Archiv für die Kategorie 'Sprache'

Re: Words


Daniel Mercadante und Will Hoffman drüben von Everynone haben mit “Re: Words” eine wunderbare Antwort auf das großartige “Words”-Video von WNYC Radiolab gefunden. Diese neue Version besteht ausschließlich aus bei YouTube gefundenem Material:










(Gefunden bei The Daily What und laughingsquid)

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Die Korrektur

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Die Wikipedia über den amerikanischen Leichtathleten Tyson Gay.
Die offizielle Homepage
von Tyson Gay. |

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(Gefunden bei criggo)

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Top 10 der Lieblingsverschreiber und -verleser

01 | Menschön 

02 | Kurdenreiche Strecke

03 | Intertür

04 | Hirnrunde (statt Hinrunde)

05 | Statt Südwestmetall gelesen: Schwerstmetall

06 | The Last Super

07 | Waldspaziergang: Forstschritt

08 | Suchstaben

09 | Nachts Bevölkerungsvermehrung von Westen her

10 | Nein, es heißt nicht Die Ideen des März

 

• Eintragungen und Notizen, die Leute in Büchern gefunden haben: Book Inscriptions - View this group's most interesting photos on Flickriver

• Sachen, die Leute in Büchern gefunden haben:
Things Found in Books - View this group's most interesting photos on Flickriver
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Das Mittwochswort: informatikentschlossen

Gelegentlich sind die Analphabeten des digitalen Zeitalters nicht die Zapper und Channel-Surfer, sondern literarisch gebildete Humanisten, die sich einbilden, ohne Computer und “medialiteracy”, ohne “Informatikentschlossenheit”, ohne einen Begriff von der elektronischen Demokratie und der elektronischen Bürgerschaft auskommen zu können. 

Peter Glotz (1939-2005) im September 1994

 

Unentschlossen, mit Banane.

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Das Mittwochswort: Oh

Letzten Monat kam ein japanisches Mädchen, und sie fragte «Wie geht es ihrer Frau?» Und ich sagte «Oh, meine Frau ist seit 25 Jahren tot». Und sie sagte «Was, Elizabeth Taylor ist tot?» Und ich sagte «Ich bin nicht mit Elizabeth Taylor verheiratet». Und sie sagte «Oh, ich dachte, sie wären es».

Einmal kam ein Mann und sagte «In welchem Hotel haben sie gewohnt, als sie The Naked Lunch geschrieben haben?» Ich sagte «Ich habe The Naked Lunch nicht geschrieben». Und er sagte «Nein? Wer denn?» Und ich sagte «William Burroughs». Und er sagte «Sind sie denn nicht William Burroughs?» Ich sagte «Nein, der bin ich nicht».

Paul Bowles, Schriftsteller (1910-1999)

 

Raus mit der Sprache.

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Zehn Worte werden täglich neu erfunden

Rene Gisler betreibt seit 2002 das Blog enzyglobe (”Phrasardeurs Verbarium”), hier werden Wortneuschöpfungen gesammelt. Die Wortsammlung “ist grundsätzlich multilingual mit dem Schwerpunkt auf der deutschen Sprache. Das hat hauptsächlich damit zu tun, dass (Schweizer-)Deutsch meine Muttersprache ist.” (Gisler) Zu dem Begriff “Google” finden sich beispielsweise die Einträge “Googlehupf” (16.4.2008), “Googlelager” (18.12.2007), “Pädagoogle” (19.5.2007) und “Googleschreiber” (4.2.2007). Nicht unerwähnt bleiben darf der Hinweis auf “2420000 Treffer auf Deutsch bei Google für Imbiss bei 346 für Impiss.” | 

Die Wortwarte: Seit acht Jahren spüren die Sprachwissenschaftler Lothar Lemnitzer und Tylman Ule von der Universität Tübingen jeden Tag neue Worte im Netz auf und lassen ein Online-Wörterbuch der deutschen Sprache des 21. Jahrhunderts entstehen. Rund zehn Worte werden täglich neu erfunden. Die Wortwarte wird beziehungsweise werden inzwischen als Referenz verwendet. So soll einem Wikipedia-Eintrag zufolge der Begriff Neophobie “laut Wortwarte … im deutschen Sprachraum erstmalig am 15. Juni 2001 aufgetaucht sein. Damit soll der Düsseldorfer Wirtschaftswissenschaftler Thomas Jendrosch die ablehnende Stimmung dem Euro gegenüber beschrieben haben.” | 

? ”Klonen und BSE - wie sagen es die Chinesen?” - Die chinesische Sprache kennt verschiedene Methoden, neue Worte in sich aufzunehmen. [via Chinafokus] | Einige der mehr als 1700 Worte, die William Shakespeare erfunden hat. | Worte, die William Shakespeare geprägt hat. | Wendungen aus Shakespeare-Stücken, die Eingang in die englische Sprache gefunden haben. | Ein Artikel über neue Wörter aus der Zeit, als die sogenannte politisch korrekte Sprache aufkam (Die Zeit, 1992). | 

