Archiv für die Kategorie 'Netzkolumnen und Essays'

Beatles oder doch nicht?

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Digitale Neufassungen guter, alter Musik – Raubt uns jemand mit der Zeitmaschine etwas aus der Vergangenheit?

Wilfried hat Fernbedienungen. Noch nie so viele Fernbedienungen gesehen wie bei ihm. Er hat einen eigenen Servierwagen für die ganzen Fernbedienungen. Es ist ein bißchen wie vor sicherheitsrelevanten Gerichtsverhandlungen, bei denen alle Beobachter ihre Mobiltelefone abgeben müssen und dann draußen vor dem Verhandlungssaal eine Plastikschüssel voller Handys steht und ab und zu surrt oder klingelt eines, wie in einer Kiste frisch gefangener Fische, in der es ab und zu noch zappelt.

Wilfried hat natürlich auch die zu den ganzen Fernbedienungen gehörenden Geräte. Dabei handelte es sich größtenteils um raffiniertes Musikequipment – ein Hinweis darauf, dass der Mann audiophil ist. Er ist aber kein klassischer Audiophiler, der seine Röhrenverstärker, damit sie gleichförmige Betriebstemperatur annehmen, erst einmal ein paar Tage eingeschaltet läßt, ehe er Musik hört. Wilfried ist digital audiophil.

Es ist schon länger her, als er mal ein paar Fernbedienungen aus dem Ferbedienungsberg auf dem Servierwagen gewühlt und ein paar der Musikgeräte aus ihrem schwarzen und silbergrauen Schlaf hatte erwachen lassen. Dazu machte er ein Gesicht, als habe er die Mona Lisa geklaut und würde sie mir nun zeigen. Er hatte zusammen mit Freunden, die er im Netz gefunden hatte, Beatles-Stücke quasi-remastert. Ein Fan-Projekt. Natürlich hatten sie keine Masterbänder, aber sie hatten die Aufnahmen von Schallplatte und CD durch ihre digitalen Klangwaschanlagen geschleust, sie geklärt, staubgestaugt, entknackt, entrauscht und neu ausgesteuert. Das Ergebnis war gleichermaßen beeindruckend wie schockierend.

Die Aufnahmen hörten sich tatsächlich an wie neu, aber nicht nur, als wären sie erst gestern gemacht worden, sondern auch, als als hätten sie keinesfalls früher aufgenommen worden sein. Der Modernität des Sounds war anzuhören, dass es ein Sound des 21. Jahrhunderts war. Es waren die Beatles und doch nicht, und dieser Höreindruck erzeugte in mir ein Gefühl der Zerrissenheit. Es war, als hätte jemand mit einer Zeitmaschine etwas aus meiner Vergangenheit geraubt – die kleinen Beigeräusche beim Hören einer Beatles-LP, das Knistern und Agieren der Tonabnehmer-Nadel, die sich in die Erinnerung an eine bestimmte Zeit eingewoben haben…

Jetzt gibt es “The Beatles Remastered”, die offizielle Aufnahme der Beatles in die digitale Welt, und meine Zerrissenheit löst sich in zwei klar getrennte Gefühle. Eines gehört den alten, authentischen Aufnahmen und der summa sumarum zu ihnen gehörigen Aufnahme- und Abspieltechnik.

Das andere Gefühl aber gehört der frischen Mischung, die einem, wie das ja oft durch die digitale Technologie der Fall ist, ungeahnte Möglichkeiten eröffnet. Wer hätte das gedacht: Es gibt noch Neues zu entdecken, wenn man Beatles-Stücke hört.

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Wachsamkyte

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“Wenn irgendetwas die magischen Kräfte der Wissenschaftspriester und ihrer technischen Gehilfen beweisen oder der Menschheit die unübertroffene Eignung des göttlichen Computers für absolute Herrschaft vor Augen führen kann, dann genügt wohl diese Erfindung. Hiermit wird der letzte Sinn des Lebens vom Standpunkt der Megamaschine schließlich klar: Er besteht darin, eine endlose Reihe von Daten zu liefern und zu verarbeiten, um die Rolle des Machtsystems zu erweitern und seine Herrschaft zu sichern. Wenn irgendwo, dann liegt hier die Quelle der unsichtbaren höchsten Macht, die imstande ist, die moderne Welt zu regieren. Hier ist das Mysterium tremendum, allmächtig und allwissend, neben dem alle anderen Formen von Magie plumper Schwindel sind und alle anderen Arten von Kontrolle der charismatischen Autorität entbehren.”

Lewis Mumford,
“Mythos der Maschine: Kultur, Technik und Macht” (1974)

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In seinem Roman “Eine Tiefe am Himmel” erzählt der Science Fiction-Autor Vernor Vinge von einer Zivilisation, deren Untergang von der Einführung allumfassender Überwachung begleitet wird. Was sich derzeit rund um den Globus abzeichnet, wäre demnach kein gutes Zeichen.

Ende 2007 wurde in Chicago mit der Installation des modernsten Video-Überwachungssystems in den Vereinigten Staaten begonnen. Dinge, die in Großstädten bisher unbemerkt jeden Tag passieren konnten – dass etwa jemand mit dem Auto öfter als einmal um ein Hochhaus herumfährt oder in einem Park eine Tasche stehen läßt – erkennt das System automatisch und meldet es der Polizei. In London sind für die weit über 10.000 in Betrieb befindlichen Überwachungskameras bereits mehr als 300 Millionen Euro aufgewendet worden, die Aufklärungsrate bei Verbrechen nimmt aber nicht zu, sondern ab. In seinem Garten in Calgary hat der kanadische Künstler David Bynoe einen sechs Meter hohen Überwachungsturm mit einem Spiegelperiskop errichtet, von dem aus er die angrenzenden Grundstücke im Auge behalten kann. “Die Nachbarn”, so Bynoe auf seiner Website, “finden’s lustig.”

Eines der neuesten Kontrollsysteme wird Passanten auch an die Wäsche gehen. Der japanische Elektronikkonzern NEC hat einen Automaten auf den Markt gebracht, der an vorbeigehenden Menschen Alter, Geschlecht – und in absehbarer Zeit die Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Schichten – bestimmen kann. Der mit Kamera und Software zur Bildauswertung ausgestattete “FieldAnalyst” erfaßt Gesichter und vergleicht sie mit seiner Datenbank. Nach ein paar Sekunden gibt er das ungefähre Alter des Beobachteten an, und ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt. Als nächstes wird “FieldAnalyst” charakteristische Kleidungsstücke erkennen lernen, etwa ob jemand ein T-Shirt oder einen Anzug trägt. Je konventioneller die Menschen gekleidet sind, desto leichter sind sie computergestützt zu überwachen.

Der “FieldAnalyst” ist - noch - kein Instrument von Sicherheitsbehören. Seine Daten sollen Einkaufszentren helfen, ihre Kunden besser “kennenzulernen”. Warum wird dieses eine Geschäft gut besucht und das daneben nicht? Zu welcher Zeit sind die meisten Frauen zwischen 40 und 50 in einer Einkaufspassage? Und führt die aktuelle Werbeaussendung dazu, dass die demografisch gewünschte Kundengruppe kommt? Das System ist in Japan bereits in den ersten Malls instaliert. Es arbeitet nicht sehr genau, aber schnell. Ein 47-jähriger wird innerhalb weniger Sekunden als 50-jähriger erkannt. Da die meisten Mustergesichter in der Datenbank Japaner sind, funktioniert es mit Japanern am besten, aber die Softwarespezialisten arbeiten daran, die Trefferquote zu verbessern. Angeblich zeichnet das zwei Millionen Yen (knapp 13.500 Euro) teure System weder die Aufnahmen auf “noch speichert es andere Daten”.

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Konspiratives Lernen

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Warum Verschwörungstheorien einen Bildungsauftrag zu erfüllen haben:

Die vor kurzem veröffentlichte Studie des französischen Marktforschungsinstituts TNS Sofres zu dem seit acht Jahren laufenden Großversuch “Ein Schüler, ein Laptop” hat einigermaßen niederschmetternde Ergebnisse erbracht. Das Departement Landes hatte 2001 für die Ausstattung der Schüler mit Laptops und Lernsoftware 45 Millionen Euro aufgewendet. Nun zeigte sich, dass die Schüler ihren Schulcomputer zu 80 bis 90 Prozent für Spielereien nutzen, statt damit zu lernen.

“Die Ergebnisse”, so Pierre-Louis Ghavam, der im Departement für neue Technologien zuständig ist, “sind vor allem darauf zurückzuführen, dass sich kein Lehrer um die Ausbildung zur Informationsbeschaffung und die Analyse der Quellen verantwortlich fühlt”.

Satelliten machen Fotos von dir
(Foto: Solidstate, Flickr/CC-Lizenz) ?

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Dass auch in Deutschland für Grundbildung im Umgang mit der digitalen Welt mehr getan werden muss, wurde bereits im Jahr 2000 durch die internationalen Studien TIMSS und PISA deutlich. Die Studie PISA 2006 zeigte, dass neue Medien in der Schule vergleichsweise wenig genutzt werden. Auch in der Freizeit beschränkt sich bei überdurchschnittlich vielen 15-Jährigen die Nutzung von Computer und Internet auf E-Mail, Spiele und Musikkonsum. “Es besteht also weiterhin bildungspolitischer Handlungsbedarf”, heißt es trocken bei dem vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie geförderten Verein “Schulen ans Netz e.V.”.

Lehrer und große Teile des Bildungssystems sind offenbar damit überfordert, den nachwachsenden Nutzergenerationen ein brauchbares Grundverständnis für den Umgang mit Informationen, mit Wissen, mit Nachrichten zu vermitteln. Ihr Bedürfnis zu entwickeln, herausfinden zu können, ob eine Information richtig ist oder Quatsch, Unterhaltung, Wow-Effekt. Zum Glück kann man das zum Teil auch ohne Lehrer, sozusagen auf der Straße lernen. Eine der wirkungsvollsten Methoden dabei ist das Verschwörungstheoretisieren.

Die gängigen Verschwörungstheorien sind unterhaltsam, fühlen sich subversiv an und verhelfen einem zu Grundübungen im Mißtrauischsein. Man muß nicht gleich paranoid werden, um mit Hilfe von Verschwörungstheorien einige journalistische Tugenden nahegebracht zu bekommen, zum Beispiel, dass man nicht alles glauben soll, was einem jemand erzählt. Dass eine gewisse Skepsis eine gute Sache ist. Oder dass sich auch Verschwörungstheorien lästige Fragen und Fakten gefallen lassen müssen.

In einer Zeit, in der das sogenannte Wissen der Welt auch gern dazu benutzt wird, seine Freunde mit unglaublichen Geschichten zu verblüffen, ist die lakonische Grundhaltung, die sich aus gepflegtem Verschwörungstheoretisieren ergibt, von pädagogischer Wichtigkeit. Jemand, der in (etwas gelockerter) journalistischer Tradition eine gewisse Standard-Skepsis mit sich führt, wird den Gefahren von Demagogie, esoterischem Geraune oder einfach den unbewerteten Informationsschwällen, die aus dem Google-Suchschlitz über das Bildschirmweiß triefen besser gerüstet entgegentreten können als der unverschworene User.

Natürlich gibt es auch bei dieser Form des Informationszugangs mögliche Fehlentwicklungen, seien es jüdische Weltverschwörungen oder das schlichte Bedürfnis, mit vermeintlichem Sonderwissen zu protzen. Der ordentlich mißtrauensgebildete, am Konspirativen selbstgeschulte Mensch wird auch hier zu unterscheiden wissen zwischen nützlicher Verschwörung, Konspirationsvergnügen und den verschiedenen Formen von Hirnlosigkeit.

Eine eigene Antwort auf lästige Zweifler fand der ehemalige Astronaut Buzz Aldrin, der zweite Mann auf dem Mond. Als ihn wieder einmal ein Hardcore-Verschwörungstheoretiker bedrängte und aufforderte, auf die Bibel zu schwören, dass er tatsächlich auf dem Mond gewesen sei, schlug Aldrin ihn mit einen Kinnhaken nieder.

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(Erstveröffentlicht im Blog der Technology Review). |

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Dreimal Kafka

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Altes Kulturschaffen, das mit dem Internet in Berührung kommt, zieht manchmal bemerkenswerte Phänomene nach sich.

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KAFKAESK nennen wir etwas, das auf besonders tiefgehende Art rätselhaft erscheint. Dem Begriff zugrunde liegen die Werke von Franz Kafka, die berühmt sind für ihre klare Sprache und aber immer von etwas Ungreifbarem handeln.

Ich stehe vor zusätzlichen Rätseln, die mit den Wegen zu tun haben, welche Franz Kafka ins Internet angetreten hat. Begonnen hat es mit einer Geschichte des israelischen Satirikers Ephraim Kishon, die ich in den siebziger Jahren gelesen habe. Sie heißt “Schaschlik, sum-sum, wus-wus” und es geht darin um die Benennungshoheit von Speisen in einem arabischen Restaurant in Tel Aviv. Der Held der Geschichte verdächtigt den Wirt, die Namen der Zutaten zu erfinden, um ihn einzuschüchtern, und erfindet seinerseits Gerichte, die er selbstsicher bestellt - und auch bekommt (”Was? Das soll ein echtes wus-wus sein?”). Eine der georderten Mahlzeiten, “Mao-Mao mit Kafka”, weigert er sich anzurühren, “solange kein Kafka auf dem Tisch steht”. Zu “Kafka” gibt es hier, für Unterhaltungsliteratur unüblich,  sogar eine Fußnote: über die literarischen Qualitäten Kafkas bestünden keinerlei Zweifel, seine kulinarischen Werte seien jedoch noch nicht geklärt. Diesen überraschenden Absprung habe ich Jahre später als eine erste Vorahnung auf das wiedererkannt, was uns nun im Internet als Verlinkung begegnet.

Mitte der neunziger Jahre stieß ich wieder auf Kafka, diesmal explizit netzrätselhaft. Eine Privatbrauerei und die Literarische Gesellschaft Karlsruhe präsentierten eine “virtuelle Bibliothek”, die unter anderem aus einer Online-Fassung von Kafkas “Brief an den Vater” bestand. Die interaktiven Bedienelemente dazu waren im Bierdeckeldesign ausgeführt, einen Mausklick weiter konnte man “Bier-Geräusche” wie Rülpsen oder Eingießen abrufen. Der Begriff “gemeinfreier Text” erhielt für mich eine neue Bedeutungsfacette. (Gemeinfrei sind Texte, die nicht mehr dem Urheberrecht unterliegen und der Allgemeinheit gehören).

Mit dem in letzter Zeit vielzitierten “Heidelberger Appell” berührte Kafka mich neuerlich durch die Weiten der digitalen Welt hindurch: Der Initiator des Aufrufs, der Literaturwissenschaftler Roland Reuß, wendet sich vehement gegen eine Enteignung von Autoren durch die Buchsuche von Google (und gegen den freien Zugang zu wissenschaftlicher Literatur). Zugleich ist Reuß Herausgeber der historisch-kritischen Kafka-Ausgabe - ausgerechnet Franz Kafka, dessen Werke größtenteils erst nach seinem Tod und gegen seinen erklärten Willen von seinem Freund  Max Brod (einem Juristen), veröffentlicht worden sind. “Faßt Du Dein Urteil über mich zusammen”, heißt es an einer Stelle in dem ‘Brief an den Vater’, “so ergibt sich, dass Du mir zwar etwas geradezu Unanständiges oder Böses nicht vorwirfst, aber Kälte, Fremdheit, Undankbarkeit.”

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47% Hilfe

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1965 SCHRIEB JOSEPH WEIZENBAUM am MIT sein berühmtes Programm ELIZA, mit dem er die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine in natürlicher Sprache untersuchen wollte. “Für mein erstes Experiment”, schreibt Weizenbaum, “gab ich ELIZA ein Skript ein, das ihr ermöglichte, die Rolle eines an Rogers orientierten Psychotherapeuten zu spielen (oder besser: zu parodieren), der mit einem Patienten das erste Gespräch führt. Ein solcher Therapeut ist verhältnismäßig leicht zu imitieren, da ein Großteil seiner Technik darin besteht, den Patienten dadurch zum Sprechen zu bringen, dass diesem seine eigenen Äußerungen wie bei einem Echo zurückgegeben werden.”

Seinen Namen hat das Programm nach der weiblichen Hauptperson aus George Bernard Shaws Theaterstück “Pygmalion” von 1913. Darin lässt sich das prollige Blumenmädchen Eliza Doolittle von dem arroganten Phonetik-Professor Henry Higgins in eine Society-Lady verwandeln – er bringt ihr bei, wie man in der Upperclass spricht und sich benimmt. Inspiriert dazu hat Shaw die griechische Sage von dem Bildhauer Pygmalion, der sich in eine seiner eigenen Frauenplastiken verliebt und die Götter bittet, sie zum Leben zu erwecken. Unter dem Titel “My Fair Lady” ging die Geschichte nach dem II. Weltkrieg als Musical- und Filmerfolg um die Welt.

Weizenbaums ELIZA wurde im MIT-Umfeld erst unter dem Namen DOCTOR berühmt. Es waren drei Dinge, die Weizenbaum besonders nachdenklich machten. Er war bestürzt darüber, wie schnell und intensiv Personen, die sich mit dem Programm unterhielten, eine emotionale Beziehung zum Computer herstellten; darüber, dass die Ansicht verbreitet war, es handle sich um die allgemeine Lösung des Problems, wieweit Computer eine natürliche Sprache verstehen können; und darüber, dass eine Anzahl praktizierender Psychiater im Ernst glaubte, DOCTOR könne zu einer fast völlig automatischen Form der Psychotherapie ausgebaut werden.

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GENAU DAS versuchen nun zwei in Holland lebende Psychologen, Jaap Hollander und Jeffrey Robert Wijnberg, mit dem Roboter-Psychologen MindMentor, der antritt, “dir beim Erreichen von Zielen und der Lösung von Problemen zu helfen”. Er ist stets verfügbar. “Seine Praxis ist 24 Stunden geöffnet, an sieben Tagen in der Woche. Er ist diskret und absolut vertraulich. Er ist effektiv. Im Durchschnitt hilft er zu 47% beim Finden von Lösungen. Er ist schnell. Eine Sitzung dauert etwa eine Stunde. Er ist erschwinglich. Eine Sitzung kostet 4,95 Euro. Eine günstige Investition in das eigene Wohlbefinden.” Bei Abnahme eines aus 10 Sitzungen bestehenden Packages gibt es 10 Euro Rabatt.

Die Zahlungsabwicklung wird, “after some starting psychological work”, mit viel Liebe zum Detail erläutert. Dem Hinweis, dass MindMentor “auf jede Art von Problem oder Ziel anwendbar ist”, folgt eine Liste der Probleme, an denen die Software sich am liebsten abarbeitet (”stress, family problems, relationship problems, motivation, life mission questions, sleepless nights, worrying, conflicts with friends or colleagues, et cetera”).

Auf die Frage, warum der MindMentor nicht kostenlos arbeitet, heißt es: “Who does?” Auch wenn er ein Roboter ist, braucht MindMentor Geld. “Seine Software muss ständig gepflegt werden, um nur einen Punkt zu nennen. Angesichts dessen, was er leistet, ist MindMentor durchaus erschwinglich. Hier in Holland bezahlen wir für eine Autowäsche mehr.”

