Die vollautomatische Lösung der Finanzkrise

Die Verbindung stehlen (Grafik: dana~2, unter Creative Commons) ?

? Wie das australische Online-Magazin APC herausgefunden hat (? BILL EXPLOSION: Google Android silently phones home), baut die US-amerikanische Version des G1-Smartphones mit dem Google-Betriebssystem Android ungefragt Internetverbindungen auf. Wird in das von T-Mobile vertriebene Gerät die SIM-Card eines anderen Netzbetreibers eingesetzt, sendet das Mobiltelefon kostenpflichtige Textnachrichten.

Ein Leser des Gadget-Großblogs Gizmodo berichtet, dass ihn die verborgene Automatik auf einer Reise nach Großbritannien über 100 Dollar für Auslandsdatenverbindungen gekostet habe. Was auch immer der Nutzer deaktiviert hat, das G1 baut ständig Verbindungen ins Netz auf. Im Ausland kommen so wegen der Roaming-Gebühren besonders hohe Kosten auf.

“Ein T-Mobile-Mitarbeiter hat dem Kunden bestätigt, dass das G1 keine Option bietet, derartige Internetverbindungen zu verhindern”, so Golem.de. “Dem Kunden wurde empfohlen, das G1 auf Auslandsreisen zu Hause zu lassen, wenn er diese Kosten nicht tragen wolle. Eine andere Lösung gebe es nicht.”

In welchem Abstand und wie viele SMS das G1 versendet, wenn es mit einer anderen als der SIM-Karte von T-Mobile betrieben wird, ist nicht bekannt. In einem Fall ist von 200 Kurzmitteilungen die Rede, in einem anderen von respektablen 1.329 Stück. Laut APC ist der auf dem G1 installierte Dienst MyFaves (”Günstig telefonieren zu Ihren 5 wichtigsten Personen”) für den munteren SMS-Versand verantwortlich. Um My Faves zu de-installieren, muss das Smartphone erst gecrackt werden.

Das erste, was mir dazu einfällt, ist der Coup mit Kreditkartendaten, der im Oktober in Großbritannien aufgekommen war. In den Kreditkarten-Lesegeräten britischer Lebensmittelketten waren durch einen Zufall Zusatzplatinen gefunden worden, die Kreditkartendaten sammelten und einmal pro Tag per Mobilfunk an eine Nummer in Lahore in Pakistan sandten. Da Geräte mit eingebauter Trick-Elektronik etwa 100 Gramm schwerer als naturbelassene sind, wurden die Geräte bei Massenuntersuchungen gewogen. Auch in Irland, Belgien, Holland und Dänemark wurden die Ermittler fündig. Der Schaden soll sich allein in Großbritannien auf zwischen 37 ud 75 Millionen Euro belaufen.

Natürlich steckt bei T-Mobile keine kriminelle Absicht hinter dem Geräteverhalten, das den Besitzer des Geräts nicht nur übergeht, sondern ihn auch dikatorisch daran hindert, seinen eigenen Willen durchzusetzen. Der Android-Apparat weist einfach auf eine neue Art des Wirtschaftstreibens in Zeiten der Krise hin. Die Vorstellung eines “Nicht kaufen!“-Knopfs, der in regemäßigen Abständen gedrückt werden muß, andernfalls Ware geliefert wird, habe ich schon gelegentlich ausgeführt. Dieses Modell fortgeschritteneren Konsumdrucks erlaubt es dem Konsumenten allerdings immer noch, bei Bedarf für das Nichtkaufen zu optieren.

Dass gerade die Firma Google, die sich damit hervortut, großzügig Dinge zu verschenken, die ihr gar nicht gehören, nun gemeinsam mit T-Mobile - einem bekannten Bollwerk der Datensicherheit - das Geldausgeben in eine neue Dimension führt, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Im übrigen könnte der Zwangsverbrauch, wie mit der SMS-Automatik beispielhaft demonstriert, eines der zentralen Probleme der Weltfinanzkrise lösen, dass nämlich die Konsumenten auf ihrem Geld sitzen - und auch die Banken, die sich untereinander oder klammen Unternehmen kein Geld mehr leihen. Ich warte nun darauf, wann in den kommenden Wochen Google, womöglich weiterhin gemeinsam mit T-Mobile, die Industrieversion der automatischen Geldpumpe, Projektbezeichnung G2 CCS (Credit Crunch Solutor), rausbringen wird, um wieder einmal die Märkte zu revolutionieren.

(Veröffentlicht im Blog der Technology Review)

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