die Herstellungskosten für alles, was man auf diese Weise herstellt, bei nahe Null”, sagt Liew. “Man hat eine Gewinnspanne von 100 Prozent.”

Die Käufer von virtuellen Blumensträußen in sozialen Netzen wie Facebook sehen sich nicht als Spieler. Sie möchten sich die Zeit vertreiben und ein bißchen Spaß haben. Funktionieren kann diese virtuelle Warenwirtschaft nur unter zwei Voraussetzungen: künstliche Verknappung und informatische Infantilität.

Verknappung bedeutet, dass eine Eigenschaft ausgeschlossen wird, über die jede Software üblicherweise verfügt: das Kopieren. Im Unterschied zum offenen Netz sind solche Restriktionen in einem Datenkäfig wie Facebook realisierbar. Und wie schon in der 3D-Welt Second Life erinnert das Ganze an das Kinderspiel, bei dem man aus leeren Puppentassen Luftkaffee trinkt. Wenn dann ein Erwachsener kommt und sagt, dass da ja gar kein Kaffee drin sei, sind die Kinder traurig.

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Spielzwang

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Würde jemand das, was ein Hersteller als die Zukunft des Klavierlernens propagiert, an Kriegsgefangenen ausprobieren, er würde sich wohl umgehend vor einem UN-Tribunal wiederfinden.

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ES GIBT ETLICHE Kunstwerke, die ihre Entstehung der Tatsache zu verdanken haben, dass der Künstler als Kind dazu gezwungen wurde, Klavierspielen zu lernen. Der Roman “Die Klavierspielerin” der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek etwa erzählt die Leidensgeschichte einer Klavierlehrerin, die von ihrer diktatorischen Mutter zur Pianistin gedrillt wird und als emotionales Wrack endet.

Auch Daisuke Tsutsumi, Art Director in den Pixar Animation Studios, kennt die Abgründe, in die einen das unerwünschte Erlernen dieses klassischen Tasteninstruments führen kann. Sein düsteres Gemälde “My Piano Teacher, Mrs. Asaoka”, das er für eine Ausstellung unter dem Motto “Monster?” anfertigte, beruht auf seinen Erfahrungen als klavierlernender kleiner Junge – “Mann, ich bin sicher, ich würde heute in der Carnegie Hall spielen, statt Cartoons zu zeichnen”, so Tsutsumi, “wenn mein Musiktalent durch diese traumatische Erfahrung nicht zerstört worden wäre.”

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DIESE MARTIALISCHE ART der Ausbildung musikalischer Fertigkeit wird nicht ohne Grund mit dem Drill verglichen, den Soldaten während einer militärischen Spezialausbildung erhalten. Wobei schon angesichts der Dauer die Kampfausbildung gegenüber dem Klavierunterricht als die glimpflichere Übung erscheint. Der herkömmlichen Vorstellung von Virtuosität haben monate- und jahrelanges Auswendiglernen, akrobatische Fingerübungen und Tonleiternklettereien wie im Leichtathletiktraining voranzugehen; das alles, bloß um hinterher superschwierige Kompositionen absolvieren zu können, die jemand anderer sich ausgedacht hat.

In den siebziger Jahren traten mit dem Aufkommen halbautomatischer und programmierbarer Instrumente Pioniere wie die Herren von “Kraftwerk” gegen diese Auffassung an. Wozu auswendiglernen, was eine Maschine viel unangestrengter kann? Sequencing, Sampling & Co. haben sich inzwischen zu einem weit gefächerten Formenreichtum computergetragener Musik entwickelt. Natürlich gibt es dessen ungeachtet nach wie vor von Hand gespielte Klaviere und den dazugehörigen  Klavierunterricht. Mit eingebauten Rhythmusmaschinen, Tasten, die zu dem gewünschten Ton aufleuchten und digitalen Aufzeichnungsverfahren zur Spielkontrolle nutzen moderne Klaviaturen eine Vielzahl technischer Möglichkeiten, um das Klavierlernen versuchsweise zu erleichtern.

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NUN PRÄSENTIERT die amerikanische Firma Rubato Productions Inc. ein neues Verfahren, das sich auf atemberaubende Weise von den bisherigen pädagogischen Zusatzmaßnahmen unterscheidet: Concert Hands™, the future of piano learning. Während die herkömmlichen Methoden weiterhin lange Übung erfordern, verhilft einem das neue Produkt laut Rubato-Pressemeldung innerhalb weniger Tage dazu, “mit dem Spielen schöner Songs beginnen zu können.”

Das Geheimnis der zeitgemäßen Lernbeschleunigung liegt in sogenannter Augmented Musical Instrument Technology, die aus einer Software, einem Controller, zehn Aufsteckhülsen für die Finger und zwei Steuerungsmanschetten für die Handgelenke besteht, “giving you the most exciting piano playing experience possible” – und das ist wahrscheinlich nicht einmal untertrieben. Würde jemand auf die Idee kommen, das, was hier als die Zukunft des Klavierlernens propagiert wird, beispielsweise an Kriegsgefangenen auszuprobieren, er würde sich mit ziemlicher Sicherheit umgehend vor einem UN-Tribunal wiederfinden.

Die Software verwandelt Stücke, die man ihr von CD vorspielt, in ein proprietäres Datenformat, das die Töne in Signale verwandelt, die an die Fingerhülsen und die beiden Fesselklammern geschickt werden. Vor der Klaviertastaur ist der Wrist Pilot installiert – eine Schiene, auf der ein Schlitten per Elektromotor mit den Händen dorthin fährt, wo es die Musik verlangt. Anschließend üben die entsprechendenen Fingerhülsen etwas Druck auf die jeweils benötigten Finger aus. Die Idee dahinter ist, dass sich nach einer Weile die Kombination aus Drucksignalen und Bewegungswiederholung zu einer “muskulären Erinnerung” verfestigt, “die es dem Nutzer möglich macht, seine Lieblingssongs ganz von alleine zu spielen.”

Das mit dem Nutzer abfuhrwerkende Klavier ist hier in einem Promotion-Video zu sehen (man beachte auch die dem kürzlich dahingegangenen Michael Jackson verblüffend verwandte Tonlage der Sprecherin):

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Der Klaviertrainer, der aussieht wie ein aufwendiges Gerät zur Rehabilitation von Oberkörperverletzungen, erinnert fatal an Stanley Kubricks Verfilmung des SF-Romans “Uhrwerk Orange” von Anthony Burgess. Darin landet der zu Gewaltexzessen neigende jugendliche Beethoven-Liebhaber Alex im Gefängnis, wo er sich in der Hoffnung auf vorzeitige Entlassung als Versuchsobjekt für eine neuartige Aversionstherapie zur Verfügung stellt. Damit soll die schnellere Resozialisierung von Kriminellen erreicht werden. Nach vierzehn Tagen gilt Alex als geheilt. Die Auswirkungen der Therapie aber sind verheerend: Beim geringsten Gedanken an Gewalt oder Sex befallen ihn extreme Übelkeit und Schmerzen. Als unbeabsichtigter Nebeneffekt treten diese Symptome auch beim Hören von Beethovens 9. Sinfonie auf, die während der Therapie im Hintergrund lief.

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Der Wassersauger ist wieder da

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Ein Blog verschwindet spurlos und geräuschlos. Eine digitale Nahtod-Erfahrung.

Eines meiner Lieblingsblogs heißt “the New Shelton Wet/Dry” (siehe auch the blogroll rechts am Rand). Ich mag es sehr, weil es klug, erwachsen und seltsam ist. Es ist eine Melange aus außergewöhnlichen Links, frechen Illustrationen und kurzen Artikelauszügen, die einen oft in lange Originalbeiträge locken, von denen einem viele sonst nie in die Hände geraten wären.

“Sie zitieren sogar häufig Nietzsche!”, schreibt hingerissen ein amerikanischer Leser. Aber was wie das Pensum einer Gruppe anmutet, ist die Arbeit eines Einzelnen. Er nennt sich JC und lebt in Brooklyn. Im Oktober 2007 fing er mit täglichen Einträgen an, später kamen die Lieferungen wöchentlich, und das ist gut so. Im Netz funktioniert die Informationsverteilung zwar nach dem Naturprinzip der Verschwendung - zweihundert Flugsamen, damit zwei überleben -, aber wie viel verschwendet werden muss, läßt sich optimieren.