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WIE KANN EIN COMPUTERPROGRAMM psychologische Hilfe leisten? Unter den fünf Methoden, die Hollander und Wijnberg aufzählen, ist unter Punkt 4 wie beiläufig die von Carl Rogers entwickelte klientenzentrierte Therapie angeführt. Weizenbaum und ELIZA werden mit keinem Wort erwähnt – vielleicht einfach deshalb, weil es sich bei MindMentor schlicht um eine gepimpte Version des 44 Jahre alten Programms handelt.

Während die Arbeit von Carl Rogers bei Joseph Weizenbaum noch in jemandes Händen war, der auch Konsequenzen aus den moralischen Folgen seines Experiments zog und zu einem bedeutenden Kritiker technischer Fehlentwicklungen wurde, langt es bei Hollander und Wijnberg nicht einmal zu einer Parodie auf die Parodie – der Psychologe Rogers war jemand, der besonderen Wert auf Begegnung im menschlichen Sinn legte, unter Einschluss von Gefühlen, der nonverbalen Äußerungen und eines prinzipiellen gegenseitigen Wohlwollens. Sein Konzept von Begegnung (”Encounter”) und einer Haltung verstehenden Zuhörens entspricht ziemlich genau dem Gegenteil dessen, was das holländische Beratungsgerät zu bieten vorgibt.

Neben Rorschach-Test und Pawlow-Konditionierung gehören noch NLP (Neuro-Linguistisches Programmieren) und die Provokationstherapie zur methodischen Software-Motorisierung des MindMentor. NLP wurde in den 70er Jahren als ein neues Verfahren der Kurzzeit-Psychotherapie entwickelt und passt eigentlich zu an Geschwindigkeit interessierten Computernutzern. Auf der Website der deutschen NLP-Community ist ein Bild von Einstein zu sehen, der etwas an drei Fingern abzählt, dazu der Text “Einstein is explaining the basics of NLP, especially the fundamental presupposition of always having three choices” – was nicht dazu beiträgt, NLP den Ruf der Pseudowissenschaft zu nehmen. Einstein ist 1955 gestorben, lange bevor NLP erfunden wurde.

Die Provokationstherapie schließlich, zu deren Pionieren in Holland sich Jeffrey Wijnberg zählt, wurde von der amerikanischen Psychologin Marsha Linehan für den Umgang mit hochgradig suizidgefährdeten Menschen entwickelt. Droht ein Patient mit Selbstmord, fragt der Therapeut beispielsweise ganz direkt, wann und wie er sich umbringen möchte und erreicht damit, dass der Patient sich auf schockierende Weise ernst genommen fühlt; gleichzeitig wird ihm klargemacht, dass er wählen muss, ob er in seinem Leid verharren oder sich ändern will. In einer solchen Situation entscheiden sich Menschen in der Regel dafür, sich helfen zu lassen (und müssen versprechen, sich für die Dauer der Therapie nichts anzutun). Der Versuch, eine solche Methode zu algorithmisieren, ist verantwortungslos.

Auch eine weichgekochte Form, die provokative Therapie, ist für verunsicherte oder psychisch strapazierte Menschen völlig ungeeignet, sofern sie ihnen in Maschinenform entgegentritt – sie versucht “mit humorvoller Provokation den Widerspruchsgeist, die Selbstverantwortung und die Eigenständigkeit des Klienten” zu wecken. Es gibt doch kaum eine schönere Vorstellung, als von einer Maschine verarscht zu werden, wenn es einem nicht gut geht.

MindMentor – was für ein Zynismus: Menschen, die Hilfe brauchen (und zwar Hilfe von anderen Menschen) vor eine Maschine zu locken, um Ihnen für 4,95 die Stunde eine Illusion von Hilfe zu geben. Von 47% Hilfe.

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(Erstveröffentlicht im ? Blog der Technology Review). |

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Kulturelle Atomkraft

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MIT DER DIGITALISIERUNG gehen immer mehr Dinge, die zuvor an bestimmte unaustauschbare Materialien gebunden waren, in einen neuen Aggregatzustand über. Kulturdinge im weitesten Sinn - aus Zeichenbrettern, Tonstudios, Fernsehern, Büchern, you name it - werden Daten. Diese digitale Substanz hat eine grundlegend neue Leichtigkeit. Die digitalen Dinge lassen sich ungleich leichter bewegen als zuvor, weltweit senden, empfangen, verändern, kopieren, mit anderen teilen, remixen.

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Nicht zuletzt das Remix-Phänomen weist auf den instabilen Zustand hin, in dem sich die ganze Entwicklung derzeit befindet. Remixt werden Fragmente. Filmstücke, Soundschnipsel, Splitter anderer Kulturobjekte, die zu neuen Formen zusammengesetzt werden. Musik, Texte, Bilder, Filme, aber auch modulare Software oder enzyklopädisches Wissen befinden sich in der digitalen Welt in einem Zustand latenter Zerlegung. Die althergebrachten kulturellen Molekülverbindungen - die komplexen Formen, die sie über Jahrhunderte angenommen haben - werden nun aufgeknackt, oder sie zerfallen von ganz alleine wieder in ihre Grundbestandteile. Der Übergang in das digitale Aggregat führt erst einmal zu einer Art Ursuppe aus Bruchstücken und atomisiertem Kulturgut, das allerdings hoch reaktionsbereit ist. Es ähnelt den freien Radikalen in der Chemie, die sich auf aggressive Weise zu verbinden suchen.

Zu den prominenten zerfallenden Kulturmolekülen gehören: das (Schallplatten- oder CD-) Album, das bisher eine Handvoll Stücke von Musikern zusammenfasste, eine Schaffensperiode; die Welt-Ordnung in einer Zeitung, in “Bücher” und Rubriken strukturierte Texte und Bilder; oder die Dramaturgie eines Films, die sich gewöhnlich über eine oder anderthalb Stunden erstreckt - Filme werden jetzt tranchiert in zwei, drei Minuten lange Clips, die sich danach auf YouTube versuchsweise zu neuen Molekülen konfigurieren. Zu vagen Wolken aus Lieblingsstellen, Pointen, Fan-Parodien und Remixes.

Das Album ist atomisiert zu einzelnen Tracks. Niemand muss nun mehr mit einem ganzen Album Stücke mitkaufen, die ihm nicht gefallen (und niemand wird mehr eines der langsam aufblühenden Stücke für sich entdecken, die sich einem erst nach dem zehnten oder dreißigsten Mal des Hörens öffnen). Auch hier sind neue Molekülbildungen aus den atomisierten Teilen noch kaum erkennbar, am ehesten in den Empfehlungsstrukturen von Online-Radios oder Audio-Shops, die aber alle noch plump sind und einen davon abhalten, etwas Neues zu entdecken. Die Musikindustrie, der das Rosinenpicken ganz und gar nicht gefällt, versucht etwas einfallslos, die Bindungskräfte des guten, alten Album-Moleküls wiedererstarken zu lassen: Apple will den Verkauf ganzer Alben bei iTunes mit einem speziellen Album-Downloadformat namens “Cocktail” ankurbeln, und die Major-Labels bringen einen eigenen digitalen Album-Container namens CMX an den Start, der ab November zum Einsatz kommen soll.

Auch die klassische Struktur der Zeitung korrodiert im Netz - und die neuen Strukturen sind noch nicht so recht gefunden. Ähnlich wie in dem tatsächlich vom Untergang bedrohten Quelle-Katalog ruht in einer gedruckten Zeitung die Welt auf dem soliden Fundament einer feststehenden Ordnung - Titelseite, Meldungen über und unter dem Knick, Aktuelles, Politik, Wirtschaft, Feuilleton, Sport, Vermischtes (im Quelle-Katalog beginnt die Welt bei der Damenoberbekleidung und führt über Kinder- und Herrenklamotten ins Reich der Dinge, um am Ende mit den Elektrogeräten die Welt rund zu machen). Und wie die Musikindustrie das Album zu retten versucht, versuchen auch die Zeitungen - und natürlich auch digitale TV-Nachrichtenangebote usw. -, im Netz die alte Weltordnung fortzuschreiben.

Aber mehr und mehr werden auch die einzelnen Texte, Meldungen, Stories zu Tracks. Denn sie werden nicht mehr nur an der Quelle gelesen, sondern zunehmend weitergereicht, verteilt, via Facebook empfohlen, gediggt, reblogged und weiter atomisiert zu Zitaten und Ausschnitten. Dieses Gewimmel beginnt seine neuen Molekülformen gerade erst zu ertasten. Hilfe dabei leisten die sogenannten Aggregatoren - sei es Google News oder ein höchstpersönlich mit Site-Favoriten, Lieblingsblogs und Tweetstreams bestückter Feedreader, der sich schon ein wenig anfühlt wie die Zeitung von morgen: ein ganz nach den eigenen Interessen und Qualitätsvorstellungen zusammengestellter, flexibler Filter für Nachrichten, Information, Wissen, Unterhaltung.

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WO DIE CHEMIE-METAPHORIK allerdings versagt, ist bei der Geschwindigkeit, mit der dieser Phasenübergang stattfindet. Wenn ein chemisches Molekül auseinander bricht, dauert das Lösen oder Knüpfen der Bindungen zwischen den Atomen weniger als eine billionstel Sekunde oder Pikosekunde. Hier heraußen bei uns in der Makrowirklichkeit sehen wir seit vielen Monaten, wie sich althergebrachte Strukturen - zu deren Existenzgrundlage oft nicht zuletzt auch ihre Gewichtigkeit und Schwerfälligkeit gehören - in der digitalen Leichtigkeit aufzulösen beginnen wie Zucker in warmem Wasser. Und neue Ordnungen sind erst sehr grob zu erkennen, wenn überhaupt - etwa die Google-Trefferlisten als rudimentäre Versuche, der ins Datenchaos zerfallenden alten Ordnung zumindest ein paar Momente lang neue Form zu geben.

Wir befinden uns mitten in der größten und komplexesten chemischen Reaktion der Kulturgeschichte. Und auch wenn die Ergebnisse der Synthese erst in Schemen auszumachen sind, eines steht fest: Es gibt, genau wie im nuklearen Bereich, auch kulturelle Kernkräfte, die in jedem der scheinbar losen Fragmente wirksam sind, welche uns gerade um die Ohren fliegen. Nichts wollen diese Teile mehr, als wieder Moleküle werden oder zu Molekülen gemacht werden. Kultur möchte sich verbinden, heute mehr denn je. An dem, was Texte erzählen und Fotos oder Filme zeigen, wird sich erst einmal nicht viel ändern.

Aber die Art, wie sie zusammengestellt werden, verändert sich gerade fundamental, begleitet von Zerfallserscheinungen, Ungewissheiten und großen Chancen. Leute, schmiedet neue Moleküle! Lasst die digitalen Bunsenbrenner glühen.

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Mit oder ohne

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Im Anbeginn der PC-Ära traten zwei Stämme gegeneinander an – die Freunde und die Feinde von Gehäusen.

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MEIN ERSTES MODEM hat mir ein Freund aus dem Chaos Computer Club gebaut, das war Mitte der achtziger Jahre. Das Gerät war der Nachfolger des legendären Datenklos. Das Datenklo war die erste Bauanleitung für einen Selbstbau-Akustikkoppler gewesen. Bei dieser Apparatur mußte man im Unterschied zu einem Modem die Verbindung zwischen dem Computer und dem Telefon noch gewissermaßen handvermittelt herstellen, indem man den Telefonhörer in zwei passende Gummimuffen koppelte respektive stopfte. Die aparte Bezeichnung Datenklo kommt daher, dass diese Muffen in der Selbstbauanleitung aus zwei Dichtungsringen für Waschbeckenabflüsse aus dem Sanitärfachhandel den Kloschüssel-Wasserzulauf bestanden.

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Das CCC-Datenklo (Foto: Johann H. Addicks/Wikimedia) ?

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Das Modem bedeutete fantastischen Fortschritt. Es stellte die Verbindung zum Telefonnetz ganz von selbst her. Darüber hinaus beherrschte es das Wunder der Wahlwiederholung. Um Datenfernübertragung zu betreiben, wie das Onlinesein damals noch etwas spröde genannt wurde, hatte man gemeinhin die gewünschte Gegenstelle anzurufen, und zwar vermittels fleissigen Drehens der Wählscheibe am Telefon. Das Modem erledigte das nun automatisch.

Leider - aus meiner Sicht jedenfalls leider - hatte mein neues Modem kein Gehäuse. Es bestand aus einer kleinen grünen Leiterplatte, auf der sich ein ungaubliches Gewöll von handgelöteten Kabelverbindungen türmte. Ganz vorne ragten zwei Riesen-Leuchtdioden hoch wie die Fühler einer außerirdischen Garnele. Vic, der das Modem für mich gebaut hatte, liebte solche Jumbo-LEDs. Seinen Hackernamen Vic hatte er von einem der ersten Homecomputer übernommen, dem Commodore VC-20 (der eigentlich VIC-20 hieß, aber um die zweideutige Aussprache zu vermeiden, in deutschsprachigen Raum in VC-20 umbenannt worden war). Ich fragte Vic, ob er mir nicht vielleicht noch ein Gehäuse um das Modem herum machen könnte.

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GEHÄUSE? Mein Ansinnen befremdete ihn. Man konnte doch alles so schön sehen ohne Gehäuse. Und man konnte sofort weiter herumbasteln - löten, verdrahten, integrierte Bauteile einstecken -, wenn einem wieder etwas zur technologischen Verbrilliantierung des Ganzen einfiel, und zwar ohne erst irgendwelche lästigen Umhüllungen aufschrauben zu müssen. Gehäuse waren uncool, der Vorwurf stand jedenfalls im Raum. Ich versuchte es mit einem drastischen Vergleich. Wenn das Ding hier so liegt, sagte ich, habe ich das Gefühl, da liegt ein Freund mit geöffneter Bauchdecke.

Mit den Gehäusen war es in den frühen Jahren der PC-Ära ähnlich wie mit den Verkleidungen der Menschen. Es gab zwei Stämme. Die Mitglieder des einen Stamms, die sogenannten “Schrauber”, hatten gerne alles möglichst offenliegend. Sie waren wie die Urwaldindianer, die nackt bis auf Blasrohr und Penis-Köcher durch den Dschungel flitzen, ohne ein Gramm unnötigen Ballast, wendig und effektiv. Die Mitglieder des anderen Stammes kann man mit missionierten Indianern vergleichen, denen bereits erfolgreich nahegelegt worden war, Kleidung zu tragen.

Wobei die Verkleidung in den siebziger und achtziger Jahren keine Frage der Ästhetik war. Es gab keine schönen Gehäuse, sondern nur unterschiedlich häßliche. Großrechner waren häßlich, um das Männliche an ihnen angemessen zum Ausdruck zu bringen. Sie waren in hammerschlaglackierten Blechkästen untergebracht, die sich widerstandlos öffnen ließen, umtost vom kraftvollen Geräusch von Kettendruckern. Frauen, die Nylons trugen, wurden in Rechenzentren nicht gern gesehen, da sie (die Strümpfe) sich reibungselektrisch aufluden und die empfindlichen Elektronengehirne störten. Mikrocomputer und PCs galten dagegen noch jahrelang als Spielzeug, das nicht ganz ernst zu nehmen war. Die Hersteller der Kleinrechner mühten sich also nach Kräften, durch möglichst häßliche Gehäuse erwachsene Virilität zu signalisieren.

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ERST ALS 1984 der Macintosh auf den Markt kam, geriet das digitale Großgeräte-Machotum in die Krise. Der Untergang des Abendlandes stand kurz bevor – nun fingen sogar junge Frauen an, sich massenhaft für kleine Computer zu interessieren. Der Mac war schick und der erste Computer, der ohne die Eingabe undurchsichtiger Zauberformeln zu benutzen war. Maus und grafische Benutzeroberfläche entfachten einen Glaubenskrieg. Die einen sahen die Maus als fahrbare Hilfe-Taste für Doofe, für die anderen war es die tollste Maus seit Minnie.

Bei seinem nächsten Besuch brachte mir mein Freund Vic damals übrigens ein Gehäuse mit. Natürlich war es ein supercooles Gehäuse, nämlich eines, in dem sich normalerweise ein BTX-Decoder befand. Ein selbstgebautes Modem mit dem Telefonnetz zu verbinden, war damals streng verboten. Der BTX-Decoder war erlaubt. Er war eine Art Modem für das Bildschirmtextsystem der Post, mit dem von Amts wegen der Cyberspace zugänglich gemacht werden sollte, nebst Prüfsiegel des fernmeldetechnischen Zentralamts (FTZ), das wirklich so hieß. Sollte eine unerwartete Kontrolle in meiner Wohnung stattfinden, würde man nur ein hellbeiges, legales Kästchen zwischen dem Telefonstecker in der Wand und dem Computer auf meinem Schreibtisch sehen. In seinem Inneren aber tobte das wunderbarste Chaos.

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Datendurst

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ES WAR in einer dunklen Vorzeit, als das Fernsehen nach Mitternacht noch sein Programm beendete (“Sendeschluß”), Telefone hießen damals noch Telephone und waren mit runden Wählscheiben ausgestattet, in die man seinen Finger stecken und drehen musste. Und es gab zwar schon ein Internet, aber noch keine Suchmaschinen.

Wer in diesen Frühzeiten im Netz etwas finden wollte, mußte vor allem auf seine Neugierde zurückgreifen – oder auf ein paar verstreute Listen (beispielsweise Yankos Media Monster). Sie wurden von digitalen Pfadfindern erstellt, die das unwegsame Netz durchstreiften und sammelten, was ihnen besonders gefiel. So konnte man interessante Dinge finden (die man meist gar nicht gesucht hatte). Was es zu dieser Zeit gab, waren spezielle Formen der Suche, die sich mit einem der mächtigsten menschlichen Antriebe verbunden hatten: der Faulheit. Eine der bemerkenswertesten dieser Listen im Archäointernet hieß “Interesting Devices Connected to the Net” (”Interessante Geräte, die an das Netz angeschlossen sind”), und einer der Einträge darin verwies auf eine Kaffeemaschine in England.

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Das letzte Bild, das die Trojan Room Coffee Cam aufnahm: Der Server wird abgeschaltet

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1991, ALS DAS WORLD WIDE WEB gerade einmal eine Handvoll Computer miteinander verband, gab es im Computerlabor der britischen Universität Cambridge eine Gruppe von Netzwerktechnikern, von denen einige im sogenannten Trojan Room im zweiten Stock arbeiteten. Am Gang stand eine Kaffeemaschine von Krups. Die Wissenschaftler, die in anderen Teilen des Gebäudes untergebracht waren, mußten etliche Treppen steigen, um an die Kaffeemaschine zu kommen, und wenn dann kein Kaffee mehr in der Kanne war, war das enttäuschend. Also wurde - innerhalb eines Tages - eine technische Lösung entwickelt: XCoffee.

Der Informatiker Quentin Stafford-Fraser befestigte eine Videokamera an einem Retortenstativ neben der Kaffeemaschine und sein Kollege Paul Jardetzky schrieb ein Programm, das alle 20 Sekunden ein aktuelles Bild der Kaffeekanne auf einen Server holte (“Nur Graustufen, wie der Kaffee”). Nun konnte man bequem von überallher den Füllstand der Kaffeekanne checken. Im Sommer 2001 sollte das Computerlabor umziehen und die Coffee Cam nach einem Jahrzehnt treuer Dienste abgeschaltet werden. Gekränkt stellte die Maschine bereits im Frühjahr die Arbeit ein. Bei einer nachfolgenden Auktion ersteigerte die Online-Redaktion des Hamburger Magazins “Der Spiegel” das Gerät für damals 10.452,70 D-Mark (etwa 1.500 Euro).

