Archiv für die Kategorie 'Zwischenraunzer'

Eine Anmerkung zum Friedensnobelpreis

Der vom Erfinder des Dynamits gestiftete Friedens-Nobelpreis ist bei Barack Obama in guten Händen. Keiner der Kandidaten, die in den letzten Jahren für den Friedensnobelpreis nominiert worden sind, verfolgt so glaubwürdig Absichten, die zu etwas wie einer friedlicheren Welt führen wollen.

Aber Obama steht erst am Anfang seiner Regierungszeit und des Marschs durch die tiefe Ebene der Verwirklichungsversuche. Und ich bin der Meinung, dass ein Friedensnobelpreis in Form von Vorschußlorbeeren seine Bemühungen eher schwächt, als ihnen zu nützen – sie erscheinen dadurch auf falsche Weise hilfsbedürftig.

Zumal, wenn man die Begründung liest, der Friedensnobelpreis eher an das Internet hätte vergeben werden müssen: “The Nobel Peace Prize 2009 is awarded to Barack Obama ‘for his extraordinary efforts to strengthen international diplomacy and cooperation between peoples’” .

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Probleme mit Vimeo-Clips [Update]

Die Video-Plattform Vimeo hat momentan offenbar mit einer Server-Überlast zu kämpfen.

Eingebundene Videos werden deshalb nicht oder erst nach längeren Ladezeiten angezeigt - zum Beispiel die letzten drei Clip-Postings hier im Blog, “Asteroids” (Eine vektorgrafische Liebesgeschichte), “Vergessen” (Artificial Paradise) und “Das Geheimnis des Lebens” (A Record of Life).

Wenn G-Mail in einem Blackout verschwindet und Twitter ständig abkachelt, darf Vimeo wohl auch mal.

Please hold on and enjoy the music.

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Immer nur fernzehn macht ohnehin dumm – hier zehn empfehlenswerte Textbeiträge als Alternativen:

Maschinen gegen die Nacht
Hightech und Hose

Die Taxifahrt, die ich nie vergessen werde

Glück und Tod

Zwei Tunnel

Die Katze, die Room 8 hieß

Nur hin

Der Mann mit der Papierrose

Reality - what a concept!

Zwei Knopfgeschichten

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[Update 22:30]

Das Problem bei Vimeo ist behoben. Die Clips können wieder vorschriftsmäßig betrachtet werden.

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In eigener Sache: Eine Radiosendung

 

Donnerstag, 19. Februar um 23:05 Uhr auf WDR 3:

Blau leuchtende Lagerfeuergeschichten

Ein Porträt des Schriftstellers und Digitalromantikers Peter Glaser

Von Tabea Soergel und Martin Becker

«Mit seiner „Geschichte von Nichts“ gewann Peter Glaser 2002 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Seitdem ist es ruhiger um ihn geworden. Aber nicht still. Er schreibt anarchisch versponnene Kolumnen, und in seinem Blog, dem virtuellen Pendant zu seinem mit Fundstücken aus aller Welt vollgestopften Büro, sammelt er merkwürdige Geschichten aus dem digitalen und analogen Leben.

WDR 3 WortLaut schlägt einen Bogen von seinen Anfängen als Pop-Rebell in den 80ern bis zu seinen jüngsten Projekten, etwa einem Roman über die fehlende Nase der Sphinx von Gizeh. Die Sendung spürt der Frage nach, wie Peter Glasers blau leuchtende Lagerfeuergeschichten entstehen, die auf einmalige Weise die Seele berühren: indem sie eine Sehnsucht wecken – vielleicht eine Art Phantomschmerz.»

(Hörprobe, schmerzlos)

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Diverse Piraten

 

Reinhard Schrutzkis legendäres Pesthörnchen: “Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Post an Bord.”

 

? Eine Erweiterung namens “Pirates of the Amazon” für den Firefox-Browser erzeugt bei Produkt-Suchtreffern auf den amerikanischen Seiten von Amazon einen “download-for-free“-Link auf Dateien, die über den Reissenden Strom (das Filesharing-Protokoll BitTorrent) angeboten werden - Filme, Spiele, TV-Sendungen und Musik im MP3-Format. Amazon veranlaßte die beiden Kunststudenten aus Rotterdam, die das Programm zum Download auf ihre Website gestellt hatten, es wieder zu entfernen. Die Studenten erklären, es habe sich bei “Pirates of the Amazon” um eine künstlerische Parodie gehandelt, die Teil ihrer Ausbildung und Forschungsarbeit sei (via The New York Times und Heiseticker). | 

