Auf in die Hypermoderne: Der Übergang

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In einem Artikel mit dem trefflichen Titel “Rasender Stillstand” erörtert Rainer Baginsky, dass ein Amschel Meyer Rothschild seine Börsengewinne nach der Schlacht von Waterloo noch in aller Ruhe machen konnte, weil ihm die Informationen von Brieftauben überbracht wurden anstatt auf dem Postweg. Das sicherte ihm den entscheidenden Vorsprung vor der Konkurrenz.

Heute sieht der Wettbewerb der Informationsmittel, der einem die nötigen Sekundenbruchteile liefern soll, deutlich anders aus. Mancher fühlt sich dabei von einer neuzeitlichen Beschleunigung erfaßt, die immer weiter zuzunehmen scheint und sich als Unruhe ins Gemüt und die planende Absicht gräbt. “Früher“, sagt ein Verlagsmann, “hatten wir einen Zustand, dann kam eine Veränderung, dann ein neuer Zustand. Jetzt ist Veränderung der Zustand.”

Einige fürchten, dass die Geschwindigkeit immer weiter zunehmen könnte, bis sie schließlich von einem übermächtigen Fahrtwind jählings von ihrem Platz an der Front der Moderne fortgerissen würden, wie von einem Sturmstoß. Im Aufrauschen der Neuigkeiten entsteht eine Erregung, die zu oszillieren beginnt und die statt Zeit Gleichzeitigkeit erleben möchte, statt Aktion Parallelhandlungen. Die Frequenz nimmt aber nur bis zu einem bestimmten, kritischen Punkt zu, an dem sich eine neue Struktur ausgeprägt hat, ein neuer Grad an Ordnung, und sich eine neue Geläufigkeit einstellt.

Es ist eine Zeit des Übergangs. Sie ähnelt dem Monitorflimmern, das vom Fernsehbildschirm über den einfachen Videomonitor immer mehr zunimmt und Augen und Nerven strapaziert. Ab einer bestimmten Beschleunigung respektive Bildwechselfrequenz (über 72 Hertz) verschwindet das Flimmern. Das Bild wird still und klar. Beschleunigt man weiter, wird das Bild noch stiller und klarer.

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4 Kommentare zu “Auf in die Hypermoderne: Der Übergang”


  1. 1 Jorginho

    Der Titel “Rasender Stillstand” scheint mit von dem gleichnamigen Werk von Paul Virilio: “Rasender Stillstand”, Hanser Verlag, München und Wien, 1992, ISBN 3-446-16248-8, abgekupfert zu sein.

  2. 2 Robin

    Erinnert mich irgendwie an das Buch
    Backhaus, Klaus; Bonus. Holger (Hrsg.): Die Beschleunigungsfalle oder der Triumph der Schildkröte, 3., erw. Aufl., Stuttgart 1998.

    Ähnlicher Kontext, allerdings mit abweichender Lösung.

    Aber zum Vergleich mit dem Flimmern der Monitore (sehr schön!).
    Die Grenze für die Aufnahme von Informationen ist unser Gehirn und dessen Aufmerksamkeitsspanne. Entsprechend wird der Informationsfluss uns entweder gefiltert oder wir ersaufen darin. Intelligente Feedreader der Zukunft… wenn wir irgendwann mal mit direktem Netzstecker im Hirn herumlaufen und immer Up-to-Date sind. Ich glaube, dann suche ich mir alle vier Wochen einen Wald ohne WLAN :)

  3. 3 Michael Domsalla

    Der Artikel ist einfach wunderbar. Ein Effekt, der in der Computerwelt allgegenwärtig ist: der Übergang vom opaken zur Klarheit, der Sprung von unendlicher Quantität zu einer neuen, einfachen Qualität. So wie die Oberfläche des Mac damals die unendlich abstrakte Welt der Computer einfach gemacht hat.

    Diesmal sind es Informationen. Im Strom der News erkenne ich mein Selbst und was wirklich wichtig ist. Der Rest darf meine Füße umspielen und weiterfliessen.

  4. 4 Sabria David

    Der Beitrag ist einfach großartig, ich muss immer wiederkommen und ihn neu lesen. Das Ende des Herzrasens und die kommende Ruhe und Geläufigkeit. Bleibt die Frage nach den Übergangsriten, die wir uns in der Phase dieses Übergangs schaffen. Vielleicht taugt ja der symbolische Tod der alten Weltordnung als rite de passage, der wieder Raum für Neues gibt.

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