Der Wassersauger ist wieder da

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Ein Blog verschwindet spurlos und geräuschlos. Eine digitale Nahtod-Erfahrung.

Eines meiner Lieblingsblogs heißt “the New Shelton Wet/Dry” (siehe auch the blogroll rechts am Rand). Ich mag es sehr, weil es klug, erwachsen und seltsam ist. Es ist eine Melange aus außergewöhnlichen Links, frechen Illustrationen und kurzen Artikelauszügen, die einen oft in lange Originalbeiträge locken, von denen einem viele sonst nie in die Hände geraten wären.

“Sie zitieren sogar häufig Nietzsche!”, schreibt hingerissen ein amerikanischer Leser. Aber was wie das Pensum einer Gruppe anmutet, ist die Arbeit eines Einzelnen. Er nennt sich JC und lebt in Brooklyn. Im Oktober 2007 fing er mit täglichen Einträgen an, später kamen die Lieferungen wöchentlich, und das ist gut so. Im Netz funktioniert die Informationsverteilung zwar nach dem Naturprinzip der Verschwendung - zweihundert Flugsamen, damit zwei überleben -, aber wie viel verschwendet werden muss, läßt sich optimieren.

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Herauszufinden, was es mit diesem Blog auf sich hat, war nicht ganz einfach. Nach einigem Suchen stellte sich nicht nur heraus, dass der Shelton Wet/Dry ein Wassersauger ist, sondern dass der Ex-Popgroßkünstler Jeff Koons 1981 eine Serie mit Objekten angefertigt hatte, von denen eines “New Shelton Wet/Dry Doubledecker” heißt. Es steht im New Yorker Museum of Modern Art und besteht aus zwei übereinandergestapelten Plexiglasboxen, darin jeweils ein neuer Wassersauger. ?

Ein weiteres Objekt aus dieser Serie mit nur einem Wassersauger, dafür aber zwei Hoover-Staubsaugern wurde 2004 bei Christies für 2.6 Millionen Dollar versteigert. Offenbar versucht JC in seinem Blog etwas ähnliches wie Koons. Er packt News und Interessantes in virtuelle Plexiglasboxen und gibt den Dingern reizvolle Titel.

Dann, vor zwei Wochen, war das Lieblingsblog plötzlich weg.

Nicht mehr erreichbar. Ich hatte kein gutes Gefühl. Im digitalen Zeitalter verschwinden Dinge unspektakulär. Früher mußten, um etwa ein Telefonbuch kaputtzukriegen, Muskelmänner ran. Dann kam der Computer und die Vernichtung lästiger Romanmanuskripte und Diplomarbeiten war auf einmal ganz einfach. Vor einer Woche gab es wieder Nachricht von JC: “Der Server, auf dem das Blog zu Gast war, ist hinüber. Alles, was da drauf war, ist weg. Es gibt kein Backup, nur den Google Cache. Ich fange wieder ganz von vorn an.”

Bislang war the New Shelton Wet/Dry ein Blog mit viel gutem Stoff und wenig Kommentaren. Nun meldeten sich die vielen still Begeisterten: “Was für ein Glück, dass du wieder zurück bist” - “Das originellste Blog im Internet, oh, und mein Name ist Andrew.”

Dann kamen die Hinweise, wo Kopien des Blogs zu finden seien. Es gibt ein Backup der Inhalte von 2007 und 2008 in der Wayback Machine des gemeinnützigen “Internet Archive”. Und dann noch, anrührend, ein alessandro: “Ich hab deine eindeutigen Bilder gesammelt. Wenn du sie wiederhaben möchtest, schick mir einfach eine Mail.”

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