Darwin und das Ganze

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DAS MECHANISCHE STEREOTYP in der herkömmlichen Geschichte der Technik ist so beharrlich, dass beispielsweise die Erfindung des Telephons meist ohne Hinweis auf die Tatsache geschildert wird, dass Alexander Graham Bell den Hörer bewußt der Anatomie des menschlichen Ohrs nachgebildet hat. Es war die erste verblüffende Erfindung, die auf einem organischen Modell beruhte und einen Lebensvorgang durch die Anwendung einer vorgegebenen biologischen Lösung simulierte.

Darwin Harbour, Stokes Hill Wharf (Foto: Stephen Barnett, Flickr/CC) ?

Beim Bau von Computern wurden erst Fortschritte erzielt, als die mechanischen Komponenten durch elektrische Ladungen ersetzt waren, so wie es bei der Informationsübermittlung im Nervensystem geschieht - ein Schritt, zu dem hereits Galvanis frühe elektrische Experimente mit den Reflexen eines Froschs den Ansatz geliefert hatten. Die Bedeutung organischer Phänomene für die Kybernetik und die Netztechnik ist heute so klar, dass zu modernen Forschungsteams nicht nur Mathematiker, Physiker und Techniker, sondern auch Physiologen, Neurologen und Linguisten gehören.

DER ERSTE und vielleicht größte Ökologe war Charles Darwin, Erdenker der Evolution, der die Vorstellung einer Erde als ein in sich verwobenes, in jeder Hinsicht dynamisches Gebilde in ihrer organischen Ganzheit zu fassen versuchte. Kein anderer hat das konstante, unlösliche Zusammenspiel zwischen Organismus, Funktion und Umwelt so gründlich beschrieben wie er. In seiner Person war das postmechanistische Weltbild, das auf dem beobachteten Wesen der lebenden Organismen beruht, symbolisch verkörpert.

Was Darwins Gedanken so überzeugend machte, waren nicht seine spezifischen Theorien, sondern seine einzigartige Fähigkeit, eine große Zahl von Beobachtungen bestimmter Ereignisse verschiedenster Art zusammenzufassen. Sich diese Fähigkeit auf neue Weise zueigen zu machen mit Gewinn für alle Beteiligten und sie auf die Überfülle an Informationen anzuwenden, die durch das Online-Universum wölken, gehört zu den vornehmsten Aufgaben unserer Zeit.

Micro Monkey-Socken anläßlich des Geburtstags von Charles Darwin (Foto: milele, Flickr/CC) ?

OBWOHL KEINE einzelne Beobachtungsfolge zur Erklärung der Evolution des Lebens ausreichte, enthüllte die Gesamtheit, als Darwin sie zusammenfügte, ein konkretes Muster von äußerster Komplexität. Im organischen Weltbild gewinnt auch die Zeit eine neue Bedeutung. Sie wird nun nicht mehr nur mit Bewegung und serieller Abfolge in Verbindung gebracht, sondern auch mit dem organischen Wachstum der Art und des Individuums. Die Vergangenheit geht nicht verloren, sie bleibt im individuellen Gedächtnis, und in der gesamten Struktur des Organismus präsent. Der Mensch hat sich darüber hinaus die Dimension der Zeichen und Bedeutungen als einen besonderen Ort der Unsterblichkeit erschlossen.

Durch diese neue Idee der Zeit, von Ganzheitlichkeit getragen, erweist sich das herkömmliche Fortschrittsdenken - die Vergangenheit muß überwunden und beseitigt werden! - als Teil der linearen Falle. Die große Revolution, die wir brauchen, verlangt vor allem eine Transformation des mechanischen Weltbilds und seiner digitalen Fortführungen in ein organisches, in dessen Mittelpunkt der Mensch steht, “kühl und gefaßt einer Million Welten gegenüber”, wie Walt Whitman es ausdrückte.

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