Beatles oder doch nicht?

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Digitale Neufassungen guter, alter Musik – Raubt uns jemand mit der Zeitmaschine etwas aus der Vergangenheit?

Wilfried hat Fernbedienungen. Noch nie so viele Fernbedienungen gesehen wie bei ihm. Er hat einen eigenen Servierwagen für die ganzen Fernbedienungen. Es ist ein bißchen wie vor sicherheitsrelevanten Gerichtsverhandlungen, bei denen alle Beobachter ihre Mobiltelefone abgeben müssen und dann draußen vor dem Verhandlungssaal eine Plastikschüssel voller Handys steht und ab und zu surrt oder klingelt eines, wie in einer Kiste frisch gefangener Fische, in der es ab und zu noch zappelt.

Wilfried hat natürlich auch die zu den ganzen Fernbedienungen gehörenden Geräte. Dabei handelte es sich größtenteils um raffiniertes Musikequipment – ein Hinweis darauf, dass der Mann audiophil ist. Er ist aber kein klassischer Audiophiler, der seine Röhrenverstärker, damit sie gleichförmige Betriebstemperatur annehmen, erst einmal ein paar Tage eingeschaltet läßt, ehe er Musik hört. Wilfried ist digital audiophil.

Es ist schon länger her, als er mal ein paar Fernbedienungen aus dem Ferbedienungsberg auf dem Servierwagen gewühlt und ein paar der Musikgeräte aus ihrem schwarzen und silbergrauen Schlaf hatte erwachen lassen. Dazu machte er ein Gesicht, als habe er die Mona Lisa geklaut und würde sie mir nun zeigen. Er hatte zusammen mit Freunden, die er im Netz gefunden hatte, Beatles-Stücke quasi-remastert. Ein Fan-Projekt. Natürlich hatten sie keine Masterbänder, aber sie hatten die Aufnahmen von Schallplatte und CD durch ihre digitalen Klangwaschanlagen geschleust, sie geklärt, staubgestaugt, entknackt, entrauscht und neu ausgesteuert. Das Ergebnis war gleichermaßen beeindruckend wie schockierend.

Die Aufnahmen hörten sich tatsächlich an wie neu, aber nicht nur, als wären sie erst gestern gemacht worden, sondern auch, als als hätten sie keinesfalls früher aufgenommen worden sein. Der Modernität des Sounds war anzuhören, dass es ein Sound des 21. Jahrhunderts war. Es waren die Beatles und doch nicht, und dieser Höreindruck erzeugte in mir ein Gefühl der Zerrissenheit. Es war, als hätte jemand mit einer Zeitmaschine etwas aus meiner Vergangenheit geraubt – die kleinen Beigeräusche beim Hören einer Beatles-LP, das Knistern und Agieren der Tonabnehmer-Nadel, die sich in die Erinnerung an eine bestimmte Zeit eingewoben haben…

Jetzt gibt es “The Beatles Remastered”, die offizielle Aufnahme der Beatles in die digitale Welt, und meine Zerrissenheit löst sich in zwei klar getrennte Gefühle. Eines gehört den alten, authentischen Aufnahmen und der summa sumarum zu ihnen gehörigen Aufnahme- und Abspieltechnik.

Das andere Gefühl aber gehört der frischen Mischung, die einem, wie das ja oft durch die digitale Technologie der Fall ist, ungeahnte Möglichkeiten eröffnet. Wer hätte das gedacht: Es gibt noch Neues zu entdecken, wenn man Beatles-Stücke hört.

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