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DIE PIONIERLEISTUNGEN auf dem Gebiet lagen da allerdings bereits über ein Vierteljahrhundert zurück. Seit den siebziger Jahren hatte es in der Abteilung für Informatik an der Carnegie Mellon-Universität in Pittsburgh im US-Bundesstaat Pennsylvania einen Cola-Automaten gegeben, in dem die Getränke ein paar Cent billiger waren als anderswo auf dem Campus. Da echte Programmierer ohne Koffein nicht funktionieren, war der Automat ziemlich beliebt. In unregelmäßigen Abständen wurde er von Studenten nachgefüllt. Mitte der Siebziger wurde die Informatik-Abteilung erweitert und etliche Büros an Orte verlegt, die weit von dem Raum entfernt waren, in dem der Cola-Automat stand. Es war frustrierend, drei Stockwerke runterzulaufen, bloß um zu sehen, dass der Automat leer war oder man für sein Geld nur eine warme Cola bekam.

Im Jahr 1982 beschlossen die Studenten Mike Kazar, David Nichols, John Zsarnay und Ivor Durham, diesem Zustand mit modernsten Mitteln ein Ende zu bereiten. Sie installierten Sensoren in den sechs Automatenschächten und verkabelten sie mit dem Hauptrechner der Abteilung, einer Maschine namens CMUA. Einer schrieb ein kleines Programm, das anzeigte, wie viele Flaschen Cola in jedem der Schächte lagen, und wie lange sie schon drin waren (das heißt, ob sie auch schon kalt genug waren). Das Programm benutzte für die Abfrage das Internet-Protkoll, und als das Netz Mitte der neunziger Jahre seinen Auftritt in der Öffentlichkeit hatte, begannen User aus aller Welt den Füllstand des Cola-Automaten in Pittsburgh abzufragen.

Sein vorläufiges Ende kam mit der Einführung der nicht mehr colaflaschenförmigen Plastikflaschen, mit denen die alte Maschine nicht umgehen konnte. Sie wurde durch einen neuen Getränkeautomaten ersetzt. Die Cola-Liebhaber an der Carnegie Mellon-Universität hat das so verstimmt, dass sich jahrelang keiner dazu durchringen konnte, den neuen Automaten ans Netz anzuschließen. Zwischen September 2007 und Februar 2008 konnte der Automatenstatus wieder abgefragt werden; seither ist das Projekt wieder in progress.

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EIN WEITERER EINTRAG aus der Liste der “Interesting Devices…” ist noch erwähnenswert. Er lautet “Paul’s Hottub status” und verweist auf Paul Haas aus der Kleinstadt Ypsilanti in der Nähe von Detroit, genauer gesagt, auf Pauls Badewanne, die er ans Internet angeschlossen hatte, und auf seinen Kühlschrank, der gleichfalls online war. Der Kühlschrank, ein General Electric TB14SBM, gab darüber Auskunft, ob das Licht in seinem Inneren an war und ob eine von Pauls Diätcola-Dosen gerade gekühlt wurde. Das war damals fundamental neu. Es war cooler als die Erfindung des tiefen Tellers. Von der Badewanne konnte man Füllstand und Temperatur des gegebenenfalls gerade darin befindlichen Badewassers erfahren. Daneben hatte Paul noch eine Papphand an einem Elektromotor online, mit der man seinen beiden Katzen im Wohnzimmer unterschiedlich intensiv zuwinken konnte (die zurückhaltende Winkform war mit “royal” bezeichnet).

Pauls Website inspirierte im Frühjahr 1995 zwei Studenten, mit dem Aufbau eines umfangreicheren Verzeichnisses für bemerkenswerte Websites zu beginnen. Die beiden Studenten hießen David Filo und Jerry Young. Ihr Verzeichnis heißt Yahoo.

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Die Hybriden kommen

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Die großen Würfe sind gemacht, der persönliche Computer, das Internet, Google. Jetzt wird’s spannend. Wenn mich jemand fragt, wo denn nun der technische Fortschritt in der Gerätewelt virulent ist, würde ich sagen: bei den Hybriden. Bei Geräten, denen mehr als eine Funktionalität zuwächst. Dass das nicht immer und ganz selbstverständlich funktioniert, belegen der Kühlschrank mit Internetanschluß oder das Handy-TV - auch wenn Regisseure sich extra bemühen und in Krimis, die auf einem Handydisplay gesehen werden sollen, die Einschußlöcher in Opferkörper vom Maskenbildner extragroß machen lassen, damit man auf den kleinen Bildschirmchen überhaupt etwas sehen kann.

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Konvergenz: Alles wächst auf einen Punkt hin zusammen
(Foto:
dominiqs, Flickr/CC-Lizenz) ?

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Vor ein paar Jahren war Konvergenz das ganz dicke Ding. Konvergenz ist eine Lieblingsidee von Leuten, die Angst haben, die Übersicht zu verlieren. Die alten Vorstellungen von Konvergenz liefen auf eine Elefantenhochzeit zwischen Telefon, Computer und Fernsehen hinaus. Selbstverständlich sollte das Fernsehen als Leitmedium die neuen Medien in sich aufnehmen. 1995 kam Bill Gates mit seiner Vision über die digitale Zukunft. Das Buch hieß “Der Weg nach vorn” und hätte den Microsoft-Prinzipien entsprechend besser “Weg da vorn” geheißen. In der ersten Auflage kam der Begriff Internet nicht vor. Gates eröffnete einen Blick auf ein Universum aus 500 Fernsehkanälen. Währenddessen zündete Netscape den Urknall.

Die gängige Vorstellung von Konvergenz war Microsoft-kompatibel: Ich bin die Macht und nehme alles in mich auf. Aber wo alles auf einen Punkt zuläuft, droht Totalitarismus, das ist das Gefährliche an der Idee von der Konvergenz. Schon dem Medienphilosophen Vilem Flusser sind die Gemeinsamkeiten zwischen Kabelsträngen und den altrömischen Rutenbündeln - den Fasces - aufgefallen, von denen die Faschisten ihren Namen herleiten.

Eines der wesentlichen Entwicklungsprinzipien der menschlichen Kultur ist die Zunahme an Unterschieden. Ähnlich der Evolution von Molekülen, bei der kleinere Einheiten sich zu größeren verbinden, zeigen nun elegante Mischformen den technischen Frontverlauf der tatsächlichen Entwicklung hybrider Konvergenzen an (die Mehrzahl, um deutlich zu machen, dass die Welt der Hybridgeräte ein Multiversum ist). Ein Telefon mit Display, um E-Mails zu lesen, so fing es vor ein paar Jahren an; heute haben wir das iPhone. Und ein Gadget wie das iPhone hat nicht nur wegen seiner Designqualitäten einen Ruf wie Donnerhall. Es ist ein ausgezeichnetes Beispiel für einen gelungenen Hybriden - eine Kreizung zwischen Mobiltelefon und handlichem Rechner, die eine neue Qualität hervorbringt, welche über die beiden Grundbestandteile hinausgeht.

Von Epson gibt es Akkufestplatten mit eingebautem Display, mit denen Digitalkameras  direkt angesteuert werden können. Nikon kündigt eine Kamera mit einem eingebauten Projektor an. Und ein Hybrid-Klassiker, nämlich das Kamerahandy, ist spätestens seit der Proteste im Iran zum Symbol einer Kommunikationsrevolution im weiteren Sinn aufgestiegen.

Die meisten kulturpessimistischen Denkmodelle basieren auf dem Fehler eines scheinbaren Entweder-Oder - entweder Buch oder Fernsehen, entweder Couchpotatoe oder Mauspotatoe. Damit erfindet man ein Problem, das es nicht gibt. Es gibt nur das Viele.

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(Erstveröffentlicht im ? Blog der Technology Review). |

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Mein Licht, dein Licht

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Befinden sich moderne Technik und religiöse Prinzipien auf Kollisionskurs?

Mitte Juli verklagten die britische Schulleiterin Dr. Dena Coleman und ihr Mann Gordon ihre Hausverwaltung, weil diese ein über einen Bewegungsmelder gesteuertes Treppenhauslicht hatte installieren lassen, um Energie und Kosten zu sparen. Die Colemans beklagen, dass sie nun an Samstagen in ihrer Wohnung eingesperrt seien. Das Licht einzuschalten bedeute für sie als orthodoxe Juden einen schwerwiegenden Verstoß gegen ein religiöses Gebot. Von Freitagabend nach Sonnenuntergang bis Samstagabend, wenn die ersten drei Sterne am Himmel zu sehen sind, an Sabbat also, ist es orthodoxen Juden unter anderem nicht erlaubt, Feuer anzuzünden - darunter fällt heutzutage auch das Einschalten von elektrischem Licht.

Das Ehepaar sieht sich in seinen Menschenrechten verletzt. Die 35 Miteigentümer werden nun aufgefordert, die Hausverwaltung zur Installation eines speziell anzufertigenden Überbrückungsschalters zu veranlassen, der den Bewegungsmelder an Sabbat außer Kraft setzt. Bei der Unterkunft in der Wohnanlage handelt es sich um die Ferienwohnung von Familie Coleman.

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Himmlisch! (Foto: Rob!, Flickr/CC) ?
Spiritueller Snack: der
Bible Bar von House of David aus Orlando (Florida). |

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Sind moderne Technik und konservative religiöse Prinzipien inkompatibel? Die Frage, wie man zum Teil jahrtausendealte Regeln zeitgemäß auslegt, wird - zum Glück - immer wieder neu verhandelt. Wobei zeitgemäß heute unumgänglich heißt: im Sinne eines demokratischen Zusammenlebens unterschiedlich denkender Menschen. Demokratie muß die Gemeinsamkeiten fördern, nicht die Unterschiede.

Oft finden sich pragmatische Lösungen, mit denen sich religiöse Anweisungen alltagstauglicher machen lassen, ohne die strengen Buchstaben des Gesetzes zu verletzen. Auch orthodoxe Juden sind keineswegs Maschinenstürmer. “Im Bus surfen Haredim mit ihren iPhones durch den Internet-Talmud, im Sammeltaxi hören sie laut Thora-Techno auf ihrem iPod”, berichtet Svenia Kleinschmidt in ihrem Blog “Zwischen Techno und Talmud” aus Israel. Die Kontrolleure der jüdischen Speisegesetze in Restaurantküchen sollen bald Webcams weichen. Und Gebete kann man nun direkt an die Klagemauer twittern.

Vielleicht macht jemand die Streithähne in England darauf aufmerksam, dass es zumindest eine technische Teillösung für das Problem mit dem Treppenhauslicht gibt: die KoscherLamp. Sie besteht aus einem kleineren Zylinder, der in einem größeren steckt, beide unurchsichtig, aber mit einem kleinen Sichtfenster ausgestattet. Wenn man den inneren Zylinder, in dem sich die Glühbirne befindet, so dreht, dass die beiden Fensterchen sich decken, gibt die Lampe Licht; dreht man den Zylinder weiter, wird das Licht wieder verdeckt. (Hier das Funktionsprinzip veranschaulicht). Wird die Glühbirne vor Sabbat eingeschaltet, gibt es kein Problem mehr mit dem Feuermachen. Da die Birne im Inneren der KosherLamp den ganzen Samstag hindurch unverändert brennen muß, wäre das allerdings weder ein ökologischer noch ein ökonomischer Fortschritt.

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Ruhende Roboter

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LANGEWEILE bedroht Japans Roboter, die weltgrößte Armada automatischer Arbeiter. Überall geben die Menschen weniger Geld für Autos und Gadgets aus, die Industrienation durchleidet die tiefste Rezession seit Jahrzehnten. In hypermodernen Fabriken wie der von Yaskawa Electric auf der japanischen Südinsel Kyushu, wo Roboter früher am Fließband noch mehr Roboter produzierten, bewegt sich eine einsame stählerne Maschine und testet ihre Servomotoren für den Tag, an dem neue Aufträge kommen. Ihre abgeschalteten Kollegen stehen still in Reihen, die Arme wie mitten in einer Bewegung eingefroren.

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Führung in die Lehrwerkstatt
(Foto:
jimcnb, Flickr/CC-Lizenz) ?

Die japanische Industrieproduktion ist um 40 Prozent eingebrochen, und mit ihr der Bedarf an Robotern. Die Zeit der Lebensstellung für Arbeiter und Angestellte, in der etwa der japanische Roboterhersteller Fanuc auf seinem Gelände einen eigenen Firmenfriedhof für verstorbene Mitarbeiter unterhielt, ist vorbei. Galt der Vormarsch der Automaten nicht als unaufhaltsam? Hatten nicht kühne Künder wie Hans Moravec, Kevin Warwick oder Nick Bostrom bereits ein postbiologisches Zeitalter im Blick, in dem die Schöpfungen digitaler Natur die alte Natur spektakulär hinter sich lassen sollten? Radikale Vertreter der Harten KI sehen in der Fortentwicklung der Maschinen den nächsten Schritt der Evolution.

“OBWOHL DIE AUTOMATION schon seit längerem stetig an Boden gewinnt”, schrieb Lewis Mumford schon 1967 in seinem Buch Mythos der Maschine, “ist seltsamerweise erst in jüngster Zeit das Problem aufgetaucht, welche Bedeutung es hätte, wenn der Großteil des menschlichen Arbeitslebens ausradiert würde. Auch heute erkennen nur wenige, daß dieses Problem, einmal ehrlich ausgesprochen, das Endziel der Automation ernsthaft in Frage stellt. Was die mögliche Schaffung einer vollautomatisierten Welt betrifft, so können nur Ahnungslose ein solches Ziel als den höchsten Gipfel menschlicher Entwicklung ansehen. Es wäre eine Endlösung der Menschheitsprobleme nur in dem Sinne, in dem Hitlers Vernichtungsprogramm eine Endlösung des Judenproblems war.”

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Nein! Ein Roboter wird dir weichen, köstlichen Kuchen reichen (Foto: sylvar, Flickr/CC-Lizenz) ?

Die düstere Perspektive, die Mumford noch zu seinem dramatischen Vergleich veranlaßte, scheint sich in eine - um nichts weniger dramatische - Banalität aufzulösen. Dass ausgerechnet die Finanzkrise den dystopischen Visionen einer Maschinenzukunft den Schneid abkauft, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Als eine Erhebung des Fraunhofer-Instituts für Systemtechnik und Innovationsforschung vor acht Jahren überraschend ergab, dass über ein Drittel von etwa 1000 untersuchten Unternehmen mit hoch automatisieren Anlagen das Niveau der Automatisierung in ihrer Produktion gesenkt hatte oder das plante, war der wichtigste Grund dafür noch die zu geringe Flexibilität der Anlagen. Den Ansprüchen einer vom technologischen Wandel geprägten Wirtschaft, unter anderem maßgeschneiderte Produkte in kleinen Serien, konnten die kybernetischen Klötze nicht mehr genügen. Die Rede war von Overengineering.

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Handgearbeiteter Robot
(Foto:
à voir etc…, Flickr/CC-Lizenz) ?

NUN MACHEN die globalen Auswirkungen der Finanzkrise dem Durchmarsch der Automatisierung einen ebenso ernsthaften wie profanen Strich durch die Rechnung. Auch in Deutschland sind vor allem wegen des Auftragsrückgangs aus der Autoindustrie die Geschäfte von Roboterherstellern wie der Augsburger Firma Kuka in Mitleidenschaft gezogen. Im ersten Quartal gingen dort die Aufträge um 47 Prozent zurück, Einschnitte bei der Stammbelegschaft sind geplant. Seit Kurzem arbeiten 400 der gut 2200 Mitarbeiter der Robotersparte kurz.

Nicht einmal mit Spielzeugrobotern ist momentan ein Stich zu machen. Die amerikanische Firma Ugobe aus Idaho, die große Hoffnungen in ihren grünen Robo-Saurier Pleo gesetzt hatte, meldete im April Konkurs an. Auch die Robot Factory im japanischen Osaka, einst ein Mekka für Roboterfans, hat ihre Tore geschlossen, nachdem die Verkäufe dramatisch zurückgegangen waren. “Letzten Endes”, sagt ein Ladeninhaber, der Lagerbestände der Robot Factory gekauft hat, “sind Roboter immer noch teuer und tun nicht wirklich viel.”

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(Erstveröffentlicht im ? Blog der Technology Review). |

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Informationsbarock

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RAMEN SIND IN JAPAN äußerst beliebte Nudelsuppen aus einer speziellen Art von Nudeln. 2003 begann der heute 60-jährige Yoshihira Uchida, der den Ramen-Shop “Momozono Robot Ramen” in der Stadt Minami-Alps (”Südalpen-Stadt”) in der Präfektur Yamanashi betreibt, mit dem Bau eines Ramen-Automaten. An die 20 Millionen Yen (etwa 150.000 Euro) hat Uchida in die Konstruktion investiert.

Einen Topf Nudelsuppe zu kochen, dauert damit zwei Minuten (s.u.). Der Ramen-Robot ersetzt Menschen noch nicht vollständig, sie werden weiterhin benötigt, um die Nudeln herzustellen, die Mahlzeiten zu garnieren – und um sie zu essen. Am Bildschirm können sich die Gäste eine Suppe nach ihrer Wahl zusammenstellen und selbst bestimmen, wie reichhaltig beispielsweise Sojasauce oder Salz darin vorkommen sollen, damit sie perfekt schmeckt. Uchida zufolge sind mehr als 40 Millionen Geschmackskombinationen möglich.

Was auf ein zentrales Problem der Informationsgesellschaft verweist: Ständig nehmen die Optionen zu, eine Inflation von Möglichkeiten überschwemmt uns. Bibliotheken und Archive werfen uns Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in den Schoß. Oft aber scheint es, als werde die Fülle an Kulturschöpfungen und Gütern eher gewogen als wissbar und genießbar gemacht. Große Zahlen interessieren mehr als große Ideen. Sieben Millionen Bücher hat Google bisher einscannen lassen. 40 Millionen Variationen des Suppengeschmacks bietet Herrn Uchidas Roboter. Und weit und breit keine Entscheidungshilfe.

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WAS UNS HEUTE in einem Bogen von Suchmaschinen bis Suppenrobotern mit Übermengen an Choices bestürmt, haben vor einem Vierteljahrhundert als erstes die Musiker scharf ins Auge gefasst. In den siebziger Jahren waren die Synthesizer aufgekommen, elektronische Ausdrucksmittel vor den ersten PCs. Bands wie Emerson, Lake & Palmer und Yes umgaben sich auf der Bühne mit sämtlichen Synthis, derer sie habhaft werden konnten und entlockten ihnen Millionen Variationen des Hubschraubergeräuschs. In der gesamten Rockmusik drückte sich eine bombastische Geschwätzigkeit und Unentschlossenheit aus, die deutliche Züge dessen hatte, was wir heute “Informationsbarock” nennen können. Ein Ton war interessanter, reizvoller, neuer als der vorangehende. Man war immer nur am Suchen, bis hin zu einer Art von nervösem Klangüberdruss. Aber nur suchen, ohne etwas finden zu können ist Religion. Im Umgang mit Maschinen ist das ein Problem.

Denn es geht nicht um die Menge an Möglichkeiten, sondern um die Kunst, sie zu beschränken. Sie zu reduzieren oder zu kompilieren auf das, was man sich so unter Qualität vorstellt. Erst die Gruppe Kraftwerk zeigte, wie man aus dem unüberschaubar Vielen das Richtige wählt – mit einer Musik, die klar ist, mit Melodien wie von Kinderliedern. Dass sie sich für diese einfachen Melodien entschieden haben, brachte damals das Ende einer Ära auf den Punkt.

