Googeldichten

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War ich je hier?

Ingeborg Bachmann, “Abschied von England”

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Justin Talbott hat auf Question Suggestions (”small voyages into the collective psyche of humans who ask google questions“) eine neue Literaturgattung begründet, die ich Google Suggest-Lyrik (GSL) nennen will. Sie ist hypermodern und mindestens so lustig wie die konkrete poesie in den besten Zeiten von Ernst Jandl, H.C.Artmann oder Gerhard Rühm.

Wie ich das sehe, besteht ein GSL-Gedicht aus einem Auslöser und dem von Google Suggest daraufhin zugespielten Gedichtkorpus. Bei dem Auslöser sollte es sich um eine in möglichster dichterischer Knappheit gehaltene Suchphrase handeln, die in den Google-Schlitz eingetippt wird, worauf sich wie ein zum Auslüften aus dem Fenster geworfenes, weißes Leintuch darunter ein Textfenster entfaltet, in dem Google Suggest seine Vorschläge zur Feinsteuerung der Suche unterbreitet.

Das Neue an dieser Art von Dichtung ist, dass man einen Algorithmus dazu reizt, Gedichte zu verfassen, wobei man ihm einen ebenfalls bereits lyrisch verknappten Auslöser hinhält. Die Ergebnisse haben nichts mit herkömmlichen Maschinengedichten zu tun. Die der Poesie eigene Vieldeutigkeit findet bei Google Suggest ihre Entsprechung in der mysteriösen Reihenfolge, mit der die Einflüsterung der Vorschläge (Souffleurs du Mal – Don’t be evil) abfolgt.

Die Sortierung der von Suggest empfohlenen Zeilen erfolgt weder alphabetisch noch nach dem angegebenen Treffervolumen. Laut Google werden die Begriffe aufgrund einer Vielzahl an Informationen prognostiziert (”Our algorithms use a wide range of information to predict the queries users are most likely to want to see”). Wie auch sonst bei Google und bei ernstzunehmender Lyrik üblich, bleibt das Geheimnis also in sich geschlossen.

Eine Rolle spielen geografische Faktoren. “So soll”, berichtet Katja drüben bei antscd.de, “dem User in den USA bei der Eingabe von liver so etwas wie Lebererkrankung angezeigt werden. In den UK hingegen Liverpool.” Ob es auch innerhalb Deutschlands Unterschiede gibt, ist bis jetzt nicht bekannt. Gedichte lassen sich damit also auf eine bislang unbekannte Weise auch nach Weltorten variieren.

Justin Talbotts GSL-Sammlung ist eine unbedingte Leseempfehlung. Diese Art Dichtung verrät uns erstaunlich viel über uns, unsere Zeit und das Sehnen und Trachten der suchenden Klasse – wie außerordentlich modern. Fand ich so anregend, dass ich gleich mal eine halbe Sunde suggestgedichtet habe. Macht immens Spaß. Hier mein erster GSL-Zyklus:

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…………………..

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10 Kommentare zu “Googeldichten”


  1. 1 af

    meins:
    ich will spielen
    ich will spaß
    ich will lernen
    ich will sterben
    ich will keine schokolade
    ich will abnehmen
    ich will nen cowboy als mann
    ich will dich
    ich will nicht mehr leben
    ich will autoteile

  2. 2 tba

    “sie grillen gerade ihr glied” 16.700 ergebnisse!

    mich macht sowas eigentlich immer nur traurig, weil ich sehe wie dumm die menschen sind. “wird sie großgeschrieben”, wer glaubt mit dieser suchanfrage die richtige antwort finden zu können, der tut mir leid.

  3. 3 Christoph Drösser

    (du s)
    du sollst nicht töten
    du willst dir kein bildnis machen
    du schreibst geschichte
    du stellst meine füße auf weiten raum
    du bist
    du sollst nicht lügen
    du schwerzer zigeuner
    du stinkst
    du sollst nicht stehlen
    du siehst gut aus du bist mein topmodel

  4. 4 moseron

    [Großartig, diese Idee!]

    ich s
    ich suche arbeit
    ich sing nicht mehr für dich songtext
    ich schenk dir einen regenbogen
    ich schick dir ein muh
    ich steig dir aufs dach liebling
    ich sing nicht mehr für dich
    ich schenk dir eine geschichte
    ich sprüche
    ich steine du steine
    ich schaffs

  5. 5 af

    wer m
    wer mit wem
    wer macht was
    wer mit dem teufel reitet
    wer machts mit ingmar
    wer muss steuererklärung machen
    wer muss eine steuererklärung machen
    wer kennt wen
    wer möchte nicht im leben bleiben
    wer muss gez zahlen
    wer muss zur dschungelprüfung

  6. 6 SheephunteR

    Na da hab ich ihr Blog mal eben auf die Rivva Startseite gehievt mit meiner Reaktion auf netzfeuilleton.de.

    Grüße, sehr schönes Blog.

  7. 7 PeterGlaser

    @SheephunteR: Klasse, Dank. - Wenn Google schon Bücher einscannt, ohne die Autoren zu fragen, kann man sich jetzt zumindest ein paar Gedichte zurückholen.

  8. 8 Herr Sternert

    In diesem Zusammenhang sei auch auf searchrequest.de verwiesen, dort werden absonderliche Google-Suchanfragen gesammelt.

  9. 9 PeterGlaser

    @Herr Sternert: Das ist ja g-r-o-ß-a-r-t-i-g. Ich war mal vor Jahren bei einem Suchmaschinenbetreiber, weil ich einmal eine Suchmaschine ANFASSEN wollte. Da hatten die sowas intern als Bückware.

  10. 10 Matthias

    Schön finde ich:

    Was ist m

    M.

  1. 1 Google Poems | netzfeuilleton.de
    Pingback am 31. Jul 2009 um 16:02
  2. 2 Neue Westfälische - Blogspot
    Pingback am 1. Aug 2009 um 12:40
  3. 3 Protokoll vom 01. August 2009beiTrackback
    Pingback am 1. Aug 2009 um 18:04

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