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Herauszufinden, was es mit diesem Blog auf sich hat, war nicht ganz einfach. Nach einigem Suchen stellte sich nicht nur heraus, dass der Shelton Wet/Dry ein Wassersauger ist, sondern dass der Ex-Popgroßkünstler Jeff Koons 1981 eine Serie mit Objekten angefertigt hatte, von denen eines “New Shelton Wet/Dry Doubledecker” heißt. Es steht im New Yorker Museum of Modern Art und besteht aus zwei übereinandergestapelten Plexiglasboxen, darin jeweils ein neuer Wassersauger. ?

Ein weiteres Objekt aus dieser Serie mit nur einem Wassersauger, dafür aber zwei Hoover-Staubsaugern wurde 2004 bei Christies für 2.6 Millionen Dollar versteigert. Offenbar versucht JC in seinem Blog etwas ähnliches wie Koons. Er packt News und Interessantes in virtuelle Plexiglasboxen und gibt den Dingern reizvolle Titel.

Dann, vor zwei Wochen, war das Lieblingsblog plötzlich weg.

Nicht mehr erreichbar. Ich hatte kein gutes Gefühl. Im digitalen Zeitalter verschwinden Dinge unspektakulär. Früher mußten, um etwa ein Telefonbuch kaputtzukriegen, Muskelmänner ran. Dann kam der Computer und die Vernichtung lästiger Romanmanuskripte und Diplomarbeiten war auf einmal ganz einfach. Vor einer Woche gab es wieder Nachricht von JC: “Der Server, auf dem das Blog zu Gast war, ist hinüber. Alles, was da drauf war, ist weg. Es gibt kein Backup, nur den Google Cache. Ich fange wieder ganz von vorn an.”

Bislang war the New Shelton Wet/Dry ein Blog mit viel gutem Stoff und wenig Kommentaren. Nun meldeten sich die vielen still Begeisterten: “Was für ein Glück, dass du wieder zurück bist” - “Das originellste Blog im Internet, oh, und mein Name ist Andrew.”

Dann kamen die Hinweise, wo Kopien des Blogs zu finden seien. Es gibt ein Backup der Inhalte von 2007 und 2008 in der Wayback Machine des gemeinnützigen “Internet Archive”. Und dann noch, anrührend, ein alessandro: “Ich hab deine eindeutigen Bilder gesammelt. Wenn du sie wiederhaben möchtest, schick mir einfach eine Mail.”

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Obsessionen

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IM NETZ geht es darum, Phantasien miteinander zu verknüpfen: Abertausende Chinesen suchen nun ihr Glück in einer schwedischen Stadt, die es nicht gibt.

Es ist eine Welt des Wissens und der Vernunft, die sich mit dem Internet öffnet – möchte man jedenfalls gerne meinen. Oder man möchte es zumindest hoffen. Getrübt wird diese Hoffnung derzeit durch Berichte von erheblichem Datenverkehr im chinesischen Netz, verursacht von enthusiastischen Männern auf der Suche nach der Stadt Chako Paul.

Im Land der Mitte geht das Gerücht um, Chako Paul sei eine Stadt in Schweden, in der nur Lesbierinnen wohnen. Das ganze hat sich inzwischen zu einer Art von kollektivem Wahn entwickelt. Chinesische Männer suchen nun im Netz wie verrückt nach Möglichkeiten, den ominösen Ort auszukundschaften.

Typische schwedische Waldblondine ?

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WIE DIE angesehene Zeitung “The Australian” berichtet, werden chinesische Internet-Provider zum Teil bis an ihre Kapazitätsgrenze überflutet von den Datenvolumina der Chako Paul-Suchenden. Die Stadt soll 1820 in den entlegenen Wäldern Nordschwedens von einer reichen Witwe gegründet worden sein und von zwei blonden Frauen bewacht werden, die Männer daran hindern, die Tore der festungsartigen Stadt zu durchschreiten.

Das klingt alles sehr merkwürdig (nicht zuletzt sind die meisten Schwedinnen brünett); aber für Männer, die der Vorstellung von 25.000 blonden Frauen erlegen sind, die sich irgendwo in den Wälden vergnügen, tut es das offensichtlich nicht. Claes Bertilsen vom schwedischen Regionalverband SALAR hält die Leute, die einem solchen Märchen aufsitzen, für Spinner, die den falschen Tabak geraucht haben. Der schwedischen Nachrichtenagentur “The Local” gegenüber merkte er an, dass eine Ansiedlung mit 25.000 Einwohnern eine der größten Städte in Nordschweden wäre und es schwer vorstellbar sei, dass sie 150 Jahre unentdeckt geblieben sei.

“The Local” wiederum zitiert den chinesischen Nachrichtendienst “Harbin News”, demzufolge die meisten der Einwohnerinnen von Chako Paul homosexuell würden, “weil sie ihre sexuellen Bedürfnisse nicht unterdrücken können”. Arbeit fänden sie vorwiegend in der Forstwirtschaft. Die Nachrichtenagentur “Xinhua” berichtet von breiten Lederkoppeln mit Holzwerkzeugen, die von den Frauen gern getragen würden. Mal sehen, wann der erste nordschwedische Tourismusmanager überlegt, seine Stadt in Chako Paul umzubenennen.

SELBSTVERSTÄNDLICH WERDEN nicht nur Chinesen von virtuellen Sirenengesängen im Netz angezogen.  Ein leitender Angestellter der amerikanischen National Science Foundation soll sich an 331 Tagen im Jahr an seinem Arbeitsplatz mit Sex-Chats die Zeit vertrieben haben. In einem Memo, das der New York Times zugespielt wurde, ist seine mehr als ungewöhnliche Rechtfertigung festgehalten: “Er erklärte, dass die jungen Frauen aus armen Länden stammten und Geld verdienen müßten, um ihre Eltern zu unterstützen, und dass solche Websites ihnen dabei helfen würden.” Die Ermittler schätzen die Kosten, die der Mann verursacht hat, auf zwischen 14.000 und 58.000 Dollar.

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Widerstand zwecklos

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ZU DER WUCHERNDEN Vielfalt an Google-Diensten gesellt sich nun auch eine Hilfstruppe für Nutzer, die Google verlassen möchten – wenn zu viele Nutzer raus wollen, passieren allerdings merkwürdige Dinge.

Seit September gibt es bei Google eine Data Liberation Front. Das in Chicago ansässige Team von Google-Ingenieuren hat sich in Anspielung auf den Monty Python-Film “Das Leben des Brian” nach der Splittergruppe “Volksfront von Judäa“ benannt (”Die einzigen, die wir noch mehr hassen als die Römer… sind die von der scheiß Judäischen Volksfront“). Die Datenbefreier vom Dienst sehen sich selbst “als ein bißchen subversiv, nicht so sehr innerhalb von Google, als vielmehr, weil es für ein großes Unternehmen ungewöhnlich ist, dass Mitarbeiter sich damit beschäftigen, es für Kunden einfacher zu machen, die Angebote des Unternehmens wieder zu verlassen.”

Es ist den namenlosen Mitgliedern der Data Liberation Front eine Herzensangelegenheit, einfache Import- und Export-Funktionen für die von den Nutzern bei Google hinterlegten Daten zu schreiben, um bei Bedarf einen Daten-Umzug zu einem Nichtgoogledienst zu erleichtern. Das mission statement der Datenbefreier: “Nutzer sollten die Kontrolle über alle Daten haben, die sie in einem Google-Angebot speichern. Mit unserem Team wollen wir es für sie einfacher machen, ihre Daten rein und raus zu bewegen.”

Damit stellt man bei Google erst einmal klar, dass auch der Gestus von Subversion und Widerstand der unendlichen Großherzigkeit des Suchmaschinengiganten nicht widerstehen kann und einkassiert wird.

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DER SCHEINBAR PARADOXE KURS erinnert an Zigarettenkonzerne, die Nichtraucher-Pädagogik bezahlen, um ihr schlechtes Image aufzubessern. Längst mehren sich die kritischen Stimmen, die Google als ein gewaltiges schwarzes Loch sehen, in dem Daten verschwinden. Die Firma gilt vielen inwischen als ein Behemot, dem Intransparenz, Zensur und Monopolbestrebungen angelastet werden. Auch Google-CEO Eric Schmidt hat sich Gedanken dazu gemacht und spricht sich nun dagegen aus, die Nutzer einzusperren: “Wie kann man groß sein, ohne böse zu sein? Wir sperren die Nutzer nicht ein. Wenn Sie Google nicht mögen, wenn Sie – aus welchen Gründen auch immer – finden, dass wir schlechte Arbeit machen, machen wir es Ihnen einfach, zur Konkurrenz zu gehen.”