ABER DIE PROBLEME von damals sind wir noch immer nicht los. Dabei wissen wir eigentlich schon lange, dass keine Maschine dabei helfen kann, darüber zu entscheiden, welcher Klang der Schönste ist – und welche von Herrn Uchidas Suppen die vollkommenste.

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Herrn Uchidas Ramen-Robot in Aktion:

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Hier noch ? eine viel unglaublichere japanische Maschine zur Herstellung von Ramen:

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Leuchtende Zellen und das Glück

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OB EIN ORT glücklich sein kann, hängt neben anderen Dingen vom geografischen Breitengrad und der Mentalität des Ortsglücksuchenden ab. Warten etwa heißt die Zeit, in der wir fühlen, wie gleichermaßen banal und bedeutend das ist, was wir Freiheit nennen. Was Warten bedeutet, weiß jeder Nutzer digitaler Gerätschaft. Man wartet, bis dero gütigster Gerätschaft fertig zu booten geruhen, bis das Mobiltelefon so langsam zu sich kommt, bis das eine oder andere Gigabyte mit der virtuellen Handpumpe aus dem Datenkeller gepumpt ist.

Wobei es ein Süd-Nord-Gefälle gibt. Je weiter nach Süden man kommt, desto mehr wandelt sich das, was wir hier nördlicher unwohl als Warten ansehen, in eine Lebensqualität. Eines der ersten Worte, die man auf Arabisch lernt, heißt bukra - “morgen”. Jener Süden, in dem das Warten nicht als Gemütsbremsung, vielmehr als eine Lust an der Zeit empfunden wird, reicht hoch bis an den Südrand der Alpen respektive den Nordrand des Balkans. Noch im Nachbarland Österreich ist der süße Hang zum Müßigen zu spüren. So verlangt die Kaffeehauskultur ihren Teilnehmern die ernsthafte Bereitschaft zum Rumhängen ab.

Telefonzelle
(Foto:
Newchurch ™, Flickr/CC-Lizenz) ?

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DAMIT ABER ERST gar keine falschen Vorstellungen über uninnovatives Faulsein aufkommen, möchte ich darauf hinweisen, wie sehr schon vor über hundert Jahren zu Zeiten der k.&.k. Donaumonarchie die klassische Kaffeehaussituation jener Altagssuite ähnelte, die ein Netznutzer im 21. Jahrhundert vorfindet. Man ging nicht einfach ins Kaffeehaus, um Kaffee zu trinken und aus dem Fester zu sehen. Zum einen lag (und liegt) in einem guten Kaffeehaus eine Auswahl der internationalen Tages- und Wochenpresse zur Lektüre aus. Zum anderen ließen sich Stammgäste oft ihre Post nicht in ihre Wohnung, sondern ins Kaffeehaus zustellen, die sie zusammen dann mit dem ersten Kaffee an den Tisch gebracht bekamen.

Zum Weiteren gab es bereits das analoge Pendant zu Google. Im guten Kaffeehaus gab es natürlich auch ein Konversationslexikon, und wenn man bei der Zeitungslektüre auf einen Sachverhalt oder einen Begriff gestoßen war, zu dem man gern mehr wissen wollte, konnte man den Oberkellner fragen, der dann entweder mit der Auskunft oder dem bereits auf der interessierenden Seite aufgeschlagenen Lexikonband wieder zurückkam. Die Antwortzeiten lagen zwar unwesentlich höher als bei Google, der begleitende Rückfluß an Glücksgefühl aber war zweifellos höher.

Mojave Phone Booth, Sonnenaufgang
(Foto:
eyetwist, Flickr) ?

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GLÜCK IST, by the way, kein erstrebenswerter Dauerzustand. Es hat seinen Platz in den Gezeiten der Gefühle und ist, wie auch die Liebe, nicht nur ein Gefühl, sondern eine Fähigkeit. Glück ist eine Option. Ich schaue, zum Beispiel, hinaus in die blaue Dämmerung und sehe die Telefonzelle am Ende der Straße, leer und leuchtend. Eine der verbliebenen Telefonzellen, wobei ja auch die kahlen Kommunikationsmarterpfähle aus gebürstetem Stahl, die man uns stattdessen in den öffentlichen Raum gerammt hat, inzwischen mit Vordächern und Seitenwänden langsam wieder zuwachsen zu etwas zumindest Zellenhaftem.

Leuchtende, leere Telefonzellen in der Dämmerung sind wunderschön, ein paar davon gibt es ja noch. Sie sehen aus wie robotische Boten einer längst versunkenen Zivilisation, freundliche Maschinen, unermeßlich klüger als wir. Die leuchtende Zelle lädt ein, sie zu betreten und jemand Fernen anzurufen. Obgleich ein Mensch in einer Telefonzelle allein steht, wirkt doch niemand so wenig einsam wie jemand, der in einer Telefonzelle steht und telefoniert. Eine Katze, die einen Menschen telefonieren sieht, ist zurecht verwirrt. Der Mensch, in gänzlicher Zuwendung, spricht mit einem Ding. Er ist verloren an eine Ferne.

Das Allerschönste aber ist eine leere, leuchtende Telefonzelle in der Dämmerung. Ich entwerfe leicht euphorisiert ein Theaterstück, das in einer Telefonzelle spielt. In dem Stück wird eine Telefonzelle von jemandem bewohnt, der noch auf dem Brett, auf dem früher die Telefonbücher lagen, einen Untermieter hat. In dem Stück geht es um alle erreichbaren Fernen der Welt. Mit der Hand schöpfe ich noch etwas Licht in meinen Pullover und verlasse dann, glücklich, den Ort.

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Telefonzellen in der Nacht:
Nightboxes - View this group's most interesting photos on Flickriver

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Die Macht des Teilens

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SHARISM nennt der chinesische Blogger und Finanzexperte Isaac Mao, was die neuen sozialen Medien und die durch sie ermöglichten Gemeinschaften antreibt – die Lust, Dinge mit anderen zu teilen (to share), die immer stärker zunimmt. Oder wie Wilhelm Busch es einige Zeit früher ausdrückte: Doch guter Menschen Hauptbestreben / ist, andern auch was abzugeben.

Ebbsfleet United
(Bild:
Andyrob, Flickr/CC-Lizenz) ?

Neue Formen von Gemeinschaftswucht im Netz zeigen eine erstaunliche Leistungsfähigkeit. Als vor zwei Jahren die Website Myfootballclub eingerichtet wurde, hatten die bis dahin 12.000 Mitglieder bereits 500.000 Pfund (knapp 540.000 Euro) gesammelt. Ein halbes Jahr später begannen die Verhandlungen mit dem britischen Fußballclub Ebbsfleet United und im Februar 2008 war das Geschäft perfekt: Myfootballclub-Mitglieder aus 70 verschiedenen Ländern kauften für 600.000 Pfund einen 75%-Anteil an dem Club und entscheiden nun über Aufstellungen, Transfers und Spielerkäufe. Ebbsfleet United ist, so die stolze Selbstauskunft, the world’s first and only web-community owned football club.

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Google Earth Strange Views
(Bild:
Sir Adavis, Flickr/CC-Lizenz) ?

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DIE DIGITALEN KOMMUNIKATIONSINSTRUMENTE verändern die Art, wie wir leben, wie wir miteinander umgehen, wie wir Geschäfte machen und wie wir uns austauschen. Beruflich und privat bereiten sich inzwischen viele auf reale Begegnungen vor, indem sie Suchmaschinen und soziale Netze zu der Person befragen. Und statt sich für den Aufenthalt in einer fremden Stadt Tips aus dem Reiseführer zu erblättern, kann man sich nun einfach per Mail Placemarks schicken lassen, mit denen Freunde ihre Lieblingsplätze auf Google Earth markiert haben. Inzwischen sind Online-Communities nicht mehr nur Treffpunkte, sie sind in Bewegung geraten. Dienste wie Twitter oder Facebook haben sich dem Lifestreaming verschrieben und lassen einen endlosen Fluß kleiner Nachrichten von überallher auf Bildschirm oder Smartphone-Display strömen – anstelle eines Agenturtickers mit Weltnachrichten laufen nun per Echtzeit-Nachrichtenfluss Meldungsschnipsel von (echten oder virtuellen) Freunden oder Kollegen ein. Die ganze Welt wird zur WG. Alle Freunde sind immerzu da.

“Kultur ist Vielfalt an Problemen”, schrieb Egon Friedell vor hundert Jahren. Online verwandelt sich sozialer Austausch heute in das Management von Kommunikationskonfetti. Und ständig finden kreative Geister neue Anwendungsmöglichkeiten für die neuen Techniken. Guy Kawasaki, der bei Apple als “Evangelist” mit der die Vermarktung des Macintosh erfolgreich war, ist heute Venture Capitalist im Silicon Valley und hilft Unternehmensgründern auf dem Weg nach vorn. Kawasaki hat eine Methode gefunden, mit der man mit Hilfe dessen, was eine Netzgemeinschaft miteinander teilt, einschätzen kann, ob man es mit einem guten oder einem schlechten Risikokapitalisten zu tun hat. Einmal gab es ein Meeting in seiner Firma Garage Technology Ventures und einer der Teilnehmer projizierte nebenbei zum Spaß die Website einer Online-Community an die Wand – das Golf Handicap Information System. Diese Website gibt Auskunft über das Handicap eines Golfspielers, also über seine Spielstärke. Alle Golfclubs melden die Spielergebnisse ihrer Plätze inzwischen an dieses Netzforum.

Scratch Golf Ball Rocket
(Foto:
jurvetson, Flickr/CC-Lizenz) ?

DIE TEILNEHMER des Meetings riefen aus Jux die Namen von Konkurrenten, die im Verdacht standen, die meiste Zeit auf dem Golfplatz zu verbringen. Für Kawasaki ist das inzwischen mehr als nur ein Spaß. Er fragt seither regelmäßig in der Golf-Community die Namen von Mitbewerbern oder potentiellen Geschäftspartnern ab. Wenn sich die Spielstärke eines golfenden Risikokapitalisten ungewöhnlich schnell verbessert, geht er davon aus, dass die Person sich lieber auf dem Rasen aufhält als in den Unternehmen, an denen er sich beteiligt.

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Das Unwägbare

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MIT DEM GLOBALEN DORF wird ein alter Mythos wieder wahr. Vor Jahrmillionen gehörten die Kontinente noch zu einem einzigen Stück Land - Pangäa nennen es die Geologen. Dann kam das Wasser und trieb die Kontinente auseinander. Das Online-Universum will die Welt, die Kontinente, wieder zusammenfügen. Jede Bewegung des Raums hat ihren Grund in der Bewegung des Geistes. Wir fühlen etwas von dem Ungemeinen und Phantastischen, das dieses Neue für uns bedeutet. Die Natur schweigt, wie sie es seit Ewigkeiten tut. Der Mensch aber beginnt eine Welt zu errichten, die ihn versteht. Mit Hilfe der Maschinerie, die er sich erschaffen hat, ist er tief berührt - von Kommunikation.

Diese Maschine hat kein Gehirn
(Foto:
Pierre-Olivier Carles, Flickr/CC) ?

Beim Menschen hat das Nervensystem in einigen - stammesgeschichtlich wenigen - zurückliegenden Jahrtausenden Jahren ein außerordentliches Wachstum erfahren. Dank dieses Nervensystems und den aus seiner geistigen Substanz geformten Produkten, den Zeichen und Symbolen, lebt der Mensch in einer an Möglichkeiten unvergleichlich reicheren Welt als jedes andere Lebewesen. Nur hier, im menschlichen Geist, hat die Fortschrittsidee Substanz und bietet Aussicht auf eine bessere Zukunft.

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KOMPLEXITÄT, SO KÖNNTE MAN als These für den Leitstrom formulieren, ist der Sinn von allem. Die Welt ist dazu da, komplex zu sein. Vom Menschen aus gesehen liegt ihr Sinn in der Entfaltung und Erkenntnis immer neuer verborgener Möglichkeitsräume und Tiefen. Und obwohl mancher daran zweifeln mag, wenn er das Nachmittagsprogramm im Fernsehen sieht: der Mensch wäre dazu da, seinen Weg zu immer neuen, bisher unvorstellbaren und ungedachten Komplexitäten zu finden und sich selbst als ein Ausdruck dieser Komplexität zu erfahren. Was wir als Universum bezeichnen, ist das vorhandene Maximum an Komplexität. In immer neuen und erstaunlich erfolgreichen Vorstößen versuchen wir zu lernen, wie wir immer umfassender Formen von Komplexität handhaben können. Das bemerkenswerteste herkömmliche Instrument dafür ist unser Organismus, das verheißungsvollste neue Instrument die vernetzte Computertechnik.

Viele sprechen vom Kommenden zurecht als von etwas Unwägbarem. Klar sind die technischen Anforderungen, die transnationalen Verschränkungen, die Billionensummen, die investiert werden in den Aufbau von Infrastruktur von völlig neuen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Räumen, die kein Körper betreten kann und in denen sich trotzdem bereits hunderte Millionen Menschen bewegen. Das Unwägbare betrifft die Qualität der Veränderungen, welche die neuen Technologien nach sich ziehen werden. Niemand wagt ernsthaft Prognosen die über ein paar Monate hinausreichen zu dem, was mit uns geschehen wird durch das, was wir da tun. Die Idee der massiv multimedialen, weltweiten Vernetzung verstärkt sich selbst, der kritische Punkt ist überschritten.

Die jenseitigen Ziele der christlichen Religion, die unsere Kultur zwei Jahrtausende lang geprägt haben, verblassen. Als Medium der Welterklärung tendiert die Computer- und Kommunikationstechnik nun dazu, zur Religion zu werden - wie jede Ideologie, die universale Bedeutungen vermittelt und absolute Anpassung verlangt. Die Befolgung der richtigen Befehle (am Rechner) wird geadelt durch Begriffe wie Computerkompetenz. Nicht nur an videospielenden Jugendlichen ist die Intensivform jener Inbrunst zu beobachten, die vor noch nicht allzulanger Zeit der Erzeugung von Marienerscheinungen oder der Steuerhinterziehung vorbehalten war.

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DEN WEG ZU ENTSCHEIDUNGEN verändert und beschleunigt die neue, hyperkomplexe Geistmaschine radikal. So wie das altrömische Straßennetz mit seinen Wegweisern dem Apostel Paulus half, die Lehren und Bräuche der christlichen Kongregationen zu verbreiten und zu vereinheitlichen, geben elektronische Kommunikationssysteme nun vormals im Dunklen tappenden Gruppen Gemeinschaftsgefühl, Vertrauen und weltweite Unterstützung.

Den Traum vom Fortschritt durch neue Technik wird aber nicht die Technik erfüllen. Die Entscheidungen treffen, wie wir auch gerade im Iran sehen, nach wie vor die Menschen - die Machthaber und jeder einzelne Demonstrant und jeder Polizist oder Prügelperser, der das entscheidende Gefühl wahrnimmt: Ist da noch Angst oder schon der nächste Antrieb?

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(Erstveröffentlicht im Blog der Technology Review)

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Bad Orwell

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Die Vorstellung vom “intelligenten Wohnen” hat ihre Wurzeln in technikfixierten Entwürfen luxuriöser Bequemlichkeit. Durch massenhafte Herstellung sollten vormals nur reichen Leuten vorbehaltene Annehmlichkeiten für jedermann verfügbar gemacht werden. Vor hundert Jahren sollte mit derartigen Verheißungen der Absatz elektrischer Haushaltsgeräte oder, sofern es sich um utopische Konzepte wie etwa ein Telephotophon (heute: “Bildtelefon”) handelte, der Absatz von Zeitschriften  angekurbelt werden - durch zündende Zukunftsgeschichten.

Das Jahr 2000: Madame im elektrisch betriebenen Badezimmer ?

Hartnäckig hält sich seither die Idee, dass sich, wenn man nur genug pfiffige Technologie zum Einsatz bringt, der einstmals feudale Aufwand an dienstbaren Geistern, Kammerdienern und Zugehfrauen in einer demokratietauglichen Form wiederherstellen ließe. Da die gerätemäßige Luxurierung der Gesellschaft mit Wasch-, Spül-, Küchen- und Gartenmaschinerie nebst Saugrobotern inzwischen jedoch einen sehr hohen Sättigungsgrad erreicht hat, beginnt sich der Markt für maschinelles Wohnen neu zu orientieren.

Angesichts der demografischen Entwicklung - sinkende Geburtenrate, Zunahme von Haushalten, in denen nur eine Person lebt, wachsender Anteil älterer und pflegebedürftiger Menschen - geht es nun nicht mehr um die gewissenlos genießbaren Annehmlichkeiten digitaler Dienstmädchen. Jetzt geht es um Hilfe in der Not.

Heizen mit Radium ?

Am Fraunhofer-Institut für Mikroelektronische Schaltungen und Systeme (IMS) in Duisburg beispielsweise wird ein Badezimmer entwickelt, das vom Kleinkind bis zum Greis allen hilfreich sein möchte. In der in solchen Forschungseinrichtungen inzwischen üblichen Mischung aus Marketing- und Technokraten-Sprech heißt das Projekt inBad – Badumgebung mit Technikassistenz im Fraunhofer-inHaus-Zentrum und weckt als erstes den Wunsch nach einem intelligenten Empfehlungssystem zur ungrausigen Namensgebung (inBad, der E-Fahrer).

Die inBath-Experimente sind “speziell auf eine Unterstützung und Verbesserung der hygiene-relevanten Pflege in einem Mehrgenerationenhaushalt ausgerichtet. Mit Hilfe neuer Technologien werden Erinnerungshilfen zur täglichen Körperpflege beispielweise für Senioren … bereitgestellt. Auf diese Weise soll ihre Autonomie erhöht und ihnen ein (längeres) Leben in ihrer heimischen Umgebung ermöglicht werden.” Bewohner zu beobachten und zu unterstützen, ohne sie zu stören, ist die gute Absicht der “assistiven Badumgebung”. Wie wir aber aus anderen Lebensbereichen wissen: Gut gemeint ist noch keine Kunst.

“Das elektronisch ausgestattete Badezimmer”, darauf müssen die Erforscher der Badezimmerzukunft explizit hinweisen, “wird von der ganzen Familie gern benutzt: Es ist barrierefrei und hat eine Toilette, die die Bewohner erkennt und sich automatisch auf die passende Höhe einstellt.” Möchte ich von meiner Toilette erkannt werden? Ist das eine Idee aus einem unentdeckten Manuskript von George Orwell, das er nach drei schlaflosen Nächten mit einer Durchfallerkrankung verfaßt hat? Ein Toilettensitz, der erkennt, wer gerade reinkommt und computergesteuert die passende Höhe einnimmt, niedrig für das Kind, hoch für einen Menschen, der Mühe mit dem Aufstehen hat - was für ein Aufwand an Material und Kosten, was für ein Bündel an störanfälligen Bestandteilen, vom Betriebssystem über die Sensorik bis zu den mechanischen Teilen - von den Folgen nutzeruntypischen Verhaltens einmal ganz abgesehen. Ein rutschsicherer Aufsatz für die Klobrille, mit dem sich die Sitzhöhe einer Toilette variieren läßt, löst das Problem längst für ein Hundertstel an Kosten und Konstrukteursgenialität, die eine Teleskoptoilette erfordert.  Solche irreführend als “intelligent” bezeichneten Systeme funktionieren immer nur dann gut, wenn ihre Nutzer eine möglichst monotone, ausnahmefreie Lebensweise pflegen - oder aber freundlich, aber bestimmt zu einer solchen angeleitet werden sollen.

