Die Macht des Quatschs


KAUM ETWAS FORDERT die menschliche Kreativität stärker heraus als die Produktion von Unsinn. Zwischen Nutzlosigkeit und Nonsense bestehen jedoch bedeutende Unterschiede.

Es gibt Rechner, bei denen gelegentlich das Netzteil fiept und Anwender sich in Internet-Foren darüber beklagen. Die Lösung des Problems, so könnte man jedenfalls denken, besteht darin, Sachverstand zu ballen und wieder Stille im Gerät herzustellen. Mit Interesse stellt man dann fest, dass ein kunstsinniger Programmierer ein Stück Software geschrieben hat, das die Netzteile stattdessen zum Abspielen einer Tonleiter veranlaßt - auch welche, die zuvor nicht wegen Fiepens aufgefallen waren. Das kleine Programm macht die Netzteilspulen durch gezielte Variation der Prozessorauslastung musikalisch. Ein eleganter kleiner Hack.

It’s nonsense
(Foto:
Diana Lili M, Flickr/CC).

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MIR FIEL EIN Ferienjob in einer Papierfabrik ein; lange her. Ich stand an einem Kontrollpult vor einer Papiermaschine, die so laut war wie ein Flugzeugtriebwerk. Obwohl ich Gehörschutzkopfhörer trug, vernahm ich den Lärm auf jene sonderbare Weise vermittelt, die man Knochenschall nennt. Ich war ein Resonanzkörper, im wahrsten Sinn des Wortes. Der Job bestand hauptsächlich darin, in dem Lärm stehend die Langeweile vor der Maschine zu ertragen. Irgendwann stellte ich zufällig fest, dass ein Ton in meiner Mundhöhle wahrnehmbar war, wenn ich den Mund öffnete, und dass ich den Ton modulieren konnte, je nachdem, wie weit ich den Mund öffnete. Nach einer Zeit konnte ich auf dem Lärm der gewaltigen Maschine vor mir Melodien spielen.

Das tönende Netzteil steht in einer uralten Tradition. Vor etwa 30.000 Jahren entwickelte der Mensch jene Technik, die Keramik heißt. Bemerkenswert daran ist, dass er als erstes nicht etwa nützliche Dinge produzierte, wie wir auf Effizienz verengte Zivilisierte heute vermuten würden. Ehe die frühen Töpfer darangingen, Nützliches wie den Krug zu erfinden, schufen sie erst jahrhundertelang hübsche Fruchtbarkeitsidole. Nützliches herzustellen gelingt sogar Tieren. Sich zum einzigartigen Kulturwesen erheben konnte der Mensch erst, als er in der Lage war, Unsinn hervorzubringen.

IMMENSE KREATIVITÄT wird freigesetzt, um Zweckfreies zu erzeugen. Besonders auffällig ist das am Computer, einer Maschine, die scheinbar strotzt vor Vernünftigkeit und Effektivität. Schon in der PC-Frühzeit haben Programmierer das Äußerste an Findigkeit aufgeboten, um genialischen Quatsch zu erschaffen. Für den C-64, das Trichtergrammofon unter den Mikrocomputern, gab es ein Programm, mit dessen Hilfe sich die rote LED an der Diskettenstation dimmen ließ. Und es gab ein anderes, mit dem man durch gezielt verändertes Trafosummen und das Schrittmotorgeräusch des Schreib-Leserkopfs Stücke wie den Radetzkymarsch spielen konnte (siehe Nachfolgendes).

Ab und zu wirft solche freischwebende Vituosität auch neuerliche Nutzanwendungen ab. In Japan werden etwa Rillen in die Straßenoberfläche gefräst, die beim Überfahren eine Melodie im Fahrzeuginneren erzeugen. Ein verkehrspädagogischer Effekt besteht darin, dass, wenn man zu schnell fährt, die Melodie ebenfalls zu schnell abläuft und der Fahrer aus Gründen des Harmonieempfindens zur Anpassung der Geschwindigkeit angehalten wird.

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• Musik mit der Diskettenstation des Commodore C64: Die singende 1541

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Ein Hörmuß hierzu: Brandon Kahn und das Commodore 64 Orchestra - 12 niederländische Klassik-Instrumentalisten, die sich auf Orchesterfassungen der Soundtracks von C64-Spielen spezialisiert haben. Hier ein Trailer, hier eine empfindsame Neuinterpretation von Cybernoid II, hier ergreifend die Klangkaskaden von Commando. |

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Ode an einen Scanner, mit einem Gastauftritt von Brendans Hand:

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Und hier noch ein Scanner, der “Für Elise” die “Ode an die Freude” [also was jetzt?] spielt. |
Hier
eine Testschaltung für einen Fotokopierer, der sich in ein Spinett verwandelt. |
Hier
eine Zylinderspulen-Symphonie. |

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Harddisko von Valentina Vuksic: Defekte Festplatten werden geöffnet
und als Klangerzeuger benutzt

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Weitere Klangwunder aus dem Archiv der Glaserei:

Das Mikrowellenorchester
Das (waschmaschinengroße) Modem
Rundherum den Maulbeerbusch der Affe jagt das Wiesel *fiep*
Super Mario, musikalisch multigetaskt
Globale Klänge (2a): Bytehoven
Globale Klänge (2b): Die digitalen Mikro-Mega-Hits
Das Techno-Elastikum
Heute im Webfernsehen: Violinenmaschinen
Druck’n’Roll: Printerjam
Die wirklich unglaubliche Ukulele

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2 Kommentare zu “Die Macht des Quatschs”


  1. 1 Saskia Esken

    Lieber Peter Glaser,

    ich bin begeistert von musikalischer Hardware und ihren Manipulateuren, muss aber leider etwas spitzfindig bemerken, dass der Scanner nicht “Für Elise” spielt, sondern die Ode an die Freude. Immerhin ist es Beethoven. Herzliche Grüße aus dem Osterurlaub

  2. 2 PeterGlaser

    @Saskia: doch, doch. Der Scanner auf dem eingebundene YouTube-Video spielt natürlich Die Ode an die Freude. Steht ja auch “Ode an einen Scanner” drüber.

    Die drei Links im Anschluß sind musikalischer Mehrwert - und der erste Link führt zu einem Scanner, der Beehtovens “Für Elise” spielt. Hier eine Klavierversion von “Für Elise”: http://www.youtube.com/watch?v=c1iZXyWLnXg

    Hold on and enjoy the music

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