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Was treibt im menschlichen Leben ist der Mangel. Ein Mangel an Schuheinlagen, Mangel an Hirn, an Herzlichkeit, an Gesprächsstoff, was auch immer. Dauernd fehlt etwas. Immer ist etwas zu wenig. Ein feinfaseriges Leid durchzieht den Menschen. Er sehnt herbei, wünscht und trachtet. Dem tritt die Ware entgegen, die Habseligkeit. Das Produkt als eine Kristallisation des Glücks.
Im Laufe seiner Entwicklung ist der Mensch dazu übergegangen, nicht mehr nur Schläge, Krankheiten und Schreie mit seinesgleichen auszutauschen. Er fing an zu haben. Er fing an, auch die Vergegenständlichung des Schreckens auszutauschen, die Ware eben. Denn was ist ein Kleidungsstück anderes als eine Schwächung der Widerstandsfähigkeit?, was ist ein Messer anderes als eine Schwächung der Krallen, und blitzende Bedrohung?, was eine Zigarette anderes als ein schwacher Kuß?, ein Foto anderes als ein schwacher Raum?
Aus dem Katalog des US-Versandgiganten Spiegel von 1942. Das Unternehmen wurde um Anfang des 20. Jahrhunderts in Chiacago von dem in Deutschland geborenen Joseph Spiegel gegründet. ?
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Die Welt der Erzeugnisse, der menschgemachten Dinge, tönt dem von dem Zehren des Mangels ermatteten Menschen entgegen wie ein lockender Sirenen-Chor. Wer durch die Innenstadt an den endlosen gläsernen Auslagenfluchten entlang geht, dem flötet es aus jeder Vitrine entgegen: Das alles gehört noch nicht Dir.
Die Partitur dieser Sirenen ist der Warenhauskatalog. Der Katalog möchte uns die Vielfältigkeit des Mangels zeigen. Er präsentiert Hab und Gut, weltlichen Tand, fühlloses Dingwerk – aber er präsentiert es glasiert, i, Schimmer der Schönheit, mit einem Schmelz von Gefühl überzogen. Die Ware erscheint im Katalog in einer Welt von vollendeter Hygiene.
Oft ist die Welt, in der die Waren stehen, blank und bloß. Sie stehen in einem Studioarrangement des Nichts. Aus jeder beeinträchtigenden Umgebung herausgeschält, sieht man sie in einer von potentiellem Kauf fast schon dröhnende Deutlichkeit. Die Umgebung der Ware verwischt wie aus einem Raketenfenster betrachtet. Wir sehen eine Darstellung der lichtschnellen Geschwindigkeit des Wünschens, mit der das Warending auf seinen zukünftigen Besitzer zuschießen möchte. Vom szenischen Licht des Fotografen bestrahlt und schmerzlich stillstehend, noch nicht erworben, nicht einmal angezahlt, bleibt die Ware hinter Glas oder hinter dem fiktiven Fenster der Fotooberfläche vorerst unerreichbar, aber aufreizend.
Schon als Kleinkind habe ich gerne Kataloge gegessen. Der reizvolle Azetylenbeigeschmack des Hochglanzpapiers und die fruchtbunten Bilder sind ein Vergnügen für jeden Säugling. Ich habe auch gern Dieselauspuffgase gerochen und bin später mit dem Juniorfahrrad hinter Diesellastern an Ampeln hergefahren, aber das ist eine andere Geschichte.
Dass der Katalog im Bilderbuchalter eine tragende Rolle gespielt hat, bedarf keiner weiteren Ausführung. In den noch elastischen und formbaren Regionen des kleinkindlichen Träumens hat der Katalog, neben Bilderbüchern und Mickymausheften, seine Strukturmerkmale hinterlassen. Heute, wo ich mich selbst, und also auch meine Träume klarer im Bewußtsein durchleuchten kann, erkenne ich mit Erstaunen, aber nicht ohne Freude, wie ich immer wieder kataloghaft träume, und sich ein tiefunteres Heimatgefühl zu bestimmten Traumbildern und Bildfolgen einstellt, und wie sich, weniger erfreulich, die Phantasie manchmal abmüht, über die bildhaften Vorgaben des Katalogs aus der Kinderzeit hinauszukommen in eine nicht katalogisierte Sicht der Welt.
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HIER EINE ZEITREISE durch die Welt alter Weihnachts-Kaufhauskataloge des 20. Jahrhunderts, aus dem kolossalen Flickr-Photostream von Wishbook und seiner unglaublichen Fleißarbeit zu danken:
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? 1942, Spiegel Christmas Catalog:
? 1945, Sears Christmas Catalog:
? 1947, Sears Christmas Catalog:
? 1955, Spiegel Christmas Catalog:
? 1957, Simpsons Sears Christmas Catalog:
? 1958, 3M Christmas Catalog:
? 1962, Spiegel Christmas Catalog:
? 1966, Penneys Christmas Catalog:
? 1969, Sears Christmas Catalog:
? 1970, Penneys Christmas Catalog:
? 1970, Foster House Christmas Catalog:
? 1971, Sears Christmas Catalog:
? 1972, Spiegel Christmas Catalog:
? 1973, Eaton’s Christmas Catalog:
? 1974, JCPenney Christmas Catalog:
? 1975, Sears Christmas Catalog:
? 1976, Sears Christmas Catalog (Canada):
? 1976, JCPenney Christmas Catalog:
? 1977, Sears Christmas Catalog:
? 1979, Sears Christmas Catalog:
? 1980, Sears Christmas Catalog:
? 1981, Montgomery Ward Christmas:
? 1982, Sears Christmas Catalog:
? 1983, Sears Christmas Catalog:
? 1984, Wards Christmas Catalog:
? 1985, Sears Christmas Catalog:
? 1986, Sears Christmas Catalog:
? 1988, Sears Christmas Catalog:
? 1991, Sears Christmas Catalog:
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(Thank You, Wishbook!)
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