Der Korrespondenz-Kinematograph ?

Wie grundfalsch der Ansatz des netten Badezimmers ist, zeigt eine Bemerkung von Tobias Haverkamp vom Fraunhofer IMS. Das System inBad sammelt Daten über den Bewohner - hat er seine Medikamente genommen? Betreibt er Körperpflege? Puls? Gewicht? (Diese Werte werden über Sensoren im Fußboden erfasst). Die gesammelten Daten kann ein Pfleger mit einem Tastendruck abrufen. So bleibe ihm Zeit für den Menschen, so Haverkamp, der soziale Aspekt der Pflege werde wieder mehr betont.

Wer’s glaubt, wird selig. In Pflegeeinrichtungen würde der Effizienzgewinn aus solchen Maßnahmen, schon um die Anschaffung zu amortisieren, selbstverständlich zuerst unter dem Aspekt der Betriebswirtschaftlichkeit betrachtet werden. Es ist naheliegend, dass der maschinengestützt mögliche Zeitgewinn eher zu einer Verdichtung der telepflegerischen Tätigkeiten führen wird, als zu einer Renaissance der Menschenfreundlichkeit.

Und in einem Privathaushalt, in dem die alte mit den jüngeren Generationen zusammenlebt - werden Pflegende künftig zu so etwas wie Wächtern vor den Kontrollmonitoren der Überwachungssysteme?  Wenn es um Leben und Tod geht, hilft rationalisierte Überwachungstechnik ohnehin nicht viel. Im Februar 1995 zertrümmerte ein Unbekannter auf einem Hamburger U-Bahnhof nur wenige Meter von einer Überwachungskamera entfernt den Kopf eines alten Mannes, der am folgenden Tag im Krankenhaus starb. Aus Kostengründen schaltete die Kamera nur alle vier Minuten für jeweils 60 Sekunden auf den Bahnsteig und sprang dann zum nächsten Bahnhof um. Das System sei “ziemlich optimal”, so ein Sprecher der Hochbahn AG,  “besser als jeder Haltestellenwärter”. Der Todesfall sei “einfach Pech gewesen”.

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Illustrationen: Drucke von 1910 aus den Beständen der Französischen Nationalbibliothek, die das Leben im Jahr 2000 zeigen (via Paleofuture).

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(Erstveröffentlicht im Blog der Technology Review)

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Fehlerbäume

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Neben der Weisheit der Massen gibt es im Netz auch eine Masse an Unweisheit. Hochgeschwindigkeitsschlamperei ist einer der Gründe dafür.

Viele vertrauen nun auf “Die Weisheit der Vielen”, so auch der Titel eines Buchs, mit dem der Autor James Surowiecki im Jahr 2004 Aufsehen erregte. Surowiecki schreibt, dass Probleme von Gruppen wesentlich effektiver gelöst werden können als von einzelnen. Wenn man dafür das Internet benutzt, nennt sich die Methode “Crowdsourcing”. Ein gutes Beispiel dafür ist der “Mechanical Turk” von Amazon. Die Einrichtung ist nach einem spektakulären Betrug benannt. Der sogenannte Schachtürke war ein angeblich schachspielender Automat, der 1796 von dem Hofrat und Erfinder Wolfgang von Kempelen konstruiert worden war. Wie sich später herausstellte, war im Inneren des Geräts ein menschlicher Schachspieler versteckt.

Am 28. Januar 2007 kehrte der amerikanische Computerexperte James Gray von einem Segeltörn vor San Francisco nicht mehr zurück; er hatte die Asche seiner verstorbenen Mutter ins Meer streuen wollen. Für die weiträumige Suche nach dem Vermißten wurden neben dem Einsatz von Flugzeugen, Helikoptern und Booten der Küstenwache auch – von Technikern des Satellitenbetreibers DigitalGlobe – tausende von Satellitenaufnahmen in kleine Abschnitte geteilt und dem Mechanical Turk übergeben. Diese Software koordiniert, dass Freiwillige einen jeweils anderen Bildabschnitt gezeigt bekommen und ihn nach Spuren eines abgestürzten Flugzeugs absuchen können. Ein Bericht über die Suche auf der Frontpage des Social Bookmarks-Dienstes Digg führte dazu, dass sich an die 12.000 freiwillige Helfer an der softwaregesteuerten Suche beteiligten.

Gleichermaßen wurde nach dem 63-jährigen Flieger und Abenteurer Steve Fossett gesucht, der am 3. September 2007 von einem Erkundungsflug nicht mehr zurückgekehrt war. Ein Gebiet von 26.000 Quadratkilometern wurde mit herkömmlichen Verkehrsmitteln ebenso untersucht wie mit Computerhilfe. Fossets Überreste wurden zwar Monate später gefunden, aber nicht durch die Hilfe der Mechanical Turk-Enthusiasten – so schön und von sozialer Wärme durchflossen diese Art der gemeinschaftlich angewandten Hilfsbereitschaft auch sein mag. Im September 2008 fand ein Wanderer Fossets Ausweis in der kalifornischen Sierra Nevada, ein paar Tage später entdeckte man die Absturzstelle. Auch von Jim Gray fand sich durch die ameisenfleißige Rasterarbeit der Mechanical Turk-Helfer nicht die geringste Spur. Drei Wochen nach seinem rätselhaften Verschwinden – Gray hatte unter anderem einen Funksignalsender für Notfälle an Bord, der schwieg – wurde die Suche ergebnislos beendet.

Man muß dazusagen, dass es neben der Weisheit der Massen auch eine Masse an Unweisheit im Netz gibt. Die wird zum Beispiel immer wieder anschaulich durch das Wachstum von Fehlerbäumen, die durch die schlampige Verbreitung von Informationen wunderbar gedüngt werden. Einer der Hauptgründe für diese Unweisheitsexplosionen ist etwas, das man Hochgeschwindigkeitsschlamperei nennen könnte. Einer schreibt etwas Falsches und über E-Mails, Tweets, gehetzte Nachrichtenportale und Blogs verbreitet sich ein solcher Fehler oft rasant und unkorrigiert. Geschwindigkeit im Netz ist faszinierend, aber sie entwickelt sich zu einer ebenso fatalen Qualität. Information ist schnell, Wahrheit braucht Zeit.

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Die dritte Natur

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SIND WIR NICHT ALLE inzwischen ein bißchen wie diese Fische, die in Aquarien an der Glaswand festgesaugt den Algenbelag abfressen, bloß dass wir an Bildschirmen festgesaugt sind und die ständige Informationsbemoosung wegfuttern?

“Gestern zum ersten Mal (versehentlich) den ganzen Tag fern vom Laptop verbracht, nur mit G1. Ging ganz gut. Könnte man öfter machen”, schreibt eine Freundin, die gerade in New York ist. Ihre Nachricht plätschert in dem Fluß der Facebook-Statuszeilen an mir vorbei. Draußen im Hof steht die Wirklichkeit rum. Die Rosen blühen, daneben wuchert Minze, und dann ist da noch eine Menge Grün, von dem ich den Namen nicht kenne und Kleinstgetier, von dem ich nicht weiß, wie es heißt. Die unbekannten Vogellaute, die über dem Grün schweben, könnte ich identifizieren. Irgendwo in Haus muß sich noch eine CD “Vogelstimmen der Heimat” nebst Begeitbuch befinden. Aber ich bin zu faul zum Suchen und warte lieber, bis Mo und Katja wieder zu Besuch kommen. Sie sind Birdwatcher, das heisst, sie liegen kundig im Unterholz und können zahllose Vogelstimmen unterscheiden. Viele Dinge - wie beispielsweise den Umgang mit Software und Hardware - lasse ich mir am liebsten von jemandem erklären, der sich damit auskennt, ehe ich zum Handbuch greife. Es gibt keine bessere Art, etwas zu lernen, als von einem anderen Menschen.

Und direkt von der Natur? In einem Gastbeitrag für das Blog BoingBoing nimmt der Autor und Technologie-Experte William Gurstelle mit einer gewissen Bestürzung zur Kenntnis, dass es zu viel Technologie in unserem Leben gebe und die Menschen immer weniger Zeit damit zubringen würden, die Natur unmittelbar zu beobachten und zu erfahren. In seinem Buch “Devices of the Soul: Battling for Our Selves in an Age of Machines” befindet der Wissenschaftskritiker Steve Talbott: “Im Netz kann ein Kind etwas über Bäume lernen, aber es wird nicht verstehen, was ein Baum ist. Die Information aus dem Netz oder aus einem Buch ist ein Fragment und aus dem Kontext gerissen. Sie wird nie dieselbe Eindringlichkeit haben wie eine Erfahrung aus erster Hand.”

Daraufhin begibt sich Gurstelle in den Garten - und zwar mit seinem neuen digitalen Mikroskop. Er verbringt den Nachmittag damit, die Welt im Kleinen zu betrachten, Bilder zu machen und eine Ameise zu filmen. “Zellen, Fasern, Samenkörnchen und Insekten, alles nur ein Teil der wilden Menagerie, die ich entdeckte - I found it way cool, and I’m no little kid.” Diese Forschungsreise in eine Wiese weist darauf hin, dass es in der Architektur der digitalen Welt an einem wichtigen Element mangelt: an Brücken, die Information und Erfahrung miteinander verbinden. Daten und Informationen werden erst dann zu Wissen, wenn wir sie mit unserer eigenen Weltwahrnehmung verbinden. Und in einer Welt, in der wissenschaftliche Erkenntnis scheinbar nur noch mit hochqualifizierten Teams und großem Aufwand an Geld und Material gewonnen werden kann, ist kaum etwas begrüßenswerter als die offene, kindliche Neugierde, die wissen möchte, was da den Grashalm entlangkrabbelt und welche Wunder sich in einem Wassertropfen aus einer Pfütze verbergen.

Auch wenn es nicht einer gewissen Ironie entbehrt, wenn jemand online über seine Erfahrungen mit dem nichtdigitalen Leben schreibt, die er mit einem Digitalmikroskop gemacht hat - auch William Gurstelle dürfte klar sein, dass die Natur in seinem Garten nur noch wenig mit jener todesgefährlichen Umwelt zu tun hat, als die sich die Natur unseren Vorfahren noch vor (entwicklungsgeschichtlich) nicht allzu langer Zeit präsentiert hat. Die zweite Natur, mit der wir im Prozess der Zivilisation die Erde überzogen haben, wird nun durch einen neuen Layer ergänzt - die dritte Natur der digitalen Sphäre. Aus diesen Transformationen, mit denen wir unsere Umwelt und uns selbst immer weiter verändern, erhebt sich immer wieder die Sehnsucht nach einer Rückkehr zu vermeintlichen Ursprüngen - eine romantische Form des Fundamentalismus.

Schon vor 2300 Jahren hatte Platon sich gegen die Verfestigung von Augenblicken in Aufzeichnungen gewandt. Vor allem die Schrift lehnte er ab - sie töte das lebendige Gedächtnis. (Bemerkenswerter Weise ist uns sein Protest in Form einer schriftlichen Aufzeichnung überliefert). Es war die Geburtsstunde des Kulturpessimismus, der sich seit Jahrhunderten gut von der Auffassung nährt, dass wir unsere Fähigkeiten an immer mehr Technologie fortgeben würden, die uns entleere und leblos mache.

Anfang der neunziger Jahre begann der deutscher Ausnahmeprogrammierer Karl Sims für die Supercomputer-Firma Thinking Machine spezielle Algorithmen zu entwickeln, die der extremen Leistungsfähigkeit der firmeneigenen Connection Machine angemessen sein sollten. Aus sogenannten Partikelsystemen schuf Sims phantastische Erscheinungen einer artifiziellen Natur, leuchtende Wasserfallkaskaden etwa oder die inzwischen klassische Animation “Panspermia“, in der die Reise eines Samenkorns durchs All und die Explosion der Fruchtbarkeit nach dem Aufprall auf einem Planeten zu sehen ist. Sims schuf Pflanzen, suchte die aus, die ihm am besten gefielen und ließ die Maschine in Echtzeit die nächste Generation berechnen.

Auf Spaziergängen in die reale, altgewohnte Natur, so erzählte er in einem Interview, rege ihn jedes Grasbüschel und jeder Strauch zur algorithmischen Nachahmung an. Wenn man dann aber beginne, in die Details einzudringen, zeige sich eine unermeßliche Komplexität. Aus der grünen Welt kehre er stets demütig zurück vor die Maschine.

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Zukunft in Farbe

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DIE AMERIKANISCHEN LED-Entwickler von Kent Displays haben den ersten Schritt hin zu einer elektronischen Haut für Kommunikationsgeräte präsentiert: Der “Reflex Electronic Skin” basiert auf einem speziell entwickelten cholesterischen LCD und kann eine von acht verschiedenen Farben auf einer Fläche von etwa 25 Quadratzentimetern anzeigen. Während diese erste Generation von bildschirmhafter Gerätehaut noch ebene Flächen benötigt, werden künftige PDAs und Handys rundum die Farbe ändern können.

Trugen die Damen früher die Handtasche passend zur Autofarbe, wird sich bald das Mobiltelefon der Garderobe anpassen lassen; mit ein wenig Bilderkennungs-Software ließe sich das auch problemlos automatisieren. Anrufe können visualisiert werden, indem das Gerät die Farbe wechselt oder das Smartphone, wenn ein dringender Termin ansteht, rot zu glühen beginnt. Auch Spaß-Applikationen, wie wir sie bereits vom iPhone kennen, werden die neue Technologie bestimmt mit Freuden nutzen - so könnte im Sommerurlaub nicht nur der Besitzer eines digitalen Geräts braun werden, sondern sein Apparat mit ihm.

DER BEGRIFF BENUTZEROBERFLÄCHE weckt eine falsche Verheissung. Ausser Pickel und Sommersprossen verfügt ein Mensch über keine von der Natur vorgegebene Oberflächentextur. So steht zu erwarten, dass nicht nur die Farbflexibilität in der Umhüllungsgestaltung von den Maschinen bald auch auf ihre Besitzer übergreifen wird. Vorstellbar sind beispielsweise Weiterentwicklungen konventioneller Tätowierungen in Form von Hair Tatoos - Regenbogen-Pigmente werden, je nachdem wo sich der Betrachter oder die Lichtquelle befinden, verschiedenartige Frisur-Farbwechsel möglich machen.  Der umständliche Griff zu Lebensmittelfarbe oder Colorierung entfällt. Mit den im Ultraviolettlicht aktiven Fluoreszenzfarben läßt sich sogar Eigenleuchten hervorzaubern. Und moderne Reaktivfarben können, wie bei einem Chamäleon, die Färbung gleichfalls je nach Kleidung, Stimmung, Umgebung oder Aktivität wechseln.

WAS SICH DAMIT ABZEICHNET, ist der analoge Nachzug dessen, was in virtueller Form im Netz und den sozialen Medien längst stattfindet. Wir alle teilen, in breiter Form, mehr über uns mit als je zuvor. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die sich digital erweiternden Wirklichkeitsfelder auch tatsächlichin der analogen Realität eintreffen. Technologien wie die Farbtransformer werden uns über den herkömmlichen Fächer an menschlichen Ausdrucksmöglichkeiten, von der Sprache bis zum modischen Statement, mit weiteren, ganz neuen Mitteilungskanälen versorgen und uns mit etwas ausstatten, das man statt mit dem unanschaulichen “Augmented Reality” viel schöner als technologische Aura bezeichnen kann - einer zusätzlichen, persönlichen Signalumgebung.

Und das ganze natürlich in Farbe.

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(Erstveröffentlicht im Blog der Technology Review)

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Vive la Redaktion!

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Es wird so viel geschrieben wie noch nie. Das Text-Universum explodiert - und schon formieren sich die Bruchstücke zu neuen Erscheinungsformen.

Es ist schon ein paar Jahre her, dass der hellsichtige Soziologe Michael Rutschky die Beobachtung gemacht hat, dass scheinbar keiner mehr lesen mag - alle wollen nur noch schreiben. Rutschky muß schon früh das Zeitalter der Blogs heraufdämmern gesehen haben.

Über 130 Millionen Blogs gibt es inzwischen weltweit. Im Schnitt werden innerhalb eines Tages 900.000 neue Beiträge in diesen Netzjournalen verfaßt. 1,59 Milliarden Menschen waren im Mai 2009 online, jeder zwölfte Internetbewohner bloggt also und trägt dazu bei, dass eine formidable Textflutwelle an die Bildschirme des Planeten brandet.

Text Fist
(Foto:
Andrew Mason, Flickr/CC-Lizenz) ?

Dieser immense Zustrom bedeutet eine immer größere Vielfalt an Lesenswertem. Die hat allerdings einen Preis: Was herkömmlich in Zeitungsrubriken und Sender-Programmschemata vorgeordnet wurde, wird nun entbündelt. Textatome fliegen uns um die Ohren, als hätte eine kulturelle Nuklearexplosion stattgefunden. Musiker verkaufen im Netz keine Alben mehr, sondern einzelne Tracks. Ähnlich geht es nun in der Online-Textwelt zu, in der ein flatterhafter Leser durch riesige Textmengen streift und sich hier und da und dort für einen einzelne Artikel entscheidet.

Um nicht unterzugehen in dieser Übermenge an Geschriebenem, gibt es drei mögliche Strategien: Redaktion, Aggregation und Ignoranz. Ignoranz ist eine der stärksten Waffen im Kampf gegen Überinformation, sie schenkt uns ein gewisses Gefühl der Souveränität. Redaktion heißt, dass wir nun in der Internet-Ära alle miteinander dazu verdammt sind, Journalisten zu sein und ein Gefühl für Qualität zu entwickeln. Und Aggregation heißt, dass aus den Textatomen schnell wieder Moleküle werden - vollautomatisch, wie bei Google News oder sorgsam oder spielerisch von Hand, wie es vielfach im Netz bereits geschieht.

Zu den Blogs kommen noch weitere digitale Schreibgelegenheiten wie Facebook mit 200 Millionen Nutzern oder Twitter mit 14 Millionen Nutzern in den USA und einige Zehntausend in Deutschland – den Kurztextklassiker SMS nicht zu vergessen. Im Januar 2009 erhielt Greg Hardesty aus dem kalifornischen Silverado Canyon die Handy-Rechnung seiner Tochter Reina. Sie war 440 Seiten lang und verbuchte 14.528 SMS (im Schnitt 484 Kurztexte pro Tag). Hardestys Glück: Reina hat eine Flatrate mit unbegrenzt SMS.

Es soll aber niemand glauben, dass die Vielschreiberei ein Phänomen ist, das erst jetzt in der digitalen Ära zum Vorschein kommt. Einer der exzessivsten Proto-Blogger war der Architekt Buckminster Fuller, der sein Leben in einer unglaublichen Ausführlichkeit  dokumentierte: Von 1915 an schrieb er 68 Jahre lang alle 15 Minuten einen Eintrag in ein Journal. Als Fuller am 1. Juli 1983 starb, hinterließ er 80 laufende Meter an Notizbüchern.

