Der Blechrommel


Wer steht so spät noch unter Strom?
Es ist der Grass und das Atom
Mit letzter Tinte, leerem Platt
Mein lieber Ahmadinedschad!

Spricht hier ein Nuklearier
Im Stil von Antiquaria
Ein schwiemelnder Entschweige-Grass
Ich meine dies. Ich finde das.

Namenlos: ein Israel.
Larmoyant: das Selbstgequäl.
Reformiert das Schuldsystem!
PISA nach Jerusalem

Günter, Alder, was machst du denn
Mit der Sprache? Mit den Juden?
Nicht poetisch, nicht mal dichtig
So, als käme Wicht von wichtig

Einer muß es – mutig! – sagen
Harry, hol schon mal das Wagen
Wegen der Atomanlagen
Darf ich einmal etwas fragen?

Lieber Grass
Was war denn das?
Ein Gedicht
War das wohl nicht
Eher etwas hinge
Ond wäm notzt es?



— Peter Glaser

………………….




15 Kommentare zu “Der Blechrommel”


  1. 1 <°((( ~~<

    Waaaa-huuuuuh! Ich werde es auswendig lernen und in die Welt hinausschreien!

    (drüber nachdenken kann ich später ja immer noch)

  2. 2 Mark Rinasky

    Eine lyrische Punktlandung.

  3. 3 Wolfgang Lochner

    Da hat ja jede Büttenrede mehr Geist und Niveau, vom kümmerlichen Inhalt ganz zu schweigen!

  4. 4 Wolfgang Hinkeldey

    Nur stehen eben, und besonders in der Heutzeit, viele schwallende Verse in den meist ungekauften selbstverliebten Lyrikbändchen. Solches hat Hall. Natürlich auch Günter seins, aber warum der Novellpreisträger das für ein Gedicht hält, bleibt mir verdunkelt.

  5. 5 Klaus Werner Hennig

    Einige Wortkrümel verstreuen heißt nicht dichten. Armselig hoch drei.

  6. 6 Philipp Joos

    Wieso drängt man mich das Wort “Pinscher” neu zu denken?

  7. 7 Christian Sachse

    Es ist ja heute üblich, alles was kurze Zeilen hat und sich zumindest teilweise irgendwie reimt, als Gedicht zu bezeichen. Das sei Ihnen also geschenkt, PeterGlaser. Poesie ist ja nie eindeutig. Der Sinn des Gedichtes ist allerdings eindeutig: Häme über Grass, ohne irgendeine faßbare Aussage. Wenn’s nicht so läppisch wäre, müsste man es als Demagogie bezeichnen.

  8. 8 Azadeh Sepehri

    Ich fand das Grass’ Gedicht miserabel. Trotzdem glaube ich, Sie hätten sich ein bisschen mehr Mühe geben sollen.

  9. 9 Günter Schenck

    Ein wunderbares Gedicht, lyrische Punktlandung, wie ein früherer Kommentator schrieb. Für meine Deutsch lesenden Freunde im Ausland habe ich das Gedicht mit ein paar Fußnoten versehen:

    1 Der Titel bezieht sich natürlich auf „Die Blechtrommel.“

    2 Blech heißt umgangssprachlich auch “leeres Gerede.”

    3 Rommel, Erwin, war Feldmarschall im 2. Weltkrieg unter Hitler. Von den Nazis erzwungener Selbstmord 1944. Wegen seiner Meinungsverschiedenheit mit Hitler später oft als Held des politischen Widerstands angesehen, bleibt seine Person auch heute noch schwer bewertbar.

    4 Hier wird „Der Erlkönig“ von Goethe aufgegriffen: „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind, es ist der Vater mit seinem Kind.“ Das Ende des Gedichts ist sprichwörtlich: „In seinen Armen, das Kind ist tot.“

    5 „Mit letzter Tinte,“ Grass’ eigene Worte zur Entstehung seines Texts „Was gesagt werden musste.“

    6 Mit „leerem Platt“ wird das „leere Blatt“ des versiegenden Autors aufgerufen, auch „Platt“ als aussterbende, regionale Mundart und „platt“ im Sinne von flach.