? Drüben im Britannica Blog macht Peter Sokolowski aufmerksam auf das Open Dictionary von Merriam-Webster, in dem neue Worterfindungen und Wendungen eine öffentliche Sammelstelle gefunden haben. Entleerte Worte zurückgeben und dafür Pfand bekommen kann man noch nicht. Zu den neuen Worten gehören solche wie “webify” (etwas “webifizieren”, d.h. Daten netzgerecht aufbereiten), “cinemuck” (damit gemeint ist der von verschütteter Limonade etc. klebrige Fußbodenbelag in Kinos) oder “fabulousity” (das Fabelhaftsein). | 

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“Prophetin der Zahl”

Eine Seite aus dem Notizbuch des Kalligraphen Andreas Wald

 

Lesbar I | CAPTCHAs heißen die oft schwer lesbaren Zeichenfolgen, die man an vielen Stellen im Netz eintippen muß, um sich als Mensch zu erkennen zu geben. Das Akronym steht für Completely Automated Public Turing test to tell Computers and Humans Apart. Der Mathematiker Alan Turing, dem wir die maßgeblichen theoretischen Grundlagen der modernen Computertechnologie verdanken, hatte diesen Test 1950 vorgeschlagen, um entscheiden zu können, ob man es mit einem Menschen oder mit einer Maschine zu tun hat. 

? Die CAPTCHAs kommen heute vor allem bei der Bekämpfung von Spam zum Einsatz. Sie sollen automatisierten Eindringlingen den Zutritt verwehren, für Menschen aber überwindbar sein. Luis von Ahn, einer der Erfinder der CAPTCHA-Idee, hat aus der Buchstabenhürde noch zusätzlich ein geniales, kleines Hilfsmittel gemacht. 

Während es sich bei CAPTCHAs meist um zufällig erzeugte Zeichenfolgen handelt, bestehen von Ahns reCAPTCHAs aus einzelnen Worten aus alten Manuskripten, die digitalisiert werden sollen,  jedoch von Texterkennungssystemen nicht gelesen werden können. Da Menschen auch Handschriften oder verschnörkelte Typografien ohne größere Probleme entziffern können, werden die alten Bücher auf diesem Weg Wort für Wort digitalisiert. Inzwischen haben Nutzer über 1,2 Milliarden reCAPCHAs gelöst und dabei 440 Millionen Wörter digital lesbar gemacht.

Ausflippen in der Bücherei (Video). | Schokolade für Buchliebhaber. | Anatomie eines wirklich alten Buchs. | Eine einfache Anleitung zur Reparatur von Büchern. |  

Porträts von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren. Ein Flickr-Fotoset:
cindiann - View my 'Portraits of Librarians' set on Flickriver

Lesbar II | Die isländische Sprache hat sich seit der Besiedlung der Insel kaum verändert und kennt fast keine Fremdworte. Alle Isländer können deshalb die alten Schriften ihrer Vorfahren lesen. Der Kölner Musiker Rüdiger Sünner schreibt in seinem Blog über die isländische Autorin Birgitta Jonsdottir (die in Neuseeland lebt), über Björk und über das Besondere an der islandischen Sprache: 

Im Durchschnitt verfasst jeder zehnte Inselbewohner in seinem Leben ein prosaisches Werk in der Tradition seiner Vorväter. Die Sprache gilt als Kern der isländischen Kultur und wird [ihrem] Ruf als ‘Latein des Nordens’ durchaus gerecht, gibt es doch staatlich eingesetzte, akademische Kommitees, die neue Wörter ins Isländische übersetzen. So wird z.B. aus dem “Computer” ein “tölva“, zusammengesetzt aus “tala” (Zahl) und “völva” (Prophetin).

Mit der Einführung neuer Worte sind in Island seit 1919 eigene Komittees befaßt, seit 1964 maßgeblich der Isländische Sprach-Ausschuß. Seit 1985 ist das isländische Zentrum für Sprache tätig. | Die Wikipedia über isländischen Sprachpurismus. | Und über deutschen Sprachpurismus. | 

Auf der digitalen Sparring-Arena des Polemikers Henryk Broder entdeckt: Der Schweizer Autor Beni Fränkel erzählt, warum er so lange dachte, dass es keine Juden auf Island gibt und dass es doch einen gibt, und warum der eine Enttäuschung ist. |

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Microfiction, klassisch und hypermodern



Hemingways Kinderzimmer in Oak Park, Chicago ¹

In den zwanziger Jahren des zurückliegenden Jahrhunderts wettete der Schriftsteller Ernest Hemingway mal zehn Dollar darauf, dass er eine Geschichte in sechs Worten erzählen könne.

Die Geschichte geht so: “For sale: baby shoes, never used.”