Die immer eingehenderen Aufzeichnungen, mit denen wir es zu tun haben, werfen ein Problem auf, das der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges in seiner Erzählung “Von der Strenge der Wissenschaft” beschrieben hat. Es geht darin um ein Reich, in dem die Kunst der Kartographie eine solche Vollkommenheit erreicht hat, dass eine Karte entsteht, “die genau die Größe des Reiches hatte und sich mit ihm an jedem Punkte deckte”. Aber eine Karte, die genauso detailliert ist wie die Wirklichkeit, verliert ihre Funktion.

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• Eine Auswahl weiterer Kolumnen
aus der Netzwelt der Stuttgarter Zeitung
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Slow Tech
Viele an Computer und Netz interessierte Menschen möchten sich nicht von Digital-Cowboys mit laut muhenden technologischen Leitströmungen durch die Prärie treiben lassen.

Die Killer-SMS
Im Zeitalter der Vernetzung breitet sich Wissen schnell aus - und Idiotie.

Vernetztes Wasser
Wer glaubt, dass Wasser bloß durchsichtig, klar und billig ist, sollte sich mal im Netz umsehen.

Das geheime Leben der Objekte
Bald bloggen nicht nur Menschen, sondern auch Dinge.

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Inspektor Facebook

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DAS NETZ IN SEINEN neuen Erscheinungsformen ist ein fantastisches Podium der Selbstdarstellung. Jeder kann sich nun ohne große Umstände der Welt zeigen (und fast jeder scheint das zu wollen). Der Drang nach Aufmerksamkeit in der Online-Welt hat bereits Grenzen verschoben. Warum haben die Folterer in Abu-Ghuraib sich selbst und ihre Opfer fotografiert? Warum stellt ein 28-jähriger Engländer ein von einem Kumpel aufgenommenes Video auf YouTube, auf dem zu sehen ist, wie er - das Nummernschild gut zu erkennen - mit seinem Motorrad mit 200 Sachen durch ein Wohngebiet rast? Ist es das, was man im 21. Jahrhundert dummdreist nennt?

Seit sich auch Sicherheitsbehörden in den Sozialen Netzen etablieren und die digital erweiterten Handlungsmöglichkeiten im Globalen Dorf nutzen, bekommen von Eitelkeit benebelte Gangster allerdings zunehmend zu spüren, dass die ungehemmte Netzdarbietung fatale Folgen haben kann. Wer anderen online von seinen geglückten Beutezügen oder Streichen berichten möchte, kann jetzt schnell Opfer seines Geltungsbedürfnisses werden. Digitale Areale wie Facebook können eine Fundgrube für junge Talente sein - wenn man aber in seiner Heimatstadt weiträumig ein wiedererkennbares Graffito anbringt, sollte man es vielleicht nicht auch noch zusätzlich auf seiner Facebook-Seite plakatieren, wie sich das ein 18-jähriger im kanadischen Winnipeg nicht verkneifen konnte. Nachdem die Polizei einen Hinweis auf sein Facebook-Profil  erhalten hatte, ging es ab auf’s Revier.

Auch im neuseeländischen Queenstown ging der Polizei erstmals ein Ganove via Facebook ins Netz. Auf der Aufnahme einer Überwachungskamera war ein Einbrecher prima zu erkennen, nachdem er sich die Maske vom Gesicht gezogen hatte. Die Beamten stellten das Bild auf ihre gerade erst eingerichtete Facebook-Seite. Dank der daraufhin eingehenden Hinweise konnte der 21-jährige Dieb schnell identifiziert und dingfest gemacht werden.

GENAUSO RISKANT kann es aber auch sein, technische Fallstricke in Gestalt scheinbar harmlos herumstehender Computer oder kilometerweit von ihren Eigentümern entfernter Laptops zu unterschätzen. Eine Frau aus White Plains im US-Bundesstaat New York war bei einem Einbruch unter anderem ihr MacBook gestohlen worden. Sie benutzte ein kleines, nützliches Feature namens “Back To My Mac”, um das eingebaute Kameraauge des Laptops einzuschalten und sich ein Bild von den ahnungslosen Übeltätern zu machen. Die Polizei nahm die Diebe fest und konnte die ganze Beute, darunter Laptops, Flachbildschirm-Fernseher, iPods, Spielkonsolen, DVDs und Computerspiele, sicherstellen. Die Idee der digitalen Spurenverfolgung hatte Gestalt angenommen, nachdem ein Kollege der Frau bemerkt hatte, dass ihr Rechner online war und ihr Bescheid gesagt hatte.

Und dann wäre da noch die Geschichte der Leute, die unrechtmäßig zu viel Geld gekommen sind, aber nicht, weil sie eine Bank ausgeraubt haben, sondern weil die Bank ihnen das Geld gegeben hat. Ein Geldinstitut in Neuseeland überwies dem Tankstellenbesitzer Leo Gao vor kurzem irrtümlich 1,7  Millionen Euro. Seither ist er samt Freundin Kara und Familie verschwunden. Ermittler vermuten die Flüchtigen in Hongkong – Karas Schwester berichtet auf ihrer Facebook-Seite fröhlich über ihre Abenteuer zwischen Neuseeland, Hongkong und Macao.

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? Hierzu siehe auch:

Laptop-Diebe, aufgepaßt! (13.10.2008, Technology Review) |

Home automation system, YouTube nab burglars (8.4.2008, cnet) |

Bizarre coincidence: front-page photos help capture thief (21.12.2007, BoingBoing) |

Diebe fangen mit Flickr (1.10.2007, heiseticker) |

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Das End ist nah

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Donnerstag, 14. Mai 2009. Gegen 17 Uhr machen sich Störungen im Netz bemerkbar. Anfragen bei Google dauern wahrnehmbar länger, bleiben vereinzelt minutenlang in der Luft hängen. Zahlreiche Google-Dienste sind von den Ausfällen betroffen. Auch andere Server werden zunehmend in Mitleidenschaft gezogen.

Zu einigen Fragen hat Google nix zu sagen (Foto: Mykl Roventine, Flickr/CC-Lizenz) ?

17:50 Uhr (dra) Berlin – Einem der deutschen reste agentur auf Büttenpapier zugegangenen Bekennerschreiben zufolge hat eine Gruppe radikaler deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die sich Kulturgüter Armee Fraktion (KAF) nennt, Google kaputtgedichtet. In der orthographisch wie stilistisch glanzvoll abgefaßten Erklärung beziehen der Täter, die Täterin, die Täter respektive die Täterinnen sich auf einen “perfiden und kapitalistisch-monopolistischen Angriff des Suchbehemots Google auf die Buchkultur” und verwerfen “das Borgeoischwafel des Heidelberger Appells“.

19:00 Uhr. Internationale Korrespondenten berichten von exzessiven emotionalen Ausbrüchen in verschiedenen Teilen der Welt. Nachdem anstelle des Google-Suchschlitzes nur noch eine leere weisse Seite auf den Bildschirmen erscheint, brechen Menschen in Büros und an anderen gemeinschaftlich zur Datenverarbeitung vorgesehenen Orten in Tränen aus und fallen einander in die Arme. Nach einem kurzen Verlustschock sehen sie sich von einem überwältigenden Gefühl der Befreiung überschwemmt. Kollegen, die seit Jahren nebeneinander sitzen, bisher aber nur elektronisch miteinander kommuniziert haben, machen sich persönlich miteinander bekannt.

19:01 Uhr. Die Aktienkurse von Papierherstellern und Druckereien sind zunehmender Volatilität ausgesetzt und explodieren schließlich in einem raketenartigen Anstieg. Hedge-Fonds schichten Milliarden in diesen Wirtschaftsbereich um, der noch bis vor kurzem als Auslaufmodell galt.

19:11 Uhr. Ein Konsortium, dem unter anderem die Flugzeughersteller Boeing, Airbus S.A.S. sowie die Fluggesellschaft Air Berlin angehören, gibt ein geplantes Gemeinschaftsprojekt zum Bau eines Papiergroßflugzeuges bekannt.

19:23 Uhr. Auf einer Pressekonferenz gibt ein Google-Sprecher bekannt, dass in Kürze die Pilotphase des Projekts “Google Material” beginnen soll. Damit sollen alle dreidimensionalen Objekte der Welt eingescannt und per Google suchbar gemacht werden. Auf Nachfrage erwähnte der Firmensprecher am Rande, dass es derzeit technische Probleme in den USA, Deutschland und Frankreich gebe, die in Kürze behoben sein sollen.

(Ein aus Sicherheitsgründen geheimgehaltener genauerer Zeitpunkt am Abend des 14.5.2009). Speichelspuren auf der Sondermarke “2007 – 100 Jahre Homo Heidelbergensis”, mit der das KAF-Bekennerschreiben frankiert war, weisen auf eine Anti-Anarchistische Zelle im süddeutschen Raum hin. Auf Anregung des Kulturstaatsministers beginnt eine schnelle Eingreiftruppe aus Bloggern und Urheberrechtsspezialisten damit, das Widerstandsnest mit unter Creative Commons freigegestellten oder gemeinfreien Texten zu beschallen. Die Bewohner der umliegenden Häuser müssen ihre Wohnungen verlassen und werden provisorisch in Turnhallen untergebracht.

20:00 Uhr. Google geht angeblich wieder. Wie sich später herausstellt, handelt es sich dabei jedoch um die weltweit größte bisher bekanntgewordene Phishing-Aktion, bei der Daten aller Art eingesammelt und missbräuchlicher Verwendung zugeführt werden.

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Slow Tech

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Verpassen wir den Anschluß? Viele an Computer und Internet interessierte Menschen möchten sich nicht von Digital-Cowboys mit laut muhenden technologischen Leitströmungen durch die Prärie treiben lassen.

“ES IST ZEIT, RSS komplett zu vergessen”, schreibt atemlos Steve Gillmor in dem vielgelesenen US-Blog TechCrunch, “und zu Twitter zu wechseln.” Die meisten Menschen in Deutschland haben noch nie von RSS gehört. Es ist eine nützliche und sehr bequeme Methode, in der Neuigkeitenvielfalt des Internet den Überblick zu bewahren. Die Bedeutung von RSS wird in den nächsten Jahren eher zunehmen als verschwinden.

Hochwertige RSS-Halskette (Foto: alex_lee2001, Flickr/CC-Lizenz) ?

RSS ist eine der Grundlagen der individualisierten Zeitung von morgen. Man abonniert damit die Neuigkeiten von Websites, Nachrichtenquellen und Blogs, die einen interessieren und muß dazu nicht mehr mühsam jede Site einzeln abklappern. Mit der passenden Software lassen sich diese RSS-Feeds einfach sortieren und rubrizieren, fast so wie man es von der redaktionellen Struktur einer herkömmlichen Zeitung kennt. Neu daran ist, dass man bei der Zusammenstellung seinen persönlichen Vorlieben folgen kann (in meinem Newsreader habe ich viele der bewährten redaktionellen Rubriken beibehalten, weil sie Sinn machen). Einer der Gründe für das Schattendasein von RSS ist, dass die Betreiber werbefinanzierter Websites den Nachrichten-Feeds oft skeptisch gegenüberstehen, da sie zurückgehende Besucherfrequenzen fürchten. In Wirklichkeit können sie, unter anderem, treue Leser gewinnen.

Angesichts eines trendgehetzten Steve Gillmor frage ich mich, was an einer solchen Meldung noch die hochleistungssportliche Info-Anstrengung einer technischen Avantgarde ist, und was bereits pure Hysterie (”Ich bin ganz, ganz vorne”). Leute wie Gilmor scheinen den Kontakt zur Realität, in welcher der Rest der Menschheit lebt, zu verlieren.

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Eine Schachtel Twitter ohne Filter (Foto: carrotcreative, Flickr/CC-Lizenz) ?

TWITTER. Etwa 70.000 Leute in Deutschland twittern, weltweit sind es an die 10 Millionen. Twitter ist ein interessantes, kleines Nebenbeimedium, das momentan als die schärfste Erfindung seit dem tiefen Teller gehandelt wird. Die meisten Menschen wissen nicht, was ein Tweet ist und schlafen trotzdem ruhig. Vielleicht, wenn man ihnen ein bißchen Zeit läßt und nicht schon vorher wieder die Luft raus ist (die Firma Twitter verdient kein Geld und weiß auch noch nicht, wie sie künftig welches verdienen könnte), werden auch die anderen mal zu twittern probieren, um herauszufinden, was es damit auf sich hat. “Tweets” heißen die Nachrichtenatome, die man sich auf Handy, Smartphone oder Computer schicken lassen kann. Ein, zwei Sätze. Das ganze ergibt eine Wolke aus Nachrichtenkonfetti - und die wichtigste Strukturierungsmöglichkeit entspricht dem Prinzip von RSS: Man kann die Äußerungen einzelner twitternder Menschen oder Organisationen abonnieren und ihr “Follower” werden.

Was wir an Gekreisch wie dem von Steve Gillmor beobachten können, ist eine Neuauflage des Mottos “GBF” - Get Big Fast - aus den Zeiten der New Economy. Damals hat man einfach Sinn durch Geschwindigkeit ersetzt (so wie man im Vorfeld der Finanzkrise verstehbare Verfahren durch hirnlose Geldgier ersetzt hat). Anfang der fünfziger Jahre, als der Marlon Brando-Film “Der Wilde” über eine rebellische Motorradgang in die Kinos kam, schrieb Helmut Qualtinger eine Song-Parodie auf den Film, deren Kernsatz noch heute aktuell ist: “Ich weiß zwar nicht, wo ich hinwill, aber dafür bin ich schneller dort.”

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Der cleane Kosmos

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ANLÄSSLICH DES NEUEN Star Trek-Kinofilms ist mir wieder aufgefallen, wie stubenrein und hochglanzpoliert die Welt in vielen klassischen Filmentwürfen einer technologisch geprägten Zukunft erscheint. “Raumpatrouille” mit den verchromten und glasglänzenden Interieurs der Orion-Raumschiffe und Unterwasserstädte gehört ebenso dazu wie die staubgesaugte Star Trek-Vielfalt in Kino und TV.  Inwischen hat das Staubsaugen tatsächlich kosmische Dimensionen erreicht. Schon im Trailer von Star Trek XI ist ein ganzer Planet zu sehen, der kollabiert und sich selbst einsaugt.

Die Menschen, die diese Hightech-Morgenwelten bevölkern, sind gleichermaßen seelisch bereinigt. Sie sind moralisch auf eine Weise konstruiert, die an die verfüherische Schlichtheit der euklidischen Geometrie erinnert – alles schön geradlinig oder höchstens unkompliziert, also kugelförmig gekrümmt. Es sind Menschen (und Wesen aller Art), die so prall gefüllt sind mit guten Absichten (oder so nachtschwarz böse), dass sie kaum noch durch die Tür respektive das Schott passen, welches übrigens bemerkenswerter Weise auch im 24. Jahrhundert noch ein pneumatisches Pffft von sich gibt. Ich hab mal eine Nacht in einem Hotel in Berlin verbracht, in dem die Tür zum Bad sich über eine Lichtschranke gesteuert öffnete – wie auf der Enterprise, bloß geräuschlos. Nach dem, was uns Drehbuchautoren an Phantasie zubilligen, hat die Gegenwart des 21. Jahrhunderts das 24. Kinojahrhundert also bereits überholt.

(Foto: Dan4th, Flickr/CC-Lizenz) ?

Auch die berührungslosen Waschbeckenarmaturen in dem Hotelzimmer und den schamanischen Fuchteltanz mit den Händen, den man mangels Bedienungsanleitung davor aufführen muß, um sie zum Funktionieren zu bewegen, fand ich futuristischer als vieles, das - auch wenn das Vakuum keinen Schall transportiert - auf Leinwand oder Bildschirm stets röhrend durch den Raum rast. O.k., es gibt auch Lichtblicke wie die Szene aus “Star Trek IV - Zurück in die Gegenwart”, in der Bordingenieur Scott sich ins 20. Jahrhundert gebeamt, in einer Werkstatt in San Francisco mit einem brandneuen Macintosh Plus und einem begeisterten Techniker konfrontiert sieht. Da Scotty es gewohnt ist, Maschinen durch gewöhnliches Sprechen zu bedienen, versucht er das auch mit dem Mac und redet in die Maus hinein – “Hallo, Computer?!”.

NEBEN DER STAUBGESAUGTEN, euklidischen Version der Welt wurde Mitte der siebziger Jahre aber auch eine verwickelte und ambivalente Realität sichtbar. 1975 hatte Benoît Mandelbrot den Begriff der Fraktale geprägt und der Beobachtung, dass die Natur nicht nur aus Kugeln, Würfeln und Pyramiden besteht, eine mathematische Grundlage gegeben. Damit war offiziell, dass die Welt nicht nur aus klaren, ganzzahligen Dimensionen besteht, sondern auch aus gebrochenen. Zugleich fand das Kino eindrucksvolle, poetische Bilder für diese abstrakte Erkenntnis.

Watched this week (Foto: Irina Slutsky, Flickr/CC-Lizenz) ?

In Filmen wie Dark Star oder Bladerunner wurde deutlich, dass die Welt kein weisser Würfel ist und nicht aus stapelbaren Stühlen besteht. Erstmals waren Raumschiffe zu sehen, die auch schon mal bessere Zeiten gesehen hatten, Zukünfte voller Chaos und Unkontrollierbarem und Technologie, die verbeult und öltriefend vor sich hin pröpelt.

Auch davon ist ein wenig in dem neuen Star Trek-Film angekommen. Funken fliegen auf Raumschiffwerften, Leute prügeln sich und haben Nasenbluten und bei manchen der riesigen Space-Bauwerke ist man nicht sicher, ob sie nicht vielleicht demnächst durchgerostet sein könnten.

Unser Vorstellungsvermögen wird in eine Hightech-Zukunft geführt, die nun schmutziger und komplizierter ist, man könnte auch sagen: versuchsweise realistischer. Die Geometrie einer sauberen Welt, die gegen eine unsaubere kämpft, ist nun auch im Kino (ein bißchen) gebrochen.

“Für jedes komplexe Problem gibt es immer eine einfache Lösung”, schrieb schon der amerikanische Autor Henry Louis Mencken, “und sie ist immer falsch”.

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Netzkolumne: Das Staatsgeheimnis

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Für die einen ist das Geheimnis ein fundamentaler Wert, ohne den die Gemeinschaft zerbricht. Andere sehen die Zukunft in einer gläsernen Welt.

Top Secret Area (Foto: Marcin Wichary, Flickr/CC) ?

BIS ZUR JAHRTAUSENDWENDE galt als ausgemacht, dass die Welt auf dem Weg in das Informationszeitalter ist. Mehr Transparenz würde die Entwicklung der Demokratie fördern, digitaler Zugriff auf Informationen Wirtschaft und Bildung prosperieren lassen. Viele sahen das Internet als Selbstgänger des Fortschritts. Aber spätestens nach dem 11. September 2001 wurde manchem Hightech-Euphorisierten klar, dass Information eine dunkle Seite hat: das Geheimnis. Die Generalidee eines gemeinsamen Wissensreichtums schloß sich wie eine Muschel. Politik und Militär trafen ihre Entscheidungen wieder hinter dem Schirm “klassifizierter” Information, Top Secret.

Inzwischen ist die Frage, was - und ob überhaupt etwas - geheim bleiben soll, wieder hart umkämpft. Obwohl beispielsweise alle EU-Mitgliedsstaaten verpflichtet sind, im Internet offenzulegen, wer von Agrarsubventionen aus Brüssel profitiert hat, will die Bundesregierung dabei nicht mitmachen – wegen möglicher Verletzung des “Grundrechts auf Datenschutz”, so Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner. Während die einen mauern, zeigen Netzaktivisten wie die Betreiber der Website Wikileaks eine gläserne Welt nach ihren Vorstellungen. Die selbsternannten Geheimnisverräter veröffentlichen anonym, was ihnen Insider aus Behörden und Firmen zuspielen – darunter auch Fälschungen, etwa einen angeblichen Aids-Test von Steve Jobs.