? Über die Stadt Eyl in der selbsternannten autonomen Region Puntland in Somalia weiß die Wikipedia: “Viele Bewohner von Eyl leben von der Fischerei. Diese Lebensgrundlage wird jedoch dadurch beeinträchtigt, dass thailändische, spanische, chinesische und russische Flotten illegal die Küste Somalias überfischen und kein funktionierender somalischer Staat sie daran hindert. Manche Fischer aus Eyl begannen sich daher als Piraten zu betätigen.” Mehr als ein Dutzend gekaperte Schiffe werden derzeit in Eyl festgehalten. Der Fotograf Sheekh Aduun hat ein paar Tage mit den Piraten verbracht und Bilder gemacht (via Africanews). | 

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? Im Juni 1975 erfand Bill Gates die Raubkopie. Damals steuerte ein blaues Wohnmobil das “Ricky’s Hyatt House” in Palo Alto an, an Bord ein Team der Winzfirma MITS aus Albuquerque. Der Inhaber Ed Roberts hatte den ersten Minicomputerbausatz der Welt auf den Markt gebracht - den Altair 8800, benannt nach einem Reiseziel des Raumschiffs Enterprise. Zwei Grünschnäbel namens Paul Allen und Bill Gates hatten eine BASIC-Version für den Altair geschrieben, 8000 Zeilen Maschinencode, in 4 K untergebracht. BASIC war keine Erfindung von Gates. Die Programmiersprache war in den 60ern von John Kemeny und Tom Kurtz an der Universität Dartmouth entwickelt worden - “ein maßgeblicher Grund für die Hirnschäden früher Hacker”, wie das Hackers Dictionary anmerkt. 

Im Hyatt House hatten sich die Mitglieder des Homebrew Computer Clubs eingefunden, unter ihnen John Draper alias Captain Crunch, Lee Felsenstein, Steven Jobs und Steve Wozniak. Etliche von ihnen hatten bereits einen Altair 8800 gekauft. Das Vorführgerät war, luxuriöser als der käufliche Bausatz, mit einer Fernschreibertastatur und einem Lochstreifenleser ausgestattet und arbeitete bereits mit der von Gates und Allen entwickelten Software. Bis zu diesem Tag hatte aber noch kein Mitglied des Clubs sein BASIC erhalten. Angeblich nahm deshalb irgendjemand den neben dem Altair am Boden liegenden Lochstreifen mit dem BASIC an sich. Beim nächsten Clubtreffen wurden BASIC-Kopien gratis verteilt. 

Im Februar 1976 veröffentlichte Gates in einem Altair-Nachrichtenblättchen einen wütenden Offenen Brief an die Hobbyprogrammierer und unterstellte ihnen pauschal, seine Software zu stehlen. Sein Altair-BASIC verbreitete sich wie ein Buschfeuer und wurde zum de facto-Standard - nicht zuletzt aufgrund der Aktivitäten jener Computerenthusiasten, die Gates so angeprangert hatte…

? ”Pirates of Silicon Valley” (1999), Trailer:

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Die zärtliche Gleichgültigkeit der Welt

Das System entwickelt sich von selbst. Alles, was man ein wenig albern Technik nennt, ist weit mehr als nur Technik. Die Technik ist ein Beziehungssystem, in dem wir gefangen sind. Und wir arbeiten alle, jeder an seinem Platz, wissentlich oder unwissentlich, an dieser Entwicklung. Vor diesem Hintergrund ist die Frage nach der Zweckbestimmung kindisch geworden.

Jean-Francois Lyotard (1924-1998)

 

Der ewige Sysiphos, heiter und in die Ebene verlegt - eine Metapher für’s Leben (via The Stranger; danke, Joachim):

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Zwischenraunzer: Totmann und TV

? Auch in modernen Zügen muss vom Lokführer nach wie vor alle 30 Sekunden ein Signal betätigt werden, sonst wird nach einer Warnung eine Zwangsbremsung ausgelöst.

Das Signal soll verhindern, dass der Zug führerlos dahinrast, wenn der Lokführer ohnmächtig wird. Früher nannte man diese Einrichtung Totmannknopf, heute heißt sie Sicherheitsfahrschaltung.

Eine ähliche Idee geistert schon lange durch die Medienwelt: der “Kaufen!”-Knopf. Ein Fernseher, mit dem man nichts mehr anders kann als einzukaufen. Jedes Programm, auch außerhalb der Werbeblöcke, würde dadurch automatisch ebenfalls zu einer Werbesendung. Man könnte den Fußball kaufen, der gerade über den Rasen gekickt wird, den Track mit dem Schlager, der gerade gesungen wird oder das Kleid, in dem Nicole Kidman gerade durch’s Bild schlendert.

So könnte die TV-Zukunft aussehen: Konsumschlappheit wird mit sportlich betriebenem Kaufen! unangestrengt behoben, und zwar nach dem Prinzip des Totmann-Schalters. Während das Fernsehprogramm läuft, muss man alle 60 Sekunden drücken. Sonst wird geliefert.

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