In dem Flickr-Pool Sechs Wörter, ein Foto, eine Geschichte wurden Fotos gesammelt, zu denen eine sechs Worte lange Geschichte gehört; es gibt auch eine entsprechende englischsprachige Flickr-Group.

Sechs Wörter, ein Foto, eine Geschichte. [Bitte Regeln lesen!] - View this group's most interesting photos on Flickriver

• Die Idee von Superkurzgeschichten oder Microfiction, wie man es nennen möchte, ist mit uns herüber in die Moderne gekommen: Das Online-Magazin SMITH hat sich mit den Microbloggern von Twitter zusammengetan und seine Leser aufgefordert, Geschichten zu schreiben, die sechs Worte lang sind. Man kann auch die bereits verfaßten Geschichten lesen. [via] | CNN Europe läßt sich von seinen Zuschauern ebenfalls Sechswortgeschichten schicken (August 2008). |

Der britische Guardian wollte schon vor einem Jahr nicht zurückstehen und lud zeitgenössische Autoren ein, eine Geschichte in sechs Worten zu erzählen. (März 2007) | Auch WIRED, das offizielle Verlautbarungsorgan des digitalen und Hightech-Vatikans, hat seine Lieblingsautoren schon mal eingeladen, eine sechs Worte lange Geschichte zu schreiben. Alle außer Arthur C. Clarke haben sich an die Längenvorgabe gehalten. (November 2006). |

Seit 1996 findet die jährliche Verleihung der Webby Awards statt, eine Art Oscar des Internets. Seit 1999 dürfen die Dankesreden der Gewinner nur fünf Worte lang sein: Hier das herrliche Archiv der Reden. |

Ein Eintrag in der Indiepedia über Bandnamen und Plattentitel, die länger als sechs Worte sind. |

Eine Fotosammlung: Wortfragmente

Wortfragmente - View this group's most interesting photos on Flickriver

Deutsche Ordnungstexte: Draußen nur Kännchen
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¹ sechs Worte.

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mamihlapinatapai

? Vom Stamm der Yagan, die seit Jahrtausenden auf Feuerland ansässig waren, lebt noch eine einzige Frau. In ihrer Sprache, dem Yámana, gibt es ein Wort, das man nicht übersetzen kann, aber man kann es umschreiben: Mamihlapinatapai bezeichnet einen Augenblick, in dem zwei Menschen einander ansehen und jeder der beiden sich wünscht, der andere möge etwas beginnen lassen, wonach beide sich sehnen; keiner aber möchte den Anfang machen.

Es sind keine Zwei mehr da, die dem Yámana angehören und die einander ansehen könnten, eine Sprache verlischt. Was bleibt, ist, von ihr zu wissen. Die Poesie des Worts mamihlapinatapai liegt im übrigen in seiner Prägnanz - ein einziges Wort für eine komplexe Situation - und nicht in der Wolkigkeit der Umschreibung. Poesie ist nicht vage, sie vertieft die Genauigkeit eines Ausdrucks.

Besonders die Sprachen ferner Völker locken romantisch. Manche gefühlsechte Annahme hält sich wider besseren Wissens - weil sie sich besser erzählt. So werden immer noch Hausarbeiten über die Hypothese des Linguisten Benjamin Lee Whorf verfaßt, der Anfang des 20. Jahrhunderts die Sprache der amerikanischen Hopi-Indianer untersuchte und befand, dass sie keine Begriffe für das hätten, was wir als Zeit bezeichnen. Unter anderem eine kleine Archiv-Ruine in der “Zeit” (sic!) gibt Auskunft über den Bonner Sprachwissenschaftler Helmut Gipper, der 1967 zu den Hopi reiste und feststellen mußte, dass das nicht stimmt.

Auch der gern zitierte Hinweis, dass die Eskimos zahllose Worte hätten, die unterschiedlichste Zustände von Schnee bezeichnen, ist eine Legende. Die Eskimosprache kennt zwei Wortstämme: qanik für Schnee, der fällt, und aput für Schnee, der liegt. In angeheiterter Form gibt es das Ganze von Douglas Adams. Sein Buch “The Meaning of Liff” wie auch die kongeniale Übertragung der Idee ins Deutsche (”Der tiefere Sinn des Labenz”) befassen sich mit der Beseitigung der unendlich vielen unbezeichneten Bereiche der Menschenwelt. Schnell noch Peter Handke: “Literatur bedeutet, noch nicht vom Sinn besetzte Orte ausfindig zu machen.”

Aber ich schweife ab.

Mamihlapinatapai bedeutet, dass sehr wohl immer wieder etwas anfängt und sich entwickelt (auch wenn das Wort selbst sich dagegen ausspricht). Dass nämlich die Sprache, die erstaunlichste Technologie über die wir verfügen, immer weiter Dinge verstehbar, diskutierbar und austauschbar macht.

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