Ein kleines Netzabenteuer

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ERST WOLLTE ICH mir nur diese → mehr als erstaunliche Zeitschreibemaschine etwas genauer ansehen. Ich hab ja eine Neigung hin zu Rube-Goldberg-Geräten (s.a. hier, hier, hier und hier). Dann ist es aber doch wieder ein serendipischer Fall von Netzabenteuer geworden.

Pierre Jaquet-Droz (1721-1790) war ein Schweizer Uhrmacher. Aber die Bauweise dieser Maschine und die Ziffern, die sie schreibt, sind aus unserer Zeit.
Also ein Sprung vom Dreimeterbrett ins Netz …

Manuel Emch läßt diese unglaubliche Maschine bauen. Er ist Direktor der Uhrenmanufaktur Jacquet Droz, einer Manufacture de Haute Horlogerie Suisse, sie gehört heute zur Swatch Group. Acht Jahre dauert die Entwicklung der Zeitschreibemaschine nun, vor drei Wochen wurde in Basel ein Prototyp vorgeführt.

Die Maschine besteht aus über 1200 Einzelteilen, darunter 84 Kugellager, 50 Kurvenscheiben und 9 Zahnriemen, geschützt von einem Gehäuse aus Flüssigkristallglas. Sie reagiert auf Berührung. Man legt ein Blatt Papier in das vorgesehene Fach und die Maschine schreibt die aktuelle Uhrzeit auf.

Das ist alles.

28 Exemplare der machine à écrire le temps werden im Lauf der nächsten Jahre gebaut werden, zu rund 400.000 Franken das Stück (etwa 263.000 Euro). Aber in diesen Abzweig der Recherche bin ich erst ganz zum Schluß gekommen.

Zuvor habe ich eine Maschine gefunden, die tatsächlich von Jaquet-Droz ist. Es ist einer seiner drei Androiden – der Schreiber:

Die Automaten, die 1774 dem Publikum vorgestellt wurden, waren eine absolute Sensation. Die Menschen pilgerten zu den Automaten, Gärten und Plätze waren voller Kutschen. Mehr als ein Jahrhundert lang tourten die Androiden durch Europa.

Auf diesem Video ist zu sehen, wie der Schreiber funktioniert:

Mir fiel ein Roboterarm ein, den ich vor zwei Jahren in Karlsruhe gesehen hatte. Auf einem langen Tisch vor ihm lag eine Rolle Papier. Der Roboterarm sollte im Lauf von sieben Monaten eine kalligraphische Abschrift der 66 Bücher der Bibel anfertigen. Aber er stand still. Jemand erklärte mir, es gebe ein Problem mit der Tinte in dem Injektor. Zurück in Berlin, wollte ich einen Freund fragen, der Kalligraph war und seine Tinte selbst mischte und seine Schreibfedern aus Bambus selbst schnitt, denn ich war sicher, dass er helfen konnte, aber ehe ich ihn fragen konnte, starb er.

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WENN MAN NACH schreibenden Robotern sucht, findet man unter anderem einen 150 Jahre alten hölzernen Roboter aus Japan. Es ist eine karakuri ningy?, eine mechanische Puppe, gebaut von Tanaka Hisashige. Sie kalligraphiert das Zeichen für langes Leben und Glück und beherrscht noch drei weitere Kanji-Zeichen. Marionetten und mechanische Puppen kamen vor etwa 1300 Jahren aus China nach Japan (der Wortstamm karako bedeutet chinesisches Kind).

Neben dem Schreibautomaten konstruierte Tanaka Hisashige unter anderem die erste japanische Dampflokomotive und das erste Dampfschiff für die japanische Kriegsflotte. 1873 begann er in einer Werkstatt in Tokio mit dem Bau von Telegraphen. Nach seinem Tod wandelte sein Sohn das Unternehmen in einen Ingenieursbetrieb um, der 1939 nach einer Fusion mit der Firma Tokio Denki den Namen Tokio Shibaura Denki trug, besser bekannt noch heute unter der Abkürzung Toshiba.

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DER LETZTE KALLIGRAPH: Der Film von Premjit Ramachandran zeigt die Arbeit des 77-jährigen Syed Fazlulla. Er ist Chefredakteur der Tageszeitung “Der Muselmann” in Neu Delhi – der letzten Zeitung in Asien, die nicht gesetzt, sondern noch von Hand geschrieben wird.

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  1. 1 JS

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