Tatsächlich?

Einer der Dienste, mit denen Google nicht so recht glücklich wird, ist Orkut. Das soziale Netzwerk hat dem Siegeszugs von Facebook wenig entgegenzusetzen, aber in einigen wenigen Ländern wie Brasilien oder Indien spielt Orkut immer noch eine tragende Rolle bei der Freundschaftsvernetzung. Anfang Oktober berichtete MG Siegler in dem Blog Techcrunch, dass Facebook auch in Indien auf dem Vormarsch ist. Unter anderem wird damit geworben, dass man seine Orkut-Kontaktliste mit einem speziellen Tool ganz einfach importieren könne. Allerdings funktionierte der Daten-Export bei Orkut plötzlich ein paar Tage lang nicht mehr. Zufall?

Letztes Jahr hatte Facebook umgekehrt Google’s “Friend Connect” blockiert und dem Dienst, der Verbindungen zwischen Nutzern verschiedener sozialer Netze und anderer Websites ermöglichen soll, den Zugriff auf Profile von Facebook-Nutzern verwehrt. Kriegt es Facebook nun heimgezahlt? “Ich habe so das Gefühl, dass es von Google-Seite offiziell heißen wird, es handle sich um einen ‘Bug’”, schreibt Siegler. “Betrachtet man aber das Timing und die Tatsache, dass gleich zwei verschiedene Möglichkeiten plötzlich nicht mehr funktionieren, seine Kontaktdaten zu exportieren, bin ich nicht sicher, ob das richtige Wort nicht vielleicht ‘Heuchelei’ ist.”

“Update: As expected, Google is calling this a ‘bug’.”

Einer Notiz vom 2. Oktober im Blog der Data Liberation Front zufolge habe man bei Google, während gerade “zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen zu Orkut Friends Export hingefügt wurden”, unabsichtlich dafür gesorgt, dass das ganze Feature nicht mehr funktioniert. Reparaturarbeiten sind im Gang.

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An der Flüchtigkeitsfront

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Wir leben in merkwürdigen Zeiten: Zeitungen werden durch zu viel Liebe zerstört, die Kulturflatrate ist längst da und der Kommunismus könnte mit digitaler Hilfe doch noch siegen.

VOR 30 JAHREN war die Softwareindustrie als neuer Player auf den Plan getreten – heute sind es Google, Wikipedia, Facebook & Co.  Und mit der Virtualisierung der Kulturdinge verlieren auch die damit verbundenen Begriffe ihre Festigkeit. Für Vertreter der Piratenpartei beispielsweise ist geistiges Eigentum “das falsche Konzept”.

In seinem Essay “Zeitungen – Nachdenken über das Undenkbare” beschreibt Clay Shirky, wie bei dem Zeitungsverlag Knight-Ridder 1993 Nachforschungen angestellt wurden, als die populäre Kolumne des Humoristen und Pulitzer-Preisträgers Dave Berry unlizensiert verbreitet wurde. Im Netz fanden sich unter anderem eine eigene Dave Berry-Newsgroup und eine Mailingliste, die ein paar tausend Leute lasen. Und es fand sich ein Teenager aus dem mittleren Westen, der die Kolumnen von Hand im Internet verbreitete. Er liebte die Sachen von Berry so sehr, dass er dafür zu sorgen versuchte, dass möglichst jeder sie lesen konnte. Shirky erinnert sich an eine Bemerkung des damaligen Online-Chefs der New York Times, Gordy Thompson, zu diesem Phänomen: “Wenn ein 14-jähriger Junge dein Business in seiner Freizeit hochgehen lassen kann – und zwar nicht, weil er dich haßt, sondern weil er dich liebt –, dann hast du ein Problem.”

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AUS DEM DIGITALEN Schlachtengetümmel, mit dem das 21. Jahrhundert seinen Anfang nimmt, ragt das Urheberrecht auf wie Schloß Camelot und soll den Chancen und Fährnissen der digitalen Welt angepaßt werden. Ende 2003 wurde der “erste Korb” zur Reform des aus dem Jahr 1965 stammenden deutschen Urheberrechts verabschiedet. Er beinhaltet unter anderem das Verbot, den Kopierschutz digitaler Datenträger zu knacken – auch dann, wenn die Vervielfältigung eigentlich erlaubt wäre. Eines der umstrittensten Themen des im Juli 2007 verabschiedeten “zweite Korbs” war die Regelung zu Privatkopien, die erlaubt bleiben; ein vorhandener Kopierschutz darf dazu aber nicht umgangen werden. Ebenso ist es nun unzulässig, eine Privatkopie anzufertigen, wenn eine Datei “offensichtlich rechtswidrig” online gestellt wurde. Damit sollen Downloads aus Tauschbörsen verboten werden.

Wie solches Recht durchgesetzt werden soll, ohne eine ganze Generation von Tauschbörsennutzern zu kriminalisieren, kann der zweite Korb nicht beantworten. Auch die Frage, wie man sicherstellen kann, dass Künstler auch künftig für Ihre Kunst angemessen entlohnt werden, bleibt mit Hinweisen auf neue Geschäftsmodelle vorerst abstrakt – wiewohl es mit Apples iTunes Music Store bereits eine erfolgreiche Methode gibt, online Musik zu verkaufen (iTunes wurde zu einem Zeitpunkt gestartet, als Tauschbörsen bereits ein Massenphänomen waren).

Eine große Lösung wäre die Einführung einer Kultur-Flatrate in Form einer Pauschalabgabe auf Internet-Anschlüsse; im Gegenzug könnte die Verbreitung digitaler Kopien legalisiert werden. In einem Gutachten im Auftrag von Bündnis 90/Die Grünen kommt das Institut für Europäisches Medienrecht zu dem Schluß, dass “die gesetzliche Einführung der Kulturflatrate … nicht weniger [sei] als die logische Konsequenz der technologischen Revolution, die durch das Internet erfolgt ist.“ Die Industrie hat längst ihre eigene Art von Pauschalmodellen in Betrieb genommen. Provider in verschiedenen europäischen Ländern bieten ihren Kunden für 5 bis 10 Euro im Monat Zugriff auf mehrere Millionen DRM-gesicherte Musiktitel, die sich in Luft auflösen, wenn das Abo erlischt. “Es geht”, so der Mediensoziologe Volker Grassmuck, “gar nicht mehr um das Ob einer Flatrate, sondern nur noch um die Frage, wie und zu wessen Gunsten.”

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VON WERBEKRISE und Kostenloskultur im Netz attackierte Zeitungsverleger versuchen, für ihre Tätigkeit ein dem Urheberrecht verwandtes Leistungsschutzrecht zu erstreiten. Peter Mühlbauer weist darauf hin, dass das fatale Folgen haben kann. Wenn etwa Google für die gemeinfreien Bücher, die das Unternehmen massenhaft einscannt, Geld nehmen würde, könnte man ein solches Werk herunterladen und einfach anderswo kostenlos anbieten. Verhindern könnte Google das, wenn ein Leistungsschutzrecht auf die Scans geltend gemacht werden kann – womit genau das erreicht wäre, was verhindert werden sollte, nämlich ein Google-Monopol des Weltwissens.

Im Widerspruch zu einem marktwirtschaftlich frei fließenden Datenstrom stehen die Einkapselungen der Inhalte in die Datenkäfige des Digital Rights Management (DRM). “Eigentum ist Diebstahl” erhält auf diese Weise eine ganz neue Bedeutung, denn ginge es nach dem Willen von DRM-Falken, würde es ein Eigentum der Nutzer an digitalem Gut nicht mehr geben. Bücher, Musik, Filme oder Software, die diesen neuen  Beschränkungen unterliegen, kann man quasi nur noch ausleihen, wie ein Kolchosegerät. Bei einer solchen Neubewertung des Urheberrechts scheint es im Kern darum zu gehen, das Privateigentum abzuschaffen. Der Kommunismus ist an dem Versuch gescheitert. Soll der Idee nun mit den Mitteln des digitalen Kapitalismus doch noch zum Sieg verholfen werden?

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Nanozimmer

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DIE MINIATURISIERUNG schreitet voran: nun ist die persönliche Sphäre dran.

My Room II” von Yamaha sieht auf den ersten Blick aus wie ein Werkzeughüttchen für den Garten, ist allerdings für das Wohnzimmer gedacht: der holzverkleidete Würfel mit zwei Metern Seitenlänge kostet 700.000 Yen (etwa 5.300 Euro), verfügt über eine eigene Klimaanlage, ist fensterlos und hat aber immerhin einen schmalen Glasstreifen in der Tür. Laut Hersteller eignet sich das Mikrozimmer, das man in seinen eigentlichen Wohnraum stellen kann, ideal für Dinge, die man im großen Zimmer nicht tun würde, etwa Karaokesingen, studieren, laut fernsehen und so weiter.

Mich erinnert das ganze eher an einen Grabkammernsimulator, bestenfalls an eine Trainingseinrichtung für jemanden, der vorhat, sein Leben in den Legebatterien von Großraumbüros zu verbringen. Auch wenn in japanischen Ballungsräumen, vor allem im Großraum Tokio, Wohnraum extrem knapp beziehungsweise teuer ist, bin ich sicher, dass das Geld besser angelegt wäre, wenn man sich damit ein paar Verabredungen mit potentiellen Freunden gönnt.

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DAS EUROPÄISCHE PENDANT dieser Art von Innenarchitektur für Klaustrophobie-Aficionados ist das Inhouse-Zelt “Piilo” des Industriedesigners Markus Michalsky, das als “private, insgeheime Rückzugsmöglichkeit” gedacht ist. Der futuristische, faltbare Jalousie-Kokon soll “Gefühle der Zugehörigkeit und Sinnlichkeit” hervorrufen. In sowas reinzukriechen, wird aber eher an jene Gefühle anknüpfen, die einen als Kind anwandelten, nachdem man sich ein Zelt aus Decken gebaut hatte – nach kürzester Zeit wurde man darin von Langeweile und der drängenden Frage: Und was jetzt?, überfallen.

Die fortschreitende Individualisierung, von der der Nachkriegszeit an vor allem aus wirtschaftlichen Interessen betrieben, schuf immer kleinere gesellschaftliche Einheiten. Aus der Großfamilie schnürten sich Kleinfamilien ab, die ihr eigenes Haus und Auto und Zeug besitzen wollten. Danach der einzellebende Mensch, dem man neuerlich jeweils eine Haushaltsgrundausstattung undsoweiter verkaufen konnte. Danach wurde es schwierig. Dem linken Arm kann man nicht etwas anderes verkaufen wie dem rechten.

Es gibt Vereinzelungsbedürfnisse, die man mit einer gewissen Toleranz für andere Kulturformen als zwar sonderbare, aber pragmatische Lösungen ansehen kann, etwa die Ein-Personen-Sauna für prüde Amerikaner oder verschämte Briten, Glaskäfige für Raucher oder für notorisch nichtöffentliche Menschen, etwa Geheimdienstler, etwas wie den extrem abhörsicheren “WhisperRoom”. ?

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ANDERE VERKLEINERUNGSFORMEN stießen an biologische Grenzen. Mit der seit den siebziger Jahren rapide zunehmenden Miniaturisierung wurde ein übermütiger Konstrukteursgeist geweckt, der Armbanduhren mit eingebauten Superwinztastaturen hervorbrachte – die sich allerdings von keinem Finger mehr bedienen ließen, weil sie einfach zu klein waren. In einem jahrzehntelangen Hinundher wurden Gebrauchsgegenstände oder ihre Bedienelemente kleiner (downsizing) und wieder größer (rightsizing), während der menschliche Körper sich als Maß aller Dinge veränderungsresistent zeigte (außer durch veränderte Konfektionsgrößen infolge kollektiver Überernährung).

Hart an der Grenze zum Zynismus sind Kunstprojekte wie das von Michael Rakowitz mit dem Namen ParaSITE, im Zuge dessen er aufblasbare Großstadt-Biwaks für Obdachlose entwickelt. Die PARAsite-Zelte nutzen die Abwärme von Gebäuden, um sich aufzublasen und die Wärme zu speichern.

Die Verkleinerungstendenz beim persönlichen Lebensraum stößt schnell auf konservative Barrieren. Freiwillig einpferchen läßt sich der wie alle Lebewesen äußerst auf sein Revier bedachte Mensch nur zeitweise (Dusche, Toilette), bei spezieller Veranlagung auch etwas länger (U-Boot-Matrose, Kampfjägerpilot, Astronaut) oder wenn ihm besonderes Vergnügen verheißen wird (Samadhi-Tank).

Den schaurigen Kern von My Room II und des Piilo-Kokons legte der australische Künstler Adam Norton frei. Seine ”Generic Escape Capsule” ist ein modifizierter Kleiderschrank, in dem ein Mensch nur auf eine Weise existieren kann, die, wenn sie einem Kriegsgefangenen zugemutet würde, die UN-Menschenrechtskommission auf den Plan rufen würde. |

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Beatles oder doch nicht?

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Digitale Neufassungen guter, alter Musik – Raubt uns jemand mit der Zeitmaschine etwas aus der Vergangenheit?

Wilfried hat Fernbedienungen. Noch nie so viele Fernbedienungen gesehen wie bei ihm. Er hat einen eigenen Servierwagen für die ganzen Fernbedienungen. Es ist ein bißchen wie vor sicherheitsrelevanten Gerichtsverhandlungen, bei denen alle Beobachter ihre Mobiltelefone abgeben müssen und dann draußen vor dem Verhandlungssaal eine Plastikschüssel voller Handys steht und ab und zu surrt oder klingelt eines, wie in einer Kiste frisch gefangener Fische, in der es ab und zu noch zappelt.

Wilfried hat natürlich auch die zu den ganzen Fernbedienungen gehörenden Geräte. Dabei handelte es sich größtenteils um raffiniertes Musikequipment – ein Hinweis darauf, dass der Mann audiophil ist. Er ist aber kein klassischer Audiophiler, der seine Röhrenverstärker, damit sie gleichförmige Betriebstemperatur annehmen, erst einmal ein paar Tage eingeschaltet läßt, ehe er Musik hört. Wilfried ist digital audiophil.

Es ist schon länger her, als er mal ein paar Fernbedienungen aus dem Ferbedienungsberg auf dem Servierwagen gewühlt und ein paar der Musikgeräte aus ihrem schwarzen und silbergrauen Schlaf hatte erwachen lassen. Dazu machte er ein Gesicht, als habe er die Mona Lisa geklaut und würde sie mir nun zeigen. Er hatte zusammen mit Freunden, die er im Netz gefunden hatte, Beatles-Stücke quasi-remastert. Ein Fan-Projekt. Natürlich hatten sie keine Masterbänder, aber sie hatten die Aufnahmen von Schallplatte und CD durch ihre digitalen Klangwaschanlagen geschleust, sie geklärt, staubgestaugt, entknackt, entrauscht und neu ausgesteuert. Das Ergebnis war gleichermaßen beeindruckend wie schockierend.

Die Aufnahmen hörten sich tatsächlich an wie neu, aber nicht nur, als wären sie erst gestern gemacht worden, sondern auch, als als hätten sie keinesfalls früher aufgenommen worden sein. Der Modernität des Sounds war anzuhören, dass es ein Sound des 21. Jahrhunderts war. Es waren die Beatles und doch nicht, und dieser Höreindruck erzeugte in mir ein Gefühl der Zerrissenheit. Es war, als hätte jemand mit einer Zeitmaschine etwas aus meiner Vergangenheit geraubt – die kleinen Beigeräusche beim Hören einer Beatles-LP, das Knistern und Agieren der Tonabnehmer-Nadel, die sich in die Erinnerung an eine bestimmte Zeit eingewoben haben…

Jetzt gibt es “The Beatles Remastered”, die offizielle Aufnahme der Beatles in die digitale Welt, und meine Zerrissenheit löst sich in zwei klar getrennte Gefühle. Eines gehört den alten, authentischen Aufnahmen und der summa sumarum zu ihnen gehörigen Aufnahme- und Abspieltechnik.

Das andere Gefühl aber gehört der frischen Mischung, die einem, wie das ja oft durch die digitale Technologie der Fall ist, ungeahnte Möglichkeiten eröffnet. Wer hätte das gedacht: Es gibt noch Neues zu entdecken, wenn man Beatles-Stücke hört.