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GEHEIMNISSE KÖNNEN immense Produktivkraft entfalten und sie bilden die Grundpfeiler bestimmter Gesellschaftsformen. Wie man sie durch kommunikative Fehlsteuerung gegen die Wand fahren kann, hat kaum jemand seindrucksvoller unter Beweis gestellt wie das englische Königshaus. 1936 mußte Edward VIII abdanken, als er die geschiedene Amerikanerin Wallis Simpson heiraten wollte. Zum ersten Mal wurde damals das Privatleben eines Monarchen in Zeitungen ausgebreitet.

1969, in der Nacht vor der Investitur von Prinz Charles zum Prince of Wales, sahen 27 Millionen Engländer die BBC-Dokumentation “Royal Family“. Gezeigt wurde erstmals eine Version der Windsors als normale Mittelklassefamilie, die sich bloß darin von anderen unterscheidet, dass sie in einem Palast wohnt. Die Queen fütterte ein Pferd mit einer Karotte, und ihre Untertanen hörten sie das erste Mal nichtformell sprechen. “Sie wissen, dass sie mit dem Film die Monarchie killen“, ahnte der BBC-Wissenschaftsjournalist David Attenborough. “Die ganze Institution beruht auf Mystizismus und dem Stammeshäuptling in seiner Hütte. Wenn ein Mitglied des Stammes jemals das Innere der Hütte sieht, kann es sein, dass der Stamm zerfällt.“

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DASS TRANSPARENZ ein regulierender Wirtschaftsfaktor sein kann, beweist übrigens nicht nur die deutsche Debatte um die Offenlegung von Managergehältern. Die englische Königin berief sich darauf, dass der Monarch traditionell von der Einkommenssteuer ausgenommen sei. Diese Tradition war aber bei weitem nicht so alt, wie die Queen die Leute glauben machen wollte. Georg III. bezahlte Einkommenssteuer, ebenso Queen Victoria und alle nachfolgenden Könige. Erst Georg VI, der Vater von Königin Elizabeth, entschied, dass es Zeit sei, eine neue Tradition zu beginnen. Die Steuerbefreiung bescherte der Königin jährlich mehr als sieben Millionen Pfund. 1992 gab sie dem öffentlichen Druck nach und ist seither steuerpflichtig.

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Darwin und das Ganze

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DAS MECHANISCHE STEREOTYP in der herkömmlichen Geschichte der Technik ist so beharrlich, dass beispielsweise die Erfindung des Telephons meist ohne Hinweis auf die Tatsache geschildert wird, dass Alexander Graham Bell den Hörer bewußt der Anatomie des menschlichen Ohrs nachgebildet hat. Es war die erste verblüffende Erfindung, die auf einem organischen Modell beruhte und einen Lebensvorgang durch die Anwendung einer vorgegebenen biologischen Lösung simulierte.

Darwin Harbour, Stokes Hill Wharf (Foto: Stephen Barnett, Flickr/CC) ?

Beim Bau von Computern wurden erst Fortschritte erzielt, als die mechanischen Komponenten durch elektrische Ladungen ersetzt waren, so wie es bei der Informationsübermittlung im Nervensystem geschieht - ein Schritt, zu dem hereits Galvanis frühe elektrische Experimente mit den Reflexen eines Froschs den Ansatz geliefert hatten. Die Bedeutung organischer Phänomene für die Kybernetik und die Netztechnik ist heute so klar, dass zu modernen Forschungsteams nicht nur Mathematiker, Physiker und Techniker, sondern auch Physiologen, Neurologen und Linguisten gehören.

DER ERSTE und vielleicht größte Ökologe war Charles Darwin, Erdenker der Evolution, der die Vorstellung einer Erde als ein in sich verwobenes, in jeder Hinsicht dynamisches Gebilde in ihrer organischen Ganzheit zu fassen versuchte. Kein anderer hat das konstante, unlösliche Zusammenspiel zwischen Organismus, Funktion und Umwelt so gründlich beschrieben wie er. In seiner Person war das postmechanistische Weltbild, das auf dem beobachteten Wesen der lebenden Organismen beruht, symbolisch verkörpert.

Was Darwins Gedanken so überzeugend machte, waren nicht seine spezifischen Theorien, sondern seine einzigartige Fähigkeit, eine große Zahl von Beobachtungen bestimmter Ereignisse verschiedenster Art zusammenzufassen. Sich diese Fähigkeit auf neue Weise zueigen zu machen mit Gewinn für alle Beteiligten und sie auf die Überfülle an Informationen anzuwenden, die durch das Online-Universum wölken, gehört zu den vornehmsten Aufgaben unserer Zeit.

Micro Monkey-Socken anläßlich des Geburtstags von Charles Darwin (Foto: milele, Flickr/CC) ?

OBWOHL KEINE einzelne Beobachtungsfolge zur Erklärung der Evolution des Lebens ausreichte, enthüllte die Gesamtheit, als Darwin sie zusammenfügte, ein konkretes Muster von äußerster Komplexität. Im organischen Weltbild gewinnt auch die Zeit eine neue Bedeutung. Sie wird nun nicht mehr nur mit Bewegung und serieller Abfolge in Verbindung gebracht, sondern auch mit dem organischen Wachstum der Art und des Individuums. Die Vergangenheit geht nicht verloren, sie bleibt im individuellen Gedächtnis, und in der gesamten Struktur des Organismus präsent. Der Mensch hat sich darüber hinaus die Dimension der Zeichen und Bedeutungen als einen besonderen Ort der Unsterblichkeit erschlossen.

Durch diese neue Idee der Zeit, von Ganzheitlichkeit getragen, erweist sich das herkömmliche Fortschrittsdenken - die Vergangenheit muß überwunden und beseitigt werden! - als Teil der linearen Falle. Die große Revolution, die wir brauchen, verlangt vor allem eine Transformation des mechanischen Weltbilds und seiner digitalen Fortführungen in ein organisches, in dessen Mittelpunkt der Mensch steht, “kühl und gefaßt einer Million Welten gegenüber”, wie Walt Whitman es ausdrückte.

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Der Neubau der Welt: Bauhaus und Bittorrent

VOR 90 JAHREN gründete der Architekt Walter Gropius in Weimar das “Staatliche Bauhaus”. Der Stil des Bauhaus hat wie kein anderer im 20. Jahrhundert verändert, wie man Dinge und Lebenswelten gestalten kann. Aber das Bauhaus war mehr als nur klare Architektur, moderne Möbel und form follows function.

Hugo Häring: Berlin Siemensstadt, 1929 (Foto: seier+seier+seier, Flickr/CC) ?.

In den zwanziger Jahren stand das Bauhaus als Synonym für ganzheitliche Gestaltung und die radikale Modernisierung des Lebens. Heute sind es Computer und das Netz, die uns zu einer Neuerschaffung der Welt auffordern.

Vieles an der Situation, die zur Entstehung des Bauhaus geführt hat, erinnert an die heutige Situation – der massive Technisierungsschub ebenso wie die sozialen Umstrukturierungen, in deren Folge auch damals erhebliche Teile der Bevölkerung proletarisiert worden sind; heute heißt das “Zweidrittel-Gesellschaft” oder “Prekariat”.

“Jeder Stuhl, jeder Tisch und jedes Bett, jeder Löffel, jeder Krug und jedes Glas” sollte nach dem Willen der Bauhaus-Meister neu erfunden werden. Ähnlich umfassend vollzieht sich die digitale Revolution. Eine “Kultur des Volkes für das Volk” zu schaffen, lautete der Bauhaus-Anspruch – das Netz als Medium, in dem alle zu allen sprechen, ist unsere zeitgemäße Entsprechung.

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HEUTE WIE DAMALS wollen die schöpferischen Geister Kunst und Maschine versöhnen. “Erschaffen wir gemeinsam den neuen Bau der Zukunft, der alles in einer Gestalt sein wird – Architektur und Plastik und Malerei”, schrieb Gropius. Die elektronischen Medien bewirken eine neuerliche Verlagerung des Geschehens. Friedrich Kittler, der deutsche McLuhan, hat bereits die Vermutung geäußert, dass der Computer den Begriff der Medien in der Mehrzahl einkassiert und zum Medium schlechthin wird. Alles in einer Gestalt.

Stahlclubsessel Typ B3 von Marcel Breuer, 1927 (Foto: Lorkan, Flickr/CC) ?.

Das große Experiment der Moderne war die Auflösung. Damit verbunden war die Hoffnung, eine neue Unendlichkeit zu eröffnen, in der Freiheit als unausgesetztes Gefühl von Erweiterung erfahrbar ist.

Dass wir uns nur nicht zu wohl fühlen, war die heimliche Angst der alten Griechen. Sie haben das Maß gepredigt, um nicht aus Übermut böse zu werden. Dass wir uns nur nicht zu wohl fühlen, ist noch heute die Sorge der Kunst, die “unbequem” sein möchte.

Der experimentellen Auflösung folgt jetzt die Überschreitung, das Prinzip der Hyperkultur. Die Seite überschreitet sich, der Text, das Bild, der Ton, alle fließen über von Links, die den trostlosen Ausgangszustand der Vereinzelung beheben wollen - der Artefakte und ihrer Menschen.

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Der Nutzertreiber

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UM DEUTLICH ZU MACHEN, was ein kleiner MP3-Player mit Galeerensklaven und der Unerbittlichkeit von Untertanentum zu tun hat, muß ich ein bißchen ausholen.

Wer sich in der Nähe innerstädtischer Gewässer herumtreibt, wird gelegentlich Ohrenzeuge einer der neueren Methoden modernen Gruppentrainings. Dumpfer, rhythmischer Trommelschlag ist zu hören, begleitet von scharfen Rufen. Es sind Drachenboote mit einer Ladung Angestellter, die Leistungswillen und Teamgeist zu verkörpern versuchen, indem sie ihren Kahn hektisch vorwärtsschaufeln und dabei ein wenig aussehen wie Leute, die einen Acker mit Warpgeschwindigkeit umzustechen versuchen. Dass die treibende Stimme oft die einer jungen Frau ist, hat wohl damit zu tun, dass der Sekretärin auch mal die Freude gegönnt werden soll, den ganzen Laden schreiend vor sich herzutreiben.

(Foto: Craig Hatfield, Flickr/CC) ?.

Einer ehrenvollen Legende zufolge ist das Drachenbootfahren bei dem vergeblichen Versuch entstanden, den frühen chinesischen Dichter Qu Yuan vor dem Ertrinken zu retten. Hierzulande assoziiert man zu Booten und rhythmischem Trommeln in eine andere literarische Richtung, nämlich Quo Vadis nebst der grandiosen Galeeren-Szenen der Romanverfilmung von 1951. Dort sind die Trommler noch muskelbepackte, misanthropische Männer. Auf dem Weg durch die Jahrhunderte bis hin zur zeitgenössischen antreibenden Amazone im Drachenboot meint man doch sowas wie emanzipatorischen Fortschritt erkennen zu können. Auch sind die Mannschaften nicht mehr angekettet und freiwillig am Stechrudern, anscheinend jedenfalls.

DIE FRAGE, die jeden anständigen Anarchisten dennoch umtreibt, ist: Muß das sein? Brauchen freie, souveräne Individuen einen Chef, einen Muezzin, einen Vorturner? Kann das Orchester nicht in Ruhe seinen Beethoven spielen, ohne dass Sir Simon Rattle vorne mit einem dünnen Stäbchen Mücken jagt? Die singende Südkurve im Stadion braucht doch auch keinen Dirigenten (Hallo Südkurve, wie wär’s mal mit Beethoven?). Aber der Boss ist, auch wenn wir ihn aus unserem Blickfeld vertreiben, längst in uns. Die Drachenboot-Ruderer sind nur scheinbar nicht mehr angekettet, in Wahrheit hängen sie an unsichtbaren Fesseln - an der Angst, ihren Job zu verlieren und der Bereitschaft, sich lieber gruppendynamisch zum Hampelmann machen zu lassen, als illoyal oder unkonstruktiv zu erscheinen.

Also rudern.

Diese Art der unsichtbaren Galeerengefangenschaft ist in Japan zu fataler Perfektion entwickelt worden. Karoshi, der Tod durch Überarbeitung, ist ein Phänomen, das seit den achtziger Jahren zunehmend Aufmerksamkeit auf sich zieht. Nachdem ein 30-jähriger Fabrikarbeiter im Februar 2002 nach 106 Überstunden gestorben war und seine Frau drei Jahre später erfolgreich gegen seinen Arbeitgeber Toyota klagte, will das Unternehmen solche Fälle künftig verhindern. Die meisten Japaner nutzen weniger als die Hälfte ihrer Urlaubstage und lassen den Rest verfallen. In Deutschland, so die Wikipedia lapidar, “hat der Betriebsrat die Aufgabe, Todesfällen, deren Ursache Karoshi sein könnte, nachzugehen.”

IN DIESER SITUATION hat die japanische Firma Yamaha einen MP3-Player namens BODiBEAT auf den Markt gebracht. Er spielt nicht nur Musik, sondern verfügt zusätzlich über Beschleunigungssensor und Pulsmesser. Das Gerät wählt die passenden Beats zur körperlichen Betätigung.

Es gibt auch einen sogenannten Fitneßmodus, der die Musik beschleunigt und den Benutzer anstacheln soll. Gesprächsaufzeichnungen schneller abzuspielen, damit Transkripte flotter angefertigt werden können, ist in Ordnung. Musik schneller abzuspielen, um Leute anzutreiben, ist Barbarei.

Plattenspieler Revox B790 (Foto: Touho_t, Flickr/CC) ?.

Erinnert mich an einen Abend bei einem Freund, der noch über einen antiken Plattenspieler mit vier Abspielgeschwindigkeiten verfügte (16, 33, 45 und 75 Umdrehungen pro Minute). Er hat mir darauf eine, siehe oben, Beethoven-Langspielplatte vorgespielt. Ich will auch nicht verschweigen, dass es bereits späterer Abend und wir etwas benebelt waren. Jedenfalls hat mein musikkundiger Freund mir ausführlich den Unterschied zwischen einer von Karajan (flotter) und einer von Furtwängler (getragener) dirigierten Neunten erläutert. Dann kamen wir drauf, dass die LP statt mit 33 mit 16 Umdrehungen läuft. |.

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78 RPM:

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Vinyl Junkie:

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Vinyl Record Stores:

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Technics Turntables:

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Hightech und Hose

WENN MICH ein Roboter hätte sehen können, er hätte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen.

Ich saß auf der Bettkante und versuchte, einen Gedanken festzuhalten, den ich aus einem Traum gerettet hatte. Solche Ideen sind filigran, wie kleine Gebäude aus Asche. Auf dem Nachttisch lag eine Packung Kopfschmerztabletten. Ich trennte die Pappschachtel auf, um das unbedruckte Innere als Notizzettel benutzen zu können. Mir war eingefallen, dass ich in der Hosentasche einen Kugelschreiber hatte, also angelte ich meine Hose vom Fußboden und suchte meinen Weg in die Beinröhren. Ich versuchte, nicht allzu intensiv an den Kugelschreiber zu denken, um den noch unnotierten Gedanken nicht zu verscheuchen. Während ich mir die Hose anzog, fiel der Kuli aus der Hosentasche.

Ich sah mir dabei zu, wie ich ein verdrehtes Hosenbein geradeschob und am Reißverschluß zippelte, bis er sich endlich hochziehen und mit dem Metallknopf im Bund abschließen ließ, über dem dann noch die Gürtelschnalle zugemacht wurde. Angesichts der Umstände, die ein Mensch auf sich nimmt, um bekleidet an der Zivilisation teilzunehmen, fragte ich mich, wie wohl ein Robotiker mit einem solchen Aufwand umgehen würde.

Einfache Antwort: Garnicht.

KEIN KYBERNETIKER würde auf die Idee kommen, einen Roboter zu bauen, der sich eine Hose anziehen kann. Das ganze Konzept des Hoseanziehens ist aus Sicht eines Roboterbauers absurd. Ein Roboter mit Hose würde nur Umstände machen. Dinge wie Schamhaftigkeit oder Schutz vor Kälte und Schmutz sind für eine Maschine kein Thema.

Der Kuli, der aus meiner Hose gefallen war, war ein Stück unters Bett gerollt. Da ich zu faul war, mich zu bücken, tastete ich mit einem Fuß nach dem Stift. Als ich ihn fühlte, konnte ich eine kleine animalische Fähigkeit zum Einsatz bringen, über die ich verfüge: Ich kann auch mit den Zehen greifen. Ich reichte mir den Kuli mit dem Fuß in die Hand und notierte ein paar Stichworte auf die weisse Innenseite der Schachtelpappe.

Es gibt unter den Robotikern ein paar, die sich als Avantgarde sehen. Sie vertreten die Auffassung, dass eine künstlich intelligente Maschine der nächste Schritt der Evolution sein wird. Die erträumten Zukunftswesen, die den Menschen in seinen Fähigkeiten weit übersteigen sollen, werden eine Menge Dinge nicht können, weil ihre Konstrukteure es nicht für nötig halten. Wozu sollte das auch gut sein, dass eine künstliche Intelligenz beispielsweise Hosen trägt?

Nichts von dem, was ich in den drei Minuten auf der Bettkante gemacht habe, würde in die Interessenssphäre einer solchen Maschine fallen. Die Künstliche Intelligenz würde sich nicht in eine Hose wurschteln und keinen Papierstück für ihre Notizen benutzen. Sie hätte keinen Traum, aus dem ein vager Gedanke aufstiege, kein Kuli fiele ihr aus der Tasche und bei dem Versuch, ihn unterm Bett vorzuangeln, entfiele ihr auch nicht wieder die Hälfte.

Sie hätte in einem Sekundenbruchteil die Feststellung gemacht, dass eine Hose dem emotionalen Bedürfen eines Menschen entgegenkommt, so what. Und sie hätte, allerdings ohne das absichtlich zu tun, dem Menschen wieder deutlich gemacht, was ein Mensch ist: Das Wesen, das die Hosen anhat.

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.? Roboter, als Roboter verkleidete Menschen und Dinge, die aussehen wie Roboter:

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? Ein Spezialfall von Hose: die Knickerbocker:

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In was für einer digitalen Gesellschaft wollen wir leben?

[ Vorgetragen auf der re:publica 09 in Berlin am 2.4.2009 ]

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[Update] VON GEORGE BERNARD SHAW¹ gibt es zu der Frage ein Bild: “Wenn du einen Apfel hast und ich habe einen Apfel und wir tauschen die Äpfel, wird jeder von uns nach wie vor einen Apfel haben. Aber wenn du eine Idee hast und ich habe eine Idee und wir tauschen diese Ideen aus, dann wird jeder von uns zwei Ideen haben.”

Wer möchte nicht in einer solchen Gesellschaft leben, in der sich die Ressourcen so wunderbar vermehren und das Tauschen so gewinnbringend ist? Apfelbauern vielleicht, die ihre Äpfel verkaufen wollen.