    7 „Mein lieber Scholli“ - mit Betonung auf dem i von lieber - ist ein Ausruf, der zum Beispiel im Publikum nach einem furchtbaren Schlag in einer Rauferei fallen könnte.

    8 „Schwiemeln“ verstehe ich als Faseln „under influence“ (hier wohl nicht Alkohol oder Drogen, sondern vergleichbar wirkende Emotionen).

    9 „Entschweigen,“ eine Neuprägung aus Entschwinden und Verschweigen (ein „portemanteau word“ nach Lewis Carroll).

    10 „Entschweige-Grass“ - hier habe ich beim ersten Durchgang “Greis” gelesen.

    11 „Namenlos: ein Israel,” also verallgemeinert. Das Negative des Iran wird dagegen auf den Namen Ahmadinedschad reduziert.

    12 Bei „Schuldsystem“ klingen „Schulsystem“ und die Schulleistungsuntersuchungen“ (PISA-Studien) der OECD an.

    13 “Alder” statt “Alter” zu sagen, erinnert an Kiez-Sprache, also Sprache am Rande der Gesellschaft, und den Diskurs darüber. Natürlich kann ich in Süddeutschland aber auch “Alderle” zu meinem Vater sagen.

    14 Ein “Wicht” ist ein “Zwerg im Geiste,” meist gebraucht mit dem Adjektiv “erbärmlich.”

    15 Anspielung auf eine Kriminalfilm-Serie und zum geflügelten Wort geworden: der große, alte Kommissar (z.B. Horst Tappert in “Derrick”) herablassend zu seinem Mitarbeiter, „Harry, hol schon mal den Wagen.” Der Kommissar weiß natürlich als erster, wer der Mörder ist. Hier aber: „Harry, hol schon mal DAS Wagen,“ und das heißt, „ein Wagnis eingehen“.

    16 Diese Zeile und die nächste reimen sich nur, wenn das innere Ohr etwas ergänzt, z.B. „Eher etwas hingerotztes.“

    17 Hochdeutsch wäre „Und wem nutzt es“. „Ond wäm notzt es“ ist die Aussprache Adolf Hitlers.

  10. 10 PeterGlaser

    7a Die Nuklearier sind auch böse gemeint.

  11. 11 Eugen Sawatzki

    Auch wenn ich das allgemeine Grass-Gebashe nicht teile, habe ich trotzdem herzlichst gelacht.

    Glaser hat es immerhin geschafft, eine genrenahe Antwort auf den “lyrischen Erstschlag” zu finden als das eher reflexartig-instinktgesteuerte Geschrei Anderer.

    Warum auch immer der Mann so polarisiert, dass bisher so gut wie niemand auf sein eigentliches Anliegen eingehen konnte …

  12. 12 Reiner Pfister-Ecker

    Sehr geehrter Herr Glaser,
    Ihr poetischer Kommentar ragt aus der Fülle von Meinungen zu Grassens
    Absonderungen weit und deutlich heraus. Herzlichen Dank dafür.
    Erstaunt haben mich einzelne Kommentare, durch die mein Toleranzbedürfnis strapaziert wird,aber das Recht auf freie Meinugsäus-
    serung stellt allemal den höheren Wert dar.
    Auguri
    R.Pfister-Ecker

  13. 13 pschmidt

    Geil.

  14. 14 Nicht die Mama

    Herr Peter Glaser verfügt über Zweitschlagfähigkeit!

  15. 15 AlphaGeek

    Grass!

  1. 1 Glanzlichter 92: Kapitalismus, Big Brother und ein gezähmter Punk « … Kaffee bei mir?
    Pingback am 13. Apr 2012 um 04:49
  2. 2 Kulturbeutel: Grass Abschluss : Schmetterlingsgesang
    Pingback am 13. Apr 2012 um 23:19

Kommentar schreiben