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Wachsamkyte

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“Wenn irgendetwas die magischen Kräfte der Wissenschaftspriester und ihrer technischen Gehilfen beweisen oder der Menschheit die unübertroffene Eignung des göttlichen Computers für absolute Herrschaft vor Augen führen kann, dann genügt wohl diese Erfindung. Hiermit wird der letzte Sinn des Lebens vom Standpunkt der Megamaschine schließlich klar: Er besteht darin, eine endlose Reihe von Daten zu liefern und zu verarbeiten, um die Rolle des Machtsystems zu erweitern und seine Herrschaft zu sichern. Wenn irgendwo, dann liegt hier die Quelle der unsichtbaren höchsten Macht, die imstande ist, die moderne Welt zu regieren. Hier ist das Mysterium tremendum, allmächtig und allwissend, neben dem alle anderen Formen von Magie plumper Schwindel sind und alle anderen Arten von Kontrolle der charismatischen Autorität entbehren.”

Lewis Mumford,
“Mythos der Maschine: Kultur, Technik und Macht” (1974)

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In seinem Roman “Eine Tiefe am Himmel” erzählt der Science Fiction-Autor Vernor Vinge von einer Zivilisation, deren Untergang von der Einführung allumfassender Überwachung begleitet wird. Was sich derzeit rund um den Globus abzeichnet, wäre demnach kein gutes Zeichen.

Ende 2007 wurde in Chicago mit der Installation des modernsten Video-Überwachungssystems in den Vereinigten Staaten begonnen. Dinge, die in Großstädten bisher unbemerkt jeden Tag passieren konnten – dass etwa jemand mit dem Auto öfter als einmal um ein Hochhaus herumfährt oder in einem Park eine Tasche stehen läßt – erkennt das System automatisch und meldet es der Polizei. In London sind für die weit über 10.000 in Betrieb befindlichen Überwachungskameras bereits mehr als 300 Millionen Euro aufgewendet worden, die Aufklärungsrate bei Verbrechen nimmt aber nicht zu, sondern ab. In seinem Garten in Calgary hat der kanadische Künstler David Bynoe einen sechs Meter hohen Überwachungsturm mit einem Spiegelperiskop errichtet, von dem aus er die angrenzenden Grundstücke im Auge behalten kann. “Die Nachbarn”, so Bynoe auf seiner Website, “finden’s lustig.”

Eines der neuesten Kontrollsysteme wird Passanten auch an die Wäsche gehen. Der japanische Elektronikkonzern NEC hat einen Automaten auf den Markt gebracht, der an vorbeigehenden Menschen Alter, Geschlecht – und in absehbarer Zeit die Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Schichten – bestimmen kann. Der mit Kamera und Software zur Bildauswertung ausgestattete “FieldAnalyst” erfaßt Gesichter und vergleicht sie mit seiner Datenbank. Nach ein paar Sekunden gibt er das ungefähre Alter des Beobachteten an, und ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt. Als nächstes wird “FieldAnalyst” charakteristische Kleidungsstücke erkennen lernen, etwa ob jemand ein T-Shirt oder einen Anzug trägt. Je konventioneller die Menschen gekleidet sind, desto leichter sind sie computergestützt zu überwachen.

Der “FieldAnalyst” ist - noch - kein Instrument von Sicherheitsbehören. Seine Daten sollen Einkaufszentren helfen, ihre Kunden besser “kennenzulernen”. Warum wird dieses eine Geschäft gut besucht und das daneben nicht? Zu welcher Zeit sind die meisten Frauen zwischen 40 und 50 in einer Einkaufspassage? Und führt die aktuelle Werbeaussendung dazu, dass die demografisch gewünschte Kundengruppe kommt? Das System ist in Japan bereits in den ersten Malls instaliert. Es arbeitet nicht sehr genau, aber schnell. Ein 47-jähriger wird innerhalb weniger Sekunden als 50-jähriger erkannt. Da die meisten Mustergesichter in der Datenbank Japaner sind, funktioniert es mit Japanern am besten, aber die Softwarespezialisten arbeiten daran, die Trefferquote zu verbessern. Angeblich zeichnet das zwei Millionen Yen (knapp 13.500 Euro) teure System weder die Aufnahmen auf “noch speichert es andere Daten”.

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Konspiratives Lernen

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Warum Verschwörungstheorien einen Bildungsauftrag zu erfüllen haben:

Die vor kurzem veröffentlichte Studie des französischen Marktforschungsinstituts TNS Sofres zu dem seit acht Jahren laufenden Großversuch “Ein Schüler, ein Laptop” hat einigermaßen niederschmetternde Ergebnisse erbracht. Das Departement Landes hatte 2001 für die Ausstattung der Schüler mit Laptops und Lernsoftware 45 Millionen Euro aufgewendet. Nun zeigte sich, dass die Schüler ihren Schulcomputer zu 80 bis 90 Prozent für Spielereien nutzen, statt damit zu lernen.

“Die Ergebnisse”, so Pierre-Louis Ghavam, der im Departement für neue Technologien zuständig ist, “sind vor allem darauf zurückzuführen, dass sich kein Lehrer um die Ausbildung zur Informationsbeschaffung und die Analyse der Quellen verantwortlich fühlt”.

Satelliten machen Fotos von dir
(Foto: Solidstate, Flickr/CC-Lizenz) ?

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Dass auch in Deutschland für Grundbildung im Umgang mit der digitalen Welt mehr getan werden muss, wurde bereits im Jahr 2000 durch die internationalen Studien TIMSS und PISA deutlich. Die Studie PISA 2006 zeigte, dass neue Medien in der Schule vergleichsweise wenig genutzt werden. Auch in der Freizeit beschränkt sich bei überdurchschnittlich vielen 15-Jährigen die Nutzung von Computer und Internet auf E-Mail, Spiele und Musikkonsum. “Es besteht also weiterhin bildungspolitischer Handlungsbedarf”, heißt es trocken bei dem vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie geförderten Verein “Schulen ans Netz e.V.”.

Lehrer und große Teile des Bildungssystems sind offenbar damit überfordert, den nachwachsenden Nutzergenerationen ein brauchbares Grundverständnis für den Umgang mit Informationen, mit Wissen, mit Nachrichten zu vermitteln. Ihr Bedürfnis zu entwickeln, herausfinden zu können, ob eine Information richtig ist oder Quatsch, Unterhaltung, Wow-Effekt. Zum Glück kann man das zum Teil auch ohne Lehrer, sozusagen auf der Straße lernen. Eine der wirkungsvollsten Methoden dabei ist das Verschwörungstheoretisieren.

Die gängigen Verschwörungstheorien sind unterhaltsam, fühlen sich subversiv an und verhelfen einem zu Grundübungen im Mißtrauischsein. Man muß nicht gleich paranoid werden, um mit Hilfe von Verschwörungstheorien einige journalistische Tugenden nahegebracht zu bekommen, zum Beispiel, dass man nicht alles glauben soll, was einem jemand erzählt. Dass eine gewisse Skepsis eine gute Sache ist. Oder dass sich auch Verschwörungstheorien lästige Fragen und Fakten gefallen lassen müssen.

In einer Zeit, in der das sogenannte Wissen der Welt auch gern dazu benutzt wird, seine Freunde mit unglaublichen Geschichten zu verblüffen, ist die lakonische Grundhaltung, die sich aus gepflegtem Verschwörungstheoretisieren ergibt, von pädagogischer Wichtigkeit. Jemand, der in (etwas gelockerter) journalistischer Tradition eine gewisse Standard-Skepsis mit sich führt, wird den Gefahren von Demagogie, esoterischem Geraune oder einfach den unbewerteten Informationsschwällen, die aus dem Google-Suchschlitz über das Bildschirmweiß triefen besser gerüstet entgegentreten können als der unverschworene User.

Natürlich gibt es auch bei dieser Form des Informationszugangs mögliche Fehlentwicklungen, seien es jüdische Weltverschwörungen oder das schlichte Bedürfnis, mit vermeintlichem Sonderwissen zu protzen. Der ordentlich mißtrauensgebildete, am Konspirativen selbstgeschulte Mensch wird auch hier zu unterscheiden wissen zwischen nützlicher Verschwörung, Konspirationsvergnügen und den verschiedenen Formen von Hirnlosigkeit.