Das Teilen mit technologischer Hilfe führt nicht nur zur Vermehrung von Ideen, sondern auch zur Vermehrung von Problemen. Computer helfen uns dabei, Dinge schneller zu erledigen, die wir ohne Computer gar nicht hätten erledigen müssen, das wußte Marshall McLuhan schon in den sechziger Jahren. Als damals am MIT der erste Großrechner zur Verfügung stand, der Timesharing beherrschte und mehrere Nutzer gleichzeitig bedienen konnte, gab es einen Befehl, mit dem man einfach das ganze System zum Absturz bringen konnte, ohne Raffinesse und ohne jede Eleganz. Das wurde zwei, drei Mal ausprobiert, dann machte es keinen Spaß mehr. Brauchen wir einen solchen Befehl für’s Internet?

Im übrigen ist die Vermehrung von Problemen nicht unbedingt ein Manko. Von Egon Friedell stammt der Satz “Kultur ist Reichtum an Problemen”. Davon haben wir heute reichlich.

U-Bahn Tokio: Verhaltenshinweise

Die Wände, die uns umgeben, werden durch die neuen Kommunikationsmedien durchlässiger und poröser. Unsere Kultur wurzelt in dem hohen Wert, den wir dem Individuum zumessen. Privatsphäre ist der Humus, auf dem dieser Wert gedeiht. Angriffe auf diese Grundlage folgen inzwischen der selben Strategie, nach der auch moderne Kriege geführt werden: Nicht mehr die großen Heere gewinnen die Schlacht, sondern kleine Einheiten. Dieser Salamitaktik hin zu staatlicher Kontrolle begegnen immer mehr Menschen affirmativ. Unsere Gesellschaft scheint von einer unbändigen Lust an der Geheimnislosigkeit erfasst zu sein. Vor ein paar Jahren war Big Brother Synonym für totalitäre Kontrolle; mit den gleichnamigen Containershows hat sich das Ganze in unterhaltsame Sozialpornographie verwandelt - die Leistung der Teilnehmer besteht darin, alles zu zeigen.

Was sich im Netz abspielt, fühlt sich inzwischen oft an wie Beichten ohne Sünde: Alle packen aus, alles öffnet sich. Der Hauptspaß besteht darin, sich selbst in die Welt hinauszuschütten und von durstigen, aufmerksamen Augen getrunken zu werden. “Ausbreiten” bedeutet das lateinische Wort “expandere”, aus seiner Partizipform “expasso” ist unser “Spaß” hervorgegangen. Etwas breitet sich aus; jemand. Jeder sendet und empfängt nun ganz selbstverständlich.

Ein interessantes Phänomen haben Forscher an der Michigan State University beobachtet. Sie fanden heraus, dass die Nutzung sozialer Netzwerke wie Facebook sich sehr positiv auf das Wohlbefinden auswirken kann. Studenten, die mit ihrem Leben unzufrieden waren oder die unter mangelndem Selbstbewußtsein litten, zugleich aber intensiv Sites wie Facebook nutzten, konnten eine Art von sozialer Energiereserve aufbauen. Sie hat mit einer Form menschlicher Beziehungen zu tun, die Soziologen als “schwache Bindung” bezeichnen. Schwache Bindungen hat ein Mensch beispielsweise zu Mitschülern oder Partybekanntschaften. Sie sind sehr wichtig, weil sie einen mit neuen Perspektiven und Möglichkeiten versorgen können, die man von engen Freunden oder Familienmitgliedern nicht mehr erhalten würde – weil man sich schon zu gut kennt.

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VOR EINIGER ZEIT beklagte der ehemalige Chefredakteur des Online-Magazins Salon.com, David Talbott, die Geistesmüllawinen im Netz. Mehr denn je sei Qualitätsjournalismus gefragt, “im Web 2.0 werden wir ja täglich mit Blogs und Gelaber überflutet - was wir deshalb brauchen, sind sauber recherchierte, glaubwürdige Informationen. … Blogger haben die Medienwelt mit neuer demokratischer Energie bereichert, aber Blogs schreien nach professioneller redaktioneller Aufbereitung.”

Wir erleben gerade, wie Massenmedien sich in Medienmassen verwandeln. Talbot hat noch nicht gesehen, dass es sich beim vormals Leser, nunmehr Blogger inzwischen um einen bedeutenden Mitspieler und potentiellen Mitkämpfer handelt.

Immer neue Kommunikationskanäle öffnen sich, durch die Menschen miteinander in Austausch treten können. Jeder der Kommunikationskanäle versucht durch immer neue Features, Merkmale, Spielvarianten zu glänzen. In dem Film “Solo für zwei” spielt Steve Martin den Anwalt Roger Cobb, der eine Millionärin davon abbringen soll, ihre Seele durch einen tibetischen Lama in ein junges Mädchen wandern zu lassen (nebst testamentarischer Mitwanderung ihres Vermögens). Während einer turbulenten Suche beugt sich Cobb in der Meinung, die Seele sei darin gelandet, über einen Eimer mit Wasser und führt ein längeres Gespräch mit ihm, das in einer reflexhaften Erkenntnis endet: “Ich rede mit einem Eimer!” Die Szene beschreibt das Lebensgefühl des modernen telekommunizierenden Menschen. Was dieser Mensch in den Medien sucht, ist ein Gefühl der Souveränität und der Würde.

Die Überflutung mit Sinnhaftigkeiten ist auch nichts Neues. Als sich in den achtziger Jahren das Usenet in zehntausende Newsgroups verzweigte, waren neben der sozialen Vision (“Die Vielen sprechen erstmals zu den Vielen”) auch zunehmend Klagen über die ungefilterten Informationsmassen zu hören. Gern übersehen wird, dass schon damals gut abgestufte Mittel entwickelt worden sind, das Weisse Rauschen eingermaßen in den Griff zu bekommen: Moderatoren kümmerten sich um Gruppen und Themen, an denen ihnen gelegen ist. Um Neulingen einen Eindruck von digitaler Gastfreundschaft zu geben, wurde beispielsweise die wunderbare Aggregationsmethode der FAQs erfunden. Ein Blog funktioniert nicht viel anders als eine Newsgroup.

In den neunziger Jahren verlief die Front noch entlang der klassischen Aufteilung von Botschaften - Journalismus war für die schlechten Nachrichten aus der Realität zuständig, die Werbung für die guten Nachrichten aus den Konsumparadiesen. 1994, als das Netz gerade erst ein paar Monate durch die Öffentlichkeit geisterte, beklagte das US-Fachblatt Advertising Age in einem Editorial den Einfluß, den Werbetreibende auf Redakteure erlangt haben. Eine Umfrage bei 150 amerikanischen Tageszeitungen ergab, dass 89 Prozent der Redakteure davon berichteten, Werbekunden hätten Anzeigen zurückgezogen oder versucht, die Berichterstattung zu beeinflussen. 37 Prozent sagten, die Werbekunden hätten obsiegt.

Könnte sich die weitgehend werbefreie Blogosphäre nicht als Refugium erweisen, das die Berichterstattung vor solchen Formen von Korruption bewahrt?

Die eigentliche Macht der Vernetzung liegt in der informatischen Kraft, die sie jedem von uns an die Hand gibt. Journalisten brauchen nichts von ihrer Expertise aufzugeben, aber sie müssen mehr und wesentlich offensiver ihre Ansprüche mit den Nutzern und neuen Mitgestaltern ihrer Arbeit teilen. Es wird weiterhin erstklassige Reporter und Autoren geben, die uns mit klaren Blicken auf die Welt versorgen. Die Zeit, in der Journalismus von einer begrenzten Berufsgruppe ausgeübt wurde, geht jedoch zu Ende. In der Internet-Ära sind wir alle dazu verdammt, Journalisten zu sein.

Im übrigen liegt das Geheimnis guter Kommunikation unverändert darin, dass man etwas zu sagen hat, und wie man es sagt.

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VORGESTERN HAT DIE Tageszeitung Chicago Sun-Times Insolvenz angemeldet. Die große Konkurrenz, die Chicago Tribune, ist schon etwas länger insolvent. Medienwandel – die Chicago Tribune ist allerdings von einem Immobilienspekulanten gegen die Wand gefahren worden.

Wenn wir der Frage nachgehen, in welcher digitalen Gesellschaft wir leben wollen, dürfen wir nicht den Fehler machen und die Symptome des Übergangs mit der gesellschaftlichen Perspektive verwechseln. Manche haben das Gefühl, nicht mithalten zu können mit den Beschleunigungen der digitalen Welt. Aber wir befinden uns in einem Übergang und die Beschleunigung gehört zu den Symptomen dieses Übergangs. Was wir erleben, ähnelt einem flimmernden Bildschirm, der so lange nervt, bis die Bildfrequenz über 72 Hertz steigt. Dann wird das Bild ruhig und klar. Beschleunigt man weiter, wird das Bild nur noch ruhiger und klarer.

Die Frage, wohin die Reise geht - oder wohin ich mir wünschen würde, dass sie geht - möchte ich mit einem kleinen Schlenker 5000 Jahre in die Vergangenheit beantworten. Darauf hat mich das Gebäude gebracht, in dem die Chicago Tribune sitzt, ein wunderbarer alter Wolkenkratzer im Gothic Style. Als der Turm 1925 gebaut wurde, haben Korrespondenten aus aller Welt Steinstücke aus berühmten Bauwerken geschickt, aus dem Taj Mahal, dem griechischen Parthenon, der chinesischen Mauer und anderen. Wenn man auf der Straße an dem Tribune Tower vorbeigeht, sieht man die in die Außenfassade eingelassen Steine. Einer davon ist von der Cheopspyramide.

Vor 5000 Jahren, zu der Zeit, als die Pyramiden gebaut worden sind, haben die Ägypter zwei Dinge erfunden, die wir heute noch haben: den Staat und die Maschine. Der Staat ist als ein erstes Vernetzungsprojekt entstanden. Kleine Dorfgemeinschaften wurden dadurch in die Lage versetzt, Bewässerungsnetze zu betreiben, die sie alleine nicht zustande gebracht hätten. (Blöderweise ist mit dem Staat auch gleich die Steuer mit erfunden worden.)

Durch diese neuen Netze ließ sich nicht mehr nur ein Überschuss an Getreide erwirtschaften, sondern auch ein Überschuss an Zeit. Also begannen die Ägypter, Silos zu bauen, in denen man Zeit speichern kann – die Pyramiden. Diese Bauwerke wurden mit einer Maschine errichtet, die aus tausenden von Menschen bestand. Über einen verhältnismäßig kurzen Zeitraum von 150 Jahren produzierte diese erste Maschine 80 monumentale Pyramiden, fast wie am Fließband. Jede Pyramide war nur für einen einzigen Menschen gebaut, den Pharao, aber nach 150 Jahren hatten die Ägypter die Schnauze voll.

Es folgten ein paar Jahrzehnte Rebellion und Anarchie, dann begann eine neue Zeit und etwas sehr Erstaunliches war passiert. Nun hatte jeder das Recht, unsterblich werden zu dürfen, nicht mehr nur der Pharao. Die Unsterblichkeit war demokratisiert worden.

Dieses Muster, das wir heute Demokratisierung nennen, hat sich in immer neuen Abwandlungen entfaltet, sei es, dass die Bibel gegen den Willen des Klerus für alle verständlich ins Deutsche übersetzt worden ist, sei es, dass die Aristokratie abgeschafft wurde. In der nordischen Mythologie flüstern Raben alles, was auf der Welt vorgeht, exklusiv dem Gott Wotan ins Ohr. Diese Raben wollen wir heute natürlich alle haben. Und immer hatten - und haben - diese Übergänge damit zu tun, dass Macht und Möglichkeiten und Wissen von ein paar Wenigen auf möglichst Viele verteilt werden und dass die Gesellschaft sich öffnet. Von diesem Muster wünsche ich mir, dass es sich weiter entfaltet.

Zu den neuen Regeln gehört, dass wir mehr Positionen zulassen müssen als bisher. Die Lage ist komplex. Der Schiedsrichter bei einem Fußballspiel ist ein Inbild der alten Zeit. Er ist mit seiner singulären Sicht auf dem Spielfeld in einer wesentlich schlechteren Position als jeder Zuschauer vor dem Bildschirm. Der Schiedsrichter ist sozusagen aussichtslos. Er betrachtet die Welt immer noch von seinem vereinzelten Standpunkt aus, der einen heute angesichts der elektronischen Multiperspektive hoffnungslos ins Hintertreffen geraten läßt. In kritischen Situationen auf dem Spielfeld muß der Schiedsrichter aus seiner subjektiven Position heraus entscheiden, obwohl ihn eine beunruhigende Medien-Objektivität umgibt: Der träge Zuschauer auf dem Sofa sieht im Lauf der nächsten Sekunden die Situation aus unterschiedlichen Kamerapositionen, in Zeitlupe wiederholt, vielleicht noch grafisch verstärkt, und kann sich ein - dem Fußball angemessenes - rundes, ganzheitliches Bild machen.

Nun geht es um Fragen wie die, was eigentlich freie Meinungsäußerung bedeutet, wenn sie plötzlich tatsächlich stattfindet - nicht mehr nur handverlesen auf Leserbriefseiten oder in repräsentativen Debatten, an denen ein paar ausgewählte Talkgäste teilnehmen, sondern wenn plötzlich haufenweise und ungebremst drauflosgemeint wird. In Kommentarfächern und Foren wird etwas Neues erlebbar, etwas Schönes und Schauerliches, nämlich die unrasierten und ungewaschenen Formen von Meinungsäußerung.

Das Meinen ist wilder, vitaler und unkontrollierter geworden. Wirklich entsetzlich aber wäre die Vorstellung einer harmonischen Blogosphäre, in der alle nett zueinander sind und in Pilzhäuschen wohnen, umgeben von Hühnern, die aus Freundlichkeit tot umfallen, damit niemand ihnen den Hals umdrehen muß, wenn er eines mit Salat und Pommes essen möchte. Die klassische Paradiesvorstellung ist für mich ein Inbild der Langeweile. Wenn die Löwen traulich neben den Lämmern liegen, was soll sich da noch groß entwickeln? Und die Freude wollen wir Charles Darwin lassen: Evolvieren ist eine feine Sache, und das nicht nur biologisch, sondern natürlich auch sozial.

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JETZT IST GERADE die Medienaristokratie in Bedrängnis - aber es geht nicht einfach um gut und böse. Die Lage ist wesentlich komplexer. So haben sich durch das Netz die Medien in etwas verwandelt, dem man nicht mehr einfach nur Informationen oder Unterhaltung entnimmt. Unsere Medien sind heute Lebensräume, in denen wir uns aufhalten, arbeiten, spielen und sozialisieren.

Auch das wünsche ich mir: In einer digitalen Welt zu leben, die komplex ist. Kultur bedeutet immer eine Zunahme an Unterschieden - eine Zunahme an Vielfalt und Optionen. Produktive Konkurrenz.

“Small is beautiful” - dieser Begriff stammt von dem 1994 verstorbenen österreichischen Philosophen Leopold Kohr. Im September 1941 hat Kohr in der amerikanischen Zeitschrift “The Commonweal” einen bemerkenswerten Aufsatz veröffentlicht mit dem Titel: “Einigung durch Teilung. Gegen nationalen Wahn, für ein Europa der Kantone”. Darin kommt er zu dem Schluß, dass Demokratie sich nur in kleinen Einheiten entfalten kann - “Das ist natürlich eine lächerliche Idee, orientiert allein an dem Menschen als einem lebendigen, geistigen Individuum. Welteinigungspläne dagegen sind todernste Vorhaben und auf einen Menschen zugeschnitten, den man sich nur als kollektives Wesen vorstellt.”

Eine solche Gesellschaftsform, genauer gesagt: solche Gesellschaftsformen, die wegen ihrer beabsichtigten Kleinteiligkeit naturgemäß etwas mühevoller zu betreiben sind, könnten auch ein Modell abgeben für ein anderes großes System, dessen Demokratisierung erst noch bevorsteht, nämlich Google.

Allein die schiere Größe und Dominanz, die diese Firma in der digitalen Welt erreicht hat, läßt einen unwillkürlich nach Alternativen Ausschau halten. Ich möchte in einer digitalen Gesellschaft leben, in der nicht eine einzige Firma nach intransparenten Kriterien darüber bestimmen kann, ob und wo etwas in einer Trefferliste auftaucht und sich das zum Beispiel auf Wohl und Wehe einer Biografie oder einer wirtschaftlichen Existenz auswirkt.

Sollte man den wiedererstarkenden Staat nutzen und erst Michael Jackson verstaatlichen, der 100 Millionen Dollar Schulden hat und wenn er pleite geht vielleicht die gesamte verbliebene Musikindustrie mit in den Abgrund reißt – und dann verstaatlichen wir Google? Ein Alptraum. Nein, wir müssen anfangen darüber nachzudenken, wie man die vielen ausgezeichneten, kleinen Alternativen zu Google in einen offenen Verbund bekommen kann und wie man sich richtig Rechenleistung zusammenklauben kann, um mit einer Mischung aus Seti@home und dem Wikipedia-Prinzip eine nicht-börsennotierte Suchmaschinenwolke zu organisieren, die Google vermeidbar macht.

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UND ICH WÜNSCHE MIR, in einer digitalen Gesellschaft zu leben, in der das Projekt der Aufklärung mit aller Kraft fortgeführt wird. Aufklärung ist die Quelle, aus der das frische Wissen kommt. Information wird die Welt retten, so lautete die Vision der neunziger Jahre, das Wissen der Menschheit liege vor uns im Zugriff. Wo stehen wir heute? Noch sind nicht ganz so viele Menschen wie im Mittelalter wieder davon überzeugt, dass sich die Sonne um die Erde dreht, aber es wird daran gearbeitet. Die Globalisierung der Dummheit macht erstaunliche Fortschritte. Begriffe wie “Lebenslanges Lernen” sagen uns, dass Wissen immer schneller von Entwertung bedroht ist.

Natürlich ist nichts gegen einfachen Zugang zu Information einzuwenden. Aber allzu leichter Gewinn verdirbt die Freude am Spiel. William James sagte, wenn das einzige Ziel des Fußballspiels darin bestünde, den Ball ins Tor zu bringen, wäre die einfachste Art zu gewinnen, den Ball nachts heimlich dorthin zu tragen.

Vor einiger Zeit berichtete der britische “Guardian” von einem Mann, der seit 40 Jahren seine Nachbarschaft unterminiert. William Lyttle, den die Nachbarn den Maulwurfmann nennen, gräbt von seinem Haus im Londoner Stadtteil Hackney aus seit den späten sechziger Jahren Tunnel. Er vernetzt den Untergrund. Behördliche Messungen mit Ultraschallscannern gaben Hinweise auf bis zu acht Meter tiefe Tunnels, die von Lyttles Haus an die 20 Meter in alle Richtungen ausstrahlen. Ein Nachbar berichtet, dass der Strom auf einer Straßenseite ausgefallen war, als der Maulwurfmann einmal eine Starkstromleitung angegraben hatte. Lyttle behauptet, er habe sich ursprünglich einen Weinkeller graben wollen, der im Lauf der Zeit etwas größer geworden sei. Vor fünf Jahren war der Gehsteig vor dem Haus eingebrochen. “Man konnte die ganzen Tunnel darunter sehen”, sagt eine Nachbarin. Ein anderer Nachbar bringt zum Ausdruck, was Briten für Exzentriker empfinden: “Wir möchten nicht, dass diesem Mann etwas Böses geschieht. Er arbeitet hart. Bedauerlicher Weise setzt er seine Energien nicht in die richtige Richtung ein.”

Das ist Gemeinschaftsgeist. In einer solchen vernetzten Gesellschaft möchte ich leben.

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¹ oder von Platon; hier ausführlicher.

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