Eine eigene Antwort auf lästige Zweifler fand der ehemalige Astronaut Buzz Aldrin, der zweite Mann auf dem Mond. Als ihn wieder einmal ein Hardcore-Verschwörungstheoretiker bedrängte und aufforderte, auf die Bibel zu schwören, dass er tatsächlich auf dem Mond gewesen sei, schlug Aldrin ihn mit einen Kinnhaken nieder.

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(Erstveröffentlicht im Blog der Technology Review). |

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Dreimal Kafka

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Altes Kulturschaffen, das mit dem Internet in Berührung kommt, zieht manchmal bemerkenswerte Phänomene nach sich.

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KAFKAESK nennen wir etwas, das auf besonders tiefgehende Art rätselhaft erscheint. Dem Begriff zugrunde liegen die Werke von Franz Kafka, die berühmt sind für ihre klare Sprache und aber immer von etwas Ungreifbarem handeln.

Ich stehe vor zusätzlichen Rätseln, die mit den Wegen zu tun haben, welche Franz Kafka ins Internet angetreten hat. Begonnen hat es mit einer Geschichte des israelischen Satirikers Ephraim Kishon, die ich in den siebziger Jahren gelesen habe. Sie heißt “Schaschlik, sum-sum, wus-wus” und es geht darin um die Benennungshoheit von Speisen in einem arabischen Restaurant in Tel Aviv. Der Held der Geschichte verdächtigt den Wirt, die Namen der Zutaten zu erfinden, um ihn einzuschüchtern, und erfindet seinerseits Gerichte, die er selbstsicher bestellt - und auch bekommt (”Was? Das soll ein echtes wus-wus sein?”). Eine der georderten Mahlzeiten, “Mao-Mao mit Kafka”, weigert er sich anzurühren, “solange kein Kafka auf dem Tisch steht”. Zu “Kafka” gibt es hier, für Unterhaltungsliteratur unüblich,  sogar eine Fußnote: über die literarischen Qualitäten Kafkas bestünden keinerlei Zweifel, seine kulinarischen Werte seien jedoch noch nicht geklärt. Diesen überraschenden Absprung habe ich Jahre später als eine erste Vorahnung auf das wiedererkannt, was uns nun im Internet als Verlinkung begegnet.

Mitte der neunziger Jahre stieß ich wieder auf Kafka, diesmal explizit netzrätselhaft. Eine Privatbrauerei und die Literarische Gesellschaft Karlsruhe präsentierten eine “virtuelle Bibliothek”, die unter anderem aus einer Online-Fassung von Kafkas “Brief an den Vater” bestand. Die interaktiven Bedienelemente dazu waren im Bierdeckeldesign ausgeführt, einen Mausklick weiter konnte man “Bier-Geräusche” wie Rülpsen oder Eingießen abrufen. Der Begriff “gemeinfreier Text” erhielt für mich eine neue Bedeutungsfacette. (Gemeinfrei sind Texte, die nicht mehr dem Urheberrecht unterliegen und der Allgemeinheit gehören).

Mit dem in letzter Zeit vielzitierten “Heidelberger Appell” berührte Kafka mich neuerlich durch die Weiten der digitalen Welt hindurch: Der Initiator des Aufrufs, der Literaturwissenschaftler Roland Reuß, wendet sich vehement gegen eine Enteignung von Autoren durch die Buchsuche von Google (und gegen den freien Zugang zu wissenschaftlicher Literatur). Zugleich ist Reuß Herausgeber der historisch-kritischen Kafka-Ausgabe - ausgerechnet Franz Kafka, dessen Werke größtenteils erst nach seinem Tod und gegen seinen erklärten Willen von seinem Freund  Max Brod (einem Juristen), veröffentlicht worden sind. “Faßt Du Dein Urteil über mich zusammen”, heißt es an einer Stelle in dem ‘Brief an den Vater’, “so ergibt sich, dass Du mir zwar etwas geradezu Unanständiges oder Böses nicht vorwirfst, aber Kälte, Fremdheit, Undankbarkeit.”

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47% Hilfe

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1965 SCHRIEB JOSEPH WEIZENBAUM am MIT sein berühmtes Programm ELIZA, mit dem er die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine in natürlicher Sprache untersuchen wollte. “Für mein erstes Experiment”, schreibt Weizenbaum, “gab ich ELIZA ein Skript ein, das ihr ermöglichte, die Rolle eines an Rogers orientierten Psychotherapeuten zu spielen (oder besser: zu parodieren), der mit einem Patienten das erste Gespräch führt. Ein solcher Therapeut ist verhältnismäßig leicht zu imitieren, da ein Großteil seiner Technik darin besteht, den Patienten dadurch zum Sprechen zu bringen, dass diesem seine eigenen Äußerungen wie bei einem Echo zurückgegeben werden.”

Seinen Namen hat das Programm nach der weiblichen Hauptperson aus George Bernard Shaws Theaterstück “Pygmalion” von 1913. Darin lässt sich das prollige Blumenmädchen Eliza Doolittle von dem arroganten Phonetik-Professor Henry Higgins in eine Society-Lady verwandeln – er bringt ihr bei, wie man in der Upperclass spricht und sich benimmt. Inspiriert dazu hat Shaw die griechische Sage von dem Bildhauer Pygmalion, der sich in eine seiner eigenen Frauenplastiken verliebt und die Götter bittet, sie zum Leben zu erwecken. Unter dem Titel “My Fair Lady” ging die Geschichte nach dem II. Weltkrieg als Musical- und Filmerfolg um die Welt.

Weizenbaums ELIZA wurde im MIT-Umfeld erst unter dem Namen DOCTOR berühmt. Es waren drei Dinge, die Weizenbaum besonders nachdenklich machten. Er war bestürzt darüber, wie schnell und intensiv Personen, die sich mit dem Programm unterhielten, eine emotionale Beziehung zum Computer herstellten; darüber, dass die Ansicht verbreitet war, es handle sich um die allgemeine Lösung des Problems, wieweit Computer eine natürliche Sprache verstehen können; und darüber, dass eine Anzahl praktizierender Psychiater im Ernst glaubte, DOCTOR könne zu einer fast völlig automatischen Form der Psychotherapie ausgebaut werden.

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GENAU DAS versuchen nun zwei in Holland lebende Psychologen, Jaap Hollander und Jeffrey Robert Wijnberg, mit dem Roboter-Psychologen MindMentor, der antritt, “dir beim Erreichen von Zielen und der Lösung von Problemen zu helfen”. Er ist stets verfügbar. “Seine Praxis ist 24 Stunden geöffnet, an sieben Tagen in der Woche. Er ist diskret und absolut vertraulich. Er ist effektiv. Im Durchschnitt hilft er zu 47% beim Finden von Lösungen. Er ist schnell. Eine Sitzung dauert etwa eine Stunde. Er ist erschwinglich. Eine Sitzung kostet 4,95 Euro. Eine günstige Investition in das eigene Wohlbefinden.” Bei Abnahme eines aus 10 Sitzungen bestehenden Packages gibt es 10 Euro Rabatt.

Die Zahlungsabwicklung wird, “after some starting psychological work”, mit viel Liebe zum Detail erläutert. Dem Hinweis, dass MindMentor “auf jede Art von Problem oder Ziel anwendbar ist”, folgt eine Liste der Probleme, an denen die Software sich am liebsten abarbeitet (”stress, family problems, relationship problems, motivation, life mission questions, sleepless nights, worrying, conflicts with friends or colleagues, et cetera”).

Auf die Frage, warum der MindMentor nicht kostenlos arbeitet, heißt es: “Who does?” Auch wenn er ein Roboter ist, braucht MindMentor Geld. “Seine Software muss ständig gepflegt werden, um nur einen Punkt zu nennen. Angesichts dessen, was er leistet, ist MindMentor durchaus erschwinglich. Hier in Holland bezahlen wir für eine Autowäsche mehr.”

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WIE KANN EIN COMPUTERPROGRAMM psychologische Hilfe leisten? Unter den fünf Methoden, die Hollander und Wijnberg aufzählen, ist unter Punkt 4 wie beiläufig die von Carl Rogers entwickelte klientenzentrierte Therapie angeführt. Weizenbaum und ELIZA werden mit keinem Wort erwähnt – vielleicht einfach deshalb, weil es sich bei MindMentor schlicht um eine gepimpte Version des 44 Jahre alten Programms handelt.

Während die Arbeit von Carl Rogers bei Joseph Weizenbaum noch in jemandes Händen war, der auch Konsequenzen aus den moralischen Folgen seines Experiments zog und zu einem bedeutenden Kritiker technischer Fehlentwicklungen wurde, langt es bei Hollander und Wijnberg nicht einmal zu einer Parodie auf die Parodie – der Psychologe Rogers war jemand, der besonderen Wert auf Begegnung im menschlichen Sinn legte, unter Einschluss von Gefühlen, der nonverbalen Äußerungen und eines prinzipiellen gegenseitigen Wohlwollens. Sein Konzept von Begegnung (”Encounter”) und einer Haltung verstehenden Zuhörens entspricht ziemlich genau dem Gegenteil dessen, was das holländische Beratungsgerät zu bieten vorgibt.

Neben Rorschach-Test und Pawlow-Konditionierung gehören noch NLP (Neuro-Linguistisches Programmieren) und die Provokationstherapie zur methodischen Software-Motorisierung des MindMentor. NLP wurde in den 70er Jahren als ein neues Verfahren der Kurzzeit-Psychotherapie entwickelt und passt eigentlich zu an Geschwindigkeit interessierten Computernutzern. Auf der Website der deutschen NLP-Community ist ein Bild von Einstein zu sehen, der etwas an drei Fingern abzählt, dazu der Text “Einstein is explaining the basics of NLP, especially the fundamental presupposition of always having three choices” – was nicht dazu beiträgt, NLP den Ruf der Pseudowissenschaft zu nehmen. Einstein ist 1955 gestorben, lange bevor NLP erfunden wurde.

Die Provokationstherapie schließlich, zu deren Pionieren in Holland sich Jeffrey Wijnberg zählt, wurde von der amerikanischen Psychologin Marsha Linehan für den Umgang mit hochgradig suizidgefährdeten Menschen entwickelt. Droht ein Patient mit Selbstmord, fragt der Therapeut beispielsweise ganz direkt, wann und wie er sich umbringen möchte und erreicht damit, dass der Patient sich auf schockierende Weise ernst genommen fühlt; gleichzeitig wird ihm klargemacht, dass er wählen muss, ob er in seinem Leid verharren oder sich ändern will. In einer solchen Situation entscheiden sich Menschen in der Regel dafür, sich helfen zu lassen (und müssen versprechen, sich für die Dauer der Therapie nichts anzutun). Der Versuch, eine solche Methode zu algorithmisieren, ist verantwortungslos.

Auch eine weichgekochte Form, die provokative Therapie, ist für verunsicherte oder psychisch strapazierte Menschen völlig ungeeignet, sofern sie ihnen in Maschinenform entgegentritt – sie versucht “mit humorvoller Provokation den Widerspruchsgeist, die Selbstverantwortung und die Eigenständigkeit des Klienten” zu wecken. Es gibt doch kaum eine schönere Vorstellung, als von einer Maschine verarscht zu werden, wenn es einem nicht gut geht.

MindMentor – was für ein Zynismus: Menschen, die Hilfe brauchen (und zwar Hilfe von anderen Menschen) vor eine Maschine zu locken, um Ihnen für 4,95 die Stunde eine Illusion von Hilfe zu geben. Von 47% Hilfe.

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(Erstveröffentlicht im ? Blog der Technology Review). |

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Kulturelle Atomkraft

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MIT DER DIGITALISIERUNG gehen immer mehr Dinge, die zuvor an bestimmte unaustauschbare Materialien gebunden waren, in einen neuen Aggregatzustand über. Kulturdinge im weitesten Sinn - aus Zeichenbrettern, Tonstudios, Fernsehern, Büchern, you name it - werden Daten. Diese digitale Substanz hat eine grundlegend neue Leichtigkeit. Die digitalen Dinge lassen sich ungleich leichter bewegen als zuvor, weltweit senden, empfangen, verändern, kopieren, mit anderen teilen, remixen.

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Nicht zuletzt das Remix-Phänomen weist auf den instabilen Zustand hin, in dem sich die ganze Entwicklung derzeit befindet. Remixt werden Fragmente. Filmstücke, Soundschnipsel, Splitter anderer Kulturobjekte, die zu neuen Formen zusammengesetzt werden. Musik, Texte, Bilder, Filme, aber auch modulare Software oder enzyklopädisches Wissen befinden sich in der digitalen Welt in einem Zustand latenter Zerlegung. Die althergebrachten kulturellen Molekülverbindungen - die komplexen Formen, die sie über Jahrhunderte angenommen haben - werden nun aufgeknackt, oder sie zerfallen von ganz alleine wieder in ihre Grundbestandteile. Der Übergang in das digitale Aggregat führt erst einmal zu einer Art Ursuppe aus Bruchstücken und atomisiertem Kulturgut, das allerdings hoch reaktionsbereit ist. Es ähnelt den freien Radikalen in der Chemie, die sich auf aggressive Weise zu verbinden suchen.

Zu den prominenten zerfallenden Kulturmolekülen gehören: das (Schallplatten- oder CD-) Album, das bisher eine Handvoll Stücke von Musikern zusammenfasste, eine Schaffensperiode; die Welt-Ordnung in einer Zeitung, in “Bücher” und Rubriken strukturierte Texte und Bilder; oder die Dramaturgie eines Films, die sich gewöhnlich über eine oder anderthalb Stunden erstreckt - Filme werden jetzt tranchiert in zwei, drei Minuten lange Clips, die sich danach auf YouTube versuchsweise zu neuen Molekülen konfigurieren. Zu vagen Wolken aus Lieblingsstellen, Pointen, Fan-Parodien und Remixes.

Das Album ist atomisiert zu einzelnen Tracks. Niemand muss nun mehr mit einem ganzen Album Stücke mitkaufen, die ihm nicht gefallen (und niemand wird mehr eines der langsam aufblühenden Stücke für sich entdecken, die sich einem erst nach dem zehnten oder dreißigsten Mal des Hörens öffnen). Auch hier sind neue Molekülbildungen aus den atomisierten Teilen noch kaum erkennbar, am ehesten in den Empfehlungsstrukturen von Online-Radios oder Audio-Shops, die aber alle noch plump sind und einen davon abhalten, etwas Neues zu entdecken. Die Musikindustrie, der das Rosinenpicken ganz und gar nicht gefällt, versucht etwas einfallslos, die Bindungskräfte des guten, alten Album-Moleküls wiedererstarken zu lassen: Apple will den Verkauf ganzer Alben bei iTunes mit einem speziellen Album-Downloadformat namens “Cocktail” ankurbeln, und die Major-Labels bringen einen eigenen digitalen Album-Container namens CMX an den Start, der ab November zum Einsatz kommen soll.

Auch die klassische Struktur der Zeitung korrodiert im Netz - und die neuen Strukturen sind noch nicht so recht gefunden. Ähnlich wie in dem tatsächlich vom Untergang bedrohten Quelle-Katalog ruht in einer gedruckten Zeitung die Welt auf dem soliden Fundament einer feststehenden Ordnung - Titelseite, Meldungen über und unter dem Knick, Aktuelles, Politik, Wirtschaft, Feuilleton, Sport, Vermischtes (im Quelle-Katalog beginnt die Welt bei der Damenoberbekleidung und führt über Kinder- und Herrenklamotten ins Reich der Dinge, um am Ende mit den Elektrogeräten die Welt rund zu machen). Und wie die Musikindustrie das Album zu retten versucht, versuchen auch die Zeitungen - und natürlich auch digitale TV-Nachrichtenangebote usw. -, im Netz die alte Weltordnung fortzuschreiben.

Aber mehr und mehr werden auch die einzelnen Texte, Meldungen, Stories zu Tracks. Denn sie werden nicht mehr nur an der Quelle gelesen, sondern zunehmend weitergereicht, verteilt, via Facebook empfohlen, gediggt, reblogged und weiter atomisiert zu Zitaten und Ausschnitten. Dieses Gewimmel beginnt seine neuen Molekülformen gerade erst zu ertasten. Hilfe dabei leisten die sogenannten Aggregatoren - sei es Google News oder ein höchstpersönlich mit Site-Favoriten, Lieblingsblogs und Tweetstreams bestückter Feedreader, der sich schon ein wenig anfühlt wie die Zeitung von morgen: ein ganz nach den eigenen Interessen und Qualitätsvorstellungen zusammengestellter, flexibler Filter für Nachrichten, Information, Wissen, Unterhaltung.

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WO DIE CHEMIE-METAPHORIK allerdings versagt, ist bei der Geschwindigkeit, mit der dieser Phasenübergang stattfindet. Wenn ein chemisches Molekül auseinander bricht, dauert das Lösen oder Knüpfen der Bindungen zwischen den Atomen weniger als eine billionstel Sekunde oder Pikosekunde. Hier heraußen bei uns in der Makrowirklichkeit sehen wir seit vielen Monaten, wie sich althergebrachte Strukturen - zu deren Existenzgrundlage oft nicht zuletzt auch ihre Gewichtigkeit und Schwerfälligkeit gehören - in der digitalen Leichtigkeit aufzulösen beginnen wie Zucker in warmem Wasser. Und neue Ordnungen sind erst sehr grob zu erkennen, wenn überhaupt - etwa die Google-Trefferlisten als rudimentäre Versuche, der ins Datenchaos zerfallenden alten Ordnung zumindest ein paar Momente lang neue Form zu geben.

Wir befinden uns mitten in der größten und komplexesten chemischen Reaktion der Kulturgeschichte. Und auch wenn die Ergebnisse der Synthese erst in Schemen auszumachen sind, eines steht fest: Es gibt, genau wie im nuklearen Bereich, auch kulturelle Kernkräfte, die in jedem der scheinbar losen Fragmente wirksam sind, welche uns gerade um die Ohren fliegen. Nichts wollen diese Teile mehr, als wieder Moleküle werden oder zu Molekülen gemacht werden. Kultur möchte sich verbinden, heute mehr denn je. An dem, was Texte erzählen und Fotos oder Filme zeigen, wird sich erst einmal nicht viel ändern.

Aber die Art, wie sie zusammengestellt werden, verändert sich gerade fundamental, begleitet von Zerfallserscheinungen, Ungewissheiten und großen Chancen. Leute, schmiedet neue Moleküle! Lasst die digitalen Bunsenbrenner glühen.

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Mit oder ohne

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Im Anbeginn der PC-Ära traten zwei Stämme gegeneinander an – die Freunde und die Feinde von Gehäusen.

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MEIN ERSTES MODEM hat mir ein Freund aus dem Chaos Computer Club gebaut, das war Mitte der achtziger Jahre. Das Gerät war der Nachfolger des legendären Datenklos. Das Datenklo war die erste Bauanleitung für einen Selbstbau-Akustikkoppler gewesen. Bei dieser Apparatur mußte man im Unterschied zu einem Modem die Verbindung zwischen dem Computer und dem Telefon noch gewissermaßen handvermittelt herstellen, indem man den Telefonhörer in zwei passende Gummimuffen koppelte respektive stopfte. Die aparte Bezeichnung Datenklo kommt daher, dass diese Muffen in der Selbstbauanleitung aus zwei Dichtungsringen für Waschbeckenabflüsse aus dem Sanitärfachhandel den Kloschüssel-Wasserzulauf bestanden.

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Das CCC-Datenklo (Foto: Johann H. Addicks/Wikimedia) ?

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Das Modem bedeutete fantastischen Fortschritt. Es stellte die Verbindung zum Telefonnetz ganz von selbst her. Darüber hinaus beherrschte es das Wunder der Wahlwiederholung. Um Datenfernübertragung zu betreiben, wie das Onlinesein damals noch etwas spröde genannt wurde, hatte man gemeinhin die gewünschte Gegenstelle anzurufen, und zwar vermittels fleissigen Drehens der Wählscheibe am Telefon. Das Modem erledigte das nun automatisch.

Leider - aus meiner Sicht jedenfalls leider - hatte mein neues Modem kein Gehäuse. Es bestand aus einer kleinen grünen Leiterplatte, auf der sich ein ungaubliches Gewöll von handgelöteten Kabelverbindungen türmte. Ganz vorne ragten zwei Riesen-Leuchtdioden hoch wie die Fühler einer außerirdischen Garnele. Vic, der das Modem für mich gebaut hatte, liebte solche Jumbo-LEDs. Seinen Hackernamen Vic hatte er von einem der ersten Homecomputer übernommen, dem Commodore VC-20 (der eigentlich VIC-20 hieß, aber um die zweideutige Aussprache zu vermeiden, in deutschsprachigen Raum in VC-20 umbenannt worden war). Ich fragte Vic, ob er mir nicht vielleicht noch ein Gehäuse um das Modem herum machen könnte.

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GEHÄUSE? Mein Ansinnen befremdete ihn. Man konnte doch alles so schön sehen ohne Gehäuse. Und man konnte sofort weiter herumbasteln - löten, verdrahten, integrierte Bauteile einstecken -, wenn einem wieder etwas zur technologischen Verbrilliantierung des Ganzen einfiel, und zwar ohne erst irgendwelche lästigen Umhüllungen aufschrauben zu müssen. Gehäuse waren uncool, der Vorwurf stand jedenfalls im Raum. Ich versuchte es mit einem drastischen Vergleich. Wenn das Ding hier so liegt, sagte ich, habe ich das Gefühl, da liegt ein Freund mit geöffneter Bauchdecke.

Mit den Gehäusen war es in den frühen Jahren der PC-Ära ähnlich wie mit den Verkleidungen der Menschen. Es gab zwei Stämme. Die Mitglieder des einen Stamms, die sogenannten “Schrauber”, hatten gerne alles möglichst offenliegend. Sie waren wie die Urwaldindianer, die nackt bis auf Blasrohr und Penis-Köcher durch den Dschungel flitzen, ohne ein Gramm unnötigen Ballast, wendig und effektiv. Die Mitglieder des anderen Stammes kann man mit missionierten Indianern vergleichen, denen bereits erfolgreich nahegelegt worden war, Kleidung zu tragen.

Wobei die Verkleidung in den siebziger und achtziger Jahren keine Frage der Ästhetik war. Es gab keine schönen Gehäuse, sondern nur unterschiedlich häßliche. Großrechner waren häßlich, um das Männliche an ihnen angemessen zum Ausdruck zu bringen. Sie waren in hammerschlaglackierten Blechkästen untergebracht, die sich widerstandlos öffnen ließen, umtost vom kraftvollen Geräusch von Kettendruckern. Frauen, die Nylons trugen, wurden in Rechenzentren nicht gern gesehen, da sie (die Strümpfe) sich reibungselektrisch aufluden und die empfindlichen Elektronengehirne störten. Mikrocomputer und PCs galten dagegen noch jahrelang als Spielzeug, das nicht ganz ernst zu nehmen war. Die Hersteller der Kleinrechner mühten sich also nach Kräften, durch möglichst häßliche Gehäuse erwachsene Virilität zu signalisieren.

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ERST ALS 1984 der Macintosh auf den Markt kam, geriet das digitale Großgeräte-Machotum in die Krise. Der Untergang des Abendlandes stand kurz bevor – nun fingen sogar junge Frauen an, sich massenhaft für kleine Computer zu interessieren. Der Mac war schick und der erste Computer, der ohne die Eingabe undurchsichtiger Zauberformeln zu benutzen war. Maus und grafische Benutzeroberfläche entfachten einen Glaubenskrieg. Die einen sahen die Maus als fahrbare Hilfe-Taste für Doofe, für die anderen war es die tollste Maus seit Minnie.

Bei seinem nächsten Besuch brachte mir mein Freund Vic damals übrigens ein Gehäuse mit. Natürlich war es ein supercooles Gehäuse, nämlich eines, in dem sich normalerweise ein BTX-Decoder befand. Ein selbstgebautes Modem mit dem Telefonnetz zu verbinden, war damals streng verboten. Der BTX-Decoder war erlaubt. Er war eine Art Modem für das Bildschirmtextsystem der Post, mit dem von Amts wegen der Cyberspace zugänglich gemacht werden sollte, nebst Prüfsiegel des fernmeldetechnischen Zentralamts (FTZ), das wirklich so hieß. Sollte eine unerwartete Kontrolle in meiner Wohnung stattfinden, würde man nur ein hellbeiges, legales Kästchen zwischen dem Telefonstecker in der Wand und dem Computer auf meinem Schreibtisch sehen. In seinem Inneren aber tobte das wunderbarste